Geschätzter Leser!

Nach ungefähr zwei Jahren und fast ebensovielen schlaflosen Nächten ist meiner Bittschrift an die Obrigkeit und damit meinen Erlaubnisgesuch, künftig keine Artikel mehr für Ultimative Freiheit Online einreichen zu müssen, noch immer kein Gehör verliehen worden

Mein gnä. Herr und Brötchengeber Urbald Freiherr von Oberhand sagt, es gebe wichtigeres, als sich um dergleichen Anfragen zu kümmern, beispielsweise wäre es mal wieder dringend erforderlich, für ein verlängertes Wochenende auf Reisen zu gehen. Ich derweil könne es mir ja hier am Schosse bequem machen und diese Zeit der Ruhe dafür nutzen, einen klaren Kopf zu bekommen. Dabei verhält es sich doch eher so: Während ich schon ganz genau weiß, was ich will, hätte er endlich die Entscheidung zu treffen, was desweiteren zu tun wäre. Doch läßt er mich stets im Ungewissen, hält mich in der Schwebe und spricht auch schon länger kein klares Wort mehr mit mir, so daß ich im Grunde gar nicht einmal wüßte, was er tatsächlich selber wünscht; ob er mich noch als Hofscribent benötigt oder nicht, oder ob er bloß aus anderen Gründen verhindert ist, das Verfahren etwas zügiger vonstatten gehen zu lassen.

Allerdings weiß ich auch selbst zu Genüge, wie lang es bis zu einer Entscheidungsfindung manchmal dauern kann, insbesondere wenn es sich um Beschlüsse handelt, deren Folgen im Vorhinein kaum abzusehen sind. So etwas muß wohlweislich überlegt werden, denn ist ein Vorhaben erst öffentlich bekannt gegeben worden, so möchte ihr wohl nur derjenige nach Lust und Laune gelegentlich zuwider handeln, der aus Sicht des Beobachters nicht auf einem Fundament mit eigenen Füssen aufrecht steht, sondern mehr wie auf einem Trampolin in einer Hüpfeburg in alle Richtungen springt, daß er bald selber nicht mehr weiß, wo er sich erstens momentan befindet und zweitens wo er überhaupt hinmöchte.

Es sei ein Solcher aber nicht gleich als jemand zu verurteilen, der auch in anderweitigen Angelegenheiten hin und wieder zu opportunen Denk- und Handlungsweisen neigte und sich nur den Angelegenheiten stellte, die ihm jeweils als nützliche Gelegenheiten erschienen.

Schließlich weiß ich aus eigner Einbildung heraus, daß es sich bei jemandem, der in seinen Entscheidungen hin- und herhüpft wie ein Aff im Käfigzoo genauso gut um jemanden handeln kann, der allzuviel im Kopf mit mehreren Angelegenheiten zugleich zu tun hat, woraus folgt, er solle am besten vom Denken ablassen und ein drittes Element in optionale Erwägung ziehen, was da ist: das einstweilige Insichkehren. Dies kann das geruhsame Meditieren sein oder das beschauliche Durchwandern der heilsamen Natur, nebst anderen kontemplativen Beschäftigungen, zum Beispiel Kräuter sammeln, trocknen und zerbröseln und nebenbei ein paar neue Lieder auf der Klangschale komponieren oder Ähnliches. Das reicht im Grunde schon, mehr muß man gar nicht tun. Auch könnte man sich hinhocken und ein wenig die vielen Gedanken niederschreiben, die andauernd durch den Kopf gehen, und sich den ganzen Unfug dann nochmal durchlesen. Auch das kann helfen, allerdings nur den Menschen, die für gewöhnlich eher nicht schreiben. Bei Schreibern verhält es sich selbstverständlich genau andersherum und das ist ja die Krux.

Schließlich ist beim Schreiber eben dieses Insichkehren noch weiterhin ebenso eng mit dem Schreiben und so mit dem Verbleib im Käfig verbunden, weshalben er vom Schreiben kaum wird ablassen können, dannenhero sich weiterfort in seiner Celle einzuschließen gezwungen ist, wo ihm genügend Sicherheit beschieden ist und die grausame Welt ihme nichts anhaben kann. Diese Art des Einkehrens habe auch ich häufig vollzogen, doch werden hirnbei nur weitere Worte gesammelt wie beim Laubkehren im unablässigen Wind, der einem stets weitere unbeschriebene Blätter durch die Käfigstäbe weht, die unbedingt mit Wörtern beschrieben werden müssen, so daß man in währender Einkehr sein Gedankentumb nicht etwan vorüberziehen läßt wie einen Schwarm Zugvögel (die übrigens ohnehin irgendwann wieder zurück kehren) sondern gleich wieder auskehrt und das gesammelte Werk dann in den Schnürsack packt und zur Abholung bereit stellt; ein Vorgang der hier metaphorisch dem Herausbringen seiner gesammelten Schriften an öffentlichen Örtern der Welt gleichkömpt.

Nach dieser halbverkehrten Einkehr hat sich dann die Welt ums Auf-lesen zu bemühen und wenn er zu offensichtlich seinen Gedankenmüll ausgekehrt hat, wird sich der Leser nach verrichteter Auflesung von ihm abkehren – was aber hilfreich ist für den Schreiber, der noch nicht gelernt hat, daß ein Schreibender nicht für und an die Leser schreibt, sondern in erster Linie nur an und für sich. An und für sich geht es beim Schreiben jedenfalls darum.

Wie dem auch sei, so oft wie ich zuletzt immerzu die Feder ins Tintenfässlein getunkt hatte, ohne noch ein Wort dortheraus abgeleitet zu haben, könnte ich über all dies heute umso ausgiebiger referieren, doch würde ich hierdurch ja meiner obigen Erlaubnisgesuch rudimental zuwiderlaufen und so im Auge des Lesers an Glaubwürdigkeit verlieren.

Also will ich nun gar nicht mehr lange zögern, das Fässlein schleunigst zuschrauben, mir meine drei Schreibefedern an den Hut stecken und damit voll der Einbildung, was ich in all der Zeit nicht schon alles an fundamentösen Wahrheiten herausgeschrieben habe, Spazierstock schwingend entlang der Promenaden wandeln.

Er versteht mich natürlich von selbst, daß ich mir, solange mein Herr & Brötchengeber Wohlhochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand nicht wieder von seiner Reise zurück ist, dies zur täglichen Gewohnheit mache und wenigstens bis dahin kein Wort schreiben werde, zumal die Welt ohnehin noch nicht reif für meine Werke ist, was soll ich also meine kotzbare Zeit dafür verschwenden.

Diejenigen Leser, die darüber nun ganz und gar betrübt sind, möchten ihre Tränen bitte noch zurückhalten, denn gänzlich zu schließen bin ich das Schloss d’UFo nicht befugt, darüber entscheidet mein stets auf Reisen befindlicher Herr und Brötchengeber, der mir übrigens neulich noch depeschierte, wie weit ich mit meinen etlichen halbfertigen Werksarbeiten mittlerweile gekommen sei und daß ich bei der vielen Arbeit, die diesbezüglich sicherloch noch zu tun wäre, wohl kaum einml zu Ruhe käme und mir auch einmal eine kurze Atempause gönnen solle.

Zudem frug er nach, ob die gräusliche Mode, die hier zuletzt überall im Lande grassierte, wieder abgeebt wäre, womit er das Auftragen jener bräsigen Bartgewüchse meinte, die den Machmoheten durchaus sollen gewährt sein, bei denen Deutschen aber (zumindest in dieser heutigen Mode, sie schauen ja aus wie hoch stylisierte Idioten) nur deren völlige Bräsigkeit verstärkt, die ihnen hierbei aus den Augen guckt, aber das ist ein anderes Thema.

Haupt-Sächlich wolle er mich nur daran erinnern, daß er bis zum Tage seiner Rückkunft die Fertigstellung einiger Artikulnentwürfe erwarte, nachdem er sie am Tage seiner Abreise nicht formvollendet auf seinem Schreibtisch im Prüfzimmer gefunden. Die hat mir er feinsäuberlich in folgender Auflistung zugesandt, was mich einigermaßen erschreckte, dachte ich doch, sie wären längst vergessen, da in den Sand gesetzt. Wie so vieles im Leben.

Liste derjenigen Skripte, so noch zu vervollkommnen wären, bzw. sind da sie es noch nicht sind:

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