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In einem Anflug von Ärger wurde der nachfolgende, ursprünglich am 01. Jan 2016 veröffentlichte Artikel zwischenzeitlich gelöscht, und zwar überwiegend aufgrund einer mit insgesamt 46 Kommentaren (inkl. meiner 13) völlig überflüssigen Diskussionsrunde und Rumlaberei. Die Löschung des Artikels (statt der Kommentare, wenigstens meiner) war aber ein Fehler, da die Volkskrankheit, sich über ein ständiges „Alles gut“ gegenseitig die heile Welt vorzugaukeln, inzwischen noch mehr verbreitet ist, als sie es da schon war. Werde daher versuchen, den Artikel wieder herzustellen, was mir kaum wortgetreu gelingen wird, aber keine Sorge, ist alles gut.
November 2018, verbessert Dez.20


“Alles gut?”

Es ist nun seit einiger Zeit zu beobachten, wie man sich in allen Volksteilen verstärkt gegenseitig befragt , ob “Alles gut?” sei, worauf viele Leute zunächst noch mit der gleichen Antwort reagierten, wie damals auf die Frage „Wie geht’s“, wobei es hierbei relativ selbstverständlich war, daß nicht unbedingt immer ein tieferes Interesse am Gemütszustand des Gefragten vorlag und auch keine Aufforderung mit einherging, darauf eine ausführliche Anwort geben zu müssen. Dennoch ging allein mit der richtungsweisenden Wortwahl „Wie geht’s“ eine grundlegende Bereitschaft, an der persönlichen oder privaten Gemüts-Stimmung interessiert zu sein, mit einher. Mittlerweile aber hören wir kaum noch ein „Wie gehts“ oder gar „Wie geht es Dir“, sondern an allen Orten und zu allen Stimmungsbegebenheiten, ein fortwährendes „Alles gut?“.

Und so wie die Frage „Wie gehts?“ hiervon zunehmend verdrängt wird, verschwindet z.B. auch die altgewohnte Antwort “ich kann nicht klagen” allmählich aus dem Antwortkatalog, was schade ist, da hiermit immerhin die Tatsache festgestellt wurde, daß eine Klage (auch mangels zuständiger oder hilfsbereiter Gerichtbarkeiten) eher aussichtlos ist, und man den Frust, die Enttäuschung, den Ärger oder die Verunsicherung entweder weiter vor sich herschiebt, oder, im plötzlichen Angesicht des Elends, der Verrohung und Bedrohung oder bei bloßer Ahnung, daß es noch andere Nachrichten geben könnte, als solche, die man von Zeitungen, Tagesschauen und Smartphone-Meldungen vorgesetzt bekommt, stets wie einen Vorgaukelvorhang schnell vor die Augen zieht, sich das eine wegdenkt und das andere hinzufantasiert, um dann regelmäßig getrost feststellen zu können: alles ist gut.

Dieser Gaukelvorhang besteht nun meistenteils aus Meldungen von vielerlei Guttaten der Demokratie-Verbreiter mit zusätzlich dazwischengestreuten Unterhaltungsabziehbildchen von blitzsauber grinsenden Comedien-Arschgesichtern und so fragt sich der ordnungsliebende Deutsche auch nicht mehr, wie bislang, ob „alles in Ordnung“ ist; denn inzwischen ist alles in allerbester Alles-Gut-Ordnung, das ist doch überall zu sehen, nur die Russen und die Rechten und das CO2 müssen noch weg, dann wäre doch alles superplusgut.
Allenfalls die Kellnerin fragt noch regelmäßig nach Ordnung, denn mit der Frage, ob „bei Ihnen noch alles in Ordnung?“ ist, möchte sie nur daran erinnern, daß wir jederzeit bei ihr nachbestellen können, selbst dann, wenn wir uns gerade an dem Kuchen gütlich tun, den sie uns soeben erst hingestellt hatte, so daß wir mit vollem papptrocknen Streuselkuchenmund antworten müssen: ja, allef fgut.

„Alles gut?“ – „Alles gut!“

Doch fern davon ist das früher noch weit überzogene Bedürfnis, eine gewohnte Ordnung stets wiederherzustellen, mit einem Male ebensowenig noch vorhanden, wie eine bedenkliche Unordnung noch irgend festzustellen sein möchte, denn im Grunde besteht kein Grund zur Verunsicherung. Lediglich die Russen und die Nazis und das C02 geben uns Anlass zur Sorge, wie gesagt (das muß man regelmäßig wiederholen) – ansonsten ist alles gut.
Und da wir uns über die vorherrschenden Gefahren (meist kommen sie ja vonseiten der Bösen) allesamt ohnehin nun einig sind, ist es inzwischen ein üblicher Vorgang, dem Gegenüber die Frage „Alles gut?“ nicht nur als Frage zu stellen, sondern ihm dieselben Worte ebenfalls abzuverlangen, so daß er auf jede nur erdenkliche Frage oder Feststellung umgehend (vieles umgehend) mit einem bekräftigenden „Alles gut!“ reagieren kann.

Man kann diese Frage aber auch zur Ablehnung freundlicher oder hilfsbereiter Menschen anwenden, zum Beispiel, wenn uns jemand anbietet, ob er uns etwas vom Bäcker mitbringen oder bei irgendeiner Tätigkeit zur Hand gehen kann, zum Beispiel den Kofferraum kurz aufhalten oder ähnliche, für diesen kurzen Augenblick schlicht praktische Handreichungen. Hier wird dann aus jeglicher nebensächlichen Selbstverständlichkeit etwas Dramatisches gemacht und mit einem leicht vorwurfsvollen „allesgut-allesgut-allesgut!“ gekontert, als hätte man ihn im unpassendsten aller Momente nach seinem Gemütszustand befragt.
Daß wir ihm aber eigentlich nur die Tür öffnen, während er mehrere Tüten in den Händen hält, oder daß wir ihn eigentlich nur gefragt haben, ob wir ihm etwas mitbringen oder zur Hand gehen können, und eben diesmal nicht, ob „Alles gut?“ ist – ja, darauf kommt er gar nicht und ruft nur sein hysterisches AllesGut heraus, einerlei, ob er sich helfen lässt oder nicht. Beim nächsten Mal dann, im umgekehrten Fall, wenn er zufälligerweise uns die Tür aufhält und tatsächlich „danke“ (statt allesgut-allesgut-allesgut) sagen – gelingt ihm (dem, der andauernd allesgut?allesgut! sagt) nur noch ein ebenfalls weit verbreitetes: „Dafür nicht.“

(Woraufhin ich mich zumindest immer frage: Wofür den sonst, du Arschloch?)


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