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Sumpfgeschicht Teil2:

Nothwendige General Schreiber-Ordinance
wider die Schreibtisch-rebellion

(und was dergleichen Crisen mehr gewesen, etc.)

1. Capitul

Von der Frage, ob vermittelst der Schreiberei nicht mehr als eine kurzweilige Gemüthserquickung herbeigeführt werden kann

Eine Transkription von Jermain Foutre le Camp
nach der handschriftlichen Urfassung von Urbald Freiherr Oberhand
seinem gnädigen Herrn


Hinweis des Herausgebers

Zum Besseren Verständnis über den Aufbau dieser Schrift möchte der Leser das Signatum und weitere Informationen zur Textgestalt → hier einsehen.
Für die Kurzgebundenen sei vorab nur soviel erklärt, daß der Autor dieser Schrift, Urbald Freiherr Oberhand, hin und wieder Anweisungen an mich, den Kopisten dieses Machwerks, in extrablauer Tinte noch hinzusetzte, die ich in währender Transkription dann wiederum mit rotgefärbten Erwiderungen kommentierte. Zugleich waren hier und da einige Eingriffe nötig, die ich mit entsprechend gefüllten eckichten Klammern [ ] mitten in den Text setzte. In der Handschrift nicht entzifferbare Stellen werden mit [unleserliche Passage], unsichere Deutungen mit [?] und Zusätze des Herausgebers durch entsprechend erfüllte [ ] kenntlich gemacht, dies immer in rot. Die meisten Eigenheiten des Originals in Syntax, Orthographie, Flexion, Groß- und Kleinschreibung werden beibehalten, um so die Originalität und dessen historische Bedeutsamkeit zu bewahren.
Das Gleiche gilt für die von UFO zitierten Werke anderer Autoren. Hier galt es außerdem folgende Richtlinien einzuhalten:

  • Änderung des langen s oder sogenannten Schaft-s (wir sagen Lispel-s) in s, demnach: ſ = s
  • Änderung der Umlaute aͤ, oͤ, uͤ nicht etwa in ä,ö,ü sondern nach Möglichkeit in ae, oe, ue – denn in Originalen werden häufig sowohl aͤ als auch ä verwendet, so daß wir ä nämlich durchaus da stehen lassen, wo es stimmig ist.
  • Auch die Ligaturen æ und œ in lateinischen Wörtern werden zu ae und oe umgeformt
  • Virgeln: / ,die man häufig als Komma oder auch zur Andeutung eines Absatzes verwendete, werden entsprechend ersetzt
  • Es gilt die buchstabengetreue Erfassung eines Textes, denn die Anpassung an nachfolgende Rechtschreibungen ist haltloser Unfug. Schrieb einer „nothwendig“, so ist es auch notwendig das „nothwendig“ beizubehalten.
  • Anführungszeichen werden als deutsche Anführungszeichen: „“ und nicht als Französische Anführungszeichen: »« gezeigt.
  • In Fraktur wurde der Bindestrich doppelt gedruckt: = und wird durch den einfachen Bindestrich: ersetzt.
  • Redaktionelle Anmerkungen erfolgen in [Klammern] um Textstellen zu kommentieren oder zu erläutern
  • Und am Wichtigsten: Nicht mehr gebräuchliche Worte werden nicht durch neue ersetzt! Sondern allenfalls im Anhang erläutert. Nur weil ein Wort nicht im Duden steht, heißt das nicht, daß es nicht mehr existiert oder wieder verwendet werden könnte… → weiterlesen in: „Diß mein schlechtes Werck“ (Transkriptionsrichtlinien)

JFlC, August 2016/1746


Kapitul I.
Von der Frage, ob vermittelst der Schreiberei nicht mehr als eine 
kurzweilige Gemüthserquickung herbeigeführt werden kann

- Geneigter schreiber, gebeugter Scribent, geknickter Auctor!
- Dem begehrten Leser
- Dem gütigen Leser

Geneigter schreiber, gebeugter Scribent, geknickter Auctor!

Während sich alle ausgezeichnete, extraordinärri viel gerühmte und berühmte schreiber als Wohl-Edle, Gestrenge, Edelveste, Verehrungswürdige, Grossgeachtete und Vielgelobte sich ihre hochgebildeten, höchst ausgebildeteten und zutiefst eingebildeteten Tituln können meinetwegen hochkant an den Hut stecken und ich ihnen allen deroselbige mit gebührender Handhabung augenblicklich von den köpfen zu ziehen befehle! – verfüge ich [Urbald Freiherr von Oberhand]

hiermit allen weiteren schreibern, scribenten, Tintengesellen, Lehrknaben, schreibknechten usw., die nachfolgenden blätter als Lehrpapiere anzusehen, dieselben fleissig zu studieren, um damit ein getreuer schreiber so wenigstens mehr vor sich selbst als vor ihren Dienstherrn zu sein; sich also stets artig zu bescheiden, statt sich durch Vielpreisung seines Namens vonseiten der Leserschaft und der Criticorum Lobesurteile für etwas klügeres zu bedünken und sich dadurch bald so aufzuführen wie die viele der hoch Gerühmten, als wie zum Beispiel manche der
Gelehrten, Die da vermeynen alle Gelehrsamkeit und Wissenschafften verschlucket zu haben, auch in dem Wahn stehen, das ihres gleichen nicht auf Erden zu finden, wannenhero sie alle andere Menschen gegen sich verachten, einen unerträglichen stoltz und Hochmuth von sich spüren lassen; in der That aber doch selber so, wie sie in ihrer Haut stecken, Jgnoranten, Pedanten, ja Ertz-Fantasten und tumme Gympel sind, die von der wahren Gelehrsamkeit, womit die Weisheit verknüpffet seyn mus, weit entfernet. …
Denn gelehrte Monstra nenne ich solche Leute, die alle Classen auf schulen und Universitäten durchgegangen, auch daher prætendiren, alles zu wissen, alles einzusehen, alles zu begreiffen, und über alles ein excellentes Urtheil, das die Quintessence des Verstandes in sich führe, zu fällen, wobey sie alle andere Menschen verachten, auch solche aus einem gelehrten stoltz und einer falschen Einbildung, gegen sich nur vor staub halten; in der That aber, und bey allem dem, was sie auf schulen und Universitäten oder sonst jemals gehöret, Matzen und Lappen, Narren und tumme schöpfe geblieben, von denen die wahre Weisheit weit entfernet, weil der saame der Gelehrsamkeit auf ein dürres Land und ungesundes Gehirn gefallen; an statt das andere, in deren Köpffen ein gesundes nicht mit Heckerling und Pferde-Mist vermischtes Gehirn lieget, die vortrefflichsten Männer zu werden pflegen, wann sie von denen schüler-Gymnasiasten- und studenten-Jahren behörig profitiren. …

Ja Du Gelehrter, Du Akadämist! [Diese Worte hat UFvO mal selber geschrieben und fähret dann mit dem Zitat fort:]

„DU Narr! du Pavians-Physionomie!
Visage à faire rire, oder du lächerliches Gesichte! Du Affe! Du Haase! Du Pedant! Du Jgnorant! Du Limmel! Du Tölpel! Du PantoffelHoltz ꝛc.

Wie klingen diese Worte? Grosgeehrter, auch Grosgeneigter Herr und vortrefflicher [GELEHRTER] ! Ich frage, wie sie in Dero Ohren klingen? und bin versichert, sie werden mir antworten und sagen: Ey pfuy! das sind lauter häsliche schand- und schimpf-Worte, die man niemals einem Menschen, geschweige einem Gelehrten, auf den Buckel werffen mus.

O sehr wohl geurtheilet! und ich bin vollkommen Ihrer Meynung. Nichts destoweniger würde ich mich solcher Worte bedienen, und mir nicht das geringste Bedencken dabey machen, wann ich mir ein gelehrtes Monstrum ausgesehen, und beschlossen hätte, demselben dieses Buch, […] , zu dediciren.

Aber, nachdem ich meine Augen auf Ew. Groszgebohrn, Groszgelahr-und Groszweisheit gerichtet, u. mir die Freyheit nehme, Ihnen dieses Buch zu dediciren; so bekenne ich hertzlich gerne, das ich fast nicht weis, wo ich Honig-süsse und Respects-volle, Dero grossen gelehrten Meriten gemässe Worte genug hernehmen solle, meine Dedication damit auszuschmücken u. auszuspicken; allermassen mir gar wohl bekannt, das Ew. Groszgebohrn, Groszgelahr-und Groszweisheit eben so sehr mit ungemeinen Meriten beladen, als wie bisweilen ein Esel (jedoch sans Comparaison) mit säcken beschweret ist, wann er aus oder in die Mühle gehet.
Ja […]
sage ich demnach zu Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr-und Grosweisheit, sie, sie, sie sind ein gelehrtes Wunder unserer Zeiten, und geben, so offt dieselben nur Dero Mund eröffnen, oder die Feder ansetzen, der Welt etwas schriftlich zu communiciren, einen lieblichen balsamischen Geruch der Gelehrsamkeit und Weisheit von sich, der alles charmiret und bezaubert. Alle Dero Worte sind admirable, und an allen Buchstaben, die aus Dero Feder fliessen, klebet Klugheit, wie Pech an denen Fäsern, worinnen man an vielen Orten das starcke braune Bier zu verwahren pfleget.

Die vornehmsten Gelehrten haben sich glückselig zu schätzen, wann sie von Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr-und Grosweisheit fein weit entfernet sind, weil anderer gestalt ihre Ehre und Reputation nicht bestehen könte, sondern dieselben neben Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr- und Grosweisheit zu Narren werden müsten. Denn es mag ein vor alle mal keine Gelehrsamkeit noch Weisheit von der Welt über derjenigen seyn, so in Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr-und Grosweisheit Gehirne ihre Residentz genommen, noch etwas, obwohl sonst gelehrtes, gegen dieselbe bestehen, sondern mus davor zerschmeltzen, wie Butter in der sonnen. Plato mit seiner Klugheit stecket in Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr-und Grosweisheit Daumen rechter Hand. Aristoteles mit seiner hohen Gelehrsamkeit, scharffsinnigkeit und scharffsichtigkeit, womit er das dickste Gewölcke, und die unermesliche Weite der Lufft, wie auch die tiefsten Klüffte und Abgründe des Erdbodens durchdrungen, wohnet in Dero rechten Zeiger-Finger. Cicero mit seiner Bered-samkeit in Dero rechten Mittel-Finger. seneca mit seinen scharffsinnigen sententiis in den folgenden Finger, und in den kleinen Finger Ihrer rechten Hand sind alle übrigen kleinern Bernhäuter von Philosophis, wie da seynd gewesen Democritus, Heraclitus, Diogenes &c. mit aller ihrer Gelehrsamkeit, Wissenschaften und Grillenfängereyen eingeschlossen.

Die lincke Hand Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr-und Grosweisheit betreffende, so stecket in den Daumen Homerus; in den Zeiger-Finger Ovidius;im Mittel-Finger Horatius; in den folgenden Finger Virgilius; und in den kleinen alle andere kleine Fabelhansen von Poëten des Alterthums, mit ihren Einfällen und Operibus.
Die staats-Klugheit stecket Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr-u. Grosweisheit, Fäust-dicke hinter denen Ohren, und die RechtsGelehrsamkeit sitzet Ihnen im Nacken; auch Dero übrigen Gliedmassen des Leibes fast durch die Banck, ja so gar die Zähen an denen Füssen, sind mit Gelehrsamkeit angefüllet, wie in denen wohlbestellten Apothecken die Büchsen und schachteln mit köstlichen specereyen, dergestalt, das sie von denen Fussohlen bis an den Kopf, von hohen Wissenschaften strotzen, wie ein sack, wann er mit Quirlln und Rührlöffeln angefüllet ist.
Was Wunder ist es demnach, wann man von Ew. Grosgebohrn, Grosgelahr- und Groszweisheit rühmen und preisen höret, wie sie so grosse gelehrte Wunderthaten verrichten, welche darinnen bestehen, das dieselben erstlich so viele mit hohen Wissenschaften angefüllete Bücher ausgehen lassen, das auch einig und allein das, was nur davon zu Maculatur wird, hinlänglich ist, denen Materialisten in etlichen grossen städten alles benöthigte Papier zu Pfeffer- und andern Tüthen zu fourniren.
Hernach so ist das erstaunenswürdige Gerüchte in der Welt erschollen, welchermassen einige Affen, die aus Africa heraus in unser Climage kom̃en, und so glücklich gewesen, von Ew. Grosgebohrn, Groszgelahr-u. Groszweisheit Unterricht zu profitiren, nebst einigen Haasen zu Philosophis worden; an statt das verkehrte Gelehrte, durch ihre ungereimte und ungeschickte Discurse, vielmals aus Menschen Affen und Haasen zu machen pflegen.
Billig ist es derohalben, das die gantze Gelehrte Welt mit mir aus vollem Halse ruffe und schreye: Miracul! Miracul! Lange lebe noch unser Groszgebohrner, Groszgelahrter und Groszweiser Herr […], mit seinen unerhörten Wissen-schaften und schriften!worinnen die Gelehrsamkeit und Weisheit in einen so hohen Grad zu finden, dasz sie auch von andern wahren Gelehrten nicht einmal mag begriffen und verstanden werden, sondern diese erst allemal um eine weitere Erklährung bitten und suppliciren müssen.

O schlaraffenland wie glückselig wärest du, wañ der gröste unter denen Philosophis, welches unstreitig unser Groszgebohrner, Groszgelahrter und Groszweiser Herr […], nur einige Tritte und schritte innerhalb deinen Gräntzen thäte! Alle deine Einwohner würden sogleich mit Gelehrsamkeit und Wissenschaften prangen.
O du Narren-Insel! […] Wie glückselig würdest du nicht ebenfals seyn, wañ unser Groszgebohrner Groszgelahrter und Groszweiser Herr […], nur eine kleine Zeit in deinen Gegenden sich aufhielte.
Denn es würde eine dermassen gelehrte Ausdünstung von seinen Füssen heraus gehen, die capable wäre, aller deiner Einwohner Kranckheiten zu curiren.
[…]
.*!!

Herr le Camp! Wie Sie hier [↑dargestellt durch die seitlich verwechselte Kippschrift] ohnschwer erkannt haben dürften, habe ich mich, schlicht weil es so schön klingt, einiger Redewendungen aus anderen Werken befleissigt, als zum Beispiel diesem: [Angabe fehlt]
Na jetzt finde ichs gerade nicht! Aber sei’s drum, diese Quellenangaben brauchen wir nicht, will ich Sie doch bitten, deren Worte nicht weniger wohl klingend dergestalt zu umformulieren, daß es sich nahtlos so einfügt, als wäre es ganz die meine Art zu schreiben gewesen.

Erste dringende Anmerkung durch J. Foutre le Camp an den zurecht sehr misstrauischen Leser:

Sehr misstrauischer Leser!
Auch ohne meines Herrn obiges Eingeständnis, das ich eigentlich zu verheimlichen angewiesen bin, wäre jedem Leser wohl schon nach Durchlesung der ersten Passagen offenbar geworden, daß sich großgebildeter Welcher, zwar nicht im Ganzen, so doch zu einem wesentlichen Teil, anderer längst geschriebener Werke bediente, das heißt, schlichtweg so manchen Satz anderswo wortgetreu übernommen, um nicht zu sagen, aus anderen Schriften abkopiert hat, was auch nachfolgend noch öfter geschehen wird. Das werde ich ihm jedoch nicht durchgehen lassen, dessen kann sich der Leser vergewässert sein!
Nun dürften die eigentlichen Verfasser zwar schon seit mind. 300 Jahren das Zeitliche gesegnet haben, aber dennoch: so etwas darf nicht erlaubt sein!
Die Quellangaben lies er nämlich obendrein aus, was selbstverständlich ein schwerwiegendes und vor allem ja verschwiegenes Vergehen darstellt. Ich werde daher im Laufe meiner hier weiterhin abzuleistenden Abschrift darum bemüht sein, diese verdächtigen Stellen mit den Originalwerken abzugleichen und die Quellen jeweils nachzureichen. Da die Quellsuche aber ein mühsames, zeitaufwendiges Unterfangen darstellt, werde ich nicht nur die Quellen angeben, sondern auch, eben zu meiner eigenen Erleichterung, alle eindeutig sehr verdächtigen Phrasen für alle Augen sichtbar in kursiver Schrift-Haltung darstellen, um somit das ganze Unterfangen als eine gleichsam krumme Tat vonseiten meines Herrn sowohl deutlich herausgestellt als auch eindeutig abgewertet zu haben.
Denn ich finde, gerade den deutschgesinnten Leseaugen darf man niemals ein U als ein A vormachen und so will ich jeden Versuch dieser hochtrabenden Schummelei nicht etwan verheimlichen, indem ich, wie er wünschte, die fraglichen Zeilen umformuliere, sondern als solche gekennzeichnet wortgetreu beibehalten.
Während mir also im obigen Anfangsteil die mit (*) gekennzeichnete Lamentei sogleich verdächtig vorkam, bin ich es dem Leser schuldig den tatsächlichen Verfasser dieser Worte zu nennen. Es handelt sich nämlich um den Einführungsteil aus David Fassmanns im Jahre 1729 erschienenem Werk → Der Gelehrte Narr, eine Schrift, die wir sinterzeit im Nachdruck in unserem Findelgarten bewahren.


Dem begehrten Leser
 [Rede an die Leser, erster Versuch]

Begehrter Leser!

Hiermit entbiete ich, Urbald Freiherr Oberhand, von Leser Gnaden anerkannter, ohnangezweifelter oberster Federführer der nicht unirrelevanten Zeitung Ultimative Freiheit Online allen geschätzten, hochgeschätzten, wohlhochgeschätzten und besonnenen, wohlbesonnenen, hochwohlbesonnenen, als auch allen gelahrten, mindergelahrten und ungelahrten, ungeduldigen, geduldigen und hochgeduldigen Lesern einen gnä grus und bitte sie gleichfalls um verständnisvolle Einsichtnahme, dareingehend

… was mich bewogen/ dieses Wercklein ans Tage-Liecht zu bringen/ hoffend, das nicht etwa die Einbildung gefasset werde/ das Ich an der Ehrsucht grose werke zu schreiben/ kranck liege, …¹

Herr le Camp! Klingt das nicht wunderbar? Auf sowas hätten sie in all den Jahren auch mal kommen können!

sondern hat allenfalls das zuletzt flüchtige Gebahren meines scribenten mir darzu Anlas und Gelegenheit gegeben selber mit der Feder tätig zu werden,
dannenhero ist es unnötig/ viel Gründe und Ursachen hervor zu suchen/ um damit meine Kühnheit bei denjenigen zu entschuldigen, vor Deroselben Augen ich mit dieser Zuschrifft erscheinen zu dörfen mir redlich vorgenommen.²

¹ Entnommen aus: Peter Bürger: „Candidatus Chirugiae, Das ist Kurtze doch gründliche Erörterung/ Aller und jeder fast erdencklichen Anatomischen und Chirurgischen Fragen Von allerhand euserlichen und innerlichen Wunden/ schäden und Gebrechen des gantzen Menschlichen Cörpers/ Allen angehenden Chirurgis hoch nöthig Aus den besten/ so wol alten als neuen Chirurgischen Autoribus, wie auch eigener Erfahrung mit Fleis zusammen getragen“, Grentz 1692,
1. Auflage, Bibliothek: SLUB Dresden, Signatur: SLUB Dresden, Chirurg.414

² Entnommen aus Sigismund von Birken: Die friederfreute Teutonje, eine geschichtsschrift von dem teutschen Friedensvergleich, 1652

Gleichfalls ist anzunehmen, das vorgeleistete schreibarbeit erst durch lektüre anderer ihre Gültigkeit erfahren, bzw. dem Gültigkeits-verfahren erst durch öffentliche Drucksetzung können ausgeliefert werden, wannenhero uns der Leser dient, unsere Gedanken veräussert zu sehen, auf die wir schreiber uns schon zu Anfang noch mehr einbilden, als am Ende die Leser.

Wem immer nun diese meine schrift, durch sorgfältiges Zutun meines anbefohlenen scribenten JFlC, in die Hand gerät, der wird es mit leichtem Gemüth durchlesen und dieses auch beibehalten – gesetzt er ist kein schreiber; diesen nämlich wird es kein Leichtes sein, unsere schrift einzusehen, da hier einige lectiones erteilt werden, die kaum einem schreiber gefallen könnten oder erst gefallen werden, wenn er selbst schon einmal gefallen ist. Je tiefer er aber, wenigstens im Geiste, gefallen ist, desto besseres Gefallen wird er gewiss daran findeln.

Auch unser ständiger Hofscribent JFLC ist noch im Begriff zu fallen, jedoch noch immer nicht auf dem Boden der Tatsachen gelandet – doch ist unnütz, deswegen den Himmel nach im abzusuchen, denn so schwebet er, wie alle angeblich hocherwachten Schreibisten ebenso, nicht etwan dort droben umher, sondern findet dies alles ohnehin nur in seiner eigenen Einbildung nämlich ja auf dem teuren Papiere statt, derweil ich … ¶*

Tintenklecks. ums achtfache verkleinert dargestellt

An dieser Stelle war Ihro Wohlhochgeboren ein enormer Tintenklecks passiert, wodrinnen alles weitere, was er sonst möglicherweise noch im Kopfe gehabt, versackte und verstackte und woraus er in Ermanglung eines Tupftuches zunächst viele lustige picuresquen zeichnete, und hernach, statt in die Gedanken zurückzukehren, mit Allem noch einmal ganz von Neuem begonnte!

So ist hier schon der Punkt erreicht, an dem die angedachte „Ordnung“ völlig aus den Fugen geriet, da sämtliche nachfolgende Blätter häufig vermischt, nicht aber nummeriert worden waren. Innerhalb dieser Blätter kommt es außerdem zu kleineren Leerstellen wie gröseren Lacunen oder auch gänzlich unleserlichen Teilen. Da ich somit nicht immer weiß, wo welche Passage hingehört, wird es dazu führen, sie hin und wieder versetzen zu müssen, so das dieser leidige Text vermutlich ein ewiger Entwurf bleiben wird, der stete Änderungen erfährt. Ich werde aber aus Achtung gegenüber meines sehr vermissten Herrn Bemühung allen Fleiss walten lassen, diese Schrift möglichst fein lesbar herzurichten, als handelte es sich dabei tatsächlich um seinen Nachlass.


Nachfolgender Teil beigefügt am 30.04.2016
Dem gütigen Leser
 [Rede an die Leser, zweiter Versuch]

Gültiger [sic] Leser!

In Angedenk der allmählich verbleichenden schriften unseres unlängst und vermutlich vor lauter eingebildeter schreibbloquaden gänzlich verlustig gegangenen Hofscribenten Jermain FlC sei nachfolgende Executivordnung endlich per Dekret veranlasst und zur öffentlichen Einsichtsnahme bekannt gegeben – nicht ohne die Vorbemerkung auser Acht zu lassen, das hiesiger Lesesaal zwar fürohin geöffnet ist und auch bleiben wird, mit darauf folgenden Werksarbeiten vonseiten des genannten schreibers allerdings hinfürter kaum zu rechnen sein dörfte, und zwar eben solange nicht, wie hochgeschriebener Welcher nicht einmal die Güte hätte, seine vier Buchstaben wieder anhero zu bewegen, und sich tunichts an seinem schreibepult zurück zu befinden; allein um dort die nötige Arbeit ad commune bonum [zum allgemeinen Wohl] zu verrichten.

Als Wir uns nun de anno 1739 [2009] dazu entschlossen, den damaligen Vorstadtschreiber JFLC von seinen Bedrängnissen, Behängnissen, Verdrängnissen und anderen Verhängnissen billich zu erlösen und ihn an diesem glorwürdigen Hause als ständigen Hofscribent zu employieren, waren wir noch guter Ding, das wir Kraft seiner ehrlichen Feder die Welt vor dem finalen Absturz in ein leidig Jammertal zu erretten vermöchten.

Jedoch ist es um ihn nunmehro noch viel schlechter bestellt, als um die Welt, welche sich bekanntermasern im Niedergang befindet, was wir zwar nicht als Nachteil bewerten, solange uns die Natur hiebei erhalten bliebe, doch daß auch unser schreiber allmählich in das gleiche Jammertal abzurutschen drohte, das er einst mit kraftvoller Tinte ins Gegenteil umzukehren versuchte, bereitet uns dermalen grose sorge.
Da er sich sinterzeit immer häufiger rar machte und zeithero von kaum jemandem nicht mehr ward gesehen worden, bleibt uns zum heutigen Dato, verzeichnet marrti 1745, die Frage, ob er jemal werde an diesen Ort zurückkehren, was ohnzweifelhaft erwartet wird, aber nicht erwartet werden kann, wollte man keine enttäuschung davon erfahren.

[unleserlicher Teil von etwa sieben Zeilen]

… in summa war es mit seiner Präsens am schreibtisch schlechter bestellt, als um sein Präteritum, in welche Zeit hinein der Leser ja anhand dessen Werksarbeiten künftig würde urteilen können, wie es gegenwärtig auch um ihn steht.

Nun ist der Notstand jedoch so weit eingerissen und der Beschwerlichkeiten mehr geworden, daß wir nicht nur alte Löcher zu stopfen sondern auch für das Künftige eine solide und allen umständen proportonierte Einrichtungen zum Grund legen und hierbei die besten, und schicklichsten Mittel zu ergreifen.
Ich bescheide mich hierbei von selbsten die sache in bemerkte Wege einzuleiten, damit mein schreiber wieder continuierlich seine nachrichtenbriefe, regelmäsige avisen und andere Circular-schreiben zu erstellen fähig wird, nicht zuletzt darauf Acht gebend, das unsere UFO-Archive in ihrer Consistenz über vorgeleistete wie noch abzuleistende schrifttümer bestens conserviret werden; verlange daher die stete Öffnung der Werkekammer [Werkskammertintenmeisterei = Entwurfsstube] nach vollständiger Entlüftung und notwendiger Durchlüftung derselben, damit kein Besucher gleich nach erster Betretung vom bisher darin schwelendem Mief belästigt werde, wovon ich im späteren Capitul [Capitul II.] noch ausführlicher handeln will.

Nachfolgender Teil beigefügt am 04.05.2016

Berücksichtigend diese Gedanken wird sich das ganze in fünf [?] Hauptfragen behandeln lassen. Erstlich, wie wir unseren schreiber vermögen an den Hof zurückzugewinnen und zweitens: welchen sinn das schreiben gemein noch machte und neuen Wege könnten begangen werden, damit der schreiber neue Lust am schreiben gewönne. Die letzte Frage wird der Auctor sich mehrstenteils selber, die erste, so von uns aufgeworfen, ihm zum Unterricht wie auch zur Unterrichtung dienen.
Diese Lehren, so als Statuten hier festgeschrieben, sollen exempelweise an meinen eigenen Hofscribenten gerichtet sein, demnach wir beschlossen, an eben diesem ein soches Exempel zu statuieren, nachdem wir sie ausgerechnet durch die Hand unseres angeschuldigten scribenten per offenen Druck an den Tag kommen lassen, deme er standzuhalten dann gezwungen.

Da auch wir uns aber nur im papier befinden, und also mithilfe von leseraugen nur in deren einbildung existieren, wie wir es hero nachzulesen vorschreiben [?], wird auch nach vollkommener erörterung der gedachten fragen die antwort nur schriftlich, nicht aber wirklich tatsächlich in diesen schrifttumb zurückebleiben, einerlei mit welchen lettern eine künftige schriftgiesserei diese meine gedanken zu vervielfältigen vermag. Ohnehin bleibt zu fragen, wie bleierne Buchstaben könnten überhaupt beweglich sein, demgegenüber sie die stets jedem Schreiben zugrunde liegende Schwere sicherlich trefflichst aufzeigen, die in währender Angleichung an die vom Scribenten subjektiv betrachteten Welt gleichsam entstunden.

Es steht wohl ohnzweifelhaft ausser Frage, das dergleichen schreibarbeit niemalen die Welt in ein besserers umkehren verleiten würde, sondern gleichbedeutend einem lustigen Affenstreich, allenfalls dazu gereicht, dem einen oder anderen Leser eine kurzweilige Gemüthserquickung zu verschaffen, etwas humeur von beider Seiten vorausgesetzt, welcher aber mit umso mehr betrachteter Düsternis umso schwärzer würde.

Diese Einsicht hatte auch unser schreiber längst für sich erlitten und in weiterer Betrachtung der wenig erquicklichen Welt bald den Weg zum vergnüglich sprudelnden Wortebronnen verloren, solches gibt er jedenfalls als Hauptursache seines Unwillens vor.

Doch ich halte davor; so leidig diese Arbeit auch sein mag, müste sich nach kurzer Betrachtung dieses ganzen Weltengefängnisses und des darin vorherrschenden Irrewahns allerdings ein desto besserer Text nach dem anderen ganz wie von selbst ergeben, ist es doch der immer gleiche Verlauf in stets wechselnden Masqueraden, gegen welches grundlegende Prinzipo anzuschreiben er längst alle Freiheiten hatte und fürderhin auch für sich in Anspruch zu nehmen erlaubt wäre, hätte er sie nicht zur Genüge ausgeschöpft – wonach für die die kommende Zeit bedenken, ob wir ihn nicht wieder verstärkt unter Aufsicht zu Werke zwingen sollen.
Diese Freiheiten, davon in Kürze noch expliciter hingewiesen wird, sind ihm aber des Auslebens offenbar nicht wert gewesen, bis auf die Erlaubnis, an sonnigen Tagen auch einmal im Lustwandelpark erholungshalber auf den Wiesen zu liegen [nicht aber ohne sie vorher nach englischter Art stundenlang abgemäht haben zu müssen] oder wintertags ein paar gemütliche stunden vor dem Kaminfeuer zu hocken [und zuvor eine Menge Holz zu hacken], allwo er sich jederzeit hätte einfinden dörfen, um sich seiner gelegentlichen Ideenlosigkeit flackernden Auges gewahr zu werden und sein unterkühltes Gemüt bis zur Entzündung neuer Illusiones zu befeuren, bis ihm die Tinte wieder zu brodeln und das Papier zu lodern begönnte ,usw.
Dem aber nicht genug, denn nicht nur, das er schreiben durfte, was er will, er durfte auch schreiben worüber er immer will, doch eben diesen Willen noch während des schreibens in Frage zu stellen, das ist wohl der fatale Fehler gewesen. …

[unleseliche Passage von etwa drei Zeilen]

…wenigstens die lange Zeit vorher hier grosspurig vorausgekündigten und kaum leserliche Manusscripti hat er auszuarbeiten, fertigzustellen und durch Beihilfe mitlesender Augen per alsam provozierter Lektüre an den öffentlichen Tag zu geben, wasgestalten und je nach Perspektive auf die behandelte Materia zwar auch genügend Menschen kaum gefallen will, doch darumben hat der schreiber sich nicht zu sorgen. Er soll schlieslich nicht schreibeln um zu gefallen und demnach auch nichts aus Gefälligkeit schreiben, sondern eher sehr gefällig dem Höheren dienen und der Höhere bin nunmal ich, wogegen anzustinken ihm erst gebührt, wenn er selber so hoch zu gelangen vom Allmächtigen beurlaubt worden ist!

Diese Erlaubnüs wird meinem Bedüncken nach einem schreiber allerdings selten zuteil und das ist eben sein pechhaltiges fatum, eben schicksalsfügung oder Karma, wie es noch die Asiaten vielleicht nennen mögen, was aber gewiss nicht bedeutet, das einer heute die sünden sammlet für die zu bereinigen er im nächsten Leben als derselbigewelcher wieder zurückkehrt – da es schlieslich nicht er in der gegenwärtigen Person hat sein können, der damals den Napoleon mimte, sondern in Form einer anderen, mit der er heute wiederum nicht identifiziert ist. Demnach es doch eine unnütze Überforderung darstellt, zu glauben, er wäre neben diesen beiden zusätzlich auch noch in Napoleums Steifeln über die Welt geschritten. Allenfalls sind wir alle gemeinsam dieser gewesen, aber dies näher auszuführen überlasse ich denjenigen, die bereits eine verbesserte Wissenschaft von solcherlei Arcana erlangt haben.

folgende 2 Passagen beigefügt am 17.08.2016

Schließlich sind wir weder gewillt noch fähig, dergleichen Geheimnüsse hier dem Leser per Knackum zu eröffnen und möchten uns hauptsächlich auf inwendige Fragen concentrieren, die zunächst keinen Leser interessieren dörften; im fortgeschrittenem Text aber möglicherweise auch ihn. Eine unserer Hauptfragen wird dabei schließlich sein, was des Schreibers hauptmittel sei, und das ist ja: die Sprache; ein mittel angesiedelt im Haupte zur Erzeugung mitteilsamer Informationes, welchen Bereichen auch immer wir uns darüber anzunähern oder davon abzuwenden suchen. Und das können dann durchaus Bereiche sein, die über das Haubt hinaus gehen, dabei immer unterscheidend, dass sie auf diesem Wege nur nach einer Vorstellung von etwas begangen werden und nicht vom tiefsten Herzen her, in welches das Entsprechende tatsächlich wäre eingebrannt worden; so auch nicht vom höchsten Geiste, sondern ebenwieder gemäss der jeweiligen irdischen Vorstellung desselben, und damit häufig desto abgehobener folglich in der Rede, wie bei vielen zu merken, „du mein von GOtt doch ebenso geliebtes Wesen; in liebe dein kanalmeister husibusi, meines zeichens dolmescher vom erzengel blabiel hochpersönlich“. [!?]

Eröffnen wir daher ein nächstes Capitul mit dem Versuch einer tieferen Ergründung derjenigen sonderbaren Einflüsse, die sowohl in der Sprache als eben auch im wirklichen Leben geschehen, und hier vor- bis dargestellt werden, was dem gelobten Leser wohl gefallen, unserem Schreiber aber vieles ab-ringen wird, da er gleichsam gezwungen, alle vorgestellten Instructioni um ihrer Ursach willen in allen Puncten ein accurates Genügen zu leisten und bei Verlierung all seiner Privilegien & specialbegünstigungen sich stets zu bemühen hat, daß nicht das Geringste davon negiret oder verabsäumet werde, ansonsten nämlich würde er seines notorischen Ungehorsams halber recht zügig aus dem Papiere weichen, dann vom Schreibetisch und demzufolge und ohne weitere extraordinärri Condemnationsschrift schließlich des Hofes verwiesen, da er seine Aufgabe, sich der Sprache hinzugeben, verweigerte.

Bearbeitungsprotokoll:
Veröffentlicht im Mai 2016, dann wieder gesperrt
neu veröffentlicht am 01. Mai 2018
Korrigiert und verbessert: 04.05./ 30.04 /25.04./23.04.2016/2018
zu 85% fertiggestellt seit Mai 2016
Erste Abschrift im Juni 2015

→ Nächstes Capitul der General Schreiber-Ordinance: Über die Ermahnung an die teutsche ihren Verstand und Sprache besser zu üben von G.W.Leibniz


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