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Bei den in unserem Findelgarten vorgestellten (und vermittelst der Sumpfgeschicht eingesetzten) Texten längst vergessener Autoren handelt es sich um Auszüge aus Schriftwerken die zwischen ~ 1630 bis ~1750 entstanden sind und noch im gleichen Zeitraum veröffentlicht, d.h. gedruckt wurden. Die meisten dieser hier aufgezeigten Werke, und eine erhebliche Vielzahl mehr, sind heutzutage auf dem Markt gar nicht erhältlich und es scheint auch nicht das Interesse der heutigen Verlegerschaft zu sein, sich diesem Fundus einmal zuzuwenden. Dabei wären sie auch heute noch durchaus mit Genuß lesbar und es mangelt ihnen auch nicht an literarischer Qualität, zumal die Schriftsprache bereits zu dieser Zeit, und nicht erst zu Zeiten Goethes, außerordentlich geistreich und gleichsam verständlich war, derweil sich die Autoren in ihrer Kunstfertigkeit und Sprachfertigkeit gegenseitig übertrafen.
Zudem wohnte dieser sich gerade entwickelnden, allgemein verständlichen Schriftsprache ein Zauber inne, der nicht nur begeistern, sondern auch dazu verhelfen könnte, ein neues Verständnis davon zu bekommen, was überhaupt Literatur ist (geistreiche Schriftsprache) und welche Aufgabe sie hat. Dies sage ich übrigens als jemand, der nie Germanistik, Literaturwissenschaft, Philologie oder sonst ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert hat. Nicht einmal Volkshochschulkurse habe ich besucht und auch kann ich kein Latein, vom Französelisch ganz zu schweigen. Eines ist hier nämlich ganz besonders eigenartig: Während sich die Sprachwissenschaft durchaus mit den in diesem Zeitraum entstandenen Schriften ins Studium begibt, und längst allerlei verständige Schlüsse daraus gezogen hat, werden sie von den derzeit wortführenden Literaten weder in Betracht gezogen, noch der Öffentlichkeit vorgestellt. Auch wird aus diesem höchst wertvollen Fundus (aus dem wir nur einen geringen Teil hier vorstellen) so gut wie nichts im Deutsch- oder Literatur-Unterricht durchgenommen, von dem fehlenden Vorhaben sorgfältig erstellter Neuveröffentlichungen jener großartigen Werke ganz zu schweigen.

Epochaler Ausflug in die Nachkriegszeit (also ab 1648)

Sicherlich; Literatur ist in ihrer ständigen Betriebsamkeit zu Genüge mit der Gegenwart beschäftigt (mit einem Schulterblick in die jüngste Vergangenheit und einem ungewissen Vorausblick in die nahe Zukunft), doch ist sie auch immer verbunden mit den vorangegangenen Literaturepochen, aus deren Gebieten die hellsten Werke noch bis in die heutige Zeit hineinleuchten und also gepflegt und weiterhin vermarktet werden. Daher wird unter wenigen anderen vor allem der Herr Goethe regelmäßig neu aufgelegt, so wie man das mit der Lieblings-Schallplatte eben auch gerne tut. Ich möchte dessen Leistung auch nicht schmälern und ihn als einen bedeutsamen Meilenstein in der Entwicklung der deutschen Literatur anerkennen; doch steht dieser Meilenstein nicht als eine Richtfahne auf der Etappe einer weiterhin aufstrebenden, schön-geistigen Literatur, sondern markiert er meiner Ansicht nach das Ende dieser.
Daß Goethe es „soweit bringen“ konnte, liegt nicht nur an dem Talent, das ihm in die Wiege gelegt wurde, sondern zum Einen auch an dem zusätzlichen Wiegenglück, sämtliche der Literatur nahestehenden Geistesgebiete per Studium erkundet haben zu können, wozu auch die Sprachen gehören. Bevor er überhaupt ernsthaft schrieb, beherrschte er bereits Latein, Griechisch, Französich, Englisch und Hebräisch, was für die Arbeit am eigenen Werk nicht unbedeutsam ist. Wenn man auch die Kunst des Übersetzens beherrscht, kann das sehr hilfreich sein.

Zum Andern lebte und wirkte er in einem Zeitraum, der sich (im Rückblick) gleich über mehrere Literatur-„Epochen“ erstreckte. Da sich jedoch Anfang, Dauer und Ende einer Epoche nur schwer zeitlich festlegen lassen, ist es wohl besser von Perioden und Phasen zu sprechen, die ineinander übergingen und sich nicht nacheinander, sondern wechselseitig befruchteten und beeinflußten.

Blickt man nun in umgekehrter Reihenfolge von der Romantik (1790-1848), der (Weimarer) Klassik (1786-1805) über den Sturm und Drang (1765–1785) durch die Empfindsamkeit (1740–1790) bis zurück in die Aufklärung (1720-1785), so kann man schon festellten, daß jedem, der innerhalb des Zeitraums von 1720 bis 1850 egal wie lange lebte, die unterschiedlichsten Winde um die Ohren gesaust sein dürften. In einem anderen Bild könnte man auch sagen, man befand sich auf einem sehr bewegten Gewässer, das durch die vorangegangenen Strömungsphasen in diese Bewegung erst gebracht wurde; und derjenige mit dem wendigsten Bötchen drehte dann auch die schönsten Pirouetten, derweil derjenige mit der dicksten Segelyacht nicht nur sämtliche Strömungen, sondern auch die geisterhaften Winde und noch jede kleinste Böe zu nutzen wußte, dabei aber durchaus neue Wellenströme verursachend; in welchen dann der eine schlicht mitgerissen wurde oder der andere bald untergegangen ist.
Und nähme man die Klassik bis Romantik als eine fruchtbare Insel der Erholung, so darf man nicht vergessen, was den sich dort Einfindenden aber auch Gestrandeten bereits vor die Küste gespült wurde, das man nur ein wenig ummodelieren mußte…

Diese hatten es schließlich nicht unmittelbar mit der Dichtung aus dem Früh- bis Spätmittelalter plus Renaissance zu tun, und damit in sprachlicher Hinsicht nicht mehr nur dem schwer verständlichen Althochdeutschen, Mittelhochdeutschen oder Früh- bis Frühneuhochdeutschen, sondern in unmittelbarer Nähe noch mit der Literatur-Epoche des Baroque (die Perle) und damit bereits, man will es kaum glauben, dem Hochdeutschen, an dessen Entwicklung nebenher gesagt viele damals angesehene Sprachwissenschaftler und Schreiber in diversen Sprachgesellschaften (die heute auch keiner mehr kennen will) gearbeitet haben und sich über den zu starken und unbedachten Einfluß fremder Elemente große Sorgen machten.
Diese Sorge war auch nicht ganz unbegründet; weil eben deren Findelkind, die deutsche Schriftsprache (dessen Elternteile ja längst ausgestorben waren), gerade erst in den Kinderschuhen steckte und man es mit Recht kritisierte, daß dieser Jungspund bereits mit äffischen Pfauenfedern am Hut ein Kauderwelsch aus Französisch, Latein und eben Welsch zu sprechen begann, darüber jedoch die Erde vergessend, mit der er eigentlich sprachlich verbunden war. Aufgrund dessen ist dem gesamten literarischen Schaffen der Jahre 1630-1750/70 mit seinen etlichen hundert Schreibern und tausenden Schriftwerken eine große Bedeutung für alles Nachfolgende beizumessen, zumal es gleichsam begleitet wurde von etlichen Poetiken, sprachwissenschaftlichen Arbeiten, philosophischen Abhandlungen und anderen geisteswissenschaftlichen und auch naturwissenschaftlichen Studien, noch bevor jene herauskamen, die wir heute kennen.

Daher, zur Untermauerung, „… sollte man […] nicht vergessen, daß ohne die Verdienste der barocken Sprachgesellschaften um Poetik, Grammatik und Lexikologie (Lehre vom Wortschatz) der literarische Aufschwung im 18. Jahrhundert kaum möglich gewesen wäre.“
Zitatquelle: Karl Rothmann, Kleine Geschichte der deutschen Literatur, ISBN 3150107072, Reclam Verlag, Seite 54

Diese Barockzeit setzte nun (1600) nach der frühneuhochdeutschen Literatur (1350-1600) an und erstreckte sich bis ins Jahr 1720 oder gar 1770, und somit bis hinein in die Aufklärung (1720-1785). Man kann also sagen, es zog mit 18 Jahren in den Krieg und kam 30 Jahre später traumatisiert zurück (1618-1648) – und der eigentlich kurze Blick zurück ins schönklingende Frühhochdeutsche war mit einem Leichenberg sondergleichen zugestellt.
Soviel können wir jedenfalls zum „… Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), den nur ein Drittel der deutschen Bevölkerung überlebte“, heute sagen.
Zitatquelle: Karl Rothmann, Kleine Geschichte der deutschen Literatur, ISBN 3150107072, Reclam Verlag

Mag die Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Schulunterricht noch ein wenig berücksichtigt worden sein, so ist das damalige und bis 1720 wirkende Schreibertum doch herzlich wenig beachtet worden, besonders im Verhältnis zu dem Lesestoff, der einem sonst so vorgesetzt wurde. Mir jedenfalls ist davon so gut wie nichts vorgezeigt worden, stattdessen hatten wir Rolltreppe abwärts und Damals war es Friedrich zu lesen, die, wie ich hörte, heute noch auf dem Lehrplan stehen, ergänzt durch den Vorleser, welcher gottseidank erst nach meiner Schulzwangszeit zum allgemeinen Bildungsgut erklärt worden ist. In der Oberstufe dann (was für eine Zeitverschwendung) wurde neben drei Gedichten von Andreas Gryphius vielleicht noch der Name Grimmelshausen mal erwähnt, ein gewisser Opitz hatte die erste deutsche Poetik geschrieben und Poetik hat irgendwas mit Aristoteles zu tun.
Daß neben diesen drei deutschen Sprachkünstlern noch hunderte weitere Dichter, Schreiber und Sprachwissenschaftler eine riesen Schatzkiste an Werken hinterlassen haben, hat man mir wenigstens mal mitzuteilen nicht als nötig erachtet. War die gesamte Lehrerschaft etwa dem Irrtum verfallen, beim Barock handle es sich ausschließlich um das Auftragen von gepuderten Perücken? Und wenn ja, was bedeutete das überhaupt? Auch dieser Frage werden wir uns hier im Findelgarten widmen.
Lautete die Dienstanweisung vielleicht, man möge den Hans Michael Moscherosch (1601-1669), Johann Rist (1607-1667) oder Christian Reuter (1665-1712) lieber unerwähnt lassen? Und auch Christian Weise (1642-1708), Johann Beer (1655-1700), Johann Klay ( ), Anton Ulrich Braunschweig von Wolfenbüttel (1633-1714), Daniel Georg Morhof (1639-1691), Abraham a Sancta Clara (1644-1709) oder Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658), Justus Georg Schottelius (1612-1676) uvm.
Ach ja, und wie steht’s neben dem Herrn Martin Opitz (1597-1639) eigentlich um die Sprachgelehrten Johann Christoph Gottsched (1700-1766) oder, wenngleich weit später, Johann Christoph Adelung (1732-1806) und Joachim Heinrich Campe (1746-1818), um nur die seinerzeit Bekanntesten zu nennen? Eben auch diesen werden wir uns hier zuwenden.

Kurzum; eine Reihe dieser Werke wären heutzutage durchaus genießbar, wäre da nicht diese Frakturschrift, die uns als ein gebrochener Schriftsatz nur schwer über die Augen ins Sprachzentrum geraten will, was aber nicht der Grund für die heutige Verlegerschaft sein dürfte, daß sie diesen Zeitraum schriftstellerischen Tuns und ihre enorme Schöpfungskraft vollständig ignorien.

Was es mit dieser Frakturschrift auf sich hat und wie wir mit ihr umgehen, das ist im folgenden Teil behandelt worden, im Titel:

→ „diß mein ſchlechtes Werck


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