Dem gnädigen Leser zugefallen

An den gnädigen Leser!

Mein gnädiger Brötchengeber Wohlhochgeboren Geschlaucht Urbald Freiherr von Oberhand, und ich – als der von ihm unlängst beauftragte Skribent dieser Neuen Zeitung – wir beide sind nach tiefsten Überlegungen und langen Debatten endlich zu dem Ergebnis gekommen, dem gnädigen Leser ein großes Geheimnis um unsere bisher unbekannte Herkunft aufdecken zu wollen.

Wir glauben, das sind wir dem Leser schludrig, denn täglich werden es mehr, und sie alle (es sind bestimmt schon fast fünf) sollten wissen, mit wem ich es hier künftig zu tun habe. Der wohlhochgeborene Urbald Freiherr von Oberhand ist allerdings jedoch zur Zeit höchstpersönlich auf Reisen, er hat sich „für ein verlängertes Wochenende“ frei genommen, wie er sagt, aber das sagt er immer, wenn er für ein paar Monate verschwindet. Man rumort, er sei gen Norden gezogen, um dort nach dem heiligen Schmelztiegel auf Grönland zu suchen, aber das können auch Gerüche aus der Küche sein oder wie das heißt.

Nun ist man als ein Schreiber ohnehin schon auf sich allein gestellt, doch so ganz ohne Fürsprech im Hintergrund fällt es nicht immer leicht, sich dem unbekannten Leser mit Briefen, Artikeln, Berichten und anderem Schrifttum so zu offenbaren, wie es Wohlhochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand von mir standesgemäß verlangt.

Zumal auch die Leserpost an uns täglich mehr wird. Wir bekommen mittlerweile schon ganze Wäschekörbe zugeschickt. Die hatte Geschlaucht Wohlhochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand vor einiger Zeit bestellt und jetzt wissen wir nicht, wohin damit, im Augenblick stehen sie noch ineinander gesteckt in der Waschküche.

Natürlich werden wir darum bemüht sein, nach noch mehr Bewunderern, Anhängern und Schwärmern Ausschau zu halten. Daher haben wir uns überlegt, vielleicht demnächst eine Hotline einzurichten, nur für den Fall, daß mal einer anruft. Wir können jedoch nicht versichern, auf jeden Wunsch des Spezie Fanaticus einzugehen. Selbst unser sonst so volksnahe Urbald Freiherr von Oberhand meint, wenn man nicht aufpasst, könnte das in eine richtige Syphilisarbeit ausarten.

Insgesamt ist das alles also kaum zu bewältigen und von daher habe ich mich gerne dazu bereit erklären lassen, daß ich einen Teil der Ausgaben übernehme. Laut Arbeitsvertrag bin ich nämlich für sämtliches Schriftzeug verantwortlich und da werde ich für das bißchen Kleingedruckte demnächst auch noch Zeit finden.

Wenigstens aber darf ich schreiben, wann ich will und was ich will, da ist mein Herr gar nicht so reaktionär. Er riet mir aber an, mein Pseudonym zu verheimlichen und bei Jürgen Domain anzurufen, der würde dann dafür sorgen, daß ich in meinem Umkreis zu mehr Anonymität gelange. Ich sagte aber, das kann ich nicht, ich hätte nämlich weder Telefon und Fax, noch Flatrate oder Borderline. Da wollte der Herr von Oberhand seltsamerweise wissen, ob ich französisch könne und wie ich noch ausrief, niemals würde ich mich auf sowas einlassen, schlug er vor, ich sollte mir doch einen französisch klingelnden Name aussuchen, das sei hinsichtlich der Historie gar nicht so falsch, schließlich wär ja nach der französischen Revolution am Ende auch nur Unsinn dabei rausgekommen. „Ihnen wird schon was einfallen“, sagte er, schnippte mir noch ein Silbermünzlein zu, drehte sich auf dem Absatz zweimal um sich selbst herum und verschwand vorderhand nach Grönenland.

Tja und nun sitze ich hier und erwarte die Sendschreiben meines gnädigen Herrn Urbald Freiherr von Oberhand, mit welchen er mir befehligt, über all das zu schreiben, was er gerade als notwendig verachtet. Wie und ob mir das je gelingen soll, weiß ich augenblicklich zwar noch nicht, aber mit der Zeit wird sich das schon herauskapitulieren.

So dem gnädigen Leser zugefallen, verbleibe ich in meiner kleinen Schreibstube vor einem winzig Fenster hockend

Ihr Jermain Foutre Le Camp

im zweiten Winterteil des Jahres 2008*

*(aufgrund plötzlich rasant steigender Zugriffszahlen nochmal heimlich lektoriert und mit hektischen Verlegenheitsflecken im Gesicht um einige Ausdrucks-, Sinn- und Stilfehler korrigiert im April 2015)

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