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Kultur pflegen statt einem Kultus huldigen! (Arno Schmidt I)
Veröffentlicht am 16.05.2022 & Juni 2016*
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Demnächst erscheinen hier ein paar Zitate von Arno Schmidt (1914-1979), diese sollten dem Allgemeinwohl dienen. Zunächst sei hier aber nur eines von ihm widergegeben; dies soll nun-mehr dem eigenen Wohle dienen.
Im Ganzen geht es dabei um den Begriff der Kultur, den Kulturbegriff.
Der Begriff der Kultur sowie die Kultur an sich, ist längst ausgehölt worden, viel ist nicht mehr dahinter oder darin. Sie ist wie eine leere Walnuss, aber gold lackiert, innen hohl, scheint aber vorzüglich in alle Richtungen, was eben Verblendungen verursacht.
Die Kultur ist aber der eigentliche Grund, auf und aus dem alles wächst, sei es Nahrung, sei es Kunstwerk, sei es Bildungsgut.
Der Staat, im Sinne der Regierung, wirkt dieser Tage, und schon seit Unzeiten, schädigend auf diese Kultur ein; statt Kultur zu fördern sorgt er vielmehr in seiner Abhängigkeit von einem Kultus mit dafür, daß im Volke dieser (heimliche) Kult mit Kultur verwechelt wird und die eigentlich schöpferischen Individuen hauptsächlich nur einem Ritus im Kult dienen, statt der Kultur in ihrem tieferen und weiteren Sinne.
Worauhin dergleichen aus dem Kultus entstandene Ideologien und andere Wahnvorstellungen dann in die kulturellen Institutionen (ebenso in die geisteswissenschaftlichen Bereiche) Einzug erhalten und die darin befindliche Kunst ideologisch mitverderben und den hiermit ebenso durchgesetzten Regelungen/Verordnungen/Gesetzen unterworfen sind, so daß die Kunst ihrer Freiheit beraubt wird.

So wie wir nun angeblich der Staat sind, der letztlich aus uns herausgebildet wird, bilden wir auch die Kultur heraus; die uns – jedem – im Kern inne wohnt und mit dieser dann sorgen wir wiederum für die eigentliche Bildung des Staates und des Volkes. Verläuft hier etwas grundlegend falsch, so haben wir statt eines Bildungswesens im guten Sinne hauptsächlich ein System voller >Einbildungen herausgebildet, in dem dann die am meisten Eingebildeten auch am meisten zu sagen haben, woraus eben das überall vernehmbare hohle Palaver ohne Vermittlung wertvoller Inhalte entsteht, also das ständige Gelaber und Gesalber in Parlamenten, Medien, Talkrunden oder eben: kulturellen Zusammenkünften, wie in Kongressen, Vorträgen, Lesungen; und auch das Gehaspel im Radio von schlecht vorgetragenen Hörbüchern ist hauptsächlich nur sinnloses Geblubber, das mit Kultur kaum was zu tun hat.

Zitat 1:
(Hervorhebung durch JFlC)

… manchmal erkennt man ja nach des Dichters Tode, daß sein Werk gut war, aber was hilft es dann dem, der unter dem Hügel liegt, und der wohl noch trefflicheres hätte leisten können, hätte man den Lebenden ermuntert – ach was ermuntert: hätte man ihm nur Gerechtigkeit widerfahren lassen!
Ist man sich denn nicht klar darüber, daß es die größte Unverfrorenheit voraussetzt, einem solchen gequälten Unsterblichen dann später das Etikett „Unser Dichter“ anheften zu wollen? : der würde euch ganz schön anspucken, meine Herren! … Denn die gleichzeitige Generation ist ja deswegen, weil sie endlich den hundertsten Todestag eines Dichters zu begehen geruht, noch längst nicht einsichtiger oder kulturell reifer als ihre Vorgänger; Beweis: ihr Verhalten zu den zeitgenössischen Dichtern!
Was aber allenfalls bei dem Einzelnen noch lächelnd übersehen werden kann, wird unerträglich, wenn der Staat sich für befugt hält, nicht nur Werturteile über künstlerische Leistungen abzugeben, sondern unter skrupelloser Anwendung seiner Machtmittel diese „Richtung“ fördert; dafür aber jene, mißliebige, gewaltsam unterdrückt; den Künstler direkt oder indirekt vertreibt, ja, ihn sogar hinrichten kann, wenn er nur mag! Man mache sich doch endlich von der – allerhöchsten Ortes freilich erwünschten – Einbildung frei, daß behördliche Stellen, und wenn sie zehnmal Kultusministerien“ sind, etwas von Kunst verstünden! Man zerlege das Wort getrost in „Kultus„; also die Pflege der Staatsreligion (ein Verfahren, das freilich auch schon eine gewisse „Richtung“ bevorzugt) – Ministerium, oder die Bestellung von Aktenbeeten. […]

Quelle:
Arno Schmidt: Deutsches Elend, 13 Erklärungen zur Lage der Nationen, S. 65-66, Kapitel: Der Dank des Vaterlandes (1955), Haffmans‘ Helfende Hand-Bibliothek, Erstausgabe 1984

Zitat 2
Bei diesen Passagen handelt es sich um einen exklusiven Vorabdruck aus einem Teil der noch nicht aber bald schon in Gänze wieder neuveröffentlichten >Sumpfgeschicht vom 07. Juni 1746/2016

Während wir die Kultur schaffen, stellen, pflegen und verbreiten, hat die Obrigkeit sich darein nicht zu mischen, sondern allenfalls, solange rechtmäßig gewählt, die Rahmenfelder zu ermöglichen und beschützen, und zwar nur die, zu den von uns gewünschten Vorhaben in Richtung unserer vergnüglichen oder wohltuenden Weiterentwicklung. Wo davon neue anzustreben anberaumt werden, welche vor der Wahl nicht zur Auswahl stunden, da möchte über das Einzelne nochmals abgestimmelt werden; sonsten ist es ja keine Beteiligung des Volkes an dem Entscheid, sondern eine vorhero durch das Volk freiwillig herbeigeführte Ermächtigung von Diktatoren, daß sie ihm bitte in die selbstausgewählte Suppe rühren [oder spucken, Nachtrag 2022] möchten, was immer diese Ermächtigten gerade wünschen.

So ist es auch bei der Viralmachung von kulturellen Gütern oder Denkvorgaben. Der Obrigkeiten Denkvorgaben sind jedoch dünngeistig und darin befangen, den Begriff der Kultur immer nach der Richtung auszulegen, wie es ihnen nach dem princip der hirachie von immer nochmals höher gestellten Obrigkeiten vorgekaut wird; welche wiederum nicht etwan der Kultur, sondern einem Kultus folgen, was wiederum ritueller Natur ist und eben nicht ein Vorgang in Anpassung an natürlicher schöpferischer Entwicklung, so daß ein Kulturministerium eher Kultus-ministerium genannt werden sollte, da es im Gegensatz zum eingeteutschten Wort kultur das richtige Wort wäre und so auch besser an ein lat. ministerium passt; was eine Belegschaft aus Dienern, Gehilfen, Helfershelfern und Untergebener (ministre=dienen, gehorchen) bedeutet, also Dienerschaft. Wem sie aber dienen, das sei an ihren Taten festzustellen.

Quelle:
>Sumpfgeschicht: Nothwendige General Schreiber-Ordinance wider die Schreibtisch-rebellion, 3. Capitul:
Leibniz` Abhandlung Von der Einbürgerung ausländischer Worte in den deutschen Sprachgebrauch (in neuem Betracht der heutigen Einflüsse aus dem amerikanischen sowie der Ausforschung der Ursache für diese Unsitte)
, 07. Juni 1746/2016


*Ich schwöre, daß ich Zeit dieses Schreibens und eben bis Mitte Mai 2022 noch nie etwas von Arno Schmidt gelesen hatte – derweil die Intellektuellenkaste (auch so ein Intuitivwort) sich schon lange für ihn begeistert, genannte Passagen aber gewiss stets überlesen hatte – und freue mich gemeinsam mit meinem Ego nicht ohne Stolz über die Gleichheit von Schmidtsens und meinen Gedankengängen

Nachtrag 1: gerade beim Durchforsten gefunden:

17.12.21 JF Kultur
In Erwartung der Großen Transformation – Der rapide Rückzug ins politisch Vormoderne hat wenig mit „Populisten“, aber viel mit „Globalisten“ zu tun
Oliver Busch
Junge Freiheit (17.12.21), Printausgabe Nr. 51/21. Seite 18/ Kultur
Online-Ausgabe & Druckversion: https://jf-archiv.de/archiv21/202151121752.htm
Der Terminus Kultur ist verwirrend vieldeutig. Dennoch ergibt die Auswertung von Lexika einen kleinsten gemeinsamen semantischen Nenner, der sich aus colere, dem lateinischen Stammwort von Kultur, herleitet. Zu übersetzen ist das mit bebauen, pflegen, veredeln. Je nach Gegenstand der pflegenden Tätigkeit unterscheiden sich die Kulturarten. Soweit es sich dabei um die menschliche Verbesserung von Naturgegebenheiten handelt, spricht man von materieller, wirtschaftlicher, technischer Kultur. Soweit der Mensch sich selbst „kultivierend“ in Form bringt, hebt er die Körper- und Geisteskultur der Gruppe, der er angehört. Richtet er sein veredelndes Tun auf die Zivilisierung des Umgangs untereinander, fördert er deren politische Kultur.
Das Standardmodell fortgeschrittener politischer Kultur ist seit gut 200 Jahren die nationalstaatlich verfaßte Demokratie, deren gegenwärtige, von rapide nachlassender Pflege zeugende Realität den emeritierten Staats- und Verwaltungsrechtler Gunnar Folke Schuppert (78) mit tiefer Sorge fragen läßt: „Wie resilient ist unsere politische Kultur?“ (Der Staat, 3/2021).
Schon die atemberaubende Begriffskarriere von „Resilienz“, einem Lemma, das das „Große Fremdwörterbuch“ der Duden-Redaktion von 1994 noch gar nicht kennt, ist für Schuppert, der bis 2008 an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrte, ein untrügliches Indiz für die evidente schwere Krise der Demokratie, ja für ihr „Schwinden“ (Horst Dreier, 2016) in einem Prozeß der „(Ent-)Demokratisierung der Demokratie“ (Philip Manow, 2020). Demokratische Staaten schwächeln heute nicht bloß, „sie stehen unmittelbar vor dem Ableben“. Es scheint ihnen also ausgerechnet an dem zu fehlen, was die inflationäre Verwendung von Resilienz kompensatorisch beschwört: an Robustheit, Widerstandsfähigkeit und an jener Anpassungskapazität, die Gesellschaften befähigt, etwa natürliche Desaster wie Seuchen oder Sozialkatastrophen wie Kriege zu meistern.
Die Krise der Demokratie besteht im Verfall ihrer politischen Kultur
Schuppert stützt seine am Schmerzenslager der moribunden Demokratie erstellte Diagnose zunächst auf Politologen wie Manow und Torben Lütjen („Amerika im kalten Bürgerkrieg“, 2020), sowie auf den ausführlich zitierten Ex-Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Andreas Voßkuhle. Autoren, die penetrant die USA unter Donald Trump, Ungarn, Polen oder die Türkei traktieren, um gebetsmühlenartig vor „Populisten“ als Hauptgefahr für den demokratischen Verfassungsstaat zu warnen. Oder sich wie speziell Voßkuhle nicht entblöden, angesichts der von den Altparteien organisierten, in Karlsruhe die Richterauswahl steuernden dreisten „Ämterpatronage“ (Werner Mäder) allein anderswo erfolgende „Zugriffe auf die unabhängige Justiz“ als Anschläge auf die „normativen Lebensadern aller der europäischen Idee verbundenen Länder“ anzuprangern.
In solchen mehr vernebelnden als aufklärenden Wortmeldungen kommen die „Antidemokraten“ notorisch von außen, während Steven Levitsky und Daniel Ziblatt sie in ihrem Bestseller „Wie Demokratien sterben“ (2019) im „tiefen Staat“, im Innern demokratischer Systeme wirken sehen, die sie „schrittweise, fast unmerklich und ganz legal“ umbauen würden. Doch sowohl in der Außen- als auch der Innen-Variante können die „Mörder der Demokratie“ für Schuppert nur Erfolg haben, wenn ihr Opfer bereits unter Vorerkrankungen leidet. Darum doktere allenfalls an Symptomen herum, wer sich bei der Suche nach Ursachen dieser Schwäche auf böse Populisten oder Verschwörer im Bauch des Leviathans konzentriere.
[…]
„Aus Liberalismus erwuchs eine illiberale Cancel-Culture, Diversität wurde zur Uniformität.“
[…]

Nachtrag 2:

Empfehlung zur europäischen Kulturgeschichte, ihrer Entwicklung und noch möglichen Errettung:

Die Krise des Westens: Chance für einen neuen Humanismus?
Hauke Ritz in multipolar (31.10.2020), Printausgabe Nr. 7/21, S. 2
Online: https://multipolar-magazin.de/artikel/chance-fur-humanismus
[…] Die sogenannte Neue Linke oder Liberale Linke, die aus dieser Transformation hervorgegangen ist, tauschte die Themen ihrer großen Geistesgeschichte gegen das Eintreten für neue Geschlechterrollen und politisch korrekte Rechtschreibempfehlungen aus. Schließlich lernten linke Politiker sogar, ihre Wähler auf der Grundlage bestimmter Identitäten – manchmal sogar sexueller Identitäten – anzusprechen. Darüber hinaus gewöhnte sich die neue Linke an die Rolle des Verräters gegenüber den Werten des traditionellen Sozialismus oder Kommunismus. In einigen Fällen schloss dieser Verrat sogar die Unterstützung westlich geführter Kriege gegen wehrlose, aber ölreiche Dritte-Welt-Länder mit ein.
Dreißig Jahre nach dem Untergang des sozialistischen Weltsystems ist diese neue westliche Linke zu einem ideologischen Eckpfeiler des heutigen westlichen politischen Systems geworden. Mit anderen Worten, in den heutigen westlichen Gesellschaften ist die Linke entweder enorm korrupt und ein Steigbügelhalter für die Neuorganisation der Gesellschaft im Dienste des Kapitals, oder sie ist grundlegend desorientiert. In beiden Fällen ist sie nicht in der Lage, in dem anstehenden historischen Kampf ihre ursprünglichen Werte zu verteidigen.
[…]
Deshalb ist eine Erneuerung der europäischen Kultur in der Tat eine Voraussetzung für jede positive Veränderung hinsichtlich des gegenwärtigen Verlaufs der Geschichte. Und aus diesem Grund ist die Kompetenz der konservativen Kräfte im Hinblick auf das Verständnis der Relevanz von Kultur heute mindestens ebenso wichtig wie die linke Analyse und Kritik des Kapitalismus und der Ideologie.
Vier Punkte für eine konservative Korrektur
Es gibt mehrere Bereiche, in denen eine konservative Kritik die zeitgenössische Kultur tatsächlich positiv verändern könnte, was wiederum eine Voraussetzung für eine politische Kurskorrektur wäre. Die Kargheit unseres heutigen politischen Selbstverständnisses hat ihre Ursache in mindestens vier Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Kultur.
[…]
Über den Autor: Hauke Ritz promovierte im Fach Philosophie und publiziert insbesondere zu Themen der Geopolitik und Ideengeschichte. Sein Buch „Der Kampf um die Deutung der Neuzeit“ erschien 2015 in zweiter Auflage.
978-3-8467-5868-7


Weiteres: https://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/tag/kultur-statt-kultus/

https://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2019/08/20/feedbackkultur/