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Entwurf aus dem Notizbuch vom 17.11.2015

…bis dato fand das Elend der Welt ja noch in der Ferne statt und der Zusammenhang noch nicht so leicht konstruierbar. Jetzt aber hat die Not im Ausland so dermaßen Überhand genommen, daß sie flutweise über unsere Grenzen schwappt und endlich haben wir Gelegenheit den Menschen auch vor Ort an unserem Reichtum teilhaben zu lassen. Im Vergleich zu jenen Ländern ist hier noch alles im Überfluß vorhanden, außer vielleicht Erdöl und seltene Erden. Davon haben die anderswo mehr als wir, aber nie die Fertigkeit entwickelt, Unmengen von Scheiß daraus zu produzieren.

Nun ja, was kümmert mich das. Im Augenblick bin ich noch damit beschäftigt, meine alten Schuhe – und alles, was man sonst nicht mehr so braucht – für die Flüchtlingshilfe auszusortieren. Auch etliche Jutebeutel hätte ich noch über, da könnte man zum Beispiel Augenschlitze reinmachen und sich im Winter über den Kopf ziehen. Zudem wollte ich noch ein paar Butterbrote schmieren, damit es mir in Anbetracht der sonstigen weltweit 850 Millionen Hungernden wieder etwas besser geht. Da sollen ja sogar Frauen und Kinder drunter sein, also jene aufgeblähten Kinderbäuche mit einem brüchigen Skelett drumherum, die es aber nicht bis hierhin schaffen würden, daher gehen sie auch gar nicht erst los.

Bei einigen Flüchtigen muß man übrigens aufpassen, daß man ihnen nicht aus Versehen Leberwurstbrote schmiert, die werden aus religiösen Gründen direkt in die Tonnen gestopft. Aber schlimm ist das auch nicht, ich sehe nämlich jeden Tag auch deutsche Leute, die in den Tonnen wühlen und zum Beispiel den einen oder anderen Restdöner gleich vor Ort dann noch zu Ende essen.

Die deutschen Landstreicher, oder man sagt glaub ich mittlerweile Verwahrlosten, sind aber letztlich selber schuld, daß es ihnen so schlecht geht; das kommt hauptsächlich vom Alkohol und auch Drogenmißbrauch spielt häufig eine Rolle. Mit dem ganzen Weizen und Hopfen, den die täglich wegsaufen, könnte man wahrscheinlich innerhalb von einer Woche ganz Burundi und Eritrea aus der Hungersnot helfen, das sind ja schließlich die weltweit führenden Länder in Sachen Hungersnot, ich glaub es sind so etwa tausend Krepierende pro Woche. Aber die sind hierzulande eher kaum zu sehen, denn wie gesagt, als Skellett tragen einen die Füße nicht weit, da können unsere alten Turnschuhe noch so neu für sie gewesen sein.
Außerdem sollen wir uns mittlerweile ja an erster Stelle um das Elend im eigenen Land kümmern, statt wie vorher um jenes Mädel auf den Plakaten an der Bushaltestelle, das mit einer Tüte Reis in der ausgestreckten Arm freundlich lächelnd durch ein Gewässer watet, das ihr bis zum Halse steht. Da wir uns nun aber hierzulande um die Notleidenden anderer Länder zu kümmern haben, können wir die Plakatflächen wieder anderweitig nutzen, z.b. für H&M, C&A, P&C und dergleichen Bekleidungskonzerne, deren Reklame ja letztlich auch unserer Wirtschaft besser zugute kommt, als die ständigen Bettelbotschaften. Die haben ohnehin nie sonderlich geholfen, wenn man bedenkt, daß zum Beispiel Francis schon seit mindestens acht Jahren immer mal wieder zur Schule gehen will und wahrscheinlich aufgrund dieser ausgebliebenen Reifephase noch genauso jung aussieht, wie schon zu Beginn der Hilfsaktion.

 


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