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Erstellt nach der ersten halbwegs lesbaren Vorlage vom 11. ‎Mai 2015

im Titul:

Die hochbedenkliche
SUMPFGESCHICHT

Ausführliche und mit illustren Beschreibungen
verzierte Erzählung über
die Herkunft der unlängst entdeckten
so genannten

Unverbesserlichen General Schreiber-Ordinance wider die Schreibtisch-rebellion
unseres hochgedachten Federführers Wohl-hochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand

wie seine Weitsichtigkeit mich aus den Sümpfen gezogen und was im Zuge dessen an seinem Hofe Denkwürdiges vorgelaufen,
Mit einigen lustigen Abstraktionen und sonderbaren Wendungen
allen verkehrten Schreibgelehrten und deren
studiois zur hoffentlich daraus fliessenden Besserung
und jedem anderen zum reinen Vergnügen vorgestellt

durch
Jermain Foutre le Camp
zwischen Sommer 1745/2015 bis dato

1
Worin davon erzählt wird, wie der Auctor etwas Geschriebenes fande

Heute, wie ich mal eben kurz in dieses Lustschloss zurückkehrte, um mir aus meinem Schreibbureau (das ist die Besenkammer vom Taubenschlag nähe der Pferdeställe gleich hinter dem Wandelpark) meinen Wanderstock abzuholen, und mich mit selbigem Stützgerät aus jenen Sümpfen, die ich derzeit ja hauptsächlich durchstiefle, wieder eigenhändig heraus stechen zu können, da fand ich unter meiner Schreibeplatte liegend doch glatt mehrere arg zerknüllte Manuskripte herumliegend vor, beschrieben mit schimmriger Eisen-Gallus Tinte und demnach offenbar verfasst von meinem nicht minder schimmernden Schlossherrn Urbald Freiherr von Oberhand, unter dessen gnädiger Federführung ich hier zu schreiben ja immerzu verpflichtet bin.

Da ich aber nun seit etlichen Monaten schon in dieser versumpften Crisis stackte und die Schreiberei aus vielen Gründen mehr und mehr vernachlässigte, blieb auch die Schreibekammer immer häufiger unbesatzt.
Dieses mein Ausbleiben entging auch meinem gnäd. Herrn Wohlhochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand nicht, und als ihm eines Tages offenbar zu deuchten begonnte, um was für eine geistige Plaquerei es sich beim Schreiben mitunter wohl handeln konnte, hatte er mich zuletzt immer öfter zum Staubwedeln, Teppichklöpfen, Holzhackeln, Mörchenputzen und anderen „dringend notwendigen kontemplativen Zerstreuungen“ abkommandiert; damit in meiner hirnansässigen Sprachenkammer nach Auskehrung allen überflüssigen Unrats ebensolche Ordnung einkehre, die man gewiss bräuchte, um wieder verständige Texte zu schreiben.

Doch daß mich dergleichen Tätigkeiten zusehends von meiner bisherigen Selbsttäuschung befreiten, nämlich: daß die Schreiberei von allen mir auferlegten Pflichten immer noch die sinnvollste sei – und ich stattdessen mehr beim Teppichzerklöpfen innerlich auflebte, als wie vorher bei der Tintenkleckserei – das mochte dem gedachten Zweck seiner mir zugedachten Übungen wohl leidlich zuwider gelaufen sein.

Als Wohlhochgeboren daraufhin befahl, ich solle mir nach Erledigung aller Hausarbeiten auch einmal die Zeit nehmen, hin und wieder „geistige Erholungsfahrten ins weitläufigere Umland“ zu unternehmen, befolgte ich diese Ordre gern, kam aber nie so auf den rechten Weg dorthin und blieb immerzu in all den tristen Sümpfen stecken, die noch vor den schönen Wiesenfeldern und andern Flecken voller Segen, nebst viel Gestrauch und Dornenhecken, ringsum das Anwesen gelegen.
In diesen Niederungen hielt ich mich demnach bald länger auf, als ich von meinem Herrn dazu ward beurlaubt worden, demnach er wieder in seiner weisen Voraussicht die nächste Wendung in der Geschichte einleitete, während ich nur meinen erinnerten Wanderstock abzuholen im Sinne hatte, welchen ich mir in meinem Schreibekämmerlein wieder aufzufinden erhoffte.

Nun aber fand ich hierbei den genannten Haufen von verschandelten Papierbögen unter meinem Pulte vor, welche zudem mit derart unleserlichen Satzgefügen vollbeschmiert waren, daß man kaum ein Wort davon entziffern konnte. Und wo es noch hätte gelingen können, machte mir die hochscheinende Schimmer-Tinte im jeweiligen Lichtbefall die Buchstaben wie silberlichte Elfen vor den Augen tanzen, woraus ich letztlich eindeutig resultierte, hier hätten wir es mit einem Schriftwerk meines nicht minder schimmernden Schlossherrn Urbald Freiherr von Oberhand zu tun; ging demnach nolens volens zu Ihme hin und frug an, ob jenes Dokumentarium noch irgend benötigt werde, ob es mir wohl als Vorlage gelten solle oder was sonsten ich überhaupt damit anzufangen hätte.

Da wußte Wohlhochgeboren jedoch gar nicht, wovon ich zunächst redete; wie ich ihm dann aber eines nach dem anderen vor seinen Augen wieder auseinander knitterte, sagte er endlich:

„Ach das. Ja.“

Das sei wohl Nichts; da wollte er bloß einmal versucht haben, sich in die Gedankenkammer eines schreibverhinderten Scribenten hineinzuversetzen … doch fühlte er sich in der letzten Zeit nicht minder zerknittert, als wie im Resultat nun der vorliegende Papierhaufe; demnach fehlte es ihm während dieses „höchst beschwerlichen Unterfangens der Schreiberei“ nicht nur an einem Konzept, sondern auch an Klarheit und Konzentration, und als er überdies vonseiten des ungeduldiges Schlosshundes immerzu angebellert wurde, hatte er die ganzen Zettuln bald kurzer Hand in eine einzige Papierkugel komprimiert und jählings „nach dem blöden Hund damit geworfen“.

Dieser allerdings hüpfte nun desto freudvoller durch den Raum, schnappte den plötzlichen Spielball geradewegs aus der Luft herunter und stellte sich damit auch gleich artig schwanzwedelnd gegenüber den Herrn zum Apportieren bereit. Lediglich war ihm der Papierball offenbar recht umständlich zwischen die spitzigen Zähne geraten, was er dem Herrn auch mit viel Kopfschütteln anzeigte, doch als dieser sich mit hochgestrecktem Zeigefinger verweigerte, ihm das gesamte Verhängnüs aus dem Maule zu retrivieren, wußte der arme Hund bald selber nicht mehr, woran er war, umrundete verunsichert schnüffelnd einige Male den Schreibtisch seines Herrn, setzte zur Versicherung gegen dieserorts eventuell bevorzugte Hunde noch verschiedene Verpissdichpunkte und trottete, fernerhin gestopften Maules, auch recht eingeschnappt zur Tür hinaus…

Auf diese Weise war des Schlossherrn Schreiborium also über Umwege in meine niedere Kammer befördert worden, wo eben das arme Hundsgeschöpf sich nach dem nächsten Spielkamerad vergeblich suchend unter den Schreibtisch verkrochte, um sich dann mit beschämten Pfoten des vielen Papiers im Maule bald stücksweise zu entledigen, das hernach aussah wie Pappmatschee, wenngleich immerhin aus Bütten.

Mit jenem papiernen Rotzhaufen stund ich nun also entgegenüber dem Herrn, und hätte mich dieser nicht angewiesen, es schlicht in den Kamin zu werfen, ohne noch strengen Blickes zu bemerken, „denn nun sind Sie ja wieder verfügbar“, wäre ich seiner Order wohl auch nachgekommen – letztere gewichtige Andeutung machte mich allerdings dermaßen curieux, daß ich schnurstracks an dem Kaminzimmer vorüberwich – wo ohnehin noch gar kein Feuer flammte – und das gesamte Skribonarium sogleich an einen Deutelmeister depeschierte, der auch schon so manche von den Hygrolyphen aus Ägypten verständig ans teütschlesende Licht gebracht.

*

2
Worüber der Schreiber nicht schon wieder alles nachgrübelte

Als des Deutelmeisters* Reinschrift mich bald erreichte, las ich sie sehr aufmerksam durch und mußte auch wirklich immerzu aufmerken, denn: so hatte mein Herr hinter der nun halbwegs aufgedeckten Schmiererei doch eigentlich sehr gehaltvoll klingende Worte verborgen, darüber ich schon bei der ersten Überlesung sehr nachdenklich grübelte, was sie mir meinem Verständnisse nach wohl insgesamt bedeuten möchten. *Es handelt sich hierbei übrigens um den weltbekannten Hygrolyphen-Leser Prof. Dr. Dünkelstein aus Diggerdorf nahe Erdingen

Hierbei stimmte es mich zunächst einigermaßen skrupelig, daß es in Teilen einem Kontrakte glich, der tendentiös als auch intentiös wohl hauptsächlich mich betraf und offenbar meine Rückbeförderung als Hofscribent zum Ziel hatte, aus welcher mühevollen Tätigkeit ich mich doch zuletzt mit allerhand Ausflüchten allmählich herauszuwinden versucht hatte. Nach der zweiten Überlesung aber fing ich an, die Sachen dahingehend zu erwägen, ob mir sein Schriftgetüm nicht mehr zum Vorteile als zum Nachteile gereichen sollte, zumalen es doch einige Lobesreden auf mich enthielte und mir darinhalben, neben den längst bestehenden Pflichten, nunmehr sogar einige Freiheiten eingeräumt zu werden schienen.

Demnach war ich doch recht froh, diesen neuen Kontrakt vor der Vernichtung bewahrt zu haben, insbesondere wenn ich bedachte, daß ich Kraft fehlender sonstiger Talente der leidigen Schreiberei ja nicht auf alle Tage entsagen konnte. – Was schließlich blieb mir anderes übrig, als wieder ein Schreiber zu sein, wenn dieses von mir übrig gebliebene Restwesen noch das lebendigste aller optionalen Identifikationsmodelle war, auch wenn es bloß aus ebenso imaginären Elementen bestund; was blieb mir da noch anderes zu tun übrig, als diese in mir circulierenden leeren Worthülsen gelegentlich in flüssige Tinte zu tauchen und mit überflüssigen Bedeutungen abzufüllen.

3
Wie sich die Geschichte von dem Geschriebenen weiterhin entwickelte

So kam es nun dahin, daß ich bald erneut in seinem Zimmer stund und ihm besagte Schriftsammlung quer über den Pult darwieder reichte, von der er sicherlich meinte, ich hätte sie längst dem Feuer übergeben; doch wie ich gleich rundheraus erklärte, sein Kontraktuum Instructionum Scribodingsbum oder so stattdessen recht aufmerksam gelesen zu haben, war ich mit meinem Latein auch schon wieder am Ende, da er mich hier unterbrochte und behauptete, er möchte mich in meiner Rede zwar nicht disruptivieren, doch hieße es nicht immer bloß „an einem Ende -num und am andern Ende –bum, sondern, je nach -nis oder auch –nae, gelegentlich mal -bis, und manchmal auch -bae.“
Aber ich solle mich von dergleichen römischen Bollwerke nicht lassen beeindrucken, oder besser gar keinen Gedanken weiter darauf verwenden, da man bei dem meisten doch wieder zurück auf die ursprüngliche Wurzel kommt, und es ohnehin kaum etwas Irrwitzigeres geben kann, als bei eigener Spracherhaltung stets versucht zu sein, angelzistische Einflußwörter zu vermeiden und stattdessen einen deutsch klingenden Begriff zu wählen, „der allerdings eygentlich dem Lateinischen entsprungen, während wiederum die angelzistischen Wörter häufig genug aus dem urdeutschen Wörterkrug sind geschlürfet worden. Kurzum, Herr Camp, reden Sie, wie Ihnen die Zunge verwachsen ist, und tragen Sie lieber frei heraus vor, was Sie bewegt, bevor wir noch gänzlich vom Thema abkommen.“

Davon redlich ermutigt, fuhr ich also fort, daß ich vorliegendes Schreiben nicht etwa dem Feuer übergeben, sondern es gleich auf dem Wege dorthin heimlich angelesen und gleich ein großes Werk darin erkannt hätte, das der Welt nicht vorenthalten bleiben dürfte.
Lediglich müßte es noch ins Reine geschrieben, einige Elemente hinzugefügt, manche Passage platzweise verschoben und das ein oder andere Wort nochmals überdacht werden, damit die geistige Beschaffenheit des Verfassers solcher heilversprechenden Gedanken ebenso tröstlich nach außenhin wirken könne, wie sie der Verfassung dem schaffenden Schreiber gleichsam innewohne.
Für diese artige Feststellung erhielt ich auch gleich ein Lob; denn wie oft fänden wir doch „hochleuchtende Schriften vor, in denen es von heilversprechenden Worten nur so wimmlet“, derweil, wie er forsetzte: „viele dieser Auctoren aber umso viel desto weniger wirklich leuchten, sondern im Auge grau, in der Aura fahl und im ganzen Erscheinungsbild so ausschauen, als hätte ihn ein Leichenfledderer gerade noch an der linken Ferse haltend durch die Gassen hinter sich hergezogen; nachdem ihm aber dessen linker Schuh abgeflutscht, er diesen als noch den besten Beuteteil erachtet und die restliche Figur im Rinnstein gelassen!“
Ob ich also der Ansicht sei, in seinem Fall verhielte es sich mit der Verhältnismäßigkeit zwischen Werk und Autor genau andersherum?

Durchaus, Wohlhochgeboren, versicherte ich, gleichsam arg verunsicherlicht, wo in diesem Bild ich wohl meinen Platz hatte – ihm meine entgegengesetzte Meinung aber nicht verschweigend, daß diejenigen Autoren, die stattdessen so herausgeputzt leuchten, wie ihre erkenntnisreichen, heilversprechenden und die Leserschaft zum Licht hinführenden Schriften mir weitaus ungeheuerlicher vorkamen, als die fahlgesichtigen, da sie den Leser doch eher hinters Licht, als hin zum Licht führen, derweil der noch Suchende auf seinem Wege durchaus beizeiten so ausschauen müsse, als sei er durch die Mangel gezogen worden, schließlich mangelt es ihm ja gerade an dem, was er dortheraus wankend erst finden täte und ebendas könne ihm noch eine lange Zeit im Angesicht geschrieben stehen.

„Einerlei!“, sagte Herr Wohlhochgeboren nun abwinkend und schloss das Gespräch mit der Feststellung, daß die Wahrheit ohnehin nicht durch das Schreiben erkannt und so auch durchs Nachlesen dergleichen Schriften niemals könne gefunden werden, einerlei, ob seine Tinte mehr leuchtet als der eine, oder umgekehrt der andere. Umso müßiger, sich über diese Dinge in subjektive Philosophien zu verlieren, wo am Ende ohnehin stets ganz genau die gleiche Frage übrig bliebe, die auch jetzt wieder aufkam, nämlich, was denn eingangs überhaupt das Anliegen gewesen?

Da schilderte ich ihm also mein angedachtes Vorhaben, daß ich mich als sein Scribent wieder insoweit hergestellt befände, mich sogleich an die Arbeit machen und sein vorliegendes Manuscriptum ins Reine schreiben zu können, um es hernach gleich an Ort und Stelle zu publizieren, da ich es als ein großes Werk erkannte, das erst durch die Lektüre fremder Augen zu einem solchen werden könne; ihm gleichsam allerdings verschweigend, daß ich mir hiermit die Gewissheit zu erlangen versprach, vermittelst der Augen aller mitlesenden Zeugen auch meiner darin festgeschriebenen Rechte nachhaltig versichert zu sein.

Da sah er mich zwei Augenblicke länger an, als standesmäßig gewohnt, legte den Kopf in den Nacken und repitierte mir wie aus heiterem Himmel doch wahrhaftig das folgende herunter: „So meinen Sie also es sei annoch durch Gottes Providenz die schrifftliche Anweisung übrig/ welche auch viel weiter als die mündliche und an solche Orte zugleich reichet/ dahin sonst nicht leicht ein Zeuge der Wahrheit kommen kann!?’“

Das waren nun einige Worte, die mir zwar gleich gar nichts sagten, deren mystischer Qualität ich aber mit viel geheuchelter Kenntnis von solcherlei Arcana ernsthaft nickend zustimmte, worauf er wieder ganz vernünftig dreinschaute und bloß noch sagte:

„Na dann, wenn Sie das meinen, bringen Sie’s nur bald heraus, so haben wir wenigstens mal wieder was Neues auf’m Tablett.“

4
Wie das Geschriebene bald ans Tagelicht gelangte

Entgegen meiner Erwartung willigte Wohlhochgeboren also nicht nur ohne Zögern ein, sondern zeigte er sich sogar geradezu erpicht darauf, dies Werk möglichst bald in den „öffentlichen Druck“ zu befördern, und erteilte mir zuletzt wahrhaftig den gnädigen Erlaubnisbefehl, meine Arbeit „nicht allerdings in Ihrer niederen Schreibekammer, sondern hochoben in meinem gut ausgeleuchteten Leseturm“ verrichten zu dürfen, da man von dort aus „einen weiträumigen Prospect über das gesamte Umland“ hätte, was auch bei der Einsicht-Nahme schwieriger Texte, die bloß noch abzuschreiben wären, sicherlich zur besseren Übersicht verhülfe.

Letztere Andeutung verwunderte mich zwar ein wenig, schließlich war ich zu jener „Einsicht/nahme“ doch längst gelangt, aber ich machte mir weiter keine Gedanken. Denn oben in dem rundem Turm hinter dem Panoramafenster zu sitzen, statt in meiner niederen Schreibekammer, das kam fast einer Beförderung in die himmlischen Gefilde gleich. Solche Ehr‘ war noch keinem Schreiber jemal zuteil geworden und als ich noch stolz mein Federmäppchen schon schnürte, merkte ich bereits, wie alle Schreiber mich um diese Aussicht bewunderten, alle davon abgezognen Neider aber schier erblassten, weil sie immer noch in ihren dunklen Schreibstuben hocken mussten, während ich vom hellen Tagelicht bald rundherum beschienen wurde.

5
Wie sich das vielverheißende Blatt allerdings sogleich wieder wendete

Folgenden Tags saß ich bereits hochdroben im stolzen Turme und machte mich gerade daran, alles zur Publikation Notwendige wohl auszurichten, da kam der Herr plötzlich unter Anwünschung eines schönen guten Mittags schnurstracks durch die Tür geweht und übereichte mir einen ganzen Kladderadatsch weiterer vollbeschmierter Papierbögen, die ich der Vollständigkeit halber „nur noch“ ins vorliegende Werk einzuflechten hätte, bevor wir es in öffentlichen Druck setzen – und „wonach erst Sie, wie Sie sicherlich hofften, durch das Auge der mitlesenden Öffentlichkeit zwar Ihrer darin erwähnten Rechte versichert wären. Aber auch Ihrer künftigen Pflichten; zwei weitere Bündel mit ergänzenden Schriften habe ich noch im Keller liegen, wenn Sie mir bitte behilflich wären.“
So steppte er mir gleich schon wieder vorauseilend die Wendeltreppe herunter, und als wir mit je einem geschnürten Paperbündel beladen wieder zurückkehrten, sagte er „ist das nicht schön, Herr Camp, daß Sie endlich wieder schreiben können? Herr Camp? Hallo? Ach vergessen Sie’s.“

Er jedenfalls werde unterdessen auf Reisen gehen und erwarte die fertige Abschrift dann am Tage seiner Rückkunft zur nochmaligen Durchsicht auf seinem Schreibtisch liegen, um zu sehen, ob ich auch alle Stücklein eingeflochten oder das ein oder andere nicht aus Versehen vergessen hätte.

Da hockte ich nun wieder vor einem großen Stapel Schriftzeugs, das mir dermaßen zulasten ging, daß mir schon beim bloße Anblick dessen der Schweiß über den Leib an zu rinnen fing. Da hätte ich am liebsten gleich wieder das gesucht, was ich hinter den Fenstern liegend auch umgehend fand, nämlich das Weite; und wie ich meine Nase dagegen presste, ward es mir noch viel schlimmer im Gemüth, denn da sah ich: den Herrn Wohlhochgeboren gemeinsam mit dem Hund sichtlich vergnügt über die Schlosswiesen springen – zwei lebenslustige Wesen wiedervereint zu einem vertrauten Gespann, glasklar zu erkennen hinter den Fensterscheiben, die zu dünne waren, um das aufsteigende Gejohle zu dämmen, das vielleicht nur Spielfreude bedeutete, jetzt aber so conspirativ auf mich wirkte, als es einem Gefoppten wie mir nur erscheinen konnte.

6
Was in dem Geschriebenen endlich stande

Es blieb mir nun nichts anderes übrig, als mich Stück für Stück durch sein vermeintliches Werk zu schinden, und je weiter ich da vorstieß, desto eindeutiger mußte ich leider befinden, daß es insgesamt wohl ein unmögliches Unterfangen bleiben sollte, dies Elaborat jemals in eine lesbare Form zu bringen . Denn schnell wurde klar: hier hatte er sich der Autor bloß von einem Gedankensturm zum nächten fortreissen lassen, die er allesamt ohne Bedacht auf Zusammenhang so niederschrieb, wie sie ihm im Augenblick zugeflattert kamen, um jedes Mal in unlösbaren Gedankenknoten zu enden, die kaum auseinanderzuflechten und noch weniger in eine verständige Ordnung zu bringen waren. Zudem gab es noch viele leere Lacunen zwischen allen Passagen, die vielleicht in ähnlicher Weise auch dann stets entstehen, wenn zum Beispiel eine Argumentation ziemliche Löcher hat.

Nein, befand ich, das könnte keinem Leser jemals gefallen, denn in dem gesamten Geflecht war kein einziger roter Faden zu entdecken, oder – falls irgendwo doch – so wäre es der letzte Faden einer aufgeribbelten Stumpfhose gewesen, welchen man nach Auflösung derselben allenfalls noch hätte können zurück auf die Spule wicklen.

Entscheidend kam der Umstand hinzu, daß meine Arbeit an seinem Werk um einiges leichter ausgefallen wäre, wenn es nicht unter anderem mich zum Gegenstand hätte, der ausgerechnet als sein Hofscribent nun dabei zu scheitern drohte, diese Arbeit zu hofmeistern, somit als selbiger letztlich versagte und folglich damit rechnen durfte, künftig mit weniger schwierigen Aufgaben bedacht zu werden. Das wenigstens war meine Hoffnung.

7
Abgesang

Als ich des Wohlhochgeboren Schreiborium endlich halbwegs in die erste Ordnung gebracht, war es bereits tief in der Nacht und nie hätt‘ ich vorher gedacht, daß es mir derart viel Mühe macht. Ich fang übrigens stets mit dem Reimen an, wenn ich grad nichts Eindeut’ges schreiben kann, doch statt mit dem Schreiben schlicht aufzuhörn, möcht ich die Leser wohl noch weiter betör’n, sie vielleicht in soweit verleimen, als daß sie sich selber zusammenreimen oder gar zu resultieren wagen, daß auch das Geschreibe zählt zu den Plagen, die sich bestimmt nicht vertreiben lassen, indem wir darüber ein Schreiben verfassen.

usw.

es folgt hier → die Vorrede
zur oben angedrohten Schreiberordinance


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