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Lieber Name entfernt ist ein Teil der Abhandlung 
"Wer ist in meinem Fall schon ich"

Lieber – (Name entfernt),
ich hoffe, es geht dir gut. Obschon ich gleich hinzufügen möchte, daß mir diese Wortwahl nicht so gut gefällt, schließlich sollte es in erster Linie darum gehen, wie es dir geht und nicht darum, was ich mir erhoffe.
Noch unpassender, als zu hoffen, es ginge dir gut, erschiene mir allerdings die Formulierung Wie geht es dir, denn wollte ich das wirklich wissen, dann würde ich dich jetzt einfach anrufen.
Jedoch verhält es sich mit uns ja so, daß wir noch nie sonderlich gerne telefoniert haben; Dieser Art der Kommunikationsform standen wir allerdings nicht erst seit Erfindung oder Einführung des Mobilfunktelefons widerspensig gegenüber, sondern schon zeitlebens nicht. Schließlich liegt der Reiz des Menschendaseins, obschon wir zum Großteil im Geiste exisitieren (weiß der Geier wo das nu wieder sein soll), mitunter auch in der körperlich sinnlichen Gewahrwerdung eines konkreten Gegenübers. Zwar waren wir beiderseits auch diesem sinnlichen Begehren (nach der körperlichen Anwesenheit eines Anderen) kaum noch unterlegen und es drängte uns nur selten danach, doch wenn es uns einmal heimsuchte, so verspürten wir zur ersten Kontaktaufnahme alles andere als den Drang, zur Wiederaufnahme, Aufrechterhaltung oder bloßen Gewahrwerdung unserer ohnehin stets aktiven innigen Verbindung, zunächst einen Telefonapparat zu benutzen.
So ließen wir das Telefonieren folglich bald so gut wie ganz bleiben, und da wir uns zu vielen anderen Personen noch viel weniger jemals verbunden fühlten, während uns all die anderen nachfolgenden Kommunikationsmethoden wie Skype, Chat, Twitter oder Mail ebenso wenig zusagen wollten, hielten wir den Beitritt in ein soziales Netzwerk natürlich für vollkommen abwegig.
Für uns war dieses ganze Informations- und Kommunikationskonstrukt ohnehin nur so eine Art vorübergehendes weltumspannendes Konglomerat von kybernetischen Übermittlungsanstalten, das wir allenfalls zum Austausch gemeinschaftsdienlicher Informationen nutzen wollten, nicht aber zum Zwecke gegenseitiger Zuwendungsbekundungen und schon gar nicht zur allgemeinen Bekanntmachung vertrauenswürdiger Privatangelegenheiten – welcher Sache sollte damit auch insgesamt gedient sein, außer vielleicht der fortwährenden Befriedigung zwanghafter Mitteilungsbedürfnisse bei gleichzeitigem Ausbau diverser Ego-zentren?

Manch einer mag sich durch die Beförderung seiner Person in derartige virtuelle Netzwerkgemeinden vielleicht einer seligmachenden Verknüpfung mit anderen Knüpfegeistern erfreut haben, wir aber fühlten uns hierbei nie so recht wirklich mit jemanden verbunden, zumindest doch nicht in der Art und Weise, wie wir es noch in der alten Zeit voneinander im besonderen Maße erfahren durften. Die Telefonkommunikation, insbesondere mit der (von Anfang an absehbaren) Folge, bald per Handy auf das zunehmend allgegenwärtige Internet zugeifen zu können, hätte somit für unsere Zwecke gar nicht erfunden werden müssen.

Demgegenüber haben wir die Vorteile, die durch Anbeteiligung des Einzelnen auch für die Gemeinschaft aus dem Internet erwachsen könnten, durchaus erkannt, und lernten das Internet als solches bald sogar als eine lobenswerte Erfindung zu schätzen.
So glaubten auch wir daran, daß ein derartiges weltumspannendes Kommunikationsnetz die Menschheit dazu befähigen könnte, sich Kraft aller individuellen Fähigkeiten über die virtuelle Gemeinschaft bis herüber in der erfahrbare Wirklichkeit zu befördern, woraus sich bald eine sehr verständige Vernetzung auch im alltäglichen Leben wie von selbst hätte ergeben können, wo jeder fortan kreativ an allem mitgewirkt haben könnte, was sowohl dem Einzelnen, als auch der Gemeinschaft von Nutzen gewesen wäre.

Irgendwann aber hatte sich eben jenes soziale Netzwerk ins Internet eingenistet, das sich bald als das Machwerk eines Spinnenmonsters sondergleichen entpuppte und dessen klebrige Spinnenfäden mittlerweile die ganze Welt umspannen – was nur geschieht, um das eigentlich längst vorhandene Netzwerk (nämlich das Internet an sich) nach und nach strukturell umzugestalten und letztlich dergestalt zu übernehmen, daß künftig jeder, der doch längst ein Mitglied einer nonkonformen weltumspannenden Netzgemeinschaft war, sich in diese künftig nur noch einbringen kann, wenn er sich zuvor eine Zugangsberechtigung via facebook (oder googleplus minus amazon slash microsoft punkt com) verschafft hat.

Zwar mag es durchaus nur ein Hirngespinst meinerseits sein, daß dieses Netzwerk eigens ins Leben gerufen wurde, um die (virtuelle) Kommunikationsplattform der Menschheit, das Internet, zu untergraben und ihr das erste oder letzte Mittel, das ihr zur verbesserten Einsicht hätte dienen können, schon wieder abspenstig zu machen, bevor es sich überhaupt recht entwickelt hatte.
Doch selbst wenn dies bloß ein Hirngespinst meinerseits ist, so ist es doch ein tatsächlich vorhandenes Gespinst, und zwar eines mit äußerst klebrigen Fäden, in dessen widrigen Zusammenhängen ich mich wundere, wie es denn sein kann, daß sich mehrere Millionen halbwegs sozialisierte Menschen fortwährend dazu angetrieben fühlen, ihre doch bereits längst existierenden sozialen Umfelde zusätzlich noch in dieses Konstrukt einzuflechten – ja, das ist mir vollkommen unverständlich.
Derweil müßte sich doch wenigstens die Diplompädagogik einmal gefragt haben, ob man ein Netzwerk nicht erst dann ein soziales nennen kann, wenn innerhalb dieser Struktur ein hilfsbereites, gemeinnütziges und wohltätiges Beieinander tatsächlich und beständig gepflegt wird – das sind schließlich die eigentlichen Bedeutungen dieses gruseligen Wortes sozial. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte könnte man sodann vermuten, ein sozial engagierter Mensch wäre jemand, der im Zuge seiner hilfsbereiten und wohltätigen Handlungen in erster Linie dem Gemeinwohl diente, wonach also auch einer Netzwerk-Gemeinschaft erst dann gedient sein dürfte, wenn sich ein Großteil der Benutzer hilfsbereit, gemeinnützig (bzw. nützlich) und wohltätig einbrächte oder wohlbringend betätigte – statt bloß ihr Ego jeweils dort entlang spazieren zu führen.

Verachte hierzu auch die notwendige hochanalytische Schimpftirade darüber was facebuk wirklich ist und wem oder was es tatsächlich dient → DAS ist ein soziales Netzwerk

Sicherlich haben sich einige der dort ansässigen Zellbewohner nur deswegen da eingefunden, weil sie im real existierenden Leben Opfer einer noch viel asozialeren, das heißt, noch weniger hilfsbereiten oder wohltätigen Gesellschaft geworden sind, so daß es ihnen nur gegönnt sein soll, zu erfahren, wie es sich anfühlt, durch ein beständiges Daumen hoch von allen Seiten bekräftigt zu werden oder wenigstens in irgendeiner Form als vorhandene Wesenheit überhaupt wahrgenommen zu werden.
Ich will ihnen diese Art eines vorübergehenden Fluchtersuches vor der völligen Vereinsamung auch gar nicht verleiden, doch sollte sich jeder hierbei einmal fragen, was ihm wohl hypothetisch übrig bliebe, wenn das Internet irgendwann einmal den Geist aufgeben sollte oder wenigstens facebook einmal vor die Hunde geht. Wie wären die etlichen 387 Freundschaften hernach wohl zu pflegen, wie könnte man sich ihnen sonst noch so zuwenden? Würde man sie alle denn regelmäßig besuchen gehen oder ihnen, falls sie zu weit entfernt wohnen, etwa Briefe schreiben, wenigstens Postkarten?

Dies ist schließlich das, um was es hier geht, um das Briefeschreiben, den kommunikativen Austausch per geschriebenem Wort, um den Kontakt mit einem anderen – Geist?.
Doch zum Schreiben an alle diese Freunde wird die Tinte ebensowenig reichen wie das Reisebudget zum Besuchenfahren aller fernverstreuten Freunde. Daher frage ich mich vor allen Dingen eins: Warum in aller schönen neuen Welt trägt man trotzdem seine vollständige Adresse ins Facebook ein, wenn man sich ja doch nie besuchen fahren geht, wenn man sich ja doch nie Briefe an diese Adresse sendet; zumal die wenigen, die tatsächlich enge Freunde, Bekannte und Verwandte sind, längst die Adresse doch wissen! Warum trägt man diese dann aber ins facebook ein?
Wenn man sich einmal fragt, wem meiner Netzwerkfreunde würde ich Briefe schreiben, wen würde ich besuchen fahren, so würde die Zahl wohl auf zwei bis drei Leute abfallen, während alle anderen im Rückblick nur noch als das betrachtet werden dürften, was sie von vornherein waren: Als Anhängsel.