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ENTWURF 
zur Sumpfgeschicht Teil II 
General Schreiber-Ordinance, 3. Capitul:
Von der Einbürgerung ausländischer Worte in den deutschen Sprachgebrauch
hergestellt im Mai 2016 / korrigiert & verbessert Sommer 2018
Ergänzungen folgen recht zeitig

Titelblatt

Sumpfgeschicht Teil II.

Nothwendige General Schreiber-Ordinance wider die Schreibtisch-rebellion
und was dergleichen Crisen mehr gewesen,
etc

3. Capitul:

Von der Einbürgerung ausländischer Worte in den deutschen Sprachgebrauch

Eine Transskription von Jermain Foutre le Camp
nach der handschriftlichen Urfassung von Urbald Freiherr von Oberhand

Hinweis des Herausgebers

Zum Besseren Verständnis über den Aufbau dieser Schrift möchte der Leser das Signatum und weitere Informationen zur Textgestalt → hier einsehen.
Für die Kurzgebundenen sei vorab nur soviel erklärt, daß der Autor dieser Schrift, Urbald Freiherr Oberhand, hin und wieder Anweisungen an mich, den Kopisten dieses Machwerks, in extrablauer Tinte noch hinzusetzte, die ich in währender Transkription dann wiederum mit rotgefärbten Erwiderungen kommentierte. Zugleich waren hier und da einige Eingriffe nötig, die ich mit entsprechend gefüllten eckichten Klammern [ ] mitten in den Text setzte. In der Handschrift nicht entzifferbare Stellen werden mit [unleserliche Passage], unsichere Deutungen mit [?] und Zusätze des Herausgebers durch entsprechend erfüllte [ ] kenntlich gemacht, dies immer in rot. Die meisten Eigenheiten des Originals in Syntax, Orthographie, Flexion, Groß- und Kleinschreibung werden beibehalten, um so die Originalität des Werks und dessen historische Bedeutsamkeit zu bewahren. Das Gleiche gilt für die von UFO zitierten Werke anderer Autoren.

JFlC, August 2016/1746


Vorwort

„[68] Was die Einbürgerung betrifft, ist solche bey guter Gelegenheit nicht auszuschlagen, und den Sprachen so nützlich als den Völckern. Rom ist durch Auffnehmung der Fremden gross und mächtig worden, Holland ist durch Zulauff der Leute, wie durch den Zufluss seiner Ströhme auffgeschwollen; die Englische Sprache hat alles angenommen, und wann jedermann das Seinige abfodern wolte, würde es den Engländern gehen, wie der Esopischen Krähe, da andere Vögel ihre Federn wieder gehohlet. Wir Teutschen haben es weniger vonnöthen als
andere, müssen uns aber dieses nützlichen Rechts nicht gäntzlich begeben.
– [69] Es sind aber in der Einbürgerung gewisse Stuffen zu beobachten,
dann gleichwie diejenigen Menschen leichter auffzunehmen, deren
Glauben und Sitten den unsern näher kommen, also hätte man ehe in
Zulassung derjenigen fremden Worte zu gehelen [?], so aus den Sprachen
Teutschen Ursprungs, und sonderlich aus den Holländischen übernommen
werden könten, als deren so aus der Lateinischen Sprache
und ihren Töchtern hergehohlet.“ [1]
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)


Verständiger Leser, ermahnter Schreiber,

es wird euch nun anfänglich nicht entgangen sein, daß ich [Urbald Freiherr Oberhand] das obige citat zwar wieder von Leibniz hergebracht habe, nicht aber wurde es etwan seiner in Capitul 2. ausgelegten Mahnschrift [Ermahnung an die Teutsche ihren Verstand und Sprache besser zu üben… etc.] entnommen, sondern einer nicht weniger unbekannten Schrift, bei deren Lectüre dem einen oder anderen vermutlich desto mehr Blut aus dem Gesicht entweichen möchte als voritzo geschehen, als da heißt: …*
Herr le Camp schaun Sie das mal nach, ich finde das Original wieder nicht.

[1] Gottfried Wilhelm Leibniz: Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der Teutschen Sprache…. (um 1697)
Buchvorlage: Angabe folgt
Textgrundlage 1: Paul Pietsch: Leibniz und die deutsche Sprache (III). In: Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, Vierte Reihe, Heft 30 (1908) 313-356 und 360-371. PDF
Pietsch stützte sich vor allem auf den Druck von 1717, zog für die Textherstellung aber auch die drei Original-Handschriften in Hannover [?] heran.
Textgrundlage 2: Abhandlung über die beste philosophische Ausdrucksweise: zum Gedächtnis an d. 14. Nov. 1716 ; Ermanung an die Teutsche, ihren Verstand und Sprache besser zu üben ; unvorgreifliche Gedanken betr. die Ausübung und Verbesserung d. teutschen Sprache , Leibniz, Gottfried Wilhelm ; Pietsch, Paul, Berlin, 1916
Digitale Fassungbearbeitet von Thomas Gloning: Leibniz, Unvorgreifliche Gedanken (um 1697) http://www.staff.uni-giessen.de/gloning/tx/lbnz-ug.html (link nicht mehr gültig)

Neben diesem Glanzstück werden wir dem Leser in nachfolgenden Teilen noch weitere etliche unbesehene, da längst vergessene Schriften eröffnen, sowohl Leibnützens als auch anderer Gelehrter, [folgt überwiegend erst in Capitul IV] auszugsweise und mit dem Versuch einer tieferen Ergründung derjenigen sonderbaren Einflüsse, die so wohl in der Sprache – als auch im wirklichen Leben zu finden sind, was dem gemüthlichen Leser wohl gefallen möchte.

Können ihm jedoch nur den geringsten Teil vor die Augen schreiben und ihm allenfalls dareingehend was zu Bedenken geben, daß wir etliche Bereiche links wie rechts haben müssen liegen lassen, darüber in Erwägung zu ziehen sicherlich noch allerhand mehr zur Verfügung gestunden, bin jedoch nicht gewillt, meinen Scribenten für diese Sache gänzlich aufzuopfern. Denn

„Nun wäre (zwar) noch übrig vom Glantz und Zierde der Teutschen Sprache zu reden, will mich aber damit anietzo nicht auffhalten, dann wann es weder an bequemen Worten noch tüchtigen Redens-Arten fehlet, kommt es auff den Geist und Verstand des Verfassers an, um die Worte wohl zu wehlen und füglich zu setzen. … Und weil dazu viel helffen die Exempel derer, so bereits wohl angeschrieben und durch einen glücklichen Trieb der Natur den andern das Eiss gebrochen, so würde nicht allein nöthig seyn ihre Schrifften hervor zu ziehen, und zur Nachfolge vorzustellen, sondern auch zu vermehren, die Bücher der alten und auch wohl einiger neuen Haupt-Autoren in gutes Teutsch zu bringen, und allerhand schöne und nützliche Materien wohl auszuarbeiten.“ [2] Leibniz, am angeführten Orte

Dies eben mag einer alleine, wenn er vor dem Publikum bestehen möchte, nicht schaffen, sondern muß er hierzu einen Grund und Boden bereiten, wo all das dereinst schon ausgesät und mit alten Wörtern von Hochgelehrten Männern beschrieben wurde, die keine Feindschaft mit dem Fremden im Sinne hatten, aber eine Erhaltung dessen, was ihnen von Geburt an eingeschrieben – so nämlich die deutsche Sprache, anzustreben. Und so wie eben damals ist, wie vorerzählter Maßen schon ausführlich behandelt wurde [Kapitul 2], in der heutigen Zeit eine allgemeine Sprachveränderung hier wie dazulande nicht zu vermeiden und muß auch nicht verhinderlicht werden. Wo die völker untereinander in Austausch geraten, gerät auch die Sprache in Austausch, was mitunter zu besserem oder schnellerem verstehen hilft; nicht allerdings sollte der Begriff des Austauschs als eine Auswechslung aufgefasst werden, wollen wir uns doch mit jemandem über etwas austauschen und nicht durch jemanden ausgetauscht werden, dahero weiterhin zu verstehen, daß ein Austausch zwischen den Völkern etwas anderes ist, als ein Austausch der Völker.

Gehen wir zunächst einen Schritt zurück in die historia Deutschlands, so finden besonders nach dem 30jhr Krieg [1648] viele Klagen darüber, wie insbesondere das Französische hätte zuviel Einzug in die deutsche Lebens-, Sprech- und Schreibweise gehalten, was manche damals noch deutlich vom deutschen unterschieden und entweder als nachahmenswert befürworteten oder als überflüssige Nachäffung verabscheuten.
Andere hingegen haben beides recht verständig untereinander abgewogen, wozu eindeutig Hr Chr Thomasius [*] zu zählen, der im Ganzen das Französische nicht ablehnte, sondern durchaus Entlehnungen empfahl, allerdings in der Introduktion seiner Abhandlung gegen dergleichen Einflüsse besser vom Leder zog, als jeder andere zuvor oder hernach. Daher gebe ich diese einmal sehr anschaulich wieder:

„Meine Herren
Es ist kein Zweiffel/ und schon von vielen angemercket worden/ das wenn unsere Vorfahren die alten Teutschen anitzo auferstehen und in Teutschland kommen solten/ ihnen im geringsten nicht düncken würde/ das sie in ihren Vaterlande und bey ihren Landsleuten wären/ sondern sie würden sich vielmehr einbilden/ das sie in einem frembden Lande bey unbekanten und gantz andern Menschen sich auf hielten; so grosse Enderungen sind/ ich will nicht sagen/ in tausend/ sondern nur in etlichen hundert Jahren darinnen fürgegangen/ unter welchen nicht die geringste ist/ das da für diesem die Frantzosen bey denen Teutschen in keine sonderliche Hochachtung kom̄en/ heut zu Tage alles bey uns Frantzösisch seyn mus.
Frantzösische Kleider/ Frantzösische speisen/ Frantzösischer Hausrath/ Frantzösische sprachen/ Frantzösische sitten/ Frantzösische sünden ja gar Frantzösische Kranckheiten sind durchgehends im schwange. Solten wir uns nun nicht billig schämen (so wir ja nichts anders bedencken wolten) das wenn unsere Vorfahren einen Blick in die ietzige Welt thun solten/ sie an statt ihres gleichen in Teutschland anzutreffen dasselbige mit teutschen Frantz-Männern besetzet finden würden/ welche von denen uralten Gebräuthen so gar abgewichen sind/ das von selbigen fast nicht das geringste mehr/ welches uns von den vorigen eine Anzeigung geben könte/ übrig blieben; ich meine ja sie würden uns als unechte Kinder und Bastardte anspeyen/ und uns eher mit unsern Frantzösischen Bärtgen für feige und weibische Memmen als ansehnliche wackere Männer achten; ich meine sie würden uns entweder einen derben und nachdrücklichen Verweis geben; oder aber uns nicht einmahl ihres Zorns würdig achtende mit einen bittern Gelächter von sich stossen.“[3]

[3] „Christian Thomasius (1655-1728) eröffnet Der studirenden Jugend zu Leipzig in einem Discours Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle?“, Leipzig 1690, Weidmann, 1. Auflage, Bibliothek: SLUB Dresden, Signatur: SLUB Dresden, Hist.univ.B.232,misc.27

Nachdem der lustige Leser dieses nun gestudieret hat gebe ich ihm hiermit umständlich zu vernehmen, wie daß er durch bloße Entfernung des Wortes frantzösisch leichtlich urteilen könnte, wo wir uns heute befinden, wenn er es beispielsweise mit dem Wort „englisch“ oder „amerikanisch“ (das gewiss englisch heißt, mir aber häufig wie ein im Elende verendetes englisch erscheint) verwechselte.

Sage dannenhero: Amerikanische Kleider / Amerikanische speisen / Amerikanischer Hausrath / Amerikanische Sprache / Amerikanische sitten / ja gar Amerikanische Kranckheiten sind durchgehends im schwange.

Oder ist es denn etwa nicht so? Schaue er sich doch einmal im Flimmerkasten an, wie einige Helden in den frühen 1970er Jahren in Amerikam bereits mit Bechern aus Karton ihren Kaffee auf der Straße trunken und während des Gehens in mit Papier umwickelte Fleischbrötchen bissen, während zu gleicher Zeit hierzulande man allenfalls ein Kaffehaus mit Platzdeckchen aufsuchen gehen konnte und vielleicht eine Wurst unterwegens am Stehplatz einnahm. Heute aber geht jeder mit eben so einem Pappbecher und Schnellfutter in davon triefenden Händen seiner Wege.

Doch dem nicht genug: Denn wann wir in früheren Tagen einen übermäßigen Einfluss und volksbreite Nachäffung des französischen Art (als sprech, schreib und lebeweise) beklagten, konnten wir im gleichen Maße ein verstärktes Auftreten der sog. „Venusseuche“ verzeichnen, die unserem Geschlecht bis dahin gänzlich unbekannt. Nun aber kamen (nicht zwar allein mit den Franzosen, sondern) durch unsere Nachahmung der franz. Art etliche Aussätze und Geschwülste übers Land gezogen, die wir dann in summa schlicht einen „Frantzosen“ nannten, indem wir sagten: er hat den frantzosen. Davon gibt es der Klageschriften viele, uns soll hier aber Peter Bürgerns Schrift gereichen, allwo er unter anderem frägt:.“Wie ist an einer Wunde zu erkennen/ ob der Verwundete die Frantzosen habe/ oder nicht?“ oder „Wann einer die Frantzosen aussen herumb umb die Naasen hätte/ wie ist er zu curieren?“ [4] und dergleichen.

[4] Peter Bürgern: „Candidatus Chirugiae, Das ist Kurtze doch gründliche Erörterung/ Aller und jeder fast erdencklichen Anatomischen und Chirurgischen Fragen Von allerhand euserlichen und innerlichen Wunden/ schäden und Gebrechen des gantzen Menschlichen Cörpers/ Allen angehenden Chirurgis hoch nöthig Aus den besten/ so wol alten als neuen Chirurgischen Autoribus, wie auch eigener Erfahrung mit Fleis zusammen getragen“, Grentz 1692,
1. Auflage, Bibliothek: SLUB Dresden, Signatur: SLUB Dresden, Chirurg.414

[Weitere Empfehlung diesbzüglich: „Die belägert- und entsetzte Venus, Das ist/ Chirurgische Abhandlung Der sogenanten Frantzoßen/ Auch Spanischen Pocken-Kranckheit/ Drüpper/ Sjankert/ Klap-Ohren/ [et]c. … : Worinnen derselben/ Vornemlich auf des weltbekanten Cartesii Gründe/ befestigte sichere und unfehlbare Cur vollkömmlich angewiesen wird“ von Wierus, Johannes / Blancard, Stephan. Göttingen: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek. Signatur:8 MED PRACT 1654/85 (1)]

Daraus zu schließen, dass, wie seinerzeit das übermässig nachgeahmte Französische, heute die übermassige amerik. Art (oder die Aussätze darvon) ebenfalls wieder Krankheiten im Lande befördert, die uns vielleicht, um darin kurz zu bleiben, im körperlichen Gebiet als Fettlaibigkeit, und im geistigen Gebiete als Unterernährung zum Schaden gereichen, darvon wir vielfache Beweise zur Ansicht täglich zu sehen bekommen.

Analog dieses Vorhabens mit Blick auf die Sprachliche Gesundheit können wir nun das Folgende hinzu fassen, ohne uns in Schwieritäten zu begeben:

„21.) Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen solte, so fast nichts Gutes schwanen machen dörffte, weil die Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit und ein fremdes Joch mit sich geführet.“ [5] Leibniz, a.a.O.
“ 73.) Die Lateinische, Frantzösische, Italiänische und Spanische Worte belangend (dann vor den Griechischen haben wir uns nicht zu fürchten) so gehöret die Frage, ob und wie weit deren Einbürgerung thunlich und rathsam, zu dem Punct von Reinigkeit der Sprache, dann darin suchet man eben zum Theil die Reinigkeit des Teutschen, dass es von dem überflüssigen fremden Mischmasch gesäubert werde.“ [6] Leibniz, a.a.O.


Wie in der Sprache, so in der Ernährung; wobei wir durchaus bedenken sollten, daß mit der Ernährung und Bepflanzung der Erde begonnen werden sollte. Wo aber das nicht geschieht, so kann man wenigstens herleiten, da verfällt auch die Sprache. Und so eben auch der Umgang miteinander, etc. pp. Daher können wir durchaus von einer Säuberung/Bereinigung zu sprechen, wenn wir es, mit dem Ziel der Heilung, im Sinne einer Entgiftung, verstehen. Von da aus dann ist der Aufbau des erfrischten und zu erneuernden Körpers vom Grunde auf anzustreben, also mit natürlichen, urwüchsigen und gehaltvollen Produkten im Nahrungsgebiet, so wie mit den ursächlichen und gehaltvollen Begriffen im Sprachgebiet, wie schon Campe [Joachim Heinrich Campes Wortschöpfungen, s.u.], den Begriff der Kultur in desto begreiflichere Weise auszudrücken vorgeschlagen, in dem er dafür sagte: Geistes-Anbau.

Doch bleibe zunächst bei Leibniz:

„27.) Ich will doch gleichwohl gern jedermann recht thun, und also nicht in Abrede seyn, dass mit diesem Frantz- und Fremd-entzen auch viel Gutes bey uns eingeführet worden; man hat gleichwie von den Italiänern die gute Vorsorge gegen ansteckende Kranckheiten, also von den Frantzosen eine bessere Kriegs-Anstalt erlernet, darin ein freyherrschender grosser König andern am besten vorgehen können; man hat mit einiger Munterkeit im Wesen die Teutsche Ernsthafftigkeit gemässiget, und sonderlich ein und anders in der Lebens-Art etwas besser zur Zierde und Wohlstand, auch wohl zur Beqvemlichkeit eingerichtet, und so viel die Sprache selbst betrifft, einige gute Redens-Arten als fremde Pflantzen in unsere Sprache selbst versetzet. [7] Leibniz, a.a.O.
28.) Derowegen wann wir nun etwas mehr als bissher Teutsch gesinnet werden wolten, und den Ruhm unserer Nation und Sprache etwas mehr behertzigen möchten, als einige dreyssig Jahr her in diesem gleichsam Frantzösischen Zeit-Wechsel (periodo) geschehen, so könten wir das Böse zum Guten kehren, und selbst aus unterm Unglück Nutzen schöpffen, und so wohl unsern innern Kern des alten ehrlichen Teutschen wieder herfür suchen, als solchen mit dem neuen äusserlichen, von den Frantzosen und andern gleichsam erbeuteten schmuck ausstaffieren.“ [8] Leibniz, a.a.O.

Es ist also gewiss unnütz und verspricht keine verbesserte Aussicht, wenn wir als Deutsch sprechende Menschen den Erhalt unserer Sprache insoweit einforderen, als daß wir ihr vermittelst eines Reinheitsgebots alles fernländische wieder zu entziehen vermöchten. Denn wollte jemand dieses unternehmen, müßte er einen Großteil aller Begriffe aus den lexica streichen und hätte, ohne Erinnerung an eine der vielen frühgermanischen Sprachformen, welche ohnehin kaum schriftlich verzeichnet, so gut als gar keine Ausdrucksmöglichkeiten mehr zuhanden. Es käme dem Versuch gleich, aus einer mit etlichem Gewürz gekochten Erbsensupp nicht allein die Erbsen wieder als Ganze herzustellen, sondern auch die Gewürze dem Ursprungslande wieder zuzuordnen. Man entzöhe dieser Erbsensupp auf diese Weise alles Nahrhafte und Geschmackliche und es bliebe dennoch nichtmal reines Wasser, sondern ein getrübtes. Durchaus aber könnten wir das Wort selbst, als die Erbsensupp hernehmen und gliedern und sagen Erb Sens Up, und uns mit solch spielerischen Unsinn weiterhin viele trostreiche Gedanken machen.

Da wir mit erweiterter Sprache auch (in diesem Rahmen) zu einer erweiterten Einsicht fähig sind, wissen wir sehr wohl, daß eine Vermischung der urwüchsigen Sprachen und jeweils heimischen Lebensmittel schon seit langem stattfindet und das ist auch nicht von der Hand zu weisen, noch in irgendeiner Weise aufzuhalten, denn das ist dem natürlichen Lauf der Dinge geschuldet und muß nicht zwingend die Völker beschweren. Finden wir heute einem Haufen Schund und Schand in allen Bereichen vor, so mögen die Beschwerden darüber teils berechtigt, teils auch verfehlt sein, denn manches ist beschwerlich, doch manches auch eine Erleichterung, und es ist ein Starrsinn, sich über Erleichterungen zu beschweren, nur weil sie gegen principi verstossen, die auf engstirnichtem Grund gebaut. Oder, um es weiter mit Leibniz zu sagen:

„23.) Gleichwie nun gewissen gewaltsamen Wasserschüssen und Einbrüchen der Ströhme nicht so wohl durch einen steiffen Damm und Widerstand, als durch etwas so Anfangs nachgiebt, hernach aber allmählig sich setzet und fest wird, zu steuren; also wäre es auch hierin vorzunehmen gewesen. Man hat aber gleich auff einmahl den Lauff des Ubels hemmen, und alle fremde auch so gar eingebürgerte Worte ausbannen wollen. … Solches aber, wann es mässiglich geschicht, ist weder zu ändern noch eben zu sehr zu tadeln, zu Zeiten auch wohl zu loben, zumahl wenn neue und gute Sachen zusamt ihren Nahmen aus der Fremde zu uns kommen.“ [9] Leibniz, a.a.O.

Diesen Gedanken teilt („Leibnitz hat Recht“) [10] auch [Joachim Heinrich] Campe in seinem Werk Ueber die Reinigung und Bereicherung der Deutschen Sprache, in dem er viele Sprachgelehrte aus vormaliger Zeit dahingehend anzweifelt, als „daß man überhaupt die Grundsätze und Regeln der Sprachreinigung und Sprachbereicherung, die wir hier entwickelt haben, noch nicht gehörig auseinander gesetzt und auf etwas recht Bestimmtes gebracht hatte, und daher mehr nach einem blinden Gefühl und aufs Geratewohl, als nach leitenden und vor Abwegen sichernden Gesetzen der Vernunft und des guten Geschmacks dabei verfuhr.“

[10] Campe, Joachim Heinrich (1746-1818)
Ueber die Reinigung und Bereicherung der Deutschen Sprache : Dritter Versuch, welcher den von dem Königl. Preuß. Gelehrtenverein zu Berlin ausgesetzten Preis erhalten hat / von Joachim Heinrich Campe’n Herzogl. Braunschweig. Schulrath
Verbesserte und vermehrte Ausgabe
Braunschweig : Schulbuchhandlung, 1794
Fundort: Universitätsbibliothek Greifswald ()
Signatur: UB Greifswald <520/Bk 179>
Link: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:gbv:9-ppn00618012478-3

Dennoch ist zu bedenken, wie Leibniz sagt: „wenigstens solte man sich befleissen, das Frantzösische nicht an des Teutschen Stelle zu setzen, wann das Teutsche eben so gut, wo nicht besser; welches ich gleichwohl gar offt bemercket habe.“ [11] Leibniz, a.a.O.

Wo aber die Sprachen neues entwicklen, da sie sich im Austausch befinden und ineinander übergehen, mus nicht gleichsam eine Vermischung der Mentalitäten einherogehen, denn auch dies ist kein Austausch im Sinne der Gleichbehandlung. Ebenso verhält es sich mit den Kulturen, wenigstens nicht der angestammten. Schon der Begriff cultur ist ein mehrdeutiger, vielsagender Begriff und meint nicht nur die geistigen Güter, sondern das Land und Bodengut und die Produkte, besser die Erzeugnisse daraus sind Teil unserer Kultur. Daher hat [Joachim Heinrich] Campe [1746-1818] oder war es [Johann Christoph] Adelung [1732-1806] oder bereits [Philipp von] Zesen [1619-1689]? Herr le Camp das müßen Sie noch prüfen auch den Begriff „Kultur“ gegen die Worte „Boden-Anbau“ und „Geistes-Anbau“ längst zu verändern vorgeschlagen hatte.

[Verdeutschungen durch Campe, Adelung, von Zesen und anderen siehe weiter unten]

Anders als wie bei den sprachen sind da gewisse Grenzen vonnöthen; hier kann nicht der Kartoffelbauer über die angrenzenden Kohl- und Möhrchenfelder seiner Nachbauren schreiten und seine Keimlinge dazwischensetzen, weil er die Kartoffel für das höhere Gut hält. Dieweil beide den gleichen Gesetzen unterworfen sind, können sie doch nicht auf einerlei Art zu Wercke gehen und nicht dem anderen die eigene Handhabung als die bessere vorschreiben, sondern hat sich ein jeder zuvorderst auf seinem Felde um das seinige zu sorgen. Denn hat sich ein jeder gleichmäßig diesen Erforderlichkeiten hingegeben, ist für Gleichwertigkeit gesorgt und man kann sich über den Zaun mit seinem Nachbauren bereden und auch das eine oder andere Körblein Gemüse tauschen.

Von nichts anderem sprach oberwähnter Leibniz, wenn er in seiner vorbemerkten Schrift sagte:

„Dann Unser Teutsche garten mus nicht nur anlachende Lilien undt Rosen sondern auch süse Äpfel und gesunde Kraüter haben. Jene verlieren bald ihre schöhnheit und geruch, diese lasen sich zum gebrauch behalten … .“ [12] Leibniz, a.a.O.

Woraus ich in summa ableite, man müsse das eine bewahren, als auch das andere willkommen heissen, und das willkommen geheissene annehmen und integriren – sofern es sich mit dem zu Bewahrenden verträgt; das ja den ersten Schritt des Entgegenkommens unternahm, indem es sich öffnete, und demnach alles Fug und Recht hat, den Verlauf zu bestimmen, anstatt daß es sich in dieser Offenheit ausplündern zu lassen angeboten hatte.

Diese aus kulturellen Gütern sich herausbildende Mentalität tät ich als ein eigen Gut benennen, daß getauscht und auch ergänzt werden kann, doch ein anderes einzuführen – bei gleichzeitigem oder folgendem Verzicht der eigenen alteingessenen jedoch nicht mehr erinnerten Dingsbumms [Güter, Mentalitäten, Tugenden?] – das wird zu einem irreleitenden Possenspiel ausarten, dessen Folgen schlimmer sind, als die ursachen die zu diesem folgenschweren Zustand erst führten. Und hierbei ist, das werden wir noch verstärkt erleben, die Anwendung der Sprache nicht vielleicht der wichtigste, aber ein wichtiger Faktor.

„Nun ist zu wünschen, dass auch der Teutschen Verstand nicht weniger obsiegen, und den Preiss erhalten möge; welches ebenmässig durch gute Anordnung und fleissige Übung geschehen muss. Man will von allem dem so daran hanget, anitzo nicht handeln, sondern allein bemercken, dass die rechte Verstandes-Ubung sich finde, nicht nur zwischen Lehr- und Lernenden, sondern auch vornehmlich im gemeinen Leben unter der grossen Lehrmeisterin, nehmlich der Welt oder Gesellschaft, vermittelst der Sprache, so die menschlichen Gemüther zusammen füget.“ [13] Leibniz, a.a.O.

Es ist demnach jede kultur in sich begründet und wo sie daheim ist, da hat sie es gemüth-lich, und da soll sie beschützet werden, das Gemüth eben gleichsam, doch halte ich dafür, dasz hier die Oberhand nicht von einer polit. classifizirten Obrigkeit, bzw. politisch infizierten Klasse obrigkeitlich geführt wird, sondern im kleinsten Gemeinwesen jeder Einzelne dafür sorge trägt, wo er gerade steht und geht und sät und mäht, auch im Sinne von Mäh, wie beim Schaf häufig zu vernehmen.
Und das kleinste Gemeinwesen beginnt im Austausch miteinander (im Gegensatze zu der oben beschriebenen Art von Austausch: der Ersetzung des Einen durch das Andere, statt der Hin- und Wiedergabe wie im Tausche), demnach im Gespräche oder Schriftwechsel miteinander – wer aber läßt sich hier bereits von einer Obrigkeit vorgeben, wie zu reden, zu schreiben oder zu fiedeln sei?
Während wir die Kultur schaffen, stellen, pflegen und verbreiten, hat die Obrigkeit sich darein nicht zu mischen, sondern allenfalls, solange rechtmäßig gewählt, die Rahmenfelder zu ermöglichen und beschützen, und zwar nur die, zu den von uns gewünschten Vorhaben in richtung unserer vergnüglichen oder wohltuenden Weiterentwicklung. Wo davon neue anzustreben anberaumt werden, welche vor der Wahl nicht zur Auswahl stunden, da möchte über das Einzelne nochmals abgestimmelt werden; sonsten ist es ja keine Beteiligung des Volkes an dem Entscheid, sondern eine vorhero durch das Volk freiwillig herbeigeführte Ermächtigung von Diktatoren, daß sie ihm bitte in die selbstausgewählte Suppe rühren möchten, was immer diese Ermächtigten gerade wünschen.

So ist es auch bei der Viralmachung von kulturellen Gütern oder Denkvorgaben. Der Obrigkeiten Denkvorgaben sind jedoch dünngeistig und darin befangen, den Begriff der Kultur immer nach der Richtung auszulegen, wie es ihnen nach dem prinzip der hirachie von immer nochmals höher gestellten Obrigkeiten vorgekaut wird; welche wiederum nicht etwan der Kultur, sondern einem Kultus folgen, was wiederum ritueller Natur ist und eben nicht ein Vorgang in Anpassung an natürlicher schöpferischer Entwicklung, so daß ein Kulturministerium eher Kultus-ministerium genannt werden sollte, da es im Gegensatz zum eingeteutschten Wort kultur das richtige lateinische Wort wäre und so auch besser an ein lat. ministerium passt; was eine Belegschaft aus Dienern, Gehilfen, Helfershelfern und Untergebener (ministre=dienen, gehorchen) bedeutet, also Dienerschaft. Wem sie aber dienen, das sei an ihren Taten [eher Beschlüssen, für die Umsetzung sind wir mitverantwortlich] festzustellen.

Die Endung ur zeigt uns zudem ja an, daß wir einen lateinischen oder französischen Begriff ohne viel Änderung ins deutsche übernommen haben, wie z.B. bei sich stets in Bewegung befindlichen Geschehen, als Manufaktur, Prozedur, Konjunktur, Kultur, Natur, (aus denen wir dann im Verb nicht ieren, sondern iren achen sollten, produziren, studiren) aber auch bei Eingriffen zur Verbesserung, Verschönerung, Verkleidung der sich dortheraus entwickelten Resultate durch entsprechende Korrektur, Politur, Makulatur, Reparatur oder auch Frisur; gleichsam können sie auch den einstweiligen Abschluß einer gewissen Entwicklung beschreiben, besonders bei solchen, die auf der Grundlage heuchlerischer Werte begangen wurden wie Diktatur oder in gegenwärtigen Zeiten auch das Abitur (abiturire = fortgehen werden), am Ende nur eine Bescheinigung darüber ist, daß wir schon am Anfang einen Irrweg begangen haben und zum Behuf unserer gesunden Weiterbildung nicht weiter auf dessen principo dermaßen aufbauen sollten, als wäre dies ein besonders hochzuschätzendes Gut.

Meinethalben sollen wir die Worte, so auf ur enden und zumeist lat Herkunft / Urkunft sind, doch gerne beibehalten. Noch lieber habe ich allerdings solche Worte, denen das ur als Vorsilbe vorangestellt ist, wie beim Urwald, Urgestein, Urzeit und dergleichen, verweisen sie doch auf einen Ursprung der über alles Begriffliche hinausgeht und mit Worten im Grunde nicht erfasst werden kann. Aus einsehbaren Gründen habe ich für meinen Teil [für wessen Teil auch sonst] solche Worte ganz besonders gern, während ich meinen Hofscribenten ja nicht umsonst in französischen livree sich zu kleiden angeordnet habe, das ja teils aus dem romainisch-lateinischen, teils aus dem frankisch-dtsch herrührt und so immerhin noch auf verwegenere Wurzelen verweist, gleichwohl gegenwärtiger scribent seinen Ur-Sprung sicherlich als deutsch reklamiert und woheraus seine inwohnende Natürlichkeit oder gar eigentliche Natur auch hervorscheint.
Das Wort Natur (natura) ist nativ lateinisch und das ist ja nicht gleich der Umwelt, die auch unnatürlich sein kann, derhalben ich den Begriff Natur vorziehe, genauso wie ich dafür halte, durchaus sowohl Land, als auch Nation [„Natio, die eingebornen Einwohner eines Landes, so fern sie einen gemeinschaftlichen Ursprung haben, und eine gemeinschaftliche Sprache reden“, Adelung] sagen zu dürfen, erscheint die Nation zwar etwas künstlich konstruiertes, enthält aber über die Wurzel nat das native, natürlich geborene, gewachsene, daher man zu früheren Tagen, als Deutschland noch kein Nationalstaat [und kein NATo-Staat] im heutigen Sinne war, häufig sagte, ich bin von nation deutsch und gleichsam bei Eltern [heißt: Älteren] unterschiedlicher Herkunft auch sagen kann, er sei von nation deutsch-türkisch, deutsch-italisch, deutsch-griechisch und desgleichen Herkömmens mehr. Wer aber den Begriff Nation vermeiden will, soll gleichsam auch das Wort Natur vermeiden, es sei denn, er fasst Nation eben so weit wie Natur; und berücksichtigt bei beidem vor allem die Wurzel.

Und auch wenn es uns nicht kümmern möchte, welcher Nation jemand entsprungen, so können wir doch darauf Acht geben, welcher Sprache er zugehörig ist und was er zur Erhaltung der Wurzeln dieser Sprache, und der Sprache welche er zu sprechen beschlossen, unternimmt. Welcher Wurzel nun das „Deutsche“ ist, das sich im gewissen Sinne gar nicht auf eine einzige Sprache beschränken läßt, der besiehe, was Leibniz (und viele andere mehr) bereits festgestellt:

„42.) Es ist handgreifflich und gestanden, dass die Frantzosen, Welschen und Spanier (der Engländer, so halb Teutsch, zu geschweigen) sehr viel Worte von den Teutschen haben, und also den Ursprung ihrer Sprachen guten Theils bey uns suchen müssen. Giebt also die Untersuchung der Teutschen Sprach nicht nur ein Licht vor uns, sondern auch vor gantz Europa, welches unserer Sprache zu nicht geringem Lob gereichet. [14] Leibniz, a.a.O.
43.) Ja was noch mehr, so findet es sich, dass die alten Gallier, Celten, und auch Scythen mit den Teutschen eine grosse Gemeinschafft gehabt, und weiln Welschland seine ältesten Einwohner nicht zur See, sondern zu Lande, nemlich von den Teutschen und Celtischen Völckern über die Alpen herbekommen, so folget dass die Lateinische Sprache denen uhralten Teutschen ein Grosses schuldig, wie sichs auch in der That befindet. [15] Leibniz, a.a.O.
„46.) Stecket also im Teutschen Alterthum und sonderlich in der Teutschen uhralten Sprache, so über das Alter aller Griechischen und Lateinischen Bücher hinauff steiget, der Ursprung der Europäischen Völcker und Sprachen, auch zum theil des uhralten Gottesdienstes, der Sitten, Rechte und Adels, auch offt der alten Nahmen der Sachen, Oerter und Leute, wie solches von andern dargethan, und theils mit mehrern auszuführen.“ [16] Leibniz, a.a.O.

Und wiewohl ich demnach die aus dem Latein entlehnten nundeutschen Worte Natur und Kultur in unserer Sprache zu erhalten fordere, bin ich gleichsam für einfallsreiche Wortschöpfungen aus dem teutschen Wortebronnen, die dasjenige, das in ausländischen Sprachen schon ist benennet worden für unser Aug und Ohr zu einem noch deutlicheren Begriffe zu machen, was im Erübrigten schon hundertfach geschehen, als eben durch J. H. Campe*,

*Joachim Heinrich Campe (29. Juni 1746 – 22. Oktober 1818 in Braunschweig)  Schriftsteller, Sprachforscher, Pädagoge und Verleger zur Zeit der Aufklärung. „Campe war 1777 der Freimaurerloge Balduin zur Linde in Leipzig beigetreten, 1778 der Loge Absalom zu den drei Nesseln in Hamburg. Er trat 1780 aber wieder aus, wohl weil er in seinen karitativen Absichten enttäuscht war; jedenfalls hat er keine Loge mehr besucht.“ [17] wikipedia
1787 gründete Campe die „Braunschweigische Schulbuchhandlung“. Die Buchhandlung überschrieb er seinem Schwiegersohn, dem Berliner Buchhändler Friedrich Vieweg, dessen Verlagshaus heute das Baunschweigische Landesmuseum ist. Seinen Lebensabend auf einem Landsitz vor Braunschweig, den er selbst mit 33 000 Bäumen bepflanzt hatte. Mehr über Campe siehe bei
Hausmann, Gottfried, „Campe, Joachim Heinrich“ in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 110-311 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118518658.html#ndbcontent

der uns zur Ersetzung aussenländischer Begriffe tausende [hunderte?] neue Worte mit altvordeutschen bis indogermanischen Wurzeln hinterließ, wovon sich aber nicht alle haben durchsetzen können.

oder Ph. v. Zesen*,

*[Philipp von Zesen (8. Oktober 1619 – 13. November 1689) war ein deutscher Dichter, evangelischer Kirchenlieddichter und Schriftsteller. Gründer der Sprachgesellschaft Deutsch-Zunfft, später in die Deutschgesinnte Genossenschaft Er gilt neben Sigmund von Birken als einer der ersten deutschen Berufsschriftsteller.]

der auch nicht wenig Neues erfunden, dessen gewünschte „Zeugemutter“ anstelle von „Natur“ sich aber nicht landläufig verbreitete und der neben Herrn Campe (wir meinen nicht JFl Camp) einer der bedeutsamsten Hochgelehrten im deutschen Kultur und Geistesanbau-Gebiet gewesen, was im Übrigen zur damaligen Zeit nicht die Kenntnis einer einzigen Wisenschaft und Lehre bedeutete, sondern eine Universalgelehrtheit voraussetzte. Daher ist es gradezu erschütterlich, daß weder seine Werke, noch Campes auf den heutigen Tag in keiner einfachen Druckauslegung zu bekommen sind – ein Armutszeugnis für die Literatur- und Sprachwissenschaft, insbesondere aber für die Verlegerschaft. Dahingehend ist selbst manch populäres Intellektuellenblatt noch vor einiger Zeit gar nicht allzu fern von uns gewesen, wenn es festellte, was es heute zu Tage nicht mal mehr zu denken wagen würde: „Aber es gibt in ganz Deutschland nicht eine einzige Schule, die nach Philipp von Zesen benannt wäre. Dafür gibt es in Berlin ein John-Lennon Gymnasium. Der wortschöpferische Geist Philipp von Zesens lebt zum Glück noch heute fort, zum Beispiel in der vom Verein Deutsche Sprache ins Leben gerufenen „Aktion lebendiges Deutsch“ [18]

[18] Der Spiegel, Neue Wörter braucht das Land, 2011, → Link

Dahero zitieren ihn doch gerne:

„… Ermuntere dich doch endlich einmahl/ deine uhralte selbst von fremden Völkern so hochgepriesene Muttersprahe / darzu dich deine gebuhrt verpflichtet / auf’s beste / auf’s zierlichste / und vernunftmäßigste aus zu arbeiten : und laß dieselbe weltbekante Heldensprache / die dir deine großmühtige Vorahnen / deine tapfere Großeltern so rein / und mit fremden Sprachen so unvermängt hinterlaßen / auf deine Nachkommen eben so rein / und ohne alles ausländische Shaumwerfen / wiederum fliessen. Ja laß dir diesen unseren zwek / und diesen unseren fleis sothnig belieben / daß wir dich zum getreuen nahfolger und mitgehülfen bekommen : und billige also dasjenige/ was wir/ in unserer Genossenschaft / aus getreuem eifer / verrichten. Ach ja! ach ja! ach ja! So sei es!
Geschrieben im Erzschreine der höchstpreiswürdigen Deutschgesinnten Genossenschaft/ am ersten age des neu angebrohenen 1669 heiljahres; welhes allen redlichen Herzen friedlich/ und zur Seelen- und Leibes-wohlfahrt ersprieslich von herzen wündschet.“ [19]

[19] Philipp von Zesen (1619 – 1689)
 „Das Hochdeutsche Helikonische Rosentahl/ das ist/ Der höchstpreiswürdigen Deutschgesinneten Genossenschaft Erster oder Neunstämmiger Rosen-Zunft Ertzschrein : Darinnen derselben erster anfang/ nachmahliger fortgang/ und endlich-glüklicher ausgang … zu finden / ausgefärtigt durch Den Färtigen“
aus dem Vorbericht, S47-48
Verleger / Drucker: Cunradus, Christoffel
Erschienen: [Amsterdam] : Konrad, 1669
Online-Ausgabe:
Halle, Saale : Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2008
URN urn:nbn:de:gbv:3:1-1207
http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/urn/urn:nbn:de:gbv:3:1-1207

So haben wir beiden Sprachmeistern mannigfaltige Worte zu verdanken, von denen wir heute nicht dächten, daß sie von ihnen zum Zweck der Sprachverbesserung ausdrücklich erdacht und überleget worden.

Lasse dem Leser also zur weiteren Verwunderung eine Auswahl von Wortschöpfungen der genannten Herren nachfolgen, dabei zu bedenken, daß die Worte linkerseits, teils aus dem franz., teil aus dem lat. und davon bereits teils eingeteutscht, im damaligen Sprachgeschehen noch geläufige Begriffe waren und es folglich die neu geschöpften Worte (rechterseits) bis dahin noch nicht gegeben hat:

Herr le Camp, nehmen sie doch mal alle die Bögen zusammen, allwo ich dergleichen Wortschöpfungen gesammlet und bringen sie in eine verständige Ordnung, nicht ohne nötige Angaben für den Leser oder Criticus.

Joachim Heinrich Campes Wortschöpfungen von A-Z:

 

Zu den aus diesem zitierten Werk hier nun aufgeführten Begriffen gibt Campe folgendes zu bedenken:

„Bei denen, die ich von Andern lernte, habe ich entweder die Urheber, wenn ich sie konnte, oder doch den Ort, wo ich sie fand, treulich angegeben; andere, deren Urheber ich nicht kannte oder über die ich zweifelhaft blieb, ob sie von sonst Jemand oder von mir selbst zuerst gebraucht worden wären, habe ich mit einem * bezeichnet.“ [20]

[20] Joachim Heinrich Campe (1746-1818): „Zweiter Versuch deutscher Sprachbereicherungen oder neue starkvermehrte Ausgabe des ersten“
Schulbuchhandlung, Braunschweig 1792
Fundort: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
Signatur zum Standort der Vorlage: SUB Göttingen <DD93 A 33929>
Online verfügbar unter http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN556283988

Dieses also von Campe eingesetzte Sternchen (*) wollen wir in der Liste ebenfalls beibehalten, um erkennbar zu machen, daß er sich bei allen so gekennzeichneten Begriffen nicht sicher ist, ob er sie selbst geschöpft hat oder ein anderer. Es ist weiterhin zu bemerken und wird auch in seinen Nachfolgenden Werken oft betont, daß es sich bei seinen Wörterbüchern um eine Sammlung handelt. Dazu hat er etliche Quellen benutzt, so eben auch mehr durch Übernahme als durch Erfindung aufgeführt – mit der guten Absicht sie landläufig „einzubürgern“. Zu den Begriffen, die er von anderen übernommen oder weiterentwickelt hat, gibt er immer eine Erläuterung bei. Davon geben wir entweder ein Zitat wider oder setzen ein […] dahinter, was aus Platzgründen geschieht, so lesenswert diese auch wären.

Auf der linken Seite steht das damals oder heute noch gebräuchliche, auf der rechten Seite das von Campe neu geschöpfte oder eingebrachte Wort.
Fettgedruckt sind immer die Begriffe, die heute noch vorherrschen.
Grün sind immer die von Campe entwickelten Begriffe, die seither noch in unserem Sprachgebrauch geläufig sind. Oft genug sind beide Formen, fett und grün, noch geläufig.
Verblassend dargestellt sind solche Begriffe und Neuschöpfungen, die wir beiderseits heute kaum noch benützen.
An manchen Stellen stehen drei Punkte … statt eines Begriffs. Diese haben wir einfach mal weggelassen, damit es nicht zu viel wird.

A
Adoptiv-
Sohn = Wahl-Sohn [Adoptivkind=Wahlkind]

Von Campe hergeleitet aus „Merians (M. Merian) Beschreibung der Braunschweig-Lüneburgischen Lande.“
Allee = Baumreihe
Allianz = Verein, Bündnis, Bund *

Alternative = Wechselfall
Altar = Opferstätte, heiliger Tisch
Entwickelt durch Campe nach altfränkisch und gotischem Sprachgebrauch
Amüsiren = entweilen

Amnestie = Straferlassung, Schuldaufhebung
Entwickelt durch Campe. Inspiriert durch „Die new ausgeputzte Sprachposaun“[21]

[21] Christoph Schorer (1618-1671): Newe außgeputzte Sprach-posaun/ An die Unartigen Teutscher Sprach-Verderber : Wie auch alle redliche auffrichtige Teutscher reinen und edlen Sprach lieb- und ehrende Herren für Verunreinigung der lieben Mutter-Sprach trewmeintlich warnend. / Außgeputzet durch Einen der redlichen/ alten/ Teutschen Sprache beygethanen Freund [i.e. Christoph Schorer].1648
Standorte:
https://download.digitale-sammlungen.de/pdf/1528622637bsb11023657.pdf
HAB Wolfenbuettel (HAB Wolfenbüttel <M: Ko 314>)
PDF Digitalisat: http://diglib.hab.de/drucke/ko-314/start.htm%5D


Appetit = Eßlust *
Appüyiren (auf etwas) = auf etwas drücken [sich festlegen]
Archiv = Schriftengewölbe
Campe übernommen von: „Popowitsch.“ [Johann Siegmund Valentin Popowitsch (1705-1774), Sprach- und Naturforscher]
Aristokrat = Herrscherling
Arrest = die Haft [Verhaftung]
Arretiren = „in gefängliche Haft bringen“ [verhaften]
Assemblee = Prachtversammlung/Prunkversammlung

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Antik = altertümlich
Aquisition = Erwerb
Architektonisch = baukünstig

B
Ball = Tanzfest
Campe: „Indeß hat auch das Wort Ball, ohngeachtet es ein Fremdling ist, selbst bei Herrn Adelung […] schon das deutsche Bürgerrecht erhalten“
„Johann Christoph Adelung verfasste mit dem „Grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“ das erste und für seine Zeit maßgebliche wissenschaftliche Wörterbuch der deutschen Sprache.“ Quelle: http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/online/angebot
Bankerott [bankrott] = Bankbruch
Bastard = Blendling
Belvedere = Ein Sieh-dich-um, Aussichtshaus [o.ä.]
Berceau [Gartensprache] = Bogengang *
Bibliothek = Büchersaal, Bücherzimmer, Büchersammlung
Biscuit = Süßbrötchen [o.ä.]
Boudoir = Maulgemach / Maulzimmerchen / Schmollwinkel / Schmollkämmerchen

C

Cabinet = Fürsten-zimmer, -kammer [Cabinet ist für ein Fürstenzimmer u.ä. weiter geläufig, interessant ist jedoch, daß es sich zugleich zur (Umkleide-) Kabine aller Stände und Schichten fortentwickelt hat]
Caduk / caducirte Güter = rückfällige, verlorene Güter
Calotte = Wirbelkäppchen
Canape = Ruhebank, Faulbett, Lotterbank [vergl. Sofa=Lotterbett]
Casematte = Kanonenkeller, Stückkeller, Wallkeller, Blindgewölbe
Campe: „Kanonenkeller, (besser Stück-keller – weil kanone selbst nicht deutsch ist)“
Cannonicus = Chorherr [Chorleiter] *

Caricatur [Karikatur] = Zerrbild, Zerrgemählde
Castrat [als Begriff f.d. kastrierten Sänger: Kastrat/Countertenor] = Ohnegeil, Entgeilter, Waden, Weide, Kapaun
Censur [Zensur] = Gedankenmauthe [maut], Gedankenschau, Schriftschau
Censor = Schriftschauer
Centrum [Zentrum] = Mittelpunkt, Einigungspunkt
Übernommen von Campe aus den „Sagen der Vorzeit“.
Champignon [als Pilz] = der Drüschling, Herrenschwamm

Campe: „zwei Oberdeutsche Benennungen. Adelung.“

Chaussee = Damm, Hochweg [zweifelhaft], Straßendamm, Kunststrasse
Von Campe übernommen aus untersch. Schriften anderer.
Charlatan [Scharlatan] = Afterarzt, Marktschreier, Quacksalber, Windbeutel
Von Campe übernommen; „bekannte Wörter“
Charnier [Scharnier] = Gewinde
Campe: „ein ebenso gutes, als bekanntes deutsches Wort, und doch hört man fast immer das ausländische. Warum?“
Chronik = Jahrbuch *
Chronologie = Zeitrechnung [u.ä. Begriffe von chron=zeit] *
Changeant = schillernd

Campe nach „Adelung.“
Chor = Allsang
Campe nach „Großmann.“
Citadelle = Feste [Festung von anderer Bedeutung]
Cirkel (das Werkzeug) [Zirkel] = Kreisschreiber
Cirkel (Als Linie oder Fläche) = Kreislinie, Kreisfläche
Circuliren = umlaufen, kreislaufen, kreisen *
Clique = Spießgesellschaft [beide Begriffe noch gängig, jedoch voneinander abgelöst]
Colonade = Säulengang *
Colorit = Farbenmischung, Farbengebung *
College [Kollege] = Gehülfe, Amtsgehülfe, Amtsgenoß *
Colonie [Kolonie] = Niederlassung, Pflanzort * [Ansiedlung? s. Colonist]
Colonist = Ansiedler *
Collision
[Kollision] = Zusammenstoß, Zusammentreffen *
Commissarius = Bevollmächtigter
Commision = Auftrag, Vollmacht, Bevollmächtigte
Compagnon –
Campe: „Ist, nach Adelung, von unserm altdeutschen Kompan oder Kumpan entlehnt, welches nach Fritsch [Avater Fritsch] von dem veralteten Kume, Hülfe oder Beistand, herkömmt. Genoß [Genosse]. „


Completiren = vervollständigen *
Compliment = Gruß, Empfehlung, Verbeugung, etwas Verbindliches, Schmeichelei, etwas Schmeichelhaftes, Wortlob […] Hofworte.
Commune, Corporation = Gemein[d]e, Gesellschaftskörper.
„Staatskörper ist schon lange gebräuchlich gewesen.“

Consequent = folgerecht; Insconsequent = folgewidrig
Contrebande = Bannware, verbotwidrig
Contract = Vergleich *
Concept = Entwurf *
Contrast = Abstich *
Copie = Nachbild, Nach -stück, -zeichnung, -stich, Abdruck, Abschrift *
Copuliren = trauen; Copulation = Trauung *



Correspondiren = briefwechseln.
„Dieses neu geprägte Wort fand ich neulich im hambrugischen unparteiischen Briefwechsler (Correspondenden.)“


Courir [Kurier] = Eilbote, Schnellbote.
Coursiv [kursiv] = schiefliegende Schrift [wir sagen Kippschrift, Anm. d. Verf.]

Couvert [Kuvert] = 1. Umschlag 2. Gedeck
Cultur [Kultur] = „von Ländern gebraucht, Anbau; vom menschlichen Geite, Geistesbildung, Geistesanbau.
Cursus [Kurs] = Lehrgang

Coulisse [Kulisse] = Theaterwand

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Chaos = Wust

D

Dame, Demoiselle Campe: „diese Wörter schon jetzt aus der Umgangssprache verbannen zu wollen, hieße etwas Unmögliches versuchen. Aber was hindert uns, den Anfang der Verbannung mit der Verstoßung aus der Büchersprache zu machen? Hier wenigstens könnten wir ihrer füglich entbehren, wie schon der Umstand beweiset, daß sie in der höhern Schreibart niemals Platz gefunden haben. Vielleicht würden unsere Frauen und Jungfrauen auf diese ausländischen Rahmen von freien Stücken Verzicht thun, wenn sie sich von dem Verfasser der „Newen ausgeputzten Sprachposaun“ wollten erklären lassen, was diese Wörter in der Grundsprache eigentlich bedeuten: ‚Sollte einer erst hören, wie solche deutsche Franzosen aufschneiden, wan sie zu Jungfrauen kommen und ihre teutsche und keusche Herzen mit französischen gaylen Worten bereden wollen! Da nennen sie die Jungfrawen Damen, heisset auf lateinischer Sprach eine Gaembs oder stinkende Bergzieg.'“ [21b]
[dama (Substantiv) dama, damae N F Reh, Gemse]

[21b] Christoph Schorer (1618-1671): Newe außgeputzte Sprach-posaun/ An die Unartigen Teutscher Sprach-Verderber : Wie auch alle redliche auffrichtige Teutscher reinen und edlen Sprach lieb- und ehrende Herren für Verunreinigung der lieben Mutter-Sprach trewmeintlich warnend. / Außgeputzet durch Einen der redlichen/ alten/ Teutschen Sprache beygethanen Freund [i.e. Christoph Schorer].1648
Standorte:
https://download.digitale-sammlungen.de/pdf/1528622637bsb11023657.pdf
HAB Wolfenbuettel (HAB Wolfenbüttel <M: Ko 314>)
PDF Digitalisat: http://diglib.hab.de/drucke/ko-314/start.htm%5D


Decret = Rechtspruch, Machtspruch

Delicatesse =
Zartgefühl
Campe von Herrn von Knigge […]

Demokratie =
Volksherrschaft
Demokrat =
Volksfreund, Freund der Volksregierung
Campe: „Denn der Demokrat will nicht gerade selbst herrschen; er will nur daß das Volk durch seine Stellvertreter herrsche. Jenes will der Demagog.“

Despotismus = Herrschwuth, […]
Despot = Herrschwütrich, Zwingherr.
Campe: „Braunschw. Journ. Sept. 91. der Odenwälder.“

Diligence = Eilpost, Schnellpost.
Disponiren = schalten und walten, […]


Documentiren = belegen.


Duett = Zweigesang, Zweisang, Zweistück, Zweispiel

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Debatte = Streitgespräch

 

E


Elasticität [Elastizität] = Schnellkraft, Federkraft.

Electeuer = Wähler, Wahlherr, Kurherr. *


Energie = Vollkraft, Kraftfülle. Campe: „Der Herleitung nach […] dürften wir es freilich nur durch Kraft schlechtweg, oder durch Wirkungskraft übersetzen. …“


Etiquette [Etikette] = Hofzwang. […]
Expatriiren (sich) = sich entvaterlanden.
„Daß dies schwerfällig klingt, fühle ich so gut als meine Leser. Es ist die Frage: ob Jemand ein minder schwerfälliges anzugeben wisse? Für emigriren haben wir aus wandern.“
Das Extrem = Das Äußerste […]

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Evaluieren = auswerten
Elektrisierung = Blitzfeuerregung (von Zesen?)

F

Facade [Fassade] = Antlitzseite […]
Fanatismus = Glaubenswuth
„eine Art von Tollheit, die sich durch reigiöse Schwärmerei äußert. Ist in der Allg. lit. Zeit gebilligt worden.“
Fille de joie = Lust-Dirne […]

Franzosen, Franzen = Franken, Westfranken
Fraternité = Brüderlichkeit
„… that es mir leid, in unserer, sonst so herzlichen Sprache kein Wort dafür zu finden. Wie fange ich es denn nun an, dachte ich bei mir selbst […] und prägte Brüderlichkeit.“

Frisur = „Haarbau, oder Haarkrause, auch Haargekräusel; so wie man schon Haarkräuseler, statt Friseur, haarkräuseln, statt frisiren, sagt. (Haarkrause ist in der Allg. lit. Zeit. gebilliget worden.)“


Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Faktisch = tatsächlich

G

Genie = Hellkopf, Kraftkopf, Feuerkopf, Urkopf
Campe übernommen von Großmann.

Gestus [Gestik] = Handsprache, Handausdruck. […]
Gesten, Gesticuliren [gestikulieren] = Handbewegungen
„… Action scheint das Ganze aller Bewegungen zusammengenommen auszudrücken. Dies würde ich daher auch Geberdensprache übersetzen.“

Grad = Stufe, Gradation = Stufengang. […] *
Gradartig, gradweise = stufenartig, stufenweise.

Grazien = Holdinnen
„schon von Lohenstein gebraucht.“

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Glosse = Randbemerkung

H

Harmonie = Übereinstimmung, Einklang;
Disharmonie = Misklang *





Homogen = gleichartig; heterogen = fremdartig oder ungleichartig. *
Honorarium [Honorar] = Ehrensold, Ehrenlohn […]
Hypothese = Wagesatz
Campe: „[…] wie Wagehals, Wagestück […]“

I

Ideal = Urbild, Gedankenbild, Gedankenwesen
Identität = Ebendas-Sein, Einerleiheit.
Individuum = Einzelwesen […]

Insect [Insekt] = Kerbthier […] [von Adelung?]
Interregnum = Zwischenreich. *
Intermezzo = Zwischenspiel. *

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
invalid = dienstunfähig
inklusive = einschließlich

K

Kamin = Schornstein, Rauchfang, Schlott, Herrnesse, Wälsche Esse
Campe gemäß Popowitsch

Kritikus [Kritiker] = Kunstrichter, Schrift- oder Kunstbeurtheiler […]

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Kuriosum = Besonderheit
konventionell = herkömmlich
Kanal = Kunststrom
Karikatur = Zerrbild
Katholik = Zwangsgläubiger [siehe auch Protestant = Freigläubiger]
Kursus = Lehrgang
Kompilation = Sammelwerk
Kultur = Geistesanbau

L


Lection = Lernzahl, Aufgegebenes [Aufgabe] […]
Leibesconstitution = Campe: „Körperbau statt des gar zu langen Leibesbeschaffenheit, oder Leibesverfassung. Doch giebt es vielleicht Fälle, wo wir Leibesbeschaffenheit nicht wohl entbehren können […]“ [körperliche Verfassung]


Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
logisch = denklehrig

M

Magazin* = Vorrathshaus [Vorratsraum -keller]
*“und wenn von einem Buche die Rede ist – eine Sammelschrift.“
Majorenn =
„von einigen großjährig; warum nicht lieber volljährig oder mündig?“

Majorennität = „von einigen Großjährigkeit; warum nicht lieber Volljährigkeit oder Mündigkeit?“

Maskerade = Larventannz.
„Ist in der Allg. lit. Zeit. gebilliget worden.“

Menschenrechts-Scheue =
Campe: „wie Wasserscheue, ein neues Wort für eine bekannte neue Krankheit unserer Aristokraten; von einem Ungenannten im deutschen Merkur. Ein damit verwandtes Übel gekrönter Despoten, nannte der nämliche Verfasser: Die Alleinherrscherwuth.“


Minauderie = Schönthuerei. Minaudiren = schönthun, sich zieren.
Miniaturgemälde = Kleingemälde.
Modernisirung = Verheutigung.
„Dieses neugeprägte Wort fand ich neulich in der Hamb. neuen Zeitung.“

Monarchie = Alleinherrschaft *
Monarch = Alleinherrscher. *
Monopol = Alleinhandel. *

N

Neutral, Neutralität = untheilnehmend, Nichtteilnahme


Das non plus ultra = das Weiter-gehts-nicht
„Daß Zusamensetzungen dieser Art der Natur unserer Sprache nicht zuwider sind, davon kann das non-plus-ultra selbst einen Beweis abgeben.“

O


Original = Urbild, Urschrift, Urstück, Urmann, Urfrau

P


Paß = Geleitsbrief, enger Weg, Schlucht
Park = Lustwald,
„und insofern er zum Thiergehege gebraucht wird, Thiergarten. Schon lange üblich.“ [Seit dem Zoo leider nicht mehr so sehr, Anm. d. Verf.]

Patrouille = Streifwache * [Streife]
Pavillon = Zelthaus *
Pendant = Gegenbild, Gegenstück*

Perüke = Haarhaube, Haarmacht […]
Pikant = Prickelnd, „Oft kann es auch durch beissend, stechend, scharf, spitzig u.s.w. gegeben werden. […] Es pikirt mich = es wurmt mich, es macht mich wurmich. Sagen der Vorzeit. […] „


Pol = Dreh, oder Angelpunkt. * [Oder: Dreh- und Angelpunkt…, Anm. d. Verf.]
Postillon = Postknecht, Stafette = Postreuter. [Postbote]
Post-Station = Rast, von rasten
Campe zitiert: “ Die alten Deutschen hatten ein ihnen eigenes Maaß der Wege, welches sie Rasta nannten und dreien römischen oder zweien gallischen Leugis gleich kam. Der Gebrauch dieser Rasten ist in Deutschland noch bis zur Zeit des zweiten Stamms unserer Könige, vielleicht noch später geblieben. Dies Wort Rasta steht im ?ösogotischen neuen Testamente Matth. 5, v. 41, eine Entfernung auf der Landstraße anzuzeigen. In den runischen Gedichten wird das Wort Rast in eben diesem Verstande gebraucht. Geschichte der königl. Akad. der schönen Wissensch. zu Paris. 6ter Theil S.206″
Promenade = Wandelsbahn, Lustgang
Präsident = Vorsitzer. [Vorsitzender]
Precair = erbettelt, unsicher.
Prüderie =
„die Männerscheue oder der Männer-Ekel, wie Wasserscheue, Fleischekel. „Sprödigkeit paßt, scheint’s, zwar für viele, aber nicht für alle Fälle, wo von Prüderie die Rede ist.“

Publicität = Öffentlichkeit […]
Publikum = Gemeinwesen, auch: Welt, das Allgemeine […]
Pult = Schreiblehne, Schreibkasten.
Campe von Popowitsch.

Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
panisch = kopflos
Pause = Zwischenstille
Parterre = Erdgeschoß
Poren = Schweißlöcher
Prophezeiung = Voraussage
progressiv = fortschrittlich
Protestant = Freigläubiger [siehe auch Katholik = Zwangsgläubiger]

Q

Quadratur des Cirkels = Die Cirkelvierung, Kreisvierung. [Quadratur des Kreises]

Qualifizieren = beeigenschaften *
„klingt freilich schwerfällig; aber ein schwerfälliges deutsches Wort ist, dünkt mich, doch immer besser als gar keins oder als ein erbetteltes ausländisches. Ich wenigstens würde lieber einen selbst erworbenen Kittel von Fries, als einen erbettelten Frack von Seide tragen wollen. […]“

Qui pro quo = ein Was für das
„klingt freilich sonderbar; aber ein qui pro quo würde, wenn wir es zum erstenmale hörten, uns noch viel sonderbarer klingen. […]“
Quartett = Viergesang, Viersang, Vierstück, Vierspiel

 

R



Recitativ = Sprachsang.
„Großmann. Müßte wol Sprech[ge]sang heißen. Ich schlage Redesang vor.“

Religion = Gottslehre [Wissenschaft], Gotteskunde [Erkenntnis], Gottesliebe, Gottesfurch [Gesinnung]
Rendezvouz = Das Stell-dich-ein […]
Repräsentant = Stellvertreter *
Republik = Freistaat. *
Resultat = Schlußfolge oder Schlußsatz; Ergebnis.
Reverber = Scheinwerfer
„oder, wenn man das lieber will, Lichtscheinwerfen.“

Revolution =Umwälzung; also Stattsrevolution – Stattsumwälzung.
„Diese Übersetzung, die ich in einer meiner frühern Schriften zuerst zu wagen glaubte, von der ich aber nachher fand, daß auch Abbt sie schon gebraucht hatte, wurde neulich in einer Recension meiner ‚Briefe aus Paris geschrieben‘, verworfen; vielleicht, weil der Recensent in guter Absicht von allem, was Revolution heißt, uns Deutsche so fern zu halten wünschte, daß wir nicht einmal ein Wort dafür in unserer Sprache haben sollten. Allein, daß man eine Sache nennen kann, führt ja nur zu dem Begriffe von der Sache, nicht nothwendig zu der Sache selbst. Denn wäre dies, so müßten wir ja in Deutschland auch lange schon Gemeingeist (public spirit) gehabt haben, weil wir schon lange ein Wort dafür hatten. […] „
[genial! 🙂 , Anm.d.Verf.]


Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
Reliquie = Heiltümelei
realisieren = verwirklichen

S

Serviette = Fingertuch, Mundtuch
Simplificiren = vereinfachen […] *
Simplicität = Einfachheit. *



Souterrain = Erdbau, wie Wasserbau [Erdgeschoss]
Superficiel = oberflächlich oder flächlich *



Möglichlicherweise ebenfalls entwickelt von Campe, jedoch im genannten Werk nicht verzeichnet:
säkularisieren = verweltlichen
Soldat = Menschenschlachter
Supplikant = Bittsteller

T

Taktik = Schaarkunst […]
Taxus = die Eibe. „Ich habe geglaubt, an diesen altdeutschen Rahmen hier erinnern zu dürfen, um zu einer Zeit, da man das ihm entsprechende unnütze Gewächs aus unsern Gärten wirft, auch das eben so unnöthige ausländische Wort aus unserer Sprache ausmerzen zu helfen.“ [ich lach mich schlapp, welch grandiose ironische Umkehr-Spitze auf – möglicherweise – von ihm nicht so gern gesehene Baumfällungen, Anm. d. Verfassers]
Terzett = Dreigesang, Dreisang, Dreispiel, Dreistück […]
Testament = letzter Wille, Vermächtnis *
„bekannte Wörter.“


Tosen = Geräusch, Lerm [Lärm]
Campe nach Adelung und Bürger

U

[? Ein U scheints nicht zu geben, in diesem Werk?]

Universität = Hochschule

V

Vapeurs = Dämpfe.

Vis-a-vis = gegenüber, mir gegenüber.

W

XYZ

Zusatz

Folgen einige Wort-Neugründungen (im Grunde Übersetzungen der damals noch vorherrschenden lateinischen Begriffe) durch den von Campe mehrmals zitierten Herrn Johann Siegmund Valentin Popowitsch. Die Aufzeigung erfolgt hier nicht als Liste, sondern im Sammelsatz, Campes Erläuterungen lassen wir aus Platzgründen weg.

..folgt…


Philip von Zesens Wortschöpfungen von A-Z

Anmerkung:

1. Einige Begriffe sind bereits oben bei Johann Heinrich Campe (1746-1818) aufgeführt und es ist nicht sicher, ob er oder Johann Christoph Adelung (1732-1806) oder bereits Philipp von Zesen (1619-1689) sie entwickelt hat. Wir lassen dies offen und haben entsprechende Begriffe daher an beiden Listen aufgeführt. (Campe dürfte diesbezüglich aber am saubersten gearbeitet haben)

2. Im Gegensatz zu Campes Wortliste haben wir die hier von Zesen zugewiesenen Kreationen nicht in den Originalwerken geprüft, was auch ziellos sein würde, da die Urheberschaft bei von Zesens Liste kaum gesichert ist. So wie er möglicherweise etliche Verdeutschungen von Zeitgenossen übernommen hatte, haben andere wiederum solche von ihm entwickelten Begriffe für sich in Anspruch genommen. So bleibt uns nur, eine Vorschlagsliste verdeutschter Wörter vorzustellen, ohne Gewähr, daß von Zesen sie als allererstes entwickelt hätte. Für die Begriffe, die mit wiki gekennzeichnet sind, ist es aber nicht unwahrscheinlich. (Wiki verweist dann am Ende der Liste ins wikipedia, die Urquelle selbst ist drunten angegeben [22])

Adresse = Anschrift wiki
Altar = Kirchentisch
Analen = Jahrbuch
Anatom = Entgliederer
Entgliedererkunst = Anatomie wiki
Appositio = Beifügung
Apostel = Zwölfbote wiki
Autor = Verfasser wiki

Bibliothek = Bücherei wiki
Botaniker = Krautbeschreiber

Chemie = Scheidekunst wiki
Credo = Glaubensbekenntnis

Devise = Wahlspruch wiki
Dialekt = Mundart wiki
Derivation = Ableitung
Distanz = Abstand wiki

Epigramm = Sinngedicht wiki
Exkursion = Ausflug
Elektrizität = Blitzfeuererregung
Explosionsmotor = Zerknalltreibling

Fenster = Tageleuchter
Fieber = Wechselweh wiki
Fundament = Grundstein wiki

Harem = Weiberhof, Weiberburg
Horizont/Panorama = Gesichtskreis

Insekt = Kerbtier
Ironie = Schalksernst
Journal = Tagebuch wiki

Karikatur = Zerrbild
Kloster = Jungfernzwinger
Komma = Beistrich/lein, auch Scheidezeichen wiki
Komödie = Lustspiel wiki
Kolorit = Farbgebung
Korrespondenz = Briefwechsel wiki

Madrigal = Schattenlied wiki
Magnet = Liebesstein wiki
Märtyrer Blutzeuge wiki
Moment = Augenblick wiki
Mortalität = Sterblichkeit
Mumie = Dörrleiche

Natur = Zeugemutter
Nekrolog = Nachruf

Opfer = Schlachtgabe wiki
Orthographie = Rechtschreibung wiki

Pabst = Erzvater
Parodie = Spottnachbildung
Parvenü = Emporkömmling wiki
Passion = Leidenschaft wiki
Patriot = Leuthold,
Plenipotenz = Vollmacht
Pistole = Meuchelpuffer
Pol
= Angelpunkt
Poren = Schweisslöcher wiki
Projekt = Entwurf wiki
Pyramide = Spitzgebäude

Religion = Gottestum (unsicher) / Glaubensbekenntnis wiki
Republik = Freistaat
Rezension = Besprechung
Rezensent = Urteilsmeister wiki

Sofa = Lotterbett
Spaziergang = Lustwandel wiki
Stoiker = Ganglehrer wiki

Tempel = Gotteshaus
Testament = Letzter Wille wiki
Tragödie = Trauerspiel wiki

Universum = Weltall

Zirkulation = Kreislauf

wiki = gemäß der Einzelnachweise bei wikipedia

[22] Kleines deutsches Wörterbuch für die Aussprache, Rechtschreibung, Biegung und Ableitung, in welchem überdieß alle grammaticalische Benennungen erklärt, und sehr viele fremde Wörter verdeutscht werden, Von Johann Christoph Adelung, 5. Aufl 1824, Ausgearbeitet von Carl Benjamin Schade nach Adeluns Schriften
– Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen. Zweyte, vermehrte und verbesserte Ausgabe. Leipzig 1793-1801.


Weitere Wortmeister:

Ausabeitung folgt


Schottelius

Singular = Einzahl
Kasus = Fall
Genus = Geschlecht
Lexikon = Wörterbuch, Diktionär


Harsdörffer

Akt = Aufzug
Observieren = beobachten
Korrespondenz = Briefwechsel
Teleskop (bzw. Perspektiv) = Fernglas
Duell = Zweikampf


Luther

Martin Luther hat im Versuch die Bibel für wirklich jeden verständlich genug zu übersetzen, eine Reihe neuer Worte und Sinnsprüche erfunden oder bekannter gemacht, nachdem er „dem Volk aufs Maul geschaut hatte“, wie zum Beispiel:

Feuertaufe, Bluthund, Selbstverleugnung, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul, Lockvogel, Perlen vor die Säue werfen, ein Buch mit sieben Siegeln, die Zähne zusammenbeißen, etwas ausposaunen, im Dunkeln tappen, ein Herz und eine Seele, auf Sand bauen, Wolf im Schafpelz [23] wikipedia

Christan Wolff

Die Wörter Aufmerksamkeit, Bedeutung, Bewußtsein, Grundlage verdanken wir dem Philosophen Christan Wolff


Weiter im Text

Nachdem wir nun in Beiwesenheit eines gewaltigen Haufens mitlesenden Volks schon einigen Applausum gefunden haben, dürfen wir ihm weitere Glanzproben von Leibniz benannter vor die Augen stellen und einige Capitälchen aus benannter Schrift [weiterhin: Gottfried Wilhelm Leibniz: Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der Teutschen Sprache] zum Besten geben.

Denn wenn der Inhalt eines Werkes von einer solchen Werthaltigkeit ist, daß es aus sich selbst heraus glanzt, bedarf es keiner glatt polierten Orden um sie dem Verfasser um den stolzen Hals zu hängen, damit es wieder wirkt; durchaus aber der Wieder-Holung seiner Werke durch die Werke selber, was durch unser Beitun nur mit Zitationen und unter Erwähnung seines Namens geschehen kann, nicht aber damit dem vergesslichen publico ein preiswürdiger Kopf wieder von oben herab ins ehrfürchtige Gesichte strahlt, sondern damit der Leser von der wertvollen Beschaffenheit des Inneren durchs vague Er-innern eine ungewisse Bekanntschaft mit der ins Werk gesetzten elementaren Substanz macht, so wie es ja auch geschieht, wenn er durch ein Dickicht von Gesträuchern wandelnd über den Duft angeknickter Lorbeerblätter derselben gewahr und angezogen wird, diese sotan abzuernten und über seine gewöhnliche Speise zu streuen, statt sie mit viel Abstand zu umschleichen, im Glauben sie gehörten kranzweise um irgendwelche Ruhmesköpfe geflochten und gingen ihn selber nichts an…

 „74.) Erdenckung neuer Worte oder eines neuen Gebrauchs alter Worte,
wäre das letzte Mittel zu Bereicherung der Sprache. Es bestehen nun die
neuen Worte gemeiniglich in einer Gleichheit mit den alten, welche man
Analogie, das ist Ebenmass nennet, und so wol in der Zusammensetzung
als Abführung (Compositione & Derivatione) in Obacht zu nehmen hat.“ [24] Leibniz, a.a.O.

„75.) Jemehr nun die Gleichheit beobachtet wird, und je weniger man sich

von dem so bereits in Ubung, entfernet; je mehr auch der Wolklang, und
eine gewisse Leichtigkeit der Aussprache dabey statt findet, jemehr ist das
Schmieden neuer Wörter nicht nur zu entschuldigen, sondern auch zu loben.“ [25] Leibniz, a.a.O.

„93.) Uber dergleichen guten Anstalten zu Beybehaltung der Teutschen
Sprache Reinigkeit, so viel es immer thunlich, hätten die vornehmen
Scribenten durch ihr Exempel die Hand zu halten, und damit dem
einbrechenden Sturm der fremden Worte sich nicht zwar gäntzlich,
so vergebens, doch gleichsam lavirend zu widersetzen, biss solcher
Sturm vorüber und überwunden.“ [26] Leibniz, a.a.O.

„94.) So solte ich auch dafür halten, dass in gewissen Schrifften, so
nicht wegen Geschäffte und zur Nothdurfft, auch nicht zur Lehre der
Künste und Wissenschafften, sondern zur Zierde heraus kommen, ein
mehrer Ernst zu brauchen und wenige fremde Worte einzulassen seyn.“ [27] Leibniz, a.a.O.

„22.) Es würde auch die unvermeidliche Verwirrung bei solchem
Ubergang zu einer neuen Sprache hundert und mehr Jahr über dauren,
biss alles auffgerührte sich wieder gesetzet und wie ein Geträncke so
gegohren, endlich auffgeklähret. Da inzwischen von der Ungewissheit im Reden und Schreiben nothwendig auch die Teutschen Gemüther
nicht wenig Verdunckelung empfinden müssen. Weilen die meisten
doch die Krafft der fremden Worte eine lange Zeit über nicht recht
fassen, also elend schreiben, und übel dencken würden. Wie dann
die Sprachen nicht anders als bey einer einfallenden Barbarey oder
Unordnung, oder fremder Gewalt sich merklich verändern.“ [28] Leibniz, a.a.O.


Recht mäßiger Rechtshinweis:

Falls die oben vorgestellten Werke anderer Autoren inzwischen als Druckwerk veröffentlicht wurde, geben wir den herausgebenden Verlag unverzüglich bekannt. (Dieses Werk wurde inzwischen im …Verlag veröffentlicht) In der Hoffnung dies möge alsbald geschehen, nehmen wir in regelmäßigen Abständen (von max. 8 Wochen) eine diesbezügliche Prüfung vor, dies i.d.R. über die Internetseite Buchkatalog.de. Eine möglicherweise von uns bereits zuvor geleistete Gesamtabschrift und hier veröffentlichte Fassung des Gesamtwerks wird dann entfernt, die oben aufgeführten Auszüge bleiben jedoch unter Bekanntgabe der genannten Bezugsquelle weiter einsehbar. Hierzu berufen wir uns auf das Urheberrecht §§ 1-69g, Abschn. 6 – Schranken des Urheberrechts (§§ 44a -63a), worin es heißt:

§51 Zitate
Zulässig ist die Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn
1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden,
2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden, […] .


Quellen & Anmerkungen

[1] G.W. Leibniz: Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der Teutschen Sprache…. (um 1697)
Buchvorlage: Angabe folgt
Textgrundlage 1: Paul Pietsch: Leibniz und die deutsche Sprache (III). In: Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, Vierte Reihe, Heft 30 (1908) 313-356 und 360-371. PDF
Pietsch stützte sich vor allem auf den Druck von 1717, zog für die Textherstellung aber auch die drei Original-Handschriften in Hannover [?] heran.
Textgrundlage 2: Abhandlung über die beste philosophische Ausdrucksweise: zum Gedächtnis an d. 14. Nov. 1716 ; Ermanung an die Teutsche, ihren Verstand und Sprache besser zu üben ; unvorgreifliche Gedanken betr. die Ausübung und Verbesserung d. teutschen Sprache , Leibniz, Gottfried Wilhelm ; Pietsch, Paul, Berlin, 1916
Digitale Fassungbearbeitet von Thomas Gloning: Leibniz, Unvorgreifliche Gedanken (um 1697) http://www.staff.uni-giessen.de/gloning/tx/lbnz-ug.html (link nicht mehr gültig)
[2] Leibniz, am angeführten Orte
[3] „Christian Thomasius (1655-1728) eröffnet Der studirenden Jugend zu Leipzig in einem Discours Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle?“, Leipzig 1690, Weidmann, 1. Auflage, Bibliothek: SLUB Dresden, Signatur: SLUB Dresden, Hist.univ.B.232,misc.27
[4] Peter Bürgern: „Candidatus Chirugiae, Das ist Kurtze doch gründliche Erörterung/ Aller und jeder fast erdencklichen Anatomischen und Chirurgischen Fragen Von allerhand euserlichen und innerlichen Wunden/ schäden und Gebrechen des gantzen Menschlichen Cörpers/ Allen angehenden Chirurgis hoch nöthig Aus den besten/ so wol alten als neuen Chirurgischen Autoribus, wie auch eigener Erfahrung mit Fleis zusammen getragen“, Grentz 1692,1. Auflage, Bibliothek: SLUB Dresden, Signatur: SLUB Dresden, Chirurg.414
[5] Leibniz, a.a.O.
[6] Leibniz, a.a.O.
[7] Leibniz, a.a.O.
[8] Leibniz, a.a.O.
[9] Leibniz, a.a.O.
[10] Campe, Joachim Heinrich (1746-1818)Ueber die Reinigung und Bereicherung der Deutschen Sprache : Dritter Versuch, welcher den von dem Königl. Preuß. Gelehrtenverein zu Berlin ausgesetzten Preis erhalten hat / von Joachim Heinrich Campe’n Herzogl. Braunschweig. SchulrathVerbesserte und vermehrte AusgabeBraunschweig : Schulbuchhandlung, 1794Fundort: Universitätsbibliothek Greifswald (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)Signatur: UB Greifswald <520/Bk 179>
[11] Leibniz, a.a.O.
[12] Leibniz, a.a.O.
[13] Leibniz, a.a.O.
[14] Leibniz, a.a.O.
[15] Leibniz, a.a.O.
[16] Leibniz, a.a.O.
[17] wikipedia
[18] Der Spiegel, Neue Wörter braucht das Land, 2011 http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/zwiebelfisch-neue-woerter-braucht-das-land-a-742873.html
[19] Philipp von Zesen (1619 – 1689) „Das Hochdeutsche Helikonische Rosentahl/ das ist/ Der höchstpreiswürdigen Deutschgesinneten Genossenschaft Erster oder Neunstämmiger Rosen-Zunft Ertzschrein : Darinnen derselben erster anfang/ nachmahliger fortgang/ und endlich-glüklicher ausgang … zu finden / ausgefärtigt durch Den Färtigen“aus dem Vorbericht, S47-48Verleger / Drucker: Cunradus, ChristoffelErschienen: [Amsterdam] : Konrad, 1669Online-Ausgabe:Halle, Saale : Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2008URN urn:nbn:de:gbv:3:1-1207http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/urn/urn:nbn:de:gbv:3:1-1207
[20] Joachim Heinrich Campe (1746-1818): „Zweiter Versuch deutscher Sprachbereicherungen oder neue starkvermehrte Ausgabe des ersten“Schulbuchhandlung, Braunschweig 1792Fundort: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek GöttingenSignatur zum Standort der Vorlage: SUB Göttingen <DD93 A 33929>Online verfügbar unter http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN556283988
[21, 21b] Christoph Schorer (1618-1671): Newe außgeputzte Sprach-posaun/ An die Unartigen Teutscher Sprach-Verderber : Wie auch alle redliche auffrichtige Teutscher reinen und edlen Sprach lieb- und ehrende Herren für Verunreinigung der lieben Mutter-Sprach trewmeintlich warnend. / Außgeputzet durch Einen der redlichen/ alten/ Teutschen Sprache beygethanen Freund [i.e. Christoph Schorer].1648Standorte:https://download.digitale-sammlungen.de/pdf/1528622637bsb11023657.pdfHAB Wolfenbuettel (HAB Wolfenbüttel <M: Ko 314>)PDF Digitalisat: http://diglib.hab.de/drucke/ko-314/start.htm%5D
[22] Kleines deutsches Wörterbuch für die Aussprache, Rechtschreibung, Biegung und Ableitung, in welchem überdieß alle grammaticalische Benennungen erklärt, und sehr viele fremde Wörter verdeutscht werden, Von Johann Christoph Adelung, 5. Aufl 1824, Ausgearbeitet von Carl Benjamin Schade nach Adeluns Schriften- Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen. Zweyte, vermehrte und verbesserte Ausgabe. Leipzig 1793-1801.
[23] wikipedia
[24] Leibniz, a.a.O.
[25] Leibniz, a.a.O.
[26] Leibniz, a.a.O.
[27] Leibniz, a.a.O.
[28] Leibniz, a.a.O.


Bearbeitungs-protokoll:
– Beifügung von Campes Wortschöpfungen Juni 2018
-Abtippung weiterer Bögen, somit nun bei 90 %, Frühjahr(sputz) 2018
-Erweiterungen und Reinschriften des Vorherigen, Anfang 2018
-Strukturarbeiten, 2017
-Von meinem Herrn mir hingeklatschte Bögen zu 70% abgetippt, Mai 2016

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