Blubberndes Gemisch garniert mit Halbwahrheiten aus dem deutschen Einheitsbrei

Auszug aus gleichnamiger Rede, die erstmals im März 2007
auf dem Kongress „Hurra! Wir sind die Medien-Gourmets, Tandaradi, Tandaradai!“ von meinem Double vorgetragen wurde, noch während ich an derselben schrieb

„ … ja, ja, rufen Sie nur Buh und Pfui! Und alle bleiben dabei sitzen. Keiner steht auf und klimpert mit dem Löffel gegen das Glas. Keiner hat etwas beizutragen, jetzt, und hier, denn es liegen nur Servietten auf den Tischen gleich neben den reich gefüllten Tellern und Schampusgläsern. Nur Servietten – keine Meldungen der Presseagenturen, die man vorlesen könnte. Noch nicht einmal Presse-Meldungen, die man wenigstens nur widerkäuen könnte, wie sonst. Nein, nichts, da ist nichts, was ihr nachplappern könnt und so kuckt ihr nur zu, und ruft nur Buh. Und wenn ich gucken meine, dann schreibe ich trotzdem kucken, denn warum soll ich G schreiben, wenn ich K meine! Also, nur zu, ruft ihr nur Buh. Das ist Balsam für meine Ohren. Endlich schüttelt ihr mit den Köpfen, endlich, denn so geht es mir, wenn ich Eure Zeitungen lese.

Wie sagt man noch bei euch? Sagt man nicht schon seit Generationen: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt? Ja, so sagt man wohl heute noch. Aber ohne mich. Schaut es euch doch an. Schaut euch an, was hier auf meinem Tisch steht. Da stehts vor mir, der Teller mit Brei. Einheitsbrei. Schon beim Anblick wird mir übel: Buchstabensuppe zusammengeschnippelt aus Zeitungsartikeln, in Druckerschwärze schwimmend. Blubberndes Gemisch garniert mit Halbwahrheiten aus dem deutschen Einheitsbrei.

Da steht es vor mir und widert mich an. Doch ich schiebe den Teller von mir weg. Das ist nicht, was ich bestellt habe. Was ich bestellt habe ist bekömmlich, duftet fein, ist besonders gut verdaulich und biologisch an- und abbaubar. Das hier stinkt. Ich will es nicht. Garcon, trag es fort.

Ich teile nicht das Weltbild, das mir die Köche da auftischen wollen. Was ich bestellt habe, ist in der Natur gewachsen, nicht im Labor, wurde von feldkundiger Bauernhand geerntet, nicht mit wissenschaftlicher Pinzette angepickst. Auch die Speisekarte sagt mir nicht zu, sie erzählt Lügen. Es steht nicht darauf, was tatsächlich gekocht wurde und es steht nicht darauf, wer für den ganzen Salat verantwortlich ist.

Nein, meine Damen und Herren, ich fühle mich hier nicht wie Gott in Frankreich. Ich verlange, daß mir das gesamte Gericht aufgetischt wird und nicht nur die Hälfte von dem, was die widerkäuenden Mediengourmets mir übrig gelassen haben. Ich beschreibe aus Protest dieses Tischtuch, bis es voll ist. Übersäe es mit meinen Eindrücken, die ich gewann, bevor ich diesen Speisesaal der Volksfütterung betreten hatte. Ich verweigere diese Form der Zwangsernährung. Ich habe den Geschmack und den Duft einer fehlenden Wahrheit auf der Zunge. Ich verlange, daß mir ein Kredenz daraus umgehend nachgereicht wird. Sonst schreibe ich es selbst.

Ich verweigere mich dieser Gesellschaft hier, solange mir nicht angeboten wird, was mir zusteht: Freiheit und gesunde Nährung meines Geistes, meines Bewußtseins. Sonst teile ich nicht, sondern rufe nur Buh!

Mit dem, was mir bisher geboten wurde, bin ich nicht zufrieden. Es richtet Schaden an. Was ihr gekocht habt, dürft ihr selber auslöffeln, was ihr gesät habt, werdet ihr selber ernten. Ich drehe mich ab, sobald ich euer Tischtuch vollgeschrieben habe. Berichte von dem was mir zuwider wurde, wovon ich mich angewidert abwandte – um es euch nun brühwarm aufgekocht in meiner eigenen Sprache zu servieren.

Wir werden schon sehen, was ich mir hier zusammenköchel. Wir werden schon sehen, wem davon schlecht wird und wer es gut vertragen kann. Das, was mir bisher angeboten wurde, von all euren Erkenntnissen, all euren Wissenschaften, all euren Nachrichten, all euren Glaubenssystemen, all euren Normen, Werten, Vorgaben, Abhandlungen, Denkweisen, Lehrmeinungen, religiösen wie spirituellen Denkweisen und Glaubenssystemen, all das nehme ich nur zur Hälfte an. Die andere Hälfte darin, die Lüge darin und das Blendwerk darum, die ganze Giftsuppe aus eurer Dämonenküche, all das giesse ich in den Ausguss, auf daß die Rohre wegätzen.

Ich verlange nach wohltuender Nahrung, nach dem Lieblingmahl der Engel und nach dem Speiseplan Gottes. Es steht mir zu.

Denn ich weiß, da ist noch etwas im Gange. Es liegt etwas in der Luft. Ich kann es schon fast riechen. Es riecht gut. Es verspricht Besserung. Da köchelt jemand Verheißungsvolles, es wird allen Menschen schmecken. Ich werde hier warten und schnuppern und hoffen, irgendwann davon eine Kostprobe zu bekommen.

Bis dahin bestimme ich, was auf den Tisch kommt. Jeder darf mein Gast sein. Wem es nicht schmeckt, der kann jederzeit gehen. Wem etwas Schlaueres zum Hinschreiben einfällt, der kann es tun und sich jetzt sofort sein eigenes Weltbild zusammendichten.

Alle anderen sind herzlich eingeladen mein Kredenz nun hiermit zu verköstigen, denn es ist angerichtet.

Garçon, bitte aufzutischen!

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1 Gedanke zu “Blubberndes Gemisch garniert mit Halbwahrheiten aus dem deutschen Einheitsbrei”

  1. Meine Gedanken gehen immer öfter in die gleiche Richtung.
    Immer öfter bitte ich Garçon, aufzutischen.

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