Vorabbemerkung:
Dieser Text wurde irgendwann im Februar 2020 verfasst und genauso auch erlebt, also zu einem Zeitpunkt, als gerade die Kunde von einem irgendwo in China umgefallenen Sack Viren namens Corona die Runde machte, woraufhin dann auch hierzulande bald die Pandemie für eröffnet erklärt wurde. Aus Gründen der möglichen Widererkennung meiner wirklich exisitierenden Person (sic) wurde der Text nie veröfffentlicht, so unwahrscheinlich es auch ist, daß jemals einer der damals Anwesenden hier überhaupt irgendwas liest. Inzwischen denke ich, das sollte mir egal sein. Denn heutzutage könnte ich so einem Treffen, wie unten erlebnisgetreu beschrieben, ohnehin nicht mehr beiwohnen. Ich dürfte nicht einmal, selbst wenn ich noch wollte. Alle anderen damals ebenda Anwesenden dürften derweil immer noch hinein, also ihre Grundrechte wahrnehmen, weil sie geimpft sind, bzw. nur solange sie geimpft sind.

Luft abgelassen

Da läßt man sich nach dem Restaurantbesuch noch die Essenreste zum Mitnehmen einpacken und schon kriegt man von einer der Anwesenden die Bemerkung mit aufgetischt, diese Alufolie benutze sie schon länger nicht mehr, wegen der Umwelt und dem Klima.
Die Alternative wäre gewesen, das Essen stehenzulassen, auf daß der Wirt es in die Tonne schmeisst. Natürlich hätte ich es auch in die Serviette einwickeln und den Schmund dann tropfenderweise nach Hause tragen können. Ich sagte aber zum Wirte, das war sehr lecker, doch zuviel, den großen Rest möchte ich gerne mitnehmen. So nahm er es an sich und gab es mir to-go mit, eben in Alufolie gewickelt. Und schon kriegt man von einer der Anwesenden die Bemerkung mit aufgetischt, diese Alufolie benutze sie schon länger nicht mehr, wegen der Umwelt und äh des Klimas.
So? Seit wann denn nicht, hätte ich fragen sollen, am besten noch mit vollem Mund. Oder seit wann denn nicht mehr, nachdem du ca 30 Jahre lange täglich Alufolie verwendet hattest, du Huhn? Seit es in der Zeitung stand? Seit ZDF es erwähnte? Seit man in den Medien sagt, das Klima wandle sich auch dadurch? Oder war die Umwandlung deines Umweltbewußtseins durch einen Denkanstoss seitens deiner Kinder herbeigeführt worden, die schon von Natur aus ein paar Meter weiter blicken können, als ihre rückwärtsgewandten Eltern, die sowieso nur das mitmachen, womit sie nicht anecken, im Gegensatz zu den Kindern?
Von alleine (das nennt man Denken) bist du jedenfalls nicht zu dieser Entscheidung gekommen, auf Alufolie zu verzichten, jedenfalls 30 Jahre lang zuvor nicht. Ich hatte es aber schon vorher so getan; hin und wieder gibt es aber Ausnahmen. Das nennt man Abwägen. Differenzieren. Etwas, wozu du nicht in der Lage bist, du Mitläuferhuhn. Aber hauptsache sich gleich mit seinem Gutmenschtum hervortun, statt zu sagen, die habe ich 30 Jahre lang benutzt, mein Gott war ich blöd. Aber nein, man gibt lieber dem Mitmenschen noch eins mit auf den Weg, gerade vor allem demjenigen, der sich als einer der Wenigen in der gesamten Gruppe für ein vegetarisches Mahl entschieden hatte, was dann auch schon ein paar Bemerkungen und Blicke verursachte, die mir aber noch egal waren. Dabei bin ich gar kein Vegetarier per se, kann dem Fleische aber nichts abgewinnen und hätte durchaus etliche vernünftigen Gründe, in dieser Zeit auf Fleisch zu verzichten. Im Gegensatz zu dir, du Huhn; wofür hattest du dich noch entschieden? Hähnchebruststreifen-Salat? Oder war es doch Lamm? Meinetwegen. Aber dann lass mich bloß mit deiner Umwelt in Ruhe.

Und da ging es ja dann noch weiter. Man kam dann auf das Thema Bienenwachsfolie. Diese könne man alternativ zur Alufolie benützen, meinte auch sie. Um nämlich dann, nach huldvoller Erwähnung der Bienenwachsfolie ins stets polierte modische Auto zu steigen, während ich in die Straßenbahn gestiegen wäre, diesmal aber gar beschlossen hatte, zu laufen. Nicht um das Klima zu schützen, sondern wegen der frischen Luft. Aber egal, ich will nicht eines als besser oder schlechter abtun; Alu oder Auto, Fleisch oder Gemüse hü oder hott.

„Der Junge muß an die frische Luft“ – dieser eingeworfene Witz (ein Filmzitat) kam vom andern Ende des Tisches, als ich eben sagte, ich müsse mal an die Luft (eine rauchen). Das war ein guter Spruch, so etwas gefällt mir, und darüber wurde auch mit Recht allgemein gelacht und auch recht frivol gegackert. Es war ein witziger Einfall, hier Hape Kerkeling, glaub ich, zu zitieren, es kam spontan herausgeploppt (das ist eben Witz) und zwar von einem der noch selber denkt und die Dinge mit Humor dann verknüpft.
Und übrigens wurden die vegetarischen Essensreste mit nach Hause genommen, die Fleischreste wurden noch gierig weggeputzt oder wanderten in den Müll. Man erstaunte somit auch vielfach, daß ich nichtmal meinen vegetarischen Teller ganz ausgeputzt hatte, wo ich doch mehr essen sollte, ich sei doch schon „so dünn geworden“. Das ist auch so eine Bemerkung die man häufig hört, woraufhin ich mir längst vorgenommen habe, ob ich nicht irgendwem mal einfach sagen sollte: „Du hast aber einen dicken Arsch gekriegt und erstmal der Bauch“. Mit welchem Recht sagt man also den Leuten, sie seien aber dünn geworden oder gar viel zu dünn?
Nun jedenfalls, als ich eben zu laufen beschloss – allerdings nicht um das Klima zu beschützen, denn ohne atmen geht das nicht, sondern weil ich unbedingt wirklich der Rettungsmaßnahme bedorfte, durch die freie Luft einige Kilometer zu machen – bemerkte ich den perfiden Gedanken wie Grünspan in mir aufsprossen, daß da, in dem Raum mit den niedrigen Decken, die Gedanken, und was das Gehirn sich sonst noch zur Selbsterhaltung zu benötigen einbildet, nicht so wirklich ganz frei waren.
Vielleicht war es auch deswegen, daß ein anderer, nach befriedigter Fleischeslust, plötzlich schwer zu atmen anfing oder Hitzewellen bekam – oder irgendwas bereitete ihm jedenfalls Unwohlsein. Vielleicht lag es auch an etwas anderem, als an dem Huhn (oder war es Lamm?) das er gerade gegessen hatte, aber bestimmt nicht daran, daß, wie er also sagte, hier im Raume „zu viel CO2“ sei. Auweia! Zu wenig Sauerstoff vielleicht, das mag sein. Das hats schon immer gegeben in vollen Räumen. [Und jetzt – mit Masken – wird der Sauerstoff noch knapper und die Beschwerde über das zuviele CO2, nämlich per Rückatmung! wäre endlich angebracht]
So floh er kurz mal vor die Tür, vermutlich um Luft zu schnappen, wo ich mich schon vorher etwa fünf Mal innerhalb von 2 Stunden zum Rauchen hin verzogen hatte. Auch er übrigens ist eigentlich überhaupt nicht dumm und mir auch sonst keinesfalls unsympathisch, so wie die gesamte Runde durchaus aus sympathischen Menschen bestand, die keiner Fliege was zu Leide tun könnten – und schwürre sie noch so garstig über dem Nackensteak herum.
Aber genau das ist eben das Problem; es kann noch so nett und eher gelassen vor sich gehen, trotzdem wird mir auch bei solchen Zusammentreffen manchmal einfach nur übel und auch hin und wieder übel mitgespielt; hintenrum, mit kleinen verbalen oder bloß gedanklichen Spitzen, und wohl ohne, daß sie es böse meinen oder eben selber merken. Wie auch? Sie sind ja noch fortwährend damit beschäftigt, im kommunikativen Austausch mit anderen Leuten nur hauptsächlich sich selbst wiederzukäuen und dabei ca. 40 mal während des Essens aufs Smartphone zu schauen.
Nee dazu habe ich eigentlich keine Lust mehr. Daher auch die vielen Raucherpausen und deswegen setze ich mich immer an den Rand des Tisches, so müssen die anderen nicht immerzu auch aufstehen, nur weil ich mal unbedingt schnell raus muß. Da bin ich eben sehr rücksichtsvoll.