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Dass der kürzlich zurückliegende Todestag von Arno Schmidt1 (18.01.1914-03.06.1979) gerade dem Literatenzirkel innerhalb der Intellektuellenkaste2 ein willkommener Anlass war, vor allem sich selbst nochmal ins Gespräch zu bringen und Arno Schmidts Werke nun hoffentlich ausreichend rezensiert und hin- und hergereicht worden sind, möchte ich derselben dem Neo-Sozialismus3 fröhnenden Denkerkaste und ihren hochgeschraubten Hirnwindungen ein paar Stücklein aus seinem Werk präsentieren, die es in sich haben, die aber natürlich mal wieder niemand kennt. Oben genannte Denkerklasse möchte sie vermutlich auch lieber gar nicht kennen. Und würden sie diese aber kennen, würden sie sie sowieso nicht begreifen.
Es handelt sich um Auszüge aus dem Buch Deutsches Elend – 13 Erklärungen zur Lage der Nationen, erschienen im Haffmans Verlag 1984, ein kleines Bändchen, das es selbstverständlich nur noch antiquarisch gibt und ansonsten nirgends mehr zu finden ist. Ein Teil der darin befindlichen Texte ist nie anderweitig veröffentlicht worden. Siehe dazu die Quellen-Angaben unterhalb der jew. Auszüge.*
*[Hinweis: Diese Angaben folgen im Laufe des Tages oder der nächsten Wochen oder Monate; jetzt gerade habe ich jedenfalls keinen Bock dazu und macht auch sonst keinen Unterschied!!]


Das Deutsche Elend – festgestellt von Arno Schmidt (1914-1979)
Notizen von Arno Schmidt aus den Jahren 1957-1963

Auszüge aus dem Büchlein:
Arno Schmidt: Deutsches Elend 13 Erklärungen zur Lage der Nationen
Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmanns Verlag
Haffmans‘ Helfende Hand-Bibliothek, (Dank an die Helfende Hand)
Erstausgabe 1984
[weitere Angaben unten]
Hervorhebungen in fett durch JFLC



Kapitel DEUTSCHES ELEND, Seite 7:

Und ich meine mit nichten, daß die bundesrepublikanischen Wähler ihre politische Reife immer wieder dadurch dokumentieren, daß sie mit absoluter Mehrheit einer Wiederaufrüstung zustimmen – obwohl auch das an sich traurig genug ist; aber das Volk in Westdeutschland will es : so sei es denn! („Das sind die eigentlichen Ochsen, die sich den Fleischer zum König wählen“, las ich einmal in einem Buch).
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel DEUTSCHES ELEND, Seite 9-10:

Wer hat wen eingekreist ? ! – ein Blick auf die Weltkarte genügt: Denn da sucht man vergebens die bedrohlichen sowjetischen Stützpunkte auf den Bermudas, auf Kuba, in Mexiko Aaska Kanada Grönland – wohl aber findet man amerikanische, von Norwegen, über die Bundesrepublik, Griechenland Türkei und Pakistan bis hin zu den Kurilen ! (Aber die „absolute Mehrheit“ des westdeutschen Volkes wollte diese Orientierung nach dem Wilden Westen : so sei es denn : aber klage Keiner dann, später, wenn es wieder „passiert“ ist!)… –
(Dies dazwischen geschaltet : Ich protestiere gegen den hochmütigen Einwand der Regierenden, daß ich „von Politik nichts verstünde“! Wer sich vergegenwärtigt, daß Staatsminister, also „höchste“ Politiker, ohne weiteres austauschbar sind – daß also in aller Welt Einer, der heute Postminister war, morgen Atom- übermorgen Flüchtlings, den nächsten Tag Verteidigungsminister sein kann (oder, deutlicher : daß alle diese Herren den Teufel etwas von ihrem Gewerbe verstehen können : welcher ehrliche Schmied würde sich zutrauen, morgen Tischlermeister zu werden?!
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel DEUTSCHES ELEND, Seite 12-13

Nur solange sind wir Deutschen „relativ sicher“, als die Tyrannen in Moskau oder Washington – und wer von ihnen für uns am gefährlichsten ist, steht noch lange nicht fest : es könnte der Andere sein ! – uns „nicht trauen“!
[…]
Ich weiß, daß im deutschen Westen wie Osten keine „Freien Wahlen“ stattfinden (und auch keine möglich sind) : das ist ebenfalls keine „Freie Wahl“, wenn ich, von Großindustrie und den USA finanziert, neben 1 gegenerisches Plakat 10 von Yes-Männern kleben kann; das ist keine „Freie Wahl“, wenn ich neben eine simple politische Entscheidung die weltanschauliche [ideologische, Anm. JFLC] schalte, und mit irgendeiner „Hölle“ drohe!
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel DER SCHRIFTSTELLER UND DIE POLITIK, Seite 57-58:

Und man vergesse vor allem doch nie dies eine: Regierungen, Kirchen, Militär, durchweg bestehend aus „hochgebildeten“ maulfertigen Leuten, können für sich allein, ohne schriftstellerische Hilfe, reden PS: reden – und tun es ja auch wahrlich ausreichend; vom Handeln noch ganz zu schweigen. Das arme, gefolterte, sprachlos preisgegebene Volk aber, bedarf nicht minder einer dröhnenden Zunge!
[…] wenn zungenflinke Priester mit bauchrednerischer Fertigkeit Waffen segnen – dann müssen wir gleichermaßen fließend zu fluchen verstehen.
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel DER DANK DES VATERLANDES, Seite 63

Nicht eher ruhte Herzog Carl Eugen von Württemberg, eine jener überflüssig vorhandenen gekrönten Bestien, bis er den Dichter Schubart, „theils um seiner schlechten und ärgerlichen Aufführung willen, theils um seiner sehr bösen und gotteslästerlichen Schreibart“ in seine Gewalt bekam „um durch sichere Verwahrung dieser Person die menschliche Gesellschaft von diesem unwürdigen und ansteckenden Gliede zu reinigen.“ Schubart hatte nämlich nicht nur seinen allerhöchsten Hurenbock und Tyrannen von Herrn, sondern auch die Geistlichkeit des Schwabenlandes derb angeprangert.
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel DER DANK DES VATERLANDES, Seite 65-66:

[…] manchmal erkennt man ja nach des Dichters Tode, daß sein Werk gut war, aber was hilft es dann dem, der unter dem Hügel liegt, und der wohl noch trefflicheres hätte leisten können, hätte man den Lebenden ermuntert – ach was ermuntert: hätte man ihm nur Gerechtigkeit widerfahren lassen!
Ist man sich denn nicht klar darüber, daß es die größte Unverfrorenheit voraussetzt, einem solchen gequälten Unsterblichen dann später das Etikett „Unser Dichter“ anheften zu wollen? : der würde euch ganz schön anspucken, meine Herren! … Denn die gleichzeitige Generation ist ja deswegen, weil sie endlich den hundertsten Todestag eines Dichters zu begehen geruht, noch längst nicht einsichtiger oder kulturell reifer als ihre Vorgänger; Beweis: ihr Verhalten zu den zeitgenössischen Dichtern!
Was aber allenfalls bei dem Einzelnen noch lächelnd übersehen werden kann, wird unerträglich, wenn der Staat sich für befugt hält, nicht nur Werturteile über künstlerische Leistungen abzugeben, sondern unter skrupelloser Anwendung seiner Machtmittel diese „Richtung“ fördert; dafür aber jene, mißliebige, gewaltsam unterdrückt; den Künstler direkt oder indirekt vertreibt, ja, ihn sogar hinrichten kann, wenn er nur mag! Man mache sich doch endlich von der – allerhöchsten Ortes freilich erwünschten – Einbildung frei, daß behördliche Stellen, und wenn sie zehnmal „Kultusministerien“ sind, etwas von Kunst verstünden! Man zerlege das Wort getrost in „Kultus“; also die Pflege der Staatsreligion (ein Verfahren, das freilich auch schon eine gewisse „Richtung“ bevorzugt) – Ministerium, oder die Bestellung von Aktenbeeten.
[Anmerkung: Ich habe diese Begriffe fett gesetzt da ich sie dereinst und ohne Kenntnis des Obigen in ebensolcher Weise verwendet hatte. Mehr darüber hier:>Kultur pflegen statt einem Kultus huldigen! (Arno Schmidt I)]
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel DER DANK DES VATERLANDES, Seite 68:

[…] und so weiter : man lasse doch endlich in Regierungs= und „ihnen nahe stehenden“ Kreisen die blutig=tintigen Finger von der Kunst! Wenn nämlich Deutschlands Name in der übrigen Welt noch einigermaßen guten Klang hat, so ist das ja bekanntlich nicht seinen Politikern zu verdanken: im Gegenteil!! Sondern einzig und allein seinen Dichtern und Denkern. [das hat sich heute auch erledigt, jedenfalls was die anführenden selben betrifft, Anm. JFLC] Anstatt also den zahllosen Heerscharen der Abgeordneten Immunität und Staatsgehälter zu verleihen, sollte man dergleichen doch lieber den so viel bescheideneren und vor allem unschädlicheren Künstlern zuwenden. Man: die Bundesregierung. Aber wie oben ausreichend belegt, ist es leider unleugbar so: daß weder „Der Staat“, noch „Das Volk“ das Notwendige von Kunst verstehen! Das notwendige: das heißt hier: die Sichtung und Förderung des wertvollen Nachwuchses; sowie seine Beschützung vor Störungen durch Unberufene (nämlich Staat und Volk); und seine notdürftige finanzielle Sicherung.
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel WAHRHEIT -?, Seite 72-73:

Ich bilde mir nicht mehr ein, stellvertretend für eine auch nur einigermaßen ansehnliche Minderheit von 5% zu sprechen: meine Zeitgenossen haben mir seitdem, nicht nur durch demonstrative Nicht-Teilnahme an meinen eigenen Arbeiten, sondern vor allem durch ihre „Stimmabgaben“ dargetan – und sie wußten es Alle, daß sie damit Dinge wie „Adenauer“ und „Wiederaufrüstung“ wählten – daß sie meine diesbezüglichen Ansichten nicht nur nicht teilen; sondern mehr noch. Sie überhaupt nicht einmal hören wollen. Und ich bin immerhin auch schon fast Fünfzig; ich habe keine Zeit mehr, Geduld mit Ochsen zu haben, die sich selbst den Fleischer zum König wählen.
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel WAHRHEIT -?, Seite 78-79:

Nun hat zwar neulich ein logisch besonders begabter Journalist öffentlich bewiesen : wenn die Herren Schriftsteller es sich herausnähmen, über Regierung und Politik in der bekannten unverfroren Weise herzuziehen; dann wäre die Regierung=ihrerseits doch wohl auch befugt, über die Schriftsteller abzuurteilen: GLEICHBERECHTIGUNG, Eh?! Der Betreffende (und ich weiß den Namen tatsächlich nicht mehr, sonst würd‘ ich ihn schon hersetzen) hat, unter anderem, 2 Kleinigkeiten übersehen, nämlich

a) daß die Aktion jedes Einzelnen, ob in Ost oder West, MUT erfordert: eine Demokratie ohne Widerspruchskünstler ist keine,

b) daß das „Urteilen von Regierungen, gleichviel welcher Farbe, insofern die weitesttragenden Folgen für Schriftsteller hat: als Jene Preise, Stipendien, Unterstützungen, Fördererpremien verteilen; kurzum „Fonds“ zur Verfügung zu haben, die ihnen mühelos ermöglichen, die ihnen hörige, schreibende Mittelmäßigkeit zu finanzieren; während die wahrhaft guten Autoren sich zuschanden arbeiten müssen, (und überdem noch nach Kräften verhindert werden; sei es, daß man sie durch Prozeßandrohungen einzuschüchtern versucht; oder die „unangenehmen“ Zeitschriftchen [heute blogs, Anm JFLC], an denen sie Mitarbeiter sind, abwürgt oder aufkauft: dafür ist Geld da – wenn auch nicht ganz so viel, wie für alte Panzer und neue Bischofsstühle. Oder Fernsehmasten.)
Quelle und Urquelle folgt


Kapitel WAHRHEIT -?, Seite 81:

Zuweilen hat man es nicht nur genehmigt, sondern sogar eingesehen, daß ein Unterschied besteht, zwischen „reiner“ Mathematik und „angewandter“; aber die Bereitschaft, der Literatur das gleiche zuzubilligen, habe ich so gut wie noch nie angetroffen. Es sei hier also einmal ausgesprochen, daß das Problem der heutigen (und künftigen) Prosa weder der feinsinnige noch der originelle noch der schockierende „Stoff“ ist – der ist dem Reinen“, es mag kurios klingen, völlig uninteressant – sondern die übrigens längst fällige, systematische Entwicklung des Gerüstes, also die Anordnung der Prosaelemente, sowie deren Durcharbeitung und Verfeinerung selbst; wodurch in letzter Instanz weiter nichts erreicht werden soll, als eine präzisere Abbildung der Welt und des Menschen als bisher: GRÖSSERE WAHRHEIT!
Quelle und Urquelle folgt

Kapitel WAHRHEIT -?, Seite 99:

Da wird es […] wieder einmal hohe Zeit, sämtlichen Erdballsregenten zu bedeuten: daß sie einen Dreck von Literatur verstehen!
Quelle und Urquelle folgt

Ende der Auszüge

1 https://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2022/05/16/kultur-pflegen-statt-einem-kultus-huldigen/
2 https://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2021/09/28/diesbezuglich-unterscheidet-sich-das-sozialdemokratische-modell-wenig-von-den-vormaligen-sozialistischen-oder-nationalsozialistischen-systemen-baader-2002/
3 https://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2021/09/28/projektartikel-zigeunerinnenschnitzel-und-negerinnenkusse/

Buchangaben:
Arno Schmidt: Deutsches Elend 13 Erklärungen zur Lage der Nationen
Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmanns Verlag
Haffmans‘ Helfende Hand-Bibliothek, Erstausgabe 1984,
119 S.
ISBN-13: 9783251001729 / ISBN-10: 3251001728
Haffmans Verlag (Der Haffmans Verlag war ein Schweizer Verlag, der zwischen 1982 und 2001 bestand)
https://de.book-info.com/isbn/3-251-00026-8.htm

Inhaltsverzeichnis:
Deutsches Elend, 7
Am Zaun, 15
Flüchtlinge, oh Flüchtlinge ! 22
Das=Land=aus=dem=man=flüchtet, 32
Wüstenkönig ist der Löwe, 40
Hat unsere Jugend noch Ideale ?, 46
Der Schriftsteller und die Politik, 51
Der Dank des Vaterlandes, 59
»>Wahrheit< – ?«, seggt Pilatus un grifflacht, 70
Nachschlagewerk im Werden, 86
Was bedeutet >Konformismus< in der Literatur heute?, 100
Immunität für >Jedermann<, 105
Die Wüste Deutschland, 113

Buch bestellbar u.a. hier:
https://www.buecher.de/shop/buecher/deutsches-elend/schmidt-arno/products_products/detail/prod_id/24837174/
https://www.zvab.com/9783251000265/Deutsches-Elend-Erkl%C3%A4rungen-Lage-Nationen-3251000268/plp

PS: Dank an die Helfende Hand


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