Wake up dead man (Rätselhafte Gitarrenparts)

Erstellt in 2011 nach einem Vorhaben in 2003
Inhalt: Vorwort, Rätselhafte Gitarrenparts 1, Rätselhafte Gitarrenparts 2, Zusatz


Vorwort

Aus den nachfolgenden beiden Studio-Aufnahmen der Band U2 (bitte nicht sofort angewidert wegclicken, Kritik kommt noch) zu einem offenbar vorgehabten Stück ist am Ende nie so ein „richtiges Lied“ entwickelt worden. Auch wurden, soweit ich weiß, keine der hervorstechenden Teile für andere Lieder verwendet. Es blieben zwei, wie ich finde, bemerkenswerte Rohfassungen, die es auf einer gewissen Ebene – vor allem der Improvisation und des Antriebs durchs Treibenlassen – ziemlich in sich haben und denen selbst jemand, der von dieser Band verständlicher und begründeter Weise nichts hält, vielleicht etwas an Antrieb abgewinnen könnte.
Es ist in beiden überdies ein Rätsel verborgen, wenn auch vielleicht nur ein musikalisch-technisches (vielleicht aber auch mehr), das ohne bewußtes Anhören beider Stücke nicht bemerkt werden kann, dazu also unten mehr.

Das Ganze stammt aus dem Jahr 2000 zur Aufnahme zu Achtung Baby. Von da an ging es mit der Band abwärts, jedenfalls was die Ambitionen insbes. des Sängers betrifft. Die Energie sodann, und auch darum geht es hier, die der Musik bis hierher innewohnte, ging dann alsbald flöten. (A propos Flöten: >Der Fötus flötete fröhliche Fanfaren von Fafarello, das war hip. )
Bei gleichzeitiger Unterstreichung meiner Vorbehalte und Abneigungen hinsichtlich dessen was man von der Musik, der Band und Bono (Young Global Leader, siehe unten) eben nur halten kann, möchte ich dennoch öffentlich bekunden, daß mich diese beiden Improvisations-Stücke immer noch faszinieren und ich weiss bis heute nicht wieso. Vermutlich komm ich einfach hinter das Rätsel nicht und hab also keine Ruh. Daher die Unruh, was auch mit Auftrieb verwechselt werden kann.

Auf der aus diesen tapes resultierenden Platte Achtung Baby ist übrigens auch das Stück New York zu finden (hier erwähnt: >Kaum zu glauben – 911, die Kurzfassung), mit einem Text, der also ein Jahr vor 911 durchaus etwas unheimlich wirkt. Da man aber inzw weiß, daß Bono so seine Informationen mehr aus gewissen Kreisen, als denn von Gott, erhält, wundert der NY-Text nicht; obschon ich ihm ein gewisses Hörvermögen, von dem was ansonsten noch manchmal so in der Luft liegt, auch nicht absprechen möchte. Das wohnt aber etlichen Musikern und auch Dichtern inne.

Nun aber zu den Stücken:


Rätselhafte Gitarrenparts I.
U2 track 6 Wake Up Dead Man from the cd THE WORKING TAPES

Im Ganzen:
Diese Studio-Session ist für mich ein Beispiel für eine sehr interessante Kompositions-Methodik; zumindest hinsichtlich des hingebungsvollen Versuchs, sich (aufsteigend ab 2:25) der treibenden Kraft zu überlassen, um dann zu sehen, wo es hinführt.
Das Stück ist eine gelungene und eben spontane Impro, bei der man ahnt, wo es hinführt nachdem man unwiderbringlich losgeprescht ist und nur hingelangt, wenn man nicht nachlässt; was die Sache sehr lebhaft und spontan macht. Oder spontan erscheinen lässt? Oder beides zugleich?
Im Einzelnen:
Im Prinzip „jammed“ man hier zunächst nur herum, doch mir kommt es vor, wie ein stetes Antreiben einer Energie, aus deren Feld dann etwas, ein musikalisches Element, eine Melodie, zum Vorschein kommen soll. Doch erstmal muß man sich intensiv in etwas hineinknien und die Sache stetig befeuern oder anpeitschen. Ein Gerüst steht schon, einiges wird offenbar hinzu improvisiert. Vor allem der „Text“ ist sicherlich improvisiert, eher sind es Wortfetzen (oder bloße nach willkürlich eingerufenen Worten klingende Sätze, „Brüller“, Triller, Rufe, Gefauche und andere Laute) und die Stimme fungiert so dann eher als weiteres Instrument.
Das Gerüst als das tragende Element bleibt zunächst immer gleich, interessant für den aufkommenden Antrieb ab da ist die Stelle 2:25 bis 2:50, die den weiteren Aufbau schon schleichend und per eingerufen „round-round-round“ andeutet.
Man geht aber wieder ins Grundgerüst zurück, die erste Wendung gelingt erst nach einem plötzlichen (spontan herbeigeführten?) Einfall des Gitaristen in 3:50, nicht ohne Wort oder Laut_Kraft-Zutat kurz zuvor ab 3:44 – woraus dann wieder eine wirklich schöne Melodie angedeutet wird, von der man sich wundert, das man sie nie verwendete. Wieder gehts dann aber ins Gerüst (chorus) zurück und der Aufbau beginnt erneut.
Eine Überbrückung gelingt erst durch einen plötzlich einsetzenden „Rückwärtsdrall“ per Gitarre, eine bedeutsame Passage, die bei 4:57 einsetzt und bis 5:40 läuft. Diese Stelle merke man sich, denn sie kommt absolut identisch in der unteren Version wieder vor; was bei genauerer Überlegung ein bißchen ein Rätsel ist, dazu aber später mehr.
Von hier an jedenfalls kommt es zu keinen immer wiederkehrenden Aufbauversuchen mehr, sondern gelingt die Überführung in den Spielfluss, was im unteren Part übrigens immer per eingerufenem „bridge“ eingeleitet wird, und so führt dieser Vorlauf endlich zum ersehnten Umschwung oder Drehmoment ins freie sehr rocklastige Aufspielen. Der „Gesang“ fällt dann bis auf eine tragende Stimme aus dem Off bald weg und es herrscht nur Instrumentales vor, was das Besondere des ganzen Stücks ist und meinetwegen noch länger genauso fortgesetzt werden könnte.

Um die Gitarren und Drum&Base-Stärke sowie die eingerufenen Sprach und Wort-Energie deutlich zu vernehmen, ist es ratsam, die Knöpfe tief ins Ohr einzudrücken.

2:25 bis 2:50, 3:30, 3:47, 3:50-4:07, 4:57 – 5:40 identisch,  6:20 – 7:05- 7:37 identisch aber mit Stimmen beigefügt

 

2:25 bis 2:50, 3:30, 3:47, 3:50-4:07, 4:57 – 5:40 identisch,  6:20 – 7:05- 7:37 identisch aber mit Stimmen beigefügt


Rätselhafte Gitarrenparts II.
U2 track 3 She’s Gonna Take You Down from the WORKING TAPES

Vergl. nun die andere ebenfalls sehr eindrucksvolle Version, möglicherweise der Vorläufer des Obigen; da es anfangs noch etwas holpriger ist, dennoch nicht weniger intensiv und interessant im Aufbau. Bemerkenswert hierbei sind erneut die immer wieder kehrenden Ansätze oder Startversuche bei vielleicht vorab gefertigtem Grundmuster, den Dreh zu kriegen, zu spielen bis es fluppt, bzw. über die immer wieder dann angerufene bridge zu gelangen (erstmal bei 2:232:52), die teils auch notdürftig als Textzeile herhalten muß, wie bei „how does it feel like a bridge, like a bridge, like bridge- and chorus“, bis es dann auch endlich gelingt. Wichtig sind hierbei aber auch die kräftigen Drum+Base nicht nur als Takt-, sondern auch als Kraftgeber, die man nur bei guten Kopfhörern richtig vernimmt; einfache Ohrstöpseln sollte man etwas in die Ohren gedrückt halten.
So ist man bei diesem Versuch noch auf der Suche nach dem Dreh, was etwas dauert, aber bald eindrucksvoll geling und zu einem vortrefflichen Gitarrenspiel führt, das hier als Outro leider kürzer fortgespielt wird, als in der obigen Version.
Ebenfalls interessant ist das anfängliche pure Schmieden des Gerüsts und Einhämmern der Nägel in die Balken, woran auch der Sänger (der er zu dieser Zeit noch war) immer wieder entscheidend einwirkt. Wieder sind es unzusammenhängende (spontane) Wortsatzkonstrukte oder zwischen die fertigen Worte bloße nach Worten klingende Sätze, dazu „Brüller“, Triller, Rufe, Gefauche und andere Laute, statt wie in andern Studio-Übungen vielleicht üblich, bereits einen fertigen Text dazu zu singen, während die anderen Mitglieder ihre Akkördchen vom Notenblatt spielen. Hier treibt der Sänger das ganze Ding inklusive Band mit Ansagen, Gesangs-Zurufen und seltsamen Lauten erheblich an, bis dann die ersehnte bridge beschritten ist und man es mit einschlägiger Intensität kraftvoll dem Open End aussetzt.

Oder ist es doch anders? Ist wirklich alles in diesem Momente improvisiert oder doch einiges wohl Improvisierte hier in teils mehrfachen Tonspuren übereinandergelegt worden. Denn, was zunächst kaum auffällt: Obschon beide Versionen sich als zwei Einspielversuche zeigen, sind beide doch in im großen Teil identisch. Auffällig wird das vor allem durch das oben schon erwähnte eigentümliche „Rückwärtsdrall“-Gitarrenspiel, das nicht nur identisch ist, also mindestens in einer der beiden Versionen als Kopie vom Band abgespielt oder nachträglich draufgeleget wurde (was wiederum auch eigentlich nicht sein kann), sondern jeweils exakt an derselben Stelle auftaucht, also von Minute 4:57 bis 5:40. Auch der Ausgangspart ist derselbe, jedoch jeweils anders gemischt oder anders „besungen“ worden. Dies sind alles durchaus lautere Mittel beim fertigen von Studio-Stücken. Es sind auch „Sessions“, selbst wenn man bereis vorab aufgezeichnete Sessions als Grundlage weiterer Impros benutzt.  Auf jeden Fall eine interessante Kompositionsmethode.

Um die ganze Gitarren und Drum&Base-stärke zu vernehmen besser die Knöpfe tief ins Ohr eindrücken

0:00-0:20, 0:43, 2:23-2:52, 3:54-4:16, 4:57 bis 5:40 identisch, 6:20 – 7:05- 7:37 identisch nur ohne Stimmen

 

0:00-0:20, 0:43, 2:23-2:52, 3:54-4:16, 4:57 bis 5:40 identisch, 6:20 – 7:05- 7:37 identisch nur ohne Stimmen


Zusatz:
Ähnlich gute Impro eines noch nicht fertigen Stücks, bereits etwas gemixt, mehrere Tonspuren für Gesang und Begleitung; es geht aber mehr um den Platz der Gitarre die dann gegen auch ziemlich zum Tragen kommt
U2 Track 11 Wake Up Dead Man-w-the spinning head from the cd THE WORKING TAPES