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„Von der Zeit an haben teutsche Kriegsheere fremden befelichhabern gegen ihr Vaterland zu gebote gestanden, und das teütsche blut ist der ausländer mit falschen anerbieten übertünchter landgierigkeit aufgeopfert worden. Von der Zeit an, hat auch unsre sprache die zeichen unser angehenden Dienstbarkeit tragen müsen. Gott wende diese Ahndung in gnaden ab, damit ja nicht, nach dem es nun fast an dem, das die sprache zugrund gerichtet, es mit der teütschen freyheit geschehen seyn möge.“

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716)
Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben, samt beygefügten vorschlag einer Teutsch=gesinten gesellschafft.


Nothwendige Generalschreiberordinance wider die Schreibtisch-rebellion
und was dergleichen crisen mehr gewesen,
etc

Capitul II.
Gottfried Wilhelm Leibniz:
Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben, samt beygefügten vorschlag einer Teutsch=gesinten gesellschafft

Eine Transskription von Jermain Foutre le Camp
nach der handschriftlichen Urfassung von Urbald Freiherr von Oberhand
seinem gnädigen Herrn


Signatum, Textgestalt, Titelblatt / ← Capitul I. / Capitul II. / Capitul III. →

Hinweise des Herausgebers

1.

Nach Kapitel I der sogenannten „General Schreiber-Ordinance“ im Frühjahr 2016 wird hiermit nun endlich das zweite Kapitel veröffentlicht, ein Entschluß für den zu fassen nun lange Monate des Zweifels ins Land gezogen sind, obwohl das ganze Elaborat längst (seit August 2016) lesebereit in der Aufschublade verharrete. Daß ich damit aber derart verspätet hervorgewischt komme, hat seine Ursache in solchen Geschehnissen, die der Leser sicherlich genauso wenig bemerkenswert fände, wie er die leidige Verzögerungsphase ohne gegenwärtige Erklärung überhaupt bemerkt hätte:
Trotz jener Geschehnisse, die mir als seltsame Zeichen der Bekräftigung erschienen waren, frug ich mich jedoch weiterhin, ob eine Veröffentlichung der gesamten Schriftreihe, insbesondere dieses Teils, wirklich ratsam sei. Schließlich mußte ich hierbei noch sehr vieles abwägen, damit auch niemand geriete auf Abwegen, denn solches war ohnzweifelhaft die Gefahr, wäre man ihr nicht vorher gewahr.
Doch weiß auch ein jeder, wie in solchen Gefahren,
zumal durch die Feder, läßt sich manches bewahren,
das in sich vollkommen ungefährlich,
wäre man nur zu sich selber mal ehrlich;
Was nicht bedeutet, hier nun stände die Wahrheit,
soviel verlangt schon die verständige Klarheit –
und wenn diese Schrift von der Wahrheit nicht handelt, ja nicht mal in dero Windschatten wandelt,

doch aber Ehrlichkeit vor sich verlangt, vor welcher ein jeder mitunder schon bangt, was sollte sich daraus schon weiters ergeben,
außer zu folgen meinem heitren Bestreben,
dem Leser mit Witz diese Schrift herzugeben,
auf daß er sich daran ein wenig vergnügt oder nur solange damit begnügt,
bis es ihm schließlich vollends genügt.

2.

Zum Besseren Verständnis über den Aufbau dieser Schrift möchte der Leser das Signatum und weitere Informationen zur Textgestalt → hier einsehen.
Für die Kurzgebundenen sei vorab nur soviel erklärt, daß der Autor dieser Schrift, Urbald Freiherr Oberhand, hin und wieder Anweisungen an mich, den Kopisten dieses Machwerks, in extrablauer Tinte noch hinzusetzte, die ich in währender Transkription dann wiederum mit rotgefärbten Erwiderungen kommentierte. Zugleich waren hier und da einige Eingriffe nötig, die ich mit entsprechend gefüllten eckichten Klammern [ ] mitten in den Text setzte. In der Handschrift nicht entzifferbare Stellen werden mit [unleserliche Passage], unsichere Deutungen mit [?] und Zusätze des Herausgebers durch entsprechend erfüllte [ ] kenntlich gemacht, dies immer in rot. Die meisten Eigenheiten des Originals in Syntax, Orthographie, Flexion, Groß- und Kleinschreibung werden beibehalten, um so die Originalität und dessen historische Bedeutsamkeit zu bewahren.
Das Gleiche gilt für die von UFO zitierten Werke anderer Autoren. Hier galt es außerdem folgende Richtlinien einzuhalten:

  • Änderung des langen s oder sogenannten Schaft-s (wir sagen Lispel-s) in s, demnach: ſ = s
  • Änderung der Umlaute aͤ, oͤ, uͤ nicht etwa in ä,ö,ü sondern nach Möglichkeit in ae, oe, ue – denn in Originalen werden häufig sowohl aͤ als auch ä verwendet, so daß wir ä nämlich durchaus da stehen lassen, wo es stimmig ist.
  • Auch die Ligaturen æ und œ in lateinischen Wörtern werden zu ae und oe umgeformt
  • Virgeln: / ,die man häufig als Komma oder auch zur Andeutung eines Absatzes verwendete, werden entsprechend ersetzt
  • Es gilt die buchstabengetreue Erfassung eines Textes, denn die Anpassung an nachfolgende Rechtschreibungen ist haltloser Unfug. Schrieb einer „nothwendig“, so ist es auch notwendig das „nothwendig“ beizubehalten.
  • Anführungszeichen werden als deutsche Anführungszeichen: „“ und nicht als Französische Anführungszeichen: »« gezeigt.
  • In Fraktur wurde der Bindestrich doppelt gedruckt: = und wird durch den einfachen Bindestrich: ersetzt.
  • Redaktionelle Anmerkungen erfolgen in [Klammern] um Textstellen zu kommentieren oder zu erläutern
  • Und am Wichtigsten: Nicht mehr gebräuchliche Worte werden nicht durch neue ersetzt! Sondern allenfalls im Anhang erläutert. Nur weil ein Wort nicht im Duden steht, heißt das nicht, daß es nicht mehr existiert oder wieder verwendet werden könnte… → weiterlesen in: „Diß mein schlechtes Werck“ (Transkriptionsrichtlinien)

JFlC, August 2016/1746


Ingehalt

– Vorab-Regularium, § 1-3
Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben


Vorab-Regularium

§1
Vorschrift und Einhaltsgebot

Damit zwischen mir [Urbald Freiherr Oberhand, nachstehend: UFO], dem Potentaten dieses glorwürdigen Hauses, und seinem untertänigen Hofscribenten [Jermain Foutre le Camp] ein neuer Hausfriede und desto beständigere Einigkeit möge erlangt und erhalten werden, soll der Untertan die nachfolgenden und aus vielfältigen auch durch anderer Leute schriften herzuleitenden instructioni einzuhalten verpflichtet werden, nachdem er diese Erinnerungen und Warnungen wie meine bereits in Kapitul 1 in manuscripto hinterlassenen sehr nützlichen Erläuterungen und Beilagen fleissig zusammen getragen, extrahirt, aufpolirt und in eine richtige Ordnung der Materien dermassen deutlich und verständlich auszuführen sich bemüht hat, daß dieselben von allen Schreibern und Lesern gar leicht können gefasset und begriffen werden, um damit männiglichen sowohl zur ergötzlichen Gemüthsgenesung, als auch nothwendigen Lehrwarnung und anständigen Conduite sowohl im Schriftwesen als aber auch im tat-sächlichen Leben zu dienen.

§2
Verbot der exterritorialen Weitergabe

Allen dritten Schreibern oder insbesondere Blogmeistern, die ihre intermedialen Schmiertafeln hauptsächlich durch stete Befüllung flugs herbeigeluchster Raubkopien zu erhalten in der Lage sind, sei hiermit strikt untersagt, das folgende Dokument in Gänze, zur Hälfte, zu einem Drittel oder zu einem Viertel zu übernehmen, sondern allenfalls zu einem geringeren Teil bei Angabe der Hersteller-Quelle und deutlicher Verweisung zurück in den hiesigen Bottich; derweil sie mit partieller Übernahme der von uns ordentlich gekennzeichneten Originalzitate anderer Urheber so verfahren mögen, wie sie es für Richtig halten, was vermutlich fehl laufen wird, haben sie durch ihr bisheriges Tun doch schon ausreichend bewiesen, nichts von der Richtigkeit im Sinne einer Rechtschaffenheit zu wissen.

§3
Ausnahmeregul für unseren Schreiber Jermain Foutre le Camp

Demnach niemand anderem gebühret ohne durch Unsere freiherrliche Gunst erlangte Gnade wie auch ohne Unserm federführenden Willen, dasjenige Schriftwerk in öffentlichen Druck zu geben, im welchem unserm Hofscribenten Jermain Foutre le Camp ohnlängst von allerhöchst gemeldeter Stelle befohlen worden, sich dem darin befindlichen Regularium zu unterwerfen, wird ihm kund zu wissen getan, dass nur ihm die besondere Gnade erwiesen sei, von demselben Schreiben und allen davon dependirende Acta ein authenticam Copiam nach den wahren bei uns hinterlegten Originalbögen zu erstellen und solches in offenen Druck zu verlegen, wasgestalten auf seine allerunterthänigsten Bitten hin [?] kraft dieses Briefs geschieht und worüber Wir ihm mit diesem Regularium zu erkennen gegeben die Erlaubnis zu ertheilen gnädigst geruhen wollten.

Herr le Camp! Bitte fügen Sie unserem Paragraph doch noch folgende Originalzeilen aus dem Westfälischen Friedensvertrag von 1648* hinzu, nicht ohne sie entsprechend an unsere Sache anzugleichen, am besten so, als hätte ich es selbsten geschrieben:

… dieweil Wir nun wir offentlich / gnädiglich angesehen solche obbmelten vnderthänigst zimbliche Bitt / vnd darumb mit wolbedachtem Muth / gutem Rath / vnd rechtem Wissen / die in diesen Tractaten vorgeloffenen Acta, sambt dem darauff künfftig erfolgenden schlus / in offenen Truck ausgehen lassen / […] gebieten wir das es sonst an keinem Orth [also von niemandem] / weder in grösserer / oder kleinerer Form / nicht nachgedruckt / noch auch also nachgedruckter distrahirt, feyl gehabt / oder verkaufft werden solle / [es sei denn] er habe … [dazu] Bewilligung vnd Erlaubnus bekommen. Als gebieten Wir darauff allen vnsern […] Vnderthanen vnd Getrewen / insonderheit allen Buchdruckern / Buchführern / Buchverkauffern [und Blogmeistern]/ bey vermeidung Fünff Marck Lötiges Golds / […] / vnnachlässig zu bezahlen hiemit ernstlich / vnd wollen / das ihr / noch einiger aus euch / durch sich selbst / oder jemands von ewrent wegen / obangeregte […] Acta […] nicht nachdrucket / also auch nachgedruckter distrahiret, feyl habet / vmbtraget / oder verkauffet / noch solches andern zu thun gestattet / […]
Mit Urkundts Brieffs besiegelt mit vnserm Kayserlichen [urbäldlichen] auffgedrucktem secret Jnsiegel. Geben auff vnserm Königl. schlos zu Prag [Schatto d’UFO] / den dritten Martij / Anno sechzehundert / Achtvndviertzig / [im Mai 2016, 1746] […]
gez Urbald Freiherr Oberhand

[*Diese durch Hrn Ufo vorgegebene Abschrift habe ich so aufgezeigt, wie er sie mir, bereits verkürzt, zur Umschrift vorgelegt hatte. Sein Text liegt diesem Original zu Grunde: „Friedens-Schluß. So von der Römischen Käyserlichen / Vnd Aller-Christl. Königl. Mayst. Mayst. Als auch Deß Heyl. Römischen Reichs Extraordinari-Deputirten, vnd anderer Chur:Fürsten vnd Ständ Gevollmächtigten vnd Hochansehenlichen Herren Abgesandten zu Münster in Westphalen / am 24/14. Octobris Im Jahr 1648. in offentlicher Versamblung vnderschrieben vnd bekräfftiget / auch den 25/15. eiusdem solenniter publicirt worden / etc.
Auß dem wahren Original, wie es bey dem Chur-Mäyntzis. Reichs-Directorio deponirt worden / in Teutsche versetzt.“ → Quelldaten

Herr le Camp! Fügen Sie in anbetracht des unwesens, das die kopisten und plagiatöre auch heute wieder treiben, auch noch diese vor ca. 400 Jahren vom werten Johann Rist geschriebenen Zeilen hinzu, die er ins vorfeld seines Schriftgärtleins „Das friedewünschende teutschland“* setzte, was zu damals noch erforderlicher war, als heute zu Tage, da er ja noch keinen selbstständigen schutz durch eine übergeordnete Urherberge erfuhr und so also darüber klagte, daß sein Werk:

„von etlichen eigennützigen Leuten / ohne alles Mein Vorwissen und Bewilligung an fremden Ohrten sein nachgedrükket und also dem Verleger das Seinige gantz unverantwohrlicher weise gleichsahm abgestohlen. Diese Tokmaüser [Duckmäuser] nun /gleich wie Sie billig zu bestraffen; Also mügen Sie sich versichert halten / daß Sie dieses leichtfertige Stüklein dem Verleger nicht sollen umsonst gethan haben …“

[und somit:]

…. „alle und iede /die mit dem Bücherhandel einiger mahssen zu schaffen haben / zum allerfleissigsten hiemit verwarnend /daß Sie sich an diesem leisten [letzten] / alß dem nunmehr verbessertem und gemehrtem Drukke ia nicht vergreiffen / dem Verleger zum grossen Schaden selbiges etwan nachdrukken und also vorsetzlicher Weise zu offenbaren Dieben und Räuberen, wollen werden. Jch zweifele durchauß nicht/ Ehrliche Leute / welche GOTT fürchten und die Redligkeit lieb haben /werden diese treügemeinete Warnung nachdenklich zu Hertzen nemen: Dieienige aber / welche eines schnöden Gewinnes halber Ehre und Redligkeit gantz leichtfertiger weise an die Seite setzen / werden dieselbe / dafern sie sich deß eigennützigen Nachdrukkes nicht enthalten / auch leiden müssen / daß man ihnen in öffentlichen Schafften und Büchern ihren eigentlichen wolverdieneten Titul vor der gantzen ehrbaren Welt giebet und Jhrer Person dergestalt gedenket /daß redliche Hertzen mit solchen Räuberen auch nur ümmezugehen / oder / wie wir Teütsche sagen / nur auß der Kannen zu trinken ein billiches bedenken und abscheüen werden haben und tragen.

Diese Passagen entnahm er folgendem Werk: Johann Rist, das friedewünschende Teutschland, 1647, → Quelldaten


Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben

Vergnügter Leser, ermahnter Schreiber,

nun wollen wir nach allen erforderlichen Vorreden [s. Kapitul 1] endlich auf den wesentlichen Kerngehalt zu sprechen kommen, welcher in einer allgemeinen Schreiber-Executions[?]-Ordnung nur im Gebiet der Sprache zwar gesucht aber niemal gefunden werden kann, da schon die Sprache etwas ist, das vom Wesentlichen längst abgewichen.
Nehmen wir aber die Sprache als eine Frucht, so ist sie doch einem Kern erwachsen, der zwar bereits ein lediglicher Abkömmling des Wesentlichen ist, doch kann über die Frucht wieder die Essenz des im Kernel verborgenen Wesentlichen zur Erinnerung ans Leben erwachen, so wie es auch dem Gespiesenen über unsichtbare Wege durch die Adern fleusst, wie vielleicht beim Wein oder Schnaps aus denen Weinträubchen zu bemerken.
Nur was uns durch die Adern fleusst, ist eben nicht die Frucht und noch weniger der vormalige Kern, doch aber bei währender Geschmacksentfaltung eine Erinnerung an die essentia oder das Wesentliche, gar Seiende, was griech. ousia heisset und demselben Volk bald immerhin per ouzo die vergnügliche Lebensart nochmals hochprozentual übersteigerte; derweil sich die celten hierzu vergleichsweis eines uoisque (heißt: whiskey) beatha, Wasser des Lebens, bedienten.
Und wie über das Wasser durch zufügung weiterer Stoffe, als vielleicht Kräuter, Lemonen oder Karottgurken [?], sowohl heilsame als auch andere Wirkungen können erzielt werden, bezeichnet es ohne diese zugaben das reine Leben daselbst. All so können wir uns über die Sprache eine heilfördernde als auch Unheil stiftende Zutat ins Leben füllen, über welche wir bestenfalls daran erinnert werden, was das Wesentliche davon sei, so auch instbesondere im deutschen.

Überlasse es aber dem Leser als auch besonderlich dem Schreiber, per Nachlese selber zu ermitteln, von welchem Restgehalt innerhalb einer Sprache, damit auch schon im Denken, folglich die Rede sein wird.

Wie schrieb demnach unser Herr Leibniz einstmals [1682/83] in seiner Mahnschrift an die Deutschen:

[Genauer: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716): Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben, samt beygefügten vorschlag einer Teutsch=gesinten gesellschafft.
Quelle: Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main, 1967, Europa Verlag Wien, Reihe: Politische Texte, Titel: G.W. Leibniz, Politische Schriften II, Hsg. und eingeleitet von Hans Heinz Holz, Buch vergriffen
Verweise in weitere Quellen findet man am Ende dieser Schrift]

„Wie haben es doch unsre vorfahren vor etwa hundert und mehr jahren gemacht, das sie ganze folianten mit reinem teutsch gefüllet, dann wer sagt, das sie nichts lesenswürdiges geschrieben, hat sie nicht gelesen. Wer spüret nicht in den Reichsabschieden den Unterschied der Güldenen und eisernen zeit, wann er siehet, das die teutsche sprache und die teutsche ruhe zugleich übern hauffen gangen, und auff einmahl unser ruhm, und unsre sprachrichtigkeit von uns gewichen?
Von der Zeit an haben teutsche Kriegsheere fremden befelichhabern gegen ihr Vaterland zu gebote gestanden, und das teütsche blut ist der ausländer mit falschen anerbieten übertünchter landgierigkeit aufgeopfert worden. Von der Zeit an, hat auch unsre sprache die zeichen unser angehenden Dienstbarkeit tragen müsen. Gott wende diese Ahndung in gnaden ab, damit ja nicht, nach dem es nun fast an dem, das die sprache zugrund gerichtet, es mit der teütschen freyheit geschehen seyn möge.“

So sprach einst [ca. 1682] noch recht frei heraus der heute ja kaum noch hochberühmte Gelehrte Herr Leibniz und da frag ich, ist es nicht ebenso bezeichnend als gleichermaßen bekümmerlich, daß von alledem, worüber er seinerzeit sowohl zur deutschen sprache als auch zu anderen Wissenschaften viel Kluges hat wissen zu sagen gehabt, in der heutigen Erinnerung der meisten Deutschen nur noch soviel als in Gestalt eines Butterkekses überrestlich geblieben ist?

Und wie ist es um unseren Stand des heutigen Tages beschieden, wenn wir weiterhin bedenken, dass man zu Zeiten jenes Universalgelehrten über dergleichen culturelle Angelegenheiten noch rundheraus hat philosophieren dürfen, derweil wir uns heute zu Tage allenfalls bereits gebeugt und geduckt davon zu sprechen wagen, da wir unter fortwährendem Schwirren gewisser Keulen stets zu befürchten haben, sie könnten schon bei der geringsten Veräußerung unserer Gedanken auf unsere Köpfe niederprasseln.

Dabei würde es doch, wie Hr Leibniz so schön sagt,
thöricht seyn, bey einem solchen Werke, welches billig zur Ehre des ganzen Vaterlandes gereichen soll, bloß auf meine eigene Ehre zu denken, …

Herr le Camp! Was meinen Sie? Ich glaube, wir sollten bei Übernahme dieser artigen Formulierung auf den eigens von mir bereits durchstrichenen Satzteil mit der Ehre doch lieber verzichten und stattdessen lieber so etwas wie „ausgerechnet immerzu dasjenige auszulassen, …“ einfügen, oder was meinen Sie?

Dabei würde es doch, wie Hr Leibniz [er meint Gottsched, s.u.] so schön sagt,
thöricht seyn, bey einem solchen Werke, welches billig zur Ehre des ganzen Vaterlandes gereichen soll,“

ausgerechnet immerzu dasjenige auszulassen,

das auf die Erhaltung unseres Grund und Bodens und damit der darin verwurzelten Sprache, ihrer Pflege aber auch verbessernden Mehrung und vermehrten Besserung, abzielte.
Schließlich sind auch Leibnützens vielfachen universalen und anderweitig extraordinären Lehren in diesen Grund und Boden gesät worden und aus demselben gewachsen; und was, wenn nicht unsere Sprache, dürfte ihm hierbei wohl als ein erstes und letztes hilfreiches Mittel am meisten dienlich gewesen sein? Zwar ist ein Großteil seiner Arbeit in den Academien der Gelehrtenkaste durchaus bekannt oder wenigstens in den Universitäts-Bibliotheken zu finden, während manch hochgestellte Gesellschaft noch geneigt ist, seinen Namen institutionell für sich zu reclamieren – doch ist es nicht gerade deshalb einigermaßen ungeheuerlich, daß ausgerechnet obgenannter Aufsatz, eben jene „Ermahnung an die Teutschen, etc“, welche nach Leibnizens eigener Aussage „billig zur Ehre des ganzen Vaterlandes gereichen soll“ nirgend keine Beachtung mehr findet?!

¹’² [Zwar ist Herr UFvO nunmehr bemüht, etwas ordentlicher als noch im 1. Kapitul zu zitieren, doch ist ihm hier ein ziemlicher Fehler unterlaufen: Genannte Formulierung ist nicht von Leibniz getroffen worden, sondern entstammt aus einer Schrift eines ebenfalls kaum noch bekannten Hochgelehrten, namentlich Johann Christoph Gottsched und seiner „Grundlegung der deutschen Sprachkunst“ von 1748, (Quelldaten sind hier angegeben) aus der UFvO später noch weiteres zitiert. Nicht zuletzt aufgrund dieses fauxpax werde ich selbstverständlich alle gegebenen Zitate und verdächtigen Satzteile weiterhin auf Herz und Nieren nachprüfen und richtigerweise zuordnen.
Dennoch bleibt die von UFvO fazitöse Frage selbstverständlich berechtigt, warum ausgerechnet dieser Mahn-Text von Leibniz heutzutage „nirgend keine Beachtung mehr findet.“]

Bevor ich nun dem Leser noch mehr Stücklein aus genanntem Werke praesentiere, das „billig zur Ehre des ganzen Vaterlandes“ hätte gereichen mögen, ist zunächst die Frage vorzuwerfen, was demgegenüber im heutigen Deutschland nicht alles „billig“ geworden ist, derweil wir doch daran erinnern möchten, daß „billig“ zu Zeiten Leibniz nicht etwa „preiswert“ bis „ordinär“, sondern: „verdientermaßen“, „verdienterweise“ oder „gebührend“ bedeutete.

Soll es mir daher nur recht und billig sein, ein weiteres Träubchen aus dem ganzen edlen Gestrauch wiedergeben zu dürfen:

„Wir sperren uns bisweilen aus einer leidigen halsstarrigkeit, unser obrigkeit zu rechter Zeit zu hülffe zu kommen, und müsen hernach von fremden volck, so bey uns sich einlagert, uns das marck aussaugen lasen. [au weia..] Aus welchen allen ich dann schliese, das uns nur der wille mangle, glückseelig zu seyn, das die Teutsche Freyheit annoch wahrhafftig lebe, und nicht nur in der einbildung bestehe, und das also ein wahrer Patriot das beste zu hoffen, sein Vaterland zu lieben, und zugleich dahin zu trachten habe, wie desen glückseeligkeit nicht durch ohnmächtige wündsche, oder blinden eifer, sondern wohlüberlegte Vorschläge, und deren getreuliche vollstreckung befördert werde.“ [weiterhin: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716): „Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben, samt beygefügten vorschlag einer Teutsch=gesinten gesellschafft.“]

Leider aber

„Sind wir also in denen dingen so den Verstand betreffen bereits in eine Slaverey gerathen, und werden durch unsre blindheit gezwungen, unsre art zu leben, zu reden, zu schreiben, ja so gar zu gedencken, nach frembden Grillen einzurichten.“
[Leibniz, ebenda]

Doch

„Was ist edler als die Teütsche Freyheit und sagte nicht jener tapfere Fürst recht, Teutschland sey ein freyes Reich und billig das freyeste auf der Welt? Ich weis, einige Klugdünckende werden meiner alhier spotten. Ihr hochfliegender verstand ist dahin kommen, das sie die Religion vor einen Zaum des Pöbels, und die freyheit vor eine einbildung der einfältigen halten.“
[Leibniz, ebd.]

Kaum habe ich aber dieses Letzte nun herbei citiert, höre ich den gerade anschwelenden Jubel gleich wieder abrupt verstummen und staatsdessen ein ziemliches Grübeln einsetzen, konnten wir diesem Freiheitsruf doch ebenso deutlich vernehmen, daß Hr Leibniz sich durchaus gefügig den Obrigkeiten eines Fürstenstaates unterworfen hatte, und sich während des Durchschreitens seiner Gedanken-Gänge zudem stets sehr artig unter den Fuchteln der religio zu bewegen wußte. Ja, wie geht das denn nun mit der Freiheit zusammen, fragt man sich?

Was möchten wir schließlich heute zu Tage denken, wenn wir inzwischen die religio sehr wohl als „einen Zaum des Pöbels“ und diese unsere Freiheit eindeutig als bloße Einbildung erkannt haben – da sie von uns sowohl im äusseren wie auch im innern weder erlanget noch tatsächlich zutiefst ist verlanget worden.

Wo sind nunmehr die Wegeleuchten aus dieser miseri zu finden, wenn wir zugleich manche Einflüsse des Ausserländischen, was item Leibniz etwas „nach frembden Grillen einzurichten“ nannte, sowohl in der Sprache wie auch in vielen Lebensbereichen, durchaus als eine Bereicherung aufzufassen gelernt haben, die weder sie noch uns am Weiterkommen hinderen – gleichwohl zu bedenken, daß weder sie, noch wir, die Grundbeschaffenheit unseres Herkommens dennoch nicht aufgeben möchten?

Ich werde dies nachfolgend noch geschicklich untereinander abwägen und hoffe gemeinsam mit Herrn Leibniz,

„Gott werde einen weg zu unser wohlfart finden, und dieses Reich, so der Christenheit Hauptfeste ist, gnädiglich erhalten; so wird auch das höchste Oberhaupt samt andern Potentaten und ständen mittel wißen, dadurch die teütsche tugend wieder zu vorigen glanz kommen möge …“,
[Leibniz, ebd.]

– sofern dem „Oberhaupt“ daran gelegen ist – könnte man noch hintan fügen, was sich hinsichtlich der heutigen Potenz-Herrscher ja nicht unbedingt als eine berechtigte Vermutung anböte.
Daß aber manchem Oberhaupt zu früheren Zeiten durchaus daran gelegen war, die Tugend zu befördern und im Sinne der Landesbewohner zu walten, läßt sich allerdings feststellen und wird im späteren Teil noch durch Aufzeigung einiger Exempelare erwiesen, wannenhero wir auch damit fortfahren möchten, noch einige solcher Original-Kostbarkeiten mehr ans teutschlesende Tagelicht zu stellen.
Es sind nämlich zu jenen Zeiten hier und da durchaus allerhand Volkesrechte festgeschrieben worden, deren es heute, in einem vorgeblich freien Lande, außerordentlich mangelt und aus welchem Zustand heraus ohnzweifelhaft zu erkennen ist, daß unseren Oberlichtgestalten von Heutzutage nur an solche Processen gelegen ist, die nur den übelträchtigen zum gewinn verhilft und damit insgesamt mitzubefördern wenigstens meiner noblen ambition doch sehr zuwider sind.

Was nun aber aus diesem Ganzen zu resultieren, das kann und muß der Untertan mit eigenem Verstand selber ergründen, oder um Leibnüzens obrigen Satz hiermit noch zu Ende zu bringen:

„… Was aber den Verstand betrifft und die Sprache, welche gleichsam als ein heller spiegel des Verstandes zu achten; so glaub ich dießfals habe ein ieder macht seine gedancken vorzutragen, ja es ist schwehr, zugleich sein Vaterland lieben, dieses unheil sehen, und nicht beclagen.“
[Leibniz, ebd.]

Woraus der kluge Leser nämlich folgern kann, dass es hinsichtlich der ausbleibenden Klagen oder Äußerungen zur Verbesserung des offensichtlichen Unheils, dem Volk von heute entweder an der nötigen Sprache oder dem nötigen Verstand mangelt.
Zumal dem schreibenden Volke, was aber viele sind.
Denn eben das dürfte inziwischen die Mehrheit zu sein, wenn wir bedenken, wie viele es doch sind, die sich mit den verschiedensten instrumenti moderni miteinander im schriftlichen Austausch befinden, derweil den wenigen anderen, solange sie nicht durch Handlungen tätig werden können oder künftig nicht mehr werden dürfen, neben der Wiederaufsuchung ihrer innerlichsten Friedensstille und gottgegebner Liebeskraft – die allerdings beschwerlicher zu erreichen ist, als manch ein sinnsuchender Süssholzraspler hinwieder öffentlich verkündet – ebenfalls das mittel der Sprache vorliegt, wannimmer sie sich ver-ständigen; nicht allerdings, um bloß Klagen zu formulieren, sondern durch bekräftigende Ansprachen bei den zutode Verstummten eine Verbesserung von der Wurzel aus herbeizuführen und deren hoffnungslos versiegten Freiheitswünschen aus eigener Macht heraus zu neuer Entfaltung zu verhelfen!

„Können wir nun dieser Leute Zahl vermehren; die lust und liebe zu weisheit und tugend bey den Teutschen hefftiger machen, die schlaffenden erwecken, oder auch diesen reinen feüer, so sich bereits in vielen treflichen gemüthern sowohl bey standesPersonen, als auch so gar bey niedrigen leuten, und nicht weniger bey dem liebreichen frauenZimmer als tapfern Männern entzündet, neüe und annehmliche nahrung verschaffen, so achten wir dem Vaterland einen der grösten Dienste gethan zu haben, deren privatpersonen fähig seyn.“ [Leibniz, ebd.]

Zumindest wir, hier, auf dem Papier, können – hinsichtlich der Freiheit, derentwegen schon Leibniz warnte, es könnte eines tages „um sie geschehen“ sein – innerhalb unseres hiesigen contents das Hauptaugenmerk ja doch nur auf die Sprache legen, da alle anderen Bereiche, darin so etwas wie Freiheit hätte herr[s]chen können, längst hopps gegangen.

Um nun die Ursache dieses Unheils zu ent-decken und eine Besserung, nicht nur in der Sprache, sondern zur Befriedung aller lesenden Leute, so keine Schreiber sind, auch im tätigen, wirklichen Lande wieder herbeizuführen, besehen wir uns noch Herrn Leibnizens herrliche Bestandsaufnahme des selben Landes in damaliger Zeit und bedenken darbei den kaum vorhandnen Unterscheid zu heute:

„Ist nun einiger Mensch seinem Vaterland verpflichtet, so sind es wir, die das Werthe Teutschland bewohnen.
Ich will nicht ausführen, daß ihm der Himmel gewogen, der es weder mit übermäßiger hize brennet, noch zu einer unerträglichen Kälte verdammet, daß ansteckende Kranckheiten bey uns seltsam, daß wir von Erdbeben fast nichts wißen, so Asien und Welschland erschrecken, daß unser erdreich mit metallen durchzogen, mit früchten bedecket, mit thieren angefüllet, und da wir Unser glück erkennen wolten, uns fast alles zu hause giebt, was nicht nur zur nothdurfft sondern auch zur beqvemligkeit, wohllust dienet.
[Wohl-Lust, nicht Wolllust]
Wachsen bey uns die Oranienäpfel
[Leibniz meinte wohl Orangen :)] nicht von sich selbsten, so haben wir auch keine Scorpionen zu fürchten. Und unsre Borstorffer laben mehr als was uns Indien schicket. [ich lach mich kringelig, das muß ich mir nochmal auf der Feder zergehen lassen: „Wachsen bey uns die Oranienäpfel nicht von sich selbsten, so haben wir auch keine Scorpionen zu fürchten. Und unsre Borstorffer laben mehr als was uns Indien schicket.“ Grandiose Rhethorik!]
Worumb solte man bey uns nicht sowohl guthe seide und zucker als herrliche weine zeugen können, die nicht weniger der Sonne bedürfftig? Wenn unsre Leinwand recht verarbeitet, können wir des schädlichen Catoens
wohl entbehren. Mit Metallen haben wir den vorzug in Europa, und sind die metallischen Künste bey uns aufs höchste gestiegen. Wir haben zuerst eisen in stahl verwandelt und Kupfer in Meßing; wir haben das eisen überzinnen erfunden, und viel ander nüzliche wißenschafften entdeckt, also daß unsere Künstler in der edlen Chymie und bergwerckssachen der gantzen welt lehrmeister worden. Wir haben reiche salzquellen, und unvergleichliche sauerbrunnen, welche unter einem annähmlichen Schmack mehr als eine ganze Apotheke führen, und der Natur wunderlich zu statten kommen. Unsre SeeKüste ist mit ansehnlichen städten und herrlichen einfahrten bemercket; das innere unsers Landes wird von schiffreichen Waßern durchkreüzet. Es sind Stein= und Marmorbrüche in den felsen, und bauholz die fülle in den Wäldern, leder, rauchwerck, wolle, leinwand haben wir überflüßig; ja daß seide bey uns nüzlich zu zeügen habe bereits erwehnet, und sind davon unterschiedene Proben vorhanden, davon ich viel umbstände sagen köndte.
Wenn wir die gaben Gottes gnugsam zu brauchen wüsten, würde es uns kein land so gar an Zierde und beqvämligkeit zuvor thun. Aber wir laßen uns gewächse aus der frembde schicken, die bey uns ganze felder bedecken.
Wir verwundern uns über den aüßerlichen glanz der fremden lande, durch die wir reisen, und bedencken nicht, daß allemahl das beste zur schau herausgeleget: sie wißen beßer als wir ihre ungelegenheiten zu verbergen, aber wer in das innere schauet, siehet ihr elend, und mus unser Teutschland loben, deßen rauhes ansehn einen nehrenden safft in sich hält. Denn seine hügel fließen mit wein und seine thäler trieffen mit fett. Wenn der Herr friede giebet, so wohnet freüde und Wonne in unsern Mauern. Gesegnet ist dieß land, wenn es den Herrn fürchtet, und wenn seine inwohner die tugend lieben. Gott hat den Teutschen stärcke und muth gegeben, und es reget sich ein edles bluth in ihren adern, ihre aufrichtigkeit ist ungefärbet, und ihr herz und mund stimmen zusammen.“
[Leibniz, ebd.]

Zwar ist der letzte Feststellung, Herz und Mund stümmen zusammen, mittlerer Weile landesweit stark anzuzweifeln, dennoch hat die oben herrlich aufgeführte Grundbeschaffenheit Deutsch-Lands im princip keine Veränderung zum Schlechten erfahren. Es ist lediglich, wie die besagten „Gaben Gottes“, alles in Vergessenheit geraten und vernachlässigt worden, und damit auch die an eben solche elementare Grundfeste gebundene „freyheit“ oder Freiheits-Spanne der Einzelnen und Aller.

( )*

*an diese Stelle hatte Wohlhochgeboren eine Klammer gesetzt, in der allerdings überhaupt nichts geschrieben stund! Es folgten viele angefungene Sätze, die aber allesamt gar keinen Sinn mehr ergaben. Folglich lasse ich sie einstweilen weg und fahre in der Reihenfolge der halbwegs fertiggestellten Absätze fort.

Nun haben wir ja auch von unserem Schreiberling zu Genüge gehört, daß es offenbar bei ihm um seine “freyheit geschehen” ist und er sich stets in grossen Wanckelsorgen um das rechte Maas seiner aufgesetzten Schriftsprache befindet, sich fragend, zu was es denn gut sei.
Seine Zweifel über fehlende entfaltungsmöglichkeiten würden sich aber als unbegründet erweisen, je weiter wir in Richtung des tiefstes Grundes forschen.
Diese Zweifeln rühren eben daher, dass ihm der vermeintlich verlustgegangene Bezug zum Heimelande und die nötige Klage darob stumm im Geiste hockt, da eben die Sprache an der Wurzel empfindlich ist verstöret worden. Was er umso besser schmerzlich merkt, je näher er an die Wurzel eben kömmt. Und desto eher kommt er an die Wurzel, je mehr er derselben innerlich auf den Grund geht.
Hat also beim Schreiben auf allen Vieren zu krabbelen, im Vertreuen darauf, daß ober ihm weiterhin der Himmel ist und sich dann in Contaction mit seinen Bodenfunden auf seine vier Buchstaben zu setzen, anstatt gerade dieses nicht zu tun und lieber nur seinen stolz gespitzten FederKopf durch den Himmel spazieren zu führen, während er unten tatsächlich nur die oberflächliche Ebene berührt und somit seine Rede zwar vielleicht vom götterlichten Himmelsleuchten vortrefflich erzählt, doch ohne Bezug zum Wurzelsaft nur ein hochtrabendes Geschwätz wäre, das sich dann auch mit dem nächsten Winde schon wieder verflüchtigt.
Dieses flüchtige Himmelsgeschreibe geschieht mittlerer Weile überall so häufig und vielseitig, da würden selbst unsere Nachkommen mit der Lektüre nicht mehr nachkommen. Regelmäßig fallen die Blätter wieder herab und alle sind nach Auskehrung des Gedankenguts um ordentliche Auf-lesung bemüht, doch genausogut könnten wir entlang der Bürgersteige raschelnd durch die Haufen waten, es würde sich alles nicht minder verflüchtigen; dabei liegt die Ursache des aus dem Stamm Erwachsenen doch in den Wurzeln, jedoch haben wir sie nicht auszugraben, sondern den Grund und Boden zu nähren, damit sie allsam kräftig bleiben.

Wollen unserm Schreiber dahero im neuen Glauben und altem Vertrauen auf die deutsche Sprache nun weiterhin dasjenige einflösen, was einem Schreiber noch zu Lebkuchen [sic! Lebzeiten!] Leibniz durch die Adern fleusste, gleichwohl der Aderlass wohl zu jener Zeit längst begonnen.

Um obgedachter Freiheit willen, als wenigstens im Wort, wird es dannenhero erforderlich sein, das vermeldete HauptGebiet noch näher zu erforschen und noch tiefer zu ergründen, indem wir uns neben den leibnizschen Worten auch eine Vielzahl weiters bekräftigender Schriften (so nämlich von seinerzeit hochgebreühmten Sprachgelehrten, die heute keiner kennen will) zu Gemüthe führen, die davon nicht minder Kluges zu sagen wussten, als der Hr Leibniz im Allgemeinen oder: auf meinem Gebiet eben ich, Urbald Freiherr von Oberhand.
Doch

man wolle sich gleichwohl nicht einbilden, daß ich,
bei aller Hochachtung, die mir hierzu gebührt –

Herr F! Überlegen Sie doch einmal, wie wir die Worte des nachfolgenden, namlosen Schreibers hier einigermaßen conceptiös mit einbinden können, käme mir dessen Erklärung doch recht zu passe, obschon mir sein Büchlein ansonsten teils zweifelhaft erscheint, weshalber wir meines Bedünkens auch nicht unbedingt eine quellangabe zu leisten benötigen. [von Wegen!]

Doch
Man wolle sich gleichwohl nicht einbilden/ daß ich [v. UFvO eingefügt: bei aller Hochachtung die mir hierzu gebührt] von einer Wissenschafft / welche sich nicht allein sehr weit erstrecket/ sondern auch darbey noch zart ist/ meisterlich zu reden gedencke. Man könte mich einer Einbildung beschuldigen/ wann ich meine Erinnerungen vor Reguln/ so von mir abgefasset/ außzugeben/ mir hinauß nehme. Vielmehr sage ich im Gegentheil/ daß ich sie selbsten auß einem oder dem andern Buche / wo ich irgend etwas von dieser Materie/ die ich handeln wil/ eingemischet gefunden/ geschoepffet. Nenne ich doch offt die Authores, die mich auff diese oder jene Gedancken gebracht: so ich es aber bisweilen unterlasse/ so geschichts gewislich nicht umb ihren Ruhm an mich zuhaengen/ sondern vielmehr darumb/ sie wider Zu erleben.“

[Diese herangezogene, zuletzt fadenscheinende Erklärung entstammt dem ansonsten hier nicht wieder erwähnten Buche: „Der vollkommene rechtschaffene Welt-Mann oder Die Mittel zu leben als ein Ehrlicher- und als ein Welt-Mann; Auff das gründlichste und eigendlichste/ nach denen hierzu erfordernden staats-Tugenden/ und denen zuwider lauffenden Lastern/ statt eines wohl eingerichteten zwar kurtzen/aber doch weit sehenden Unterrichts/ Abgefasset und vorgestellet, im Jahr 1680″, Autor unbekannt.
Quelldaten

Wollen wir nun bei der Sprache bleiben und gleichsam auch das nötige Schweigen wieder besser lernen, so bleibt uns, als besonders dem Schreiber, deren alten Bücher neu zu studieren, von denen etliche vorlängst sind geschrieben worden, doch werden sie heute zu Tage nicht mehr gelesen oder in der Schul gelehrt, was eben umso weniger möglich ist, je weniger sie in Druck gesetzt werden. Dies aber ist bekümmerlich, insbesondere wenn man hinzudenkt, daß schon Gottsched [diesmal ist es tatsächlich ein Zitat von: Johann Christoph Gottsched (1700-1766)] vor etlichen hundert Jahren dies bemängelte, als er sagte:

„Man muß nämlich auch Wörterbücher von allen Arten, ja hunderterley andere Bücher zu Rathe ziehen. In diesen nun, liegen seit dreyhundert und mehr Jahren, die völligen Schätze unserer Sprache verborgen. Denn ich schließe von unsern Reichthümern auch die alten Wörter nicht aus; ob sie gleich zuweilen von ausländischen, auch wohl ohne Noth neugeprägten einheimischen, verdrungen worden. Ich gestehe es gern, daß sie nicht alle brauchbar sind; weil man viele nicht mehr verstehen würde. Aber viele, ja die meisten, sind ohne ihre Schuld aus der Uebung gekommen, und verdieneten es gar wohl, wieder in Schwang gebracht zu werden. Solche alte Bücher nun, die seit Erfindung der Buchdruckerkunst, im Drucke erschienen, sollte man nicht so unbedachtsam verwerfen, sondern den Reichthümern unserer Muttersprache darinnen nachspüren.“ [Johann Christoph Gottsched: „Grundlegung der deutschen Sprachkunst, Vollständigere und Neu erläuterte Deutsche Sprachkunst“, 1748. ebd.]

Und während G[ottsched] mit den alten Büchern diewelchen aus altvormaliger Zeit meinte, zu denen wir gleich gar keinen Zugang mehr haben, gedenken wir der Bücher bishin vielleicht noch zu Mitte des 17. Jahr (1650), so daß wir uns hier trotz Zutrefflichkeit seiner Worte „seit dreyhundert und mehr Jahren“ bereits im weiteren Rückstand befinden, als damalen noch er, nämlich ums zwiefache.
Diese Jahre aufzuholen, ist zwar nicht nur unmöglich, aber vielleicht auch nicht erforderlich, haben wir des heutigen Tages doch den Vorteil, eine gemeinsame [Schrift-]Sprache entwickelt zu haben, derweil damalen noch in jedem Teil Deutschlands so geschrieben wurde, wie die Mundart es vorgab und keiner den anderen nicht verstand. Gleichsam ist die heutige Sprache um ein Vielfaches einfallsloser worden, was eben nicht die Absicht derjenigen war, eine landesweite gemeinsame Art zu schreiben zu entwickeln; im Gegenstück: es lag ihnen unermesslich viel daran, jenes unserer Sprache inwohnende tiefverwurzelte Mysterium dahingehend zu erwecken, dass ihr Potential, das vermeintlich Allerhöchste auch vermittelst der Sprache wenigstens annähernd zum Ausdruck zu bringen, allmählich mit erwecket werde.

Oder um es mit den Worten eines anderen, seinerzeit sehr berühmten, Sprachgelehrten, namens, na wie hieß er noch gleich*, zu beschreiben:

*[Justus Georg Schottelius (1612-1676)]

„Unsere Teutsche Sprache ist weit/ raeumig / tief/ rein und herzlich/ voller Kunst und Geheimnissen/ und wird nicht nach dero grundmessigen Vermoegen/ slumpsweis aus dem gemeinen Winde/ ersnappet: Sondern durch Fleis und Arbeit muß erlernet werden/ wie man einen jeden unaltaeglichen Conceptum oder Sinnbegriff in rechte natuerliche Teutsche Zier einkleiden/ und dem Anhoerer beliebt und bekand machen koenne: lest [läßt] sich auch nicht das Werk so gar geswinde zuurtheilen/ zumeistern/ beherrschen/ und nach form einer kaltsinnigen Gewonheit zurechtfertigen. Es sol und kann ja keiner ueber unsere Sprache uhrteihlen/ welcher deroselben nicht gewiß und recht kuendig ist: Es kan aber niemand deroselben gewiß und recht kuendig seyn/ er muß sie in ihren Gruenden ersehen/ ihre weite und breite Grentze ein wenig mit fleisse durchwandert/ und nicht mit blinden Griffen nur hinein getastet/ und nur das jenige erlernet haben/ was die algemeine altaegliche Gewonheit einem jeden in seinem Beruffe zur Hand wirft: Wer sich aber/ vermittels gehoerigen Fleisses/ in Teutscher Sprache ein wenig umgesehen/ die ueberreiche Schaetze nur von fernen erblikket/ so glaeube ich sicherlich/ er wird mit voller Liebe/ derselben /als einer hochgeachteten Muttersprache zugethan/ und denen anhold werden/ welche Klueglinge der Sprachen sich schaetzen/ und gern alles verkleinern wollen/ da denselben doch an rechter kuendigkeit ein groser Mangel beiwohnet.“

[Titel: Ausführliche Arbeit von der teutschen Haubtsprache : worin enthalten gemelter dieser Haubtsprache Uhrankunft, Uhraltertuhm, Reinlichkeit, Eigenschaft, Vermögen, Unvergleichlichkeit, Grundrichtigkeit, zumahl die Sprachkunst und Verskunst teutsch und guten theils lateinisch völlig mit eingebracht … ; abgetheilet in 5 Bücher, von Justus Georg Schottel (1612-1676)
Quelldaten
[alles Verkleinern (oder extensiv verschandeln) wollen zum Beispiel die Genderisten oder nenne man sie doch einfach → Genderlogen]

Ferner:

„Wan wir aber unsere Muttersprache also und derogestalt / wie sie […] von unwissenden hunderterley Weise gehandhabt / und von der blinden wanckelenden Gewonheit zerzogen wird / wolten abmessen und rechtfertigen; wuerden wir meistentheils ein ungewisses zerruettetes Wesen in dieser Sprache aufbauen / die doch auff gewissen Gruenden festiglich beruhet / und in die Wurtzelen der Natur gepflantzet ist: wie solches durch Goettliche Huellffe in diesem Buche gutentheils kundbar und beweislich werden soll.“ [Schottelius, ebenda]

Es ist nun aber, bei aller Hochbelobigung der eigenen Werthaftigkeit, gleichermaßen eine critische Innenschau im Abgleich mit dem gesamten Geistestum erforderlich; und wer dies nicht in alles Obige, bereits Citierte, einfallsreich und wertefrei mit einbezieht, der wird auch das nächste, hier noch zu Erwartende (denn es kömmt noch dicker), desto weniger vernünftig auszulegen verstehen, da er eben nicht die geistige Größe hat, einzusehen, daß wir hier in keinster Weise darauf aus sind, das ausserländische als Geringer zu bewerten, nur weil wir das werte Teutsch-Deutsche hier als großartiger hervorheben.

Wofern uns aber jemand bei gleichzeitig angeratener Vergessung unserer angestammten Art nahelegen will, die ausserländische Art desto mehr nachzuahmen, als eben die inländische zu pflegen, so gebe ich gerne klein bei und damit zum Nachdenken vor, was dieses Nachahmenswerte wohl wäre, in dem ich nun schlicht die braven Türken als ein entprechend nachzuahmendes Vorbild zu erwägen vorschlage;

denn:

„Der Türke
suchet seines Käiserthumbs Majestät darinnen/ das er keinen Botschaffter anderst als in Türkischer sprache anhöret und beantwortet: Vnd wir/ wir/ die wir Teutschen seyn und hetssen schlagen das in Wind/ was von Gott und Rechts wegen billich/ unsere Vater- und Muttersprache zu erheben. Ey/ so ermannet euch doch jetzo ihr Tugendeiferige Teutschen/ misgönnet euren Nachkommen nicht/ was Gott durch eure Vorfahren auf euch gebracht. Es thu ein jeder ein stük seines Fleisses darzu/ das diese unsere sprache bey unserer Dapferkeit/ worinn wir alle Welt übertreffen/ die rühmliche Oberstelle erhalten möge. Allermassen/ weil sie ist die sprache/ die da schreibet in den Cantzeleyen/ unter den Rahtsherren/ die da schwebet unter dem Himmel über die Bürger/ die da redet unter dem Gottesdienst bey den Priestern.”¹

deme nach

„…Werthe Zuhörer: Die Gesetzgeberin der Völker/ unser in letzten Zügen ligendes Teutschland/ unser durch die zergliederung des Reiches gelähmtes Teutschland/ unser durch die blutigen Mordwaffen ausgemergeltes Teutschland/ ruffet uns/ seinen Hertzgeliebten/ zu: Redet/ Redet/ Redet/ das ich gelehrter absterbe.
Jn Ansehen dessen hat unlängst etliche hohe aufgewekte Geister/ aus natürlicher angeborner Teutscher Liebe/ eine regende Lust angefrischet/ das nunmehr durch ihre Lehrschrifften das röchlende Teutschland täglich lernet.“²

dannenhero:

„Jhr Edelen Teutschen ermannet im Kriegen/
Nun hasset der Waffen bluttriefendes siegen:
Beliebet den Frieden und jaget ihm nach/
Erhaltet in Würden die dapfere sprach.
Ach/ lasset den DEGEN nicht alles verheeren/
Ergreiffet die FEDER euch selbsten zu Ehren.“³

[¹′²′³ Johann Klaj: „Lobrede der Teutschen Poeterey/
Abgefasset und in Nürnberg Einer Hochansehnlich Volkreichen Versamlung vorgetragen Durch Johann Klajus“, 1645. → Quelldaten]

Nun werden viele Leser in berechtigte Zweifel stürzen, ob die erforderliche Kehrtwendung ausschließlich durch die Wiederfindung mancher altvorderen Sprachschätze zu bewerkstelligen sei? Wohl nicht allein, doch ist eine Wiederfindung der verlustiggegangnen Heimat desto eher angestrebt, woferne wir der Heimat sehnsüchtig gedenken oder im Herze den Sehnsuchstschmerze empfinden; daher zu sagen, es muß die Sehnsucht erwecket werden, was auch durch Wiederfindung mancher altvorderen Sprachschätze geschehen kann. –

Auch wenn es ohnzweifelhaft außer Frage steht, daß zur Zeit mehr geschrieben, gedruckt und gelesen wird, als überhaupt notwendig (ja, es ist in Anbetracht aller Schriftwerke, Bücher, Zeitungen, Avisen und Cirkularschreiben so arg [so gar?] ein schadhafter Überfluß festzustellen) und folglich die Annahme zutrifft, es sei schon alles längst geschrieben worden, so ist das eines Teils zwar Tatsache, jedoch berücksichtigend der Teile, die längst geschrieben wurden, ist diese Feststellung anderen Teils nur der falschen Schlußfolgerung geschuldet, es sei gleichsam auch bereits alles gelesen worden.
Dem ist aber nicht so, oder findet man etwa dergleichen Bücher in den Schulen, Universitäten und Acadämien auf den Kathedern der Gelehrten oder Lernpulten ihrer wissbegierigen Discipuln liegen?

Nein, ist es nicht, und wäre derzeiten gar vielleicht fatal. Vorab wäre die Genesung erforderlich, heißt: Wandeln im Walde, Liegen auf den Wiesen, schwwimmen im See, platschern im Bache. Daraufhinne kann das Buch aufgenommen werden. Ein langer Weg, doch es ist noch „Hoffnung bei den Kranken“, wie schon Leibniz sagte. [ja auch das, wie so vieles, ist von ihm ersonnen oder zumindest von ihm schon längst nochmals wiederholt worden]

Wenn nun die Teutsche tugend dergestalt in der aschen liegen solte, daß auch keine glimmende funcken mehr übrig blieben weren, so würde dieses, was ich bishehr nicht ohne gemüthsbewegung ausgeschüttet, nicht nur vergebens sondern schädlich seyn. Dann wozu dienets, daß man unsre wunden aufdecke, wann sie unheilbar seyn, oder auch von der scharffen lufft verschlimmert werden können? Aber Gottlob unser unglück ist noch nicht bis auf die höchste staffel gestiegen. Gnug ists, daß uns die augen geöfnet worden. Es ist noch hofnung bey dem Krancken, solange er schmerzen fühlet; und wer weis, warumb uns Gott gezüchtiget, deßen Väterliche Ruthe wohl gemeinet, wenn wir uns nur selbst die beßerung nicht unmüglich machen. Und weil aus allen obstehenden soviel erscheinet, daß vor allen dingen die gemüther aufgemuntert und der verstand erwecket werden müße als der aller tugend und tapferkeit seele ist; so were dieß meine unvorgreiffliche Meinung, es solten einige wohlmeinende Personen zusammen treten und unter höheren schuz eine Teutschgesinte Gesellschaft stifften; deren absehen auf alle das jenige gerichtet seyn solle, so den Teutschen ruhm erhalten, oder auch wieder aufrichten könne; und solches zwar in denen dingen, so Verstand, gelehrsamkeit und beredsamkeit einiger maßen betreffen können“; [Leibniz, ebd.]

Dannenhero

„und dieweil solches alles vornehmlich in der Sprache erscheinet, als welche ist eine Dolmetscherin des gemüths und eine behalterin der wißenschafft, so würde unter andern auch dahin zu trachten seyn, wie allerhand nachdenckliche, nüzliche, auch annehmliche Kernschrifften in Teutscher sprache verfertiget werden möchten, damit der lauff der barbarey gehämmet, und die in den tag hinein schreiben, beschähmet werden mögen.“ [Leibniz, ebd.]

Womit ich auch meinen Scribenten weiterhin auffordere, alle obigen als auch nachfolgenden Instructiones um dieser Ursach willen in allen Puncten ein accurates Genügen zu leisten, sich selber dergestalt zu befleissigen aber auch allmählich unsere Bibliotheken zu öffnen und bei Verlierung all seiner Privilegien & specialbegünstigungen sich stets zu bemühen, daß künftig nicht das Geringste von dieser Ordre verabsäumet werde

Schließlich:

… „Da man nun dergestalt in kurzer Zeit die wahl herrlicher Teutscher schrifften haben solte, so bin ich versichert, daß gar bald die hof und weltLeute auch das frauenZimmer selbst, und was nur sinnreich und wißensbegierig, eine große freude daran haben würden. Dieß wird denen gemüthern gleichsam ein neues leben eingießen, in gesellschafften, auch unter reisegeferten und bey briefwechselung angenehme und nüzliche Materi an die hand geben, und nicht nur zu einer löblichen Zeitkürzung, sondern auch zu einer öfnung des Verstandes, zeitigung der bey uns sonst gar zu spät lernenden jugend, aufmunterung des Teutschen Muths, ausmusterung des frembden affenwercks, erfindung eigner beqvämligkeiten, ausbreitung und vermehrung der Wißenschafften, aufnehmen und beförderung der rechten gelehrten und tugendhafften Personen und mit einem worth zum ruhm und wohlfahrt Teutscher Nation gereichen.“ [Leibniz, ebd.]

Ich repitiere das Obige gerne noch einmal:

„Da man nun dergestalt in kurzer Zeit
die wahl herrlicher Teutscher schrifften haben solte,
so bin ich versichert, daß gar bald
– die hof-
– und weltLeute
– auch das frauenZimmer selbst,
– und was nur sinnreich und wißensbegierig,
eine große freude daran haben würden.
Dieß wird
– denen gemüthern gleichsam ein neues leben eingießen,
– in gesellschafften,
– auch unter reisegeferten
– und bey briefwechselung
angenehme und nüzliche Materi an die hand geben,
– und nicht nur zu einer löblichen Zeitkürzung,
– sondern auch zu einer öfnung des Verstandes,
– zeitigung der bey uns sonst gar zu spät lernenden jugend,
– aufmunterung des Teutschen Muths,
– ausmusterung des frembden affenwercks,
– erfindung eigner beqvämligkeiten,
– ausbreitung und vermehrung der Wißenschafften,
– aufnehmen und beförderung der rechten gelehrten
– und tugendhafften Personen
– und mit einem worth
zum ruhm und wohlfahrt Teutscher Nation
gereichen.“
[Leibniz, ebd.]

Zwischenermahnung an alle einseitig geneigten Leser, zumalen nach rechts hinaus:

Nun [und spätestens an dieser Stelle ist Seine Zwischenermahnung sicherlich äußerst nötig, denn es kommt noch Dickeres auf uns zu] sei bei allen geleisteten bis nachstehenden Lobschriften auf das Teutsche das folgende noch jedem Leser als einzuprägende Warntafel vor die Augen geklopft:

Sollte jemandem von alledem was bishero gesagt wurde, nichts in der von uns wohlgemeinten Weise erreicht haben, da er entweder 1: zu denen gehört, die es nur dazu nutzen, es als Spitze auf den nutzlosen, schadhaften Speer eines vorgeblichen aber irrwindigen Germanenstolzes zu stecken, oder 2: eben zu deren Oppositonisten, die in ihrer Feigheit von linkischer seits herangeschlichen kommen und mir ein Makel an den rechten Hembdsärmel zu stacken versuchen

so muß dieses von einer Ursache herrühren, die nicht in des Poeten Arbeit, sondern dem Zustande der deutschen Leser zu suchen ist.“! ¹

Wer von unseren Landsleuten sich aber aufgrund seiner anständigen Bürgerlichkeit oder intellektuösen Gelahrsamkeit und sonstigen angepassten Beschaffenheit die deutsche Art zu loben kaum noch wagt oder

„Wem diese Anmerkung für seine Hochachtung gegen dieses Volck zu nachtheilig scheinet,
dem wird verhoffentlich folgende [Anmerkung] anständiger seyn,
welche von der Neigung der Deutschen zu philosophischen Wissenschaften und abgezogenen Wahrheiten hergenommen ist; diese macht unsere Deutschen seit einiger Zeit so vernünftig und so schliessend, daß sie zugleich matt und troken werden; die Lustbarkeiten des Verstandes haben ihr gantzes Gemüthe eingenommen, und diese unterdrucken die Lustbarkeiten der Einbildungskraft.
Damit ich dennoch das Auge auf den niedrigern und zugleich grössern Haufen richte, so gebe man, über obiges, Achtung, wie sehr es unsern Landsleuten an einem freyen Geist mangelt, der eben so nothwendig ist, wenn man ein schönes Werck empfinden, als wenn man es schreiben soll. Es fehlt ihrer Einbildungskraft an der Ruh und Stille. Sie leben in einer beständigen Reihe von ungestümen Ergetzlichkeiten oder Bemühungen, die sie beunruhigen, und ihnen keine Zeit übrig lassen.“²
Und zwar keine Zeit übrig lassen, zu erkennen, woran es liegt, daß die wahren Werte Deutschlands, vorgeblich vertreten durch die denkführende Intelligen-cia zunehmend vergehen.

[¹′² Diese gewiss in einen anderen Kontext gestellten Worte entnahm UFvO offenbar Johann Jacob Bodmers „Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen“, 1742. Quelldaten]

Sollen mir diese mit ihren fadenscheinigen und verlogenen Argumenten also ferne bleiben; gleichsam aber auch das andere Gevölke. Kommt mir nämlich nun einer mit seinem plakativen GroßGermanenstolz angestochen, deren Fürsprech obendrein angeblich the hit-ler gewesen sein soll, was aber nicht so ist, wie ich noch darlegen werde, demjenigen gebe ich zur Respondetour, daß ess mich herzlich wenig kümmert, ob der ‚d’iot‘ im Sinne von volk/deutsch bedeutet oder ein allgott oder vielleicht doch nur ein i-diot, oder ob der wotan bei den angelsachsen ein aus dem All gekommener Bote ist, der auf der edda, Erde gelandet sei, den Same eines auserwählten Volks in selbige zu säen – nein, von alledem will ich hier nicht viel Wesens machen, sondern auf etwas um so viel desto Wesentlicheres hinausdeuten;
– und mithilfe einiger citate mehr aufwarten, durch welche es zur Erhitzung sämtlicher Gemüther kommen mag und leider Gottes auch einiges an Applausum vonseiten des nationalen Proletariats zu erwarten steht, derweil die Gelehrtenkreise regelrecht davor erzürnen möchten – doch können sie nun meckern, mähren, mosern, makulieren und marginalisieren so viel als sie möchten, sie werden gegen die hier vorgebrachte argumenti der jeweils Citierten kaum erfolgreich anstinken können, haben sie diese Namhaften, allen voran Leibniz, doch schon längst als Namensgeber ihrer Universitäten erkoren und einen ehrwürdigen Platz als verherungswürdige Namenspatrone zugewiesen; demnach jedoch wie Platz-Patronen wirken, ist ihnen doch das Zündpulver entzogen worden.

[unleserlicher Teil etwa 9 Zeilen]

 

Während wir in dieser Schreiber-Ordnung nur über das Handwerk des Schreibens fabulierten, begehen wir den in Teil 1 schon gedachten wechelseitigen Pfad, der uns über das Wort auch hin zur Tat führet.

Nun ist es beim Schreiber so, dass er hauptsächlich das Werkzeug der Sprache zur Verfügung hat, und nach bester Absicht seine Kunststücke vollbringt, um die Lesegemüther zu einstweiliger Attention zu gewinnen, in der Hoffnung, es werde auch aufs Tatsächliche wirken und guten Einfluss im Sinne der Sache zeitigen.
Dies könnte also der Schreiber „tun“, und gleichsam in Betrachtung derjenigen, so noch nie das Bedürfnis hatten zu schreiben, diejenigen umso besser in ihrem Tun und Können bestärken, die sich weniger umschweifig fragen: ‚Was aber kann man tatsächlich und wirklich tun?‘

Wie vorerzählter Maßen schon geschehen, ist auch diese Frage dadurch zu beantworten, indem wir uns schlicht wieder der Wurzel zuwenden, was in der Tat um einiges leichter ist, als im Wort.
Was schließlich ist mit denen, so nicht nur schreiben oder lesen, sondern mit Hand, Körper und Herz wirrklich an etwas arbeiten möchten? Sollten nicht auch sie oder besonders sie Werkzeuge finden, die ihrer Wurzelkraft gemäss entsprächen? Müssen nicht auch sie das ursprünglich Heimatliche vom ursprünglich aus fernen, demnach zunächst fremden Landkulturen erwachsene Kulturgold, zu unterscheiden lernen, um beides besser können wert zu schätzen?

Gehe einer doch nur auf das natürliche Bedürfnis jedes Menschen zurück: das Verlangen nach wohltuender Nahrung und Arzeney.
Hierzu hat die Natur unseres Landes nämlich und nehmlich alles bereits zu unserem Wohle als auch für das freundliche Empfahen gutgesinnter Besucher, Durchreisender oder sich fortan niederlassender Ankömmlinge fürtrefflich eingerichtet. Und dabei müssten die Bauren sich noch nicht einmal zuvorderst nach etwas anderem ausrichten, als denjenigen Erdsamen und Keimlingen, die sich hero von sich aus im eigenen Land anbieten, gleichwohl das sich zusätzliche aus der Ferne, als grosse Melonäpfel oder Ingwernzwiebeln, ebenso wenig zu verschmähen. Allein, wir wollen diese Einfuhren doch als ein Edelgut betrachten – sofern Land und Seewege ohne allgemeinen Schaden zu bewältigen wären – und mit solcher Beschreibung als ein edel Luxusgut eben auch die Arbeit und den Wert der ausserländischen Bauren hochschätzen und würdigen. Das können die Großbauren vormachen und die Leute mit ihrem Hinterhof im Kleinen ebenso, worauf ihnen diejenigen nebenan, als nämlich deren Nachbauern oder Nachbauren, aus dem übrigens die Nachba’rn entstunden, dann Ähnliches nachbauen. Es würden nur wenige Jahre verstreichen und schon wüchse alles wie es allen Bedürfnissen gemäß entspräche.
Nichts ist eben leichter, das einfache zuerst zu tun. Zumal ist es doch besser, eigenen Irdendreck an den Händen zu haben, als den Dreck am Stecken, so sich bauernfeindliche Großhändler täglich anstecken, aber über unsere Felder und Schultern zerstreuen!

„Ich will wohlglauben, das unsre vorfahren kein chocolate gekennet, und das, was vom The abgekocht, vor ein Kreüterbad gehalten haben würden [! :)], das sie weder aus silber noch aus porcellan gegesen noch die Zimmer mit Tapezereyen bekleidet; noch trachtenpupen von Paris kommen lasen. Aber das ihren Verstand etwas dahehr abgangen, damit bin ich nicht einig. sind denn das die herrliche RegirungsKünste: ist das so land und Leute glückseelig machet? schicket man deswegen junge leute in die welt, und läset sie ein gros theil ihres Erbguths verzehren: das nehmlich ein französischer schneider oder Koch oder auch wohl gar Chirurgus etwas zu thun bekomme, und wir uns auch noch sogar zuhause narren lasen. Ich will diese Dinge nicht zwar an sich selbst und insgemein verdammen; verständige leüte wisen damit umbzugehen wie kluge Medici mit Chymischen arzneyen, aber das man aus solchen kleinigkeiten die glückseeligkeit unsrer zeiten machen will, das ist ungereimet. Eines were zu loben, wenn die französische Mode das übermäsige sauffen abbringen köndte; doch sorge ich, man werde den teufel mit Beelzebub vertreiben, und bin fast der meinung, das weiland ein trunckener alter Teutscher in reden und schreiben mehr verstand spüren lasen, als aniezo ein nüchterner französischer Affe thun wird [!!]. Denn wie soll ich diese teütsche Väntgen anders nennen; welche indem sie nach dem frembden schatten schnappen die rechtschaffene teütsche that verlieren, und nicht sehen, das allemahl was gezwungen und nachgethan abgeschmackt ist. Beser ist ein Original von einem Teütschen, als eine Copey von einem Franzosen seyn. Es were ein anders werck, wenn auch von uns etwas aniezo gefunden würde, desen beqvemligkeit auch die ausländer nachzuahmen zwingen köndte, weil aber unser reden, unser schreiben, unser leben, unser Vernünfftlen in einer Nachäffung bestehet, so ist leicht zu erachten, das wir die hülse vor den kern bekommen, …[Leibniz, ebd.]

„Die Hülse vor den Kern“ oder die Hülse anstelle des Kerns, demnach eine verpackte Wertlosigkeit – in der Frucht, als wie im Wort: item Worthülsen.

Wollen dahero und weiln wir diesem uns hier verschrieben haben, jene oben nun kürzlich eröffneten Lebens-‚Felder‘ insgesamt als Allegorie auch für die Produktions- und Reproduktionswelt der Schreiber nehmen und alles weitere auch immer unter diesem Gesichtspunkte betrachten; befinden wir uns hier, schließlich und allein, nur im Wort.

Da gibt es Unnützes und Nützliches, Wertloses und Wertvolles – beides über alle Grenzen hinaus. So und dem gemäss

„Irren dahehr die jenigen sehr, welche sich einbilden, das die wiederbringung der Teutschen Beredsamkeit nur allein in ausmusterung ausländischer wörther beruhe. Ich halte dieses vor das geringste, und will keinem über ein fremd worth so wohl zu pase komt den proces machen, aber das ungereimte, unnöthige einflicken ausländischer, auch nicht einmahl verstandener nicht zwar worte, doch red=arthen, die ganz gleichsam zerfallende säze und abtheilungen, die ganz unschickliche zusammenfügungen, die untaugliche Vernunftsgründe, deren man sich schämen müste, wenn man nur etwas zurückdencken wolte: Dies alles ist, was nicht nur unsere sprache verderben sondern auch ie mehr und mehr die gemüther anstecken wird.“ [Leibniz, ebd.]

Im facit: Eingedenk der natürlichen Entwicklung sich abwechselnder Spracheinflüsse und der Folge eines gegenseitigen, fruchtbaren Austauschs durch eine selbstverlaufende Übernahme vieler zuvor fremder Begriffe per Volkes Mund (gleiches gilt wie gehabt für die Nahrung), muß eben nicht zu-sätzlich noch jedem vorüberwehendem Schlagwort Einzug in unsere Sprache gewährt, sondern solcherlei gleich retour an den Absender verschicket werden.

Bringen wir dazu nur ein einziges exempel-arisches Beispiel hervor, so ich kürzlich auf dem Buchdeckel eines neuartigen viel umpriesenen sog. ‚Romans‘ – das kommt von den romains, welche die Vorhut eines Teils der Franzosen – (Auf dies Romane schreiben möchte ich im späteren Capitul noch zu sprechen kommen), gelesen habe:
Wenn es nämlich derzeit in England oder Amerika mode ist, ein spannend Romanbuch ein pageturner zu nennen, so soll man das in Deutschland nicht nachäffen, sondern dieses Wort über-setzen – oder sich ein besseres Wort dafür nehmen – oder es, wo keines zu finden war, eben unterlassen und sich eingestehen, dass der Begriff pageturner an inwendiger Idiotie kaum zu übertreffen ist, da wir hier erstens denken könnten, es möchte etwan ein französischer Hotel-‚Page‘ auf dem Buche ‚turnen‘ !? – oder, wofern wir es nach deutsch übersetzen, doch jedes Buch stets verlangt, die Seiten zu wenden! Und wo eben nicht, da klappet man es vorzeitig zu!

Zwar kömmt der von mir fälschlich herangezogene Page als ein Edelknabe aus dem Französischen, vorab jedoch aus dem lateinischen, allwo der Pagius einen Aufwärter und Bedienten meint, derweil das eigentlich gemeinte englische Wort „page“ die lateinische Pagina zum Vorläufer hatte und während das turnen wie beim tournament ebenfalls franz. klingt, diesem aber wieder das lateinische tornare vorausgejumpt ist, können wir uns häufig fragen, ob wir nicht, statt den unbeliebten Anglizismus zu wählen, lieber in Consideration hätten ziehen sollen, das Entsprechende gleich in Latein auszudrücken, also: pagius tornare.
Oder aber wir nehmen die übernommenen Fremdworte als solche her, übersatzen sie ins heutige Deutsche als „Seiten-Wender“, um dann nachzuschauen, wo es uns entlang der Wurzeln dieser Begriffe wiederum herführt, gleichwohl grundsätzlich zu bedenken, ob es nicht besser wäre statt des lateinischen Worts nun doch lieber wieder das englische zu wählen, da manch ein englisch klingendes Wort doch eygentlich aus dem deutschen Wortebronnen ist geschöpfet worden. (Woher das Lateinische und andere entsprungen, darauf kommen wir später zu sprechen)

[Getrost können wir ohnehin feststellen: Häufig genug handelt es sich bei solchen heutezutage englisch, eigentlich aber dise auch vorher noch lateinisch gewesten termini um keine sich allmählich im stets wandelbaren Sprachgut herausgebildete Begriffe für Deutschsprechende, sondern um kurzerhand zweckmässig eingebrachte Mode-Begriffe, die der Verbreitung eines Handelsguts dienen, das propagiert werden muß, genauso wie politische Meinungen und andere volkslenkende Maßnahmen ganz im Sinne des Erfinders und nicht des allgemeinen Geistes krux & quer durch die Welt kusieren sollen. Dieser Art Begriffe können schnell vergehen, können aber auch Einzug in die dictionaries erhalten, wie vielleicht allmählich das Wort meeting, wodurch sich aber wenigstens der Herr Grass gewiss noch lange nicht dazu aufgerufen fühlte, sein Treffen in Telgte rückwirkend Das meeting in Telgte umbenennen zu müssen; wobei auch das schon wieder veraltet wäre, müßte man es heute doch politisch korrekt, idiomisch verzweckt und idiotisch verschreckt ein Come-Together nennen.] Anm. d. Herausgebers

Doch unangesehen des Umbstands, daß etliche fremdländische Wörter in ihrer Wurzel ohnehin eine germanische Prägung haben und demgegenüber viel vermeintlich deutsche Wörter ihrer tatsächlich entbehren, können wir, fern des germanischen und aus einer momentanen Sicht heraus, durchaus ein fremdländisches von einem deutschen unterscheiden; als fremdländisch wird es nämlich solange von uns gewahrt und geachtet, wie wir es auch demgemäß schreiben und deutsch wird es erst, wenn wir es so schreiben, wie wir es sprechen.

Schrüben wir also päitschtörner statt pageturner hätten wir ein englisches Wort eingeteuscht, schrüben wir portmonee, statt portemonnaie, ein französisches, woraus zu ersehen, daß die Engländer und Franzosen anders sprechen als sie schreiben, während wir, da wir deutsch sprechen, auch deutsch schreiben.
Es sind dies aber allmähliche Vorgänge in der Sprachentwicklung und es ergibt wenig Erfolg hier mit schneller Gewalt selbsttätig zu werden. Will einer besiepielsweise trotzig frisör statt friseur schreiben und meint, schon hätte er den Frantzosen ein Schnippchen geschlagen, so irrt er gewaltig, ist der friseur im französischen Leben doch gar nicht vorhanden, sondern als ein Coiffeur tätig, was dem deutschen wiederum wie ein Kofferträger vorkäme. Und tatschlich ist der Koffer franzöischer als der Friseur, den wir zwar aus dem franz. friser entwickelten, doch kommt dieses aus dem niederländischen friseren. Das Niederländisch wiederum ist näher an dem altdeutschen als das moderne französisch und so hat der Entwickler des Wortes Frisör zwar erfolgreich etwas eingeteutscht, jedoch statt dem gedachten Frantzosen vielmehr dem Niederländer ein Schnippchen geschlagen und in der neidischen Versuchung dem schicken Franzosen etwas günstig nachzuäffen, sich nicht nur beim selbigen lächerlich gemacht, sondern vor der ganzen Welt.

Folglich sollen wir immer, nicht nur in der Sprache, bedenken, dass wir nicht jedes Unfugs bedürfen, der von irgendwo herüberschwappt, nur weil es woanders mode ist, und, nachdem es oftmals gewiss auch von hero Handelsreisenden ohne Verstand dort aufgelesen, hier dann so flugs eingeschlüpfet und um sich gegriffen wie eine Seuchkrankheit.

So ist es doch
„an sich selbst lächerlich / das wir Teutsche mit grossem unkosten / frömde sprachen zu erlernen / ausreisen / und unsere eigene edle sprache zu haus verunachtsamen: da doch die Frömden uns diese Ehre hinwiederum nicht anthun / und wird man nicht allein keinen Wälschen oder Franzosen / an stat seiner Muttersprache / teutsch reden hören / sondern auch ihrer keiner wird mit sich anderst / als in selbiger seiner sprache / reden lassen / oder eher eine dritte sprache / wie in Gesandschaften zu geschehen pfleget / hierzu erwehlen. Thun nun dis die Frömden / mit ihren unvollkommenen stümpel-sprachen: was hat dann unsere Teutsche sprache / die doch eine Welthaupt-sprache ist / und von Babel mit ausgegangen /verschuldet / das wir sie zum Pöbel verbannen / und lieber den Frömden nachparlen?“
[Aus Anton Ulrich Herzog von Braunschweigs Roman „Die durchleuchtige Syrerinn Aramena“, 1669-1673, 5 Bände, → Quelldaten]

Wer daraus aber schließt, dem Herrn Braunschweig wäre alles „Frömde“ zuwider gewesen, der hat sein Büchlein [von knapp 3000 Seiten] nicht gelesen, darin er uns nicht nur die benannte Dame sondern auch manches mehr aus dem Lande Syria sehr vorteilhaft und nachahmenswert entgegenstellt. Möchten uns also dagegen verwehren in divertierte politische Läger gestackt zu werden, nur weil wir das uns an-heim gestellte preisloben und darüber klagen, wie heutzutage noch jedweder Unfug in alle Bereiche so dermaßen oberflüssig einschlüpft, wie bereits im allgegenwärtigen Flimmerkasten geschehen, allwo uns ständig per dümmlicher „Stümpelsprache“, vermittelst stumpfsinniger Fratzengesichter der Ausdruck eines allerdümmlichsten Niedersinns entgegen ekelt.
Und was uns durch die Media übermittelt wird, ist nicht immer bloß ein Abbild des Wirklichen, sondern öftermahlen zur Nachahmung verordnet worden, damit es zum Wirklichen wird. Dahero unsere Aufgabe, wie obangeregtermassen schon besprochen, auch darin besteht, in dieser schreiber-policey vornehmlich dahin zu gedenken, wie wir diesem Missestand desto wirksamiger begegnen und also dem vermeintlichen Wirklichen etwa Wirk-samiges entgegen stellen.

Denn

„Es were ein anders werck, wenn auch von uns etwas aniezo gefunden würde, desen beqvemligkeit auch die ausländer nachzuahmen zwingen köndte, weil aber unser reden, unser schreiben, unser leben, unser Vernünfftlen in einer Nachäffung bestehet, so ist leicht zu erachten, das wir die hülse vor den kern bekommen, …“ [Leibniz, ebd.]

Wie gesagt.


ENDE von Kapitul II der Schreiber-Ordinance


ANHANG
Römisch A
Recht mäßiger Rechtshinweis:

Falls die oben vorgestellten Werke anderer Autoren inzwischen als Druckwerk veröffentlicht wurde, geben wir den herausgebenden Verlag unverzüglich bekannt. (Dieses Werk wurde inzwischen im …Verlag veröffentlicht) In der Hoffnung dies möge alsbald geschehen, nehmen wir in regelmäßigen Abständen (von max. 8 Wochen) eine diesbezügliche Prüfung vor, dies i.d.R. über die Internetseite Buchkatalog.de. Eine möglicherweise von uns bereits zuvor geleistete Gesamtabschrift und hier veröffentlichte Fassung des Gesamtwerks wird dann entfernt, die oben aufgeführten Auszüge bleiben jedoch unter Bekanntgabe der genannten Bezugsquelle weiter einsehbar. Hierzu berufen wir uns auf das Urheberrecht §§ 1-69g, Abschn. 6 – Schranken des Urheberrechts (§§ 44a -63a), worin es heißt:

§51 Zitate
Zulässig ist die Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn
1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden,
2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden, […] .

Römisch B

Quellenangaben zu der von den gelehrten Wissenschaften weitestgehend unbeachteten Schrift

Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben, samt beygefügten vorschlag einer Teutsch=gesinten gesellschafft (1682/83)
von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)

Quellen:
– Hochschule Augsburg, University of Applied sciences
Link: https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/17Jh/Leibniz/lei_erma.html
– Die selbe Textausgabe findet man auch auf der Schülerseite Lernhelfer.de:
https://www.lernhelfer.de/sites/default/files/lexicon/pdf/BWS-DEU1-0216-03.pdf
– Weitere Quellen: Pietsch, Paul: Leibniz und die deutsche Sprache. Teil II: Ermahnung an die Teutsche, ihren Verstand und Sprache beßer zu üben, samt beigefügtem Vorschlag einer Teutsch gesinnten Gesellschaft. In: Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, Vierte Reihe, Heft 29 (1907) 265-312.
http://www.uni-giessen.de/gloning/at/pietsch_leibniz-und-die-deutsche-sprache-1+2.pdf

Hinweis zu einer weiteren Bezug-Quelle:

Tatsächlich ist diese Schrift sogar zeitweise in Buchwerken abgedruckt worden; eine (längst vergriffene) Ausgabe liegt uns, wie es der Zufall will, sogar haptisch vor. Allerdings haben wir sie inzwischen an einen anderen Ort ausgelagert, damit keiner sie bei uns entfindet. Es sollte jedem aber möglich sein, sie unter folgenden Angaben in entsprechenden Antiquariaten selber zu entdecken:
Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main, 1967
Europa Verlag Wien
Reihe: Politische Texte
Titel: G.W. Leibniz, Politische Schriften II
Herausgegeben und eingeleitet von Hans Heinz Holz

Weitere Buchwerke, in denen die genannte Schrift enthalten ist, mögen sich in Universitätsbibliotheken finden lassen. Ich wette, diese sind mind. 40 Jahre alt, denn seither ist es nirgendwo mehr abgedruckt worden.


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