Nachträge (vormals ‚updates‘) 1-3 sind rot und weitere Nachträge anderweitig gekennzeichnet


Abteilung 1
sein oder nicht

Heute möchte ich mal ein wenig über das Sein philosophieren. Also weniger über mein Sein oder Dein sein, sondern nur über das Sein allgemein, ohne dieses Sein wären wir ja schließlich gar nicht da. Wenigstens nicht hier. Obschon man es ja ein Dasein nennt, nicht ein Hiersein.
Wir sind aber hier in diesem Dasein. Wir sind hier, das steht wohl fest. Jedenfalls solange wir da sind, sind wir hier. Wären wir nicht hier, könnten wir aber trotzdem da sein, also im Sinne von da und dort.
Der Fritz ist gerade nicht hier, denn er ist da und dort. Wäre er nicht mehr dort, sondern bereits hier, wär er schon wieder da.
Da ist also auch hier.
Das Sein umfasst eben alles Sein, ob hier oder da.
Ohne das Sein ginge das alles gar nicht.

Im Leben jedenfalls nicht. In der Literatur, da ginge es wohl. Da kann man auch vom Sein bloß schreiben, ohne sich dem Sein zwingend stellen zu müssen …

Abteilung 2
wären/wäre/hat/sind

Zum Beispiel nochmal der Fritz. Fritz ist gerade nicht hier. Folglich meinen wir, daß er da und dort.
Und solange er da und dort, kann er nicht hier. Ich hoffe sehr, daß er bald wieder hier. Da ich sonst sehr traurig.

Ich finde das klang jetzt ganz prosaisch, also prosaisch im Sinne von großer Erzählkunst. Noch keine Poesie, aber ein literarischer Kniff, meine poetischen Anliegen besser auszudrücken. Ich lass das sein schlicht weg, so klingt es doch viel schöner. Ich könnte natürlich auch das Wort ‘klingt’ noch weglassen. Damit es noch viel schöner. Zumal das auf der allgemeinen Internetschreibetafel ja zunehmend zur Mode.

Man sieht, neben dem Wort ‘sein’ und allen seinen Gefolgen kann man am Schluß eines Satzes auch viele andere Worte noch weglassen.

Fern des Schreibens, beispielsweise im Gespräch, würde sich das allerdings reichlich bescheuert anhören. Nur Schreiber können sich in dieser Weise ausdrücken, einerlei ob Poeten, Literaten oder Blogbeschreiber. Beziehungsweise: Einerlei, ob es Poeten, Literaten oder Blogbeschreiber.

Wo es im Gespräch also ziemlich hohl wirkt, zeugt es in der Schrift zumeist von hoher Sprachbegabung, wenn auf das letzte Wort verzichtet, egal wie es jeweils klingt.

In der Literatur hat man schließlich schon immer diesen Kunstgriff angewendet, allerdings maßhaltend und nicht allzu häufig, sondern zumeist nur da, wo es hinsichtlich des gesamten Sprachgefüges erforderlich war, den vorherrschenden Rhythmus zu halten oder einen besonderen Klang zu erzeugen. Es ist ein Mittel, das man eher dezent anwendet. Dezent hat glaube ich etwas mit engl. decent zu tun. Auch mit dem Aussparen sollte man schließlich gesparsam umgehen.

In wissenschaftlichen Werken wiederum wird jeder Satz in der Regel noch vernünftig zu Ende geschrieben. Auch die Philosophen machen davon eher selten Gebrauch, zum Beispiel Hölderlin*, der obendrein sogar Dichter war, hat seine Sätze zu Ende geschrieben; wenigstens wenn’s um die Sache ging, was ja auch verständlich.
Wie könnte die Frage nach dem Sein auch vollständig erörtet, wenn auf das letzte Wort verzichtet?

Man trifft das also meistens in der Poesie an, bei Gedichten oder romantischen Werken, doch auch sonst darf sich natürlich jeder Schreiber dieser schöngeistigen Elemente bedienen, auch der Blogautor in der Nachrichtenwelt, der vielleicht seine sachlichen Information auch mal in ein etwas bunteres Sprachgewandt kleiden möchte.

Und das klingt dann in etwa so:

“Tausende Vorschläge existieren – ob jene umsetzbar, erkennt man allerdings erst innerhalb diverser Praxisversuche. Hierzu fehlen aber grundlegende empathische Fähigkeiten. Misstrauen sowie Neid verhindern starke Gemeinschaften. Immer wieder kritisieren Bundesbürger einander, obwohl Zusammenhalt dringend erforderlich.”¹

Nun, da stimme ich zwar inhaltlich zu, möchte aber den Bundesbürger trotzdem kritisieren dürfen, ohne automatisch des Neids bezichtigt zu werden. Möchte mich also wenigstens fragen dürfen, aus welchem Grund überhaupt man hier auf die Worte sind und ist oder wäre andauernd verzichtet? Soll es etwa viel aussagekräftiger klingen oder möchte man dem Leser nicht vorschreiben, welches der möglichen Worte er an welcher Stelle noch zusätzlich gern gelesen hätte? Also mich jedenfalls hindert es am Weiterlesen und es kommt mir immer vor, als ob einer die Worte vergessen hätte. Aber vielleicht bin ich ein Banause und entdecke nur die außerordentliche Sprachkunst dahinter nicht.

Ein noch schöneres Beispiel für diese Art von sprachlich außerordentlich aufgewerteten Nachrichtentexten wäre dann wohl zweifelsohne dieses:

“Europa besitzt außergewöhnliche Gaben, was Marine Le Pen zweifelsohne erkannt, jedoch sollten sie auch Anwendung finden, bevor Nationen endgültig ausgestorben.”²

Ja, das ist zweifelsohne besonders gut formuliert, das muß jetzt sogar mal von mir, dem wohl größten Zweifel-Sohne weit und breit, einmal festgestellt werden. Schließlich werden hier nicht nur gleich zwei Löcher kunstvoll in einen einzigen Satz gestanzt, sondern wird neben dem Sein auch noch auf’s Haben verzichtet. Und das können eben nur Schreiber, auf’s Haben verzichten und das Sein unterlassen sowieso.

Nachtrag 4:
Visionen kann man zweifelsohne aber trotzdem haben. Diese zum Beispiel:

„Ein großes Haus, wo Buergerstimme und Freunde anderer Nachrichtendienste gemeinschaftlich agieren, jene Medienrevolution auslösen, welche zweifelsohne längst überfällig ∠. Dieses Haus, wo wir Gemeinschaftstreffen abhalten, Menschen zur Erholung empfangen und arbeiten wollen, kostet etwa 250.000 Euro, zuzüglich Lohnkosten etc. – wenn ich eins gelernt ∠, dann, daß alles möglich ∠, denn der freie Journalismus braucht ein zu Hause, auch genannt Festung.“³

Nachtrag, weitere Monate später (das nimmt manchmal dermaßen idiotische Ausmaße an, das muß ich hier einfach zitieren):
„… denn jeder Mensch muss seine Familie ernähren, Rechnungen zahlen, egal wie groß das idealistische Herz.“
Au weia.

Abteilung 3:
sind/wird/haben/hat/wird/hat/ist

Fernab von dem obigen Spezialfall gibt es aber noch andere Gefilde, wo der allgemeinen Aussparungsmethode überflüssiger Worte fleissig nachgekommen wird. Man kann mit dieser Sprachkunst nämlich nicht nur in Artikeln aufwarten, sondern sich damit auch in die Kommentarbereiche begeben, in einer Weise, wie man es im Gespräch sicherlich nie tun würde.

Hierbei wird man mitunter Sätzen gewahr, die ganz besonders zum nachsichtigen Lesen einladen und die ich nun exempelweise einmal abbilden möchte:

Originalzitat entfernt.
Entsprechender Ersatz:
Spiel und Spaß sind zwei Begriffe, die gut mit einander vereinbar.

Originalzitat entfernt
Entsprechender Ersatz:
deshalb schicke ich es hier und jetzt an Karstadt zurück, sowas ist absolut unbrauchbar, sollen es jene wieder erhalten, die es gebaut.

Originalzitat entfernt.
Entsprechender Ersatz:
Mehr natürlich freue ich mich vor allem, wenn dir mein Kuchen geschmeckt.

Ob er schon aufgegessen?

Also würde mich jemand so anschreiben, würde ich wohl nur erwidern, ob er vielleicht bloß etwas vergessen oder was da unter Umständen sonst mit ihm los?

Abteilung 4
Zum guten Schlußwort

Von diesen halbfertigen Sätzen könnte ich noch etliche weitere aufzeigen, unterlasse es aber, genauso wie ich es unterlasse, zu diesen ziemlichen Griffen ins Klo eine Quelle zum entsprechenden Kommentarschreiber anzugeben. Nachtrag 3: Was ich bei eventuellen weiteren, anderen, aber zu tun habe, diese dann allerdings bezogen aus Artikeln und Berichten, nicht aber Leserkommentaren, von Nachrichtenseiten oder am Qualitätsjournalismus orientierten Internetmagazinen mit nach eigener Aussage geradezu reformatorischen Ambitionen und dem Anliegen, nachhaltige investigative und andere vorbildliche Schreibtugenden vorzuleben, oder solchen Internetseiten, die vielleicht einem Bildungsauftrag o.ä. folgen, sei er erteilt worden oder aus dem eigenem Selbstverständis heraus nach außen hin so dargestellt.

Ich möchte diese Fähigkeit zur Seinsunterlassung auch nicht pauschal verurteilen. Schließlich kann es vor dem Hintergrund der Zweckmäßigkeit durchaus auch mal Sinn ergeben, das letzte Wort hier und da wegzulassen, zum Beispiel wenn einer lange verschachtelte Satzpassagen oder komplizierte Schachtelwurmsatzgefüge um das ein oder andere Wort erleichtert.

Oftmals aber begegnet man in der ganzen großen Internetschreibestube vielen Satzgebilden, bei denen sich ein Autor auf diese Begründung gar nicht berufen könnte und nur zu diesem Mittel greift, weil er an der mittlerweile allgemein verbreiteten Schwurbelitis leidet.
Mir jedenfalls erscheint es so, als wäre wohl eine ansteckende Methode im Umlauf, die man durch bloßes Lesen solcher Halbsätze automatisch zu übernehmen Gefahr läuft. Kaum hat einer irgendwo einen sogestalt verkürzten Satz gelesen, schon fängt er ebenfalls damit an. Verkürzt gar noch die allerkürzesten Aussagen um das letzte Wort, ohne zu überlegen, ob es überhaupt notwendig. Hauptsache wir haben dem Leser mal wieder gezeigt, was wir nicht alles für Kniffe beherrschen. Hauptsache es klingt ungefähr so wie bei demjenigen, dem das irgendwie besser gelungen.

Solche, bzw. einen Solchen, dem es besser gelingt, gibt es nämlich, jedenfalls bin ich diesbezüglich bislang nur einem halbwegs begegnet. Von ihm könnte ich sagen, daß er diese in meinen Augen zwar immer noch unvollständigen Sätze immerhin aber umso verständiger einzusetzen weiß. Zumal er es nicht nur gelegentlich einsetzt, was ja viele (offenbar willkürlich) tun, sondern zwar weitaus häufiger, doch umso besser eingepflegt, da es eben ‘seit jeher’ seine Eigenart (ist), so zu schreiben. Es ist im Grunde sein eigener Sprachstil oder ein häufig verwendetes Mittel innerhalb seines eigenen Sprachstils. Meistens gelingt ihm die Weglassung eines Wortes treffend bis vortrefflich, oder wo nicht, so klingt es wenigstens seinem literarischen Eigenklang nicht zuwider. Dieser Schreiber weiß damit mal reichlich, mal sparsam, umzugehen und ist demnach gar nicht mit meiner Kritik gemeint, denn schon sein Gesamtstil zeigt an, daß dies nur ein Teil seiner diversen Ausdrucksformen ist. Der Leser weiß sofort, dieser Autor schreibt halt mitunter so; es passt zu seiner sonstigen Schreibeart, es ist neben vielen anderen Merkmalen ein Kennzeichen seiner gesamten Schreibarbeit, daher greift er nicht nur innerhalb seines literarischen Werkes zu diesem Mittel, sondern auch – an anderen Orten, wo die Schreibenden, die davon inspiriert, es auch mal versuchen, aber meistens ziemlich ins Klo greifen. (kleiner Verweis entfernt)

Dieser eine Autor ist diesbezüglich also eine Ausnahme Eindeutiger Link entfernt, zuviel Lob ist offenbar auch nicht gesund). Gleichsam hat er das Mittel, das letzte Wort an ausgesuchter Stelle andauernd wegzulassen, nicht für sich gepachtet, stellt darauf ja auch keinen Anspruch, sondern zeigt nur auf, wie es geht, bzw. aufgrund welcher erforderlichen Zusätze es nicht so lächerlich klingt, wie oben einzusehen.
Jeder kann es hier und da einmal verwenden. Die schreibende Feder soll ja möglichst frei walten dürfen und alles sollte erlaubt; – sein, mit Verlaub.
(aber alles kann Konsequenzen haben, das muß man immer bedenken, wie ich gelernt habe)
Kritisch wird’s nur dann, wenn man plötzlich den Stil eines anderen nachzuahmen beginnt, oder unter Verwendung jemandes eigentümlichen Stilmittels plötzlich nach dessen Feder schreibt, ohne es aber selber zu merken.
Auch mir passiert das mitunter. Schreibern passiert das sogar recht häufig. Man merkt es aber in der Regel schnell bei sich selber, verringert das Übernommene, und kehrt bald zum eigenen Stilum zurück. Schlußsatz entfernt.

Nachtrag 1
*Korrektur: Welch ein Irrtum von mir! Wie ich gerade durch zufällige Schicksalsfügung entdecken durfte, hat auch Hölderlin mal auf zwei Worte verzichtet (haben & ist), und das auch noch in nur einem einzigen Satz!

Nämlich in diesem:

„Endlich unterscheidet sich die idealische Auflösung von der sogenannt wirklichen (weil jene umgekehrterweise vom Unendlichen zum Endlichen gehet, nachdem sie vom Endlichen zum Unendlichen gegangen war) dadurch, daß die Auflösung aus Unkenntnis ihres End- und Anfangspunktes schlechterdings als reales Nichts erscheinen muß, so daß jedes Bestehende, also Besondere, als Alles erscheint, und ein sinnlicher Idealismus, ein Epikuräismus erscheint, wie ihn Horaz, der wohl diesen Gesichtspunkt nur dramatisch brauchte, in seinem „prudens futuri temporis exitum“ pp. treffend darstellt – also die idealische Auflösung unterscheidet sich von der sogannt wirklichen endlich dadurch, daß diese ein reales Nichts zu sein scheint, jene, weil sie ein Werden des Idealindividuellen zum Unendlichrealen und des Unendlichrealen zum Individuellidealen ist, in ebendem Grade an Gehalt und Harmonie gewinnt, je mehr sie gedacht wird als Übergang aus Bestehendem ins Bestehende, so wie auch das Bestehende in ebendem Grade an Geist gewinnt, je mehr es als entstanden aus jenem Übergange oder entstehend zu jenem Übergange gedacht wird, so daß die Auflösung des Idealindividuellen nicht als Schwächung und Tod, sondern als Aufleben, als Wachstum, die Auflösung des Unendlichneuen nicht als vernichtende Gewalt, sondern als Liebe und beedes zusammen als ein (transzendentaler) schöpferischer Akt erscheint, dessen Wesen es ist, Idealindividuelles und Realunendliches zu vereinen, dessen Produkt also das mit Idealindividuellem vereinigte Realunendliche ist, wo dann das Unendlichreale die Gestalt des Individuellidealen und dieses das Leben des Unendlichrealen annimmt und beede sich in einem mythischen Zustande vereinigen, wo, mit dem Gegensatze des Unendlichrealen und Endlichidealen, auch der Übergang aufhört, so weit, daß dieser an Ruhe gewinnt, was jene an Leben gewonnen, ein Zustand, welcher nicht zu verwechseln mit dem lyrischen Unendlichrealen, so wenig als er in seiner Entstehung während des Überganges zu verwechseln ist mit dem episch darstellbaren Individuellidealen, denn in beeden Fällen vereiniget er den Geist des einen mit der Faßlichkeit, Sinnlichkeit des anderen.“
Quelle:
Friedrich Hölderlin
Theoretische Versuche, Kapitel: Das Werden im Vergehen (!)


Anmerkung & Quellangaben:

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen schon vor 9 Monaten vorgeschriebenen, erst heute 12.7. veröffentlichten, Entwurf, der aufgrund der zunehmenden und in der allgemeinen Internetbloggerei immer irrwitziger gewordenen Anwendung obiger unverhältnismäßiger Satzverkürzungen zunächst zur mehrmaligen Bearbeitung im Notizbuch behandelt wurde und jetzt, nachdem mir nach Lesung eines nach eigener Aussage am Qualitätsjournalismus orientierten Internetmagazins mit geradezu reformatorischen europaweiten Ambitionen und dem Anliegen nachhaltige investigative und andere vorbildliche Schreibtugenden vorzuleben der Hut endgültig zu pfeiffen begonnte, unbedingt mal an Ort und Stelle veröffentlicht werden mußte.

¹https://buergerstimme.com/Design2/2015/07/an-alle-bundesbuerger-deutschland-bleibt-deutschland/
²https://buergerstimme.com/Design2/2015/07/marine-le-pen-warnt-vor-eu-sekte/
³https://buergerstimme.com/Design2/2014/07/alternatives-medienhaus-mut-zur-veraenderung/