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Kapiertel soundsoviel der Abhandlung ‘Wer ist in meinem Fall schon ich’

Entwurf vom 25. Dez 2012

Wenn du schreibst, geht es um dich. Wenn ich schreibe, geht es um mich. Und ständig steht man sich dabei selber im Weg, besonders während der Suche nach dem höheren Selbst, bzw. dem eigentlichen, grundliegenden, wesentlichen Höchstselbst. Daher ist, wie oben schon ausführlich angedroht, das insgeheime Thema dieses Schreibens die Ich-Entfernung.
Geht es während des Schreibens noch nicht darum, dieses Ich zu entfernen, so steht erstmal das Erkennen bevor, gefolgt vom Definieren, was aber leider mit zunehmender Geschwindigkeit bald in ein Drumherum-Reden, Thematisieren und Intellektualisieren über alles Mögliche ausufern kann. Dem üblichen, verstandesorientierten Intellekt kann man allerdings nicht immer trauen, besonders nicht, wenn man auch mal ein bißchen über die „seelischen Aspekte“ seines Ich schreibeln wollte.
Ist dies dein Antrieb, Stichwort seelischer Aspekt, so gehe, wenn’s dir liegt, erstmal zur freien Dichtung über. Möchtest du hierbei aber irgendwelchen literarischen Ansprüchen gerecht werden, so kann ein Literaturstudium wohl nicht schaden, doch vielleicht willst du ja nur, ganz wie ein singender Wanderbursch, deiner inneren Stimme etwas Gehör verleihen; dann tu es einfach. Und wenn es mehrere Stimmen sind, umso besser, ich zum Beispiel wechsle immer gern zwischen Bariton und Heldentenor – und manchmal, wenn ich mich ganz besonders alleine fühle, tendiere ich zum Mezzomix-Schizzosopran.

So kannst auch du singen und schreiben, wie es die gerade in den Sinn kommt, und wenn du nur schimpfst wie ein Rohrspatz oder schreibst wie ein Berserker, laß doch erstmal die Pferde mit dir durchgehen:
Schreibe doch so ungezwungen, als wärst du auf ein Pferd gesprungen, dann sitz im Sattel ganz salopp, oder tu nur so als ob – und prescht es fort im Eilgalopp, dann steig ein bißchen in die Bügel, doch zieh nicht immerzu am Zügel, vielleicht wachsen ihm ja Flügel – denn das Pferd ist dein Gemüt, und die Seele dein Gestüt, so bleib im Sattel bis zum Schluß, vielleicht heißt es ja Pegasus?

Wer also gern freiheraus dichtet, der sollte sich nicht gleich entmutigen lassen, nur weil er keinen Verlag findet, der seine geschmiedeten Verse veredeln, veröffentlichen und verkaufen würde. Denn meist ist die Zahl derjenigen, die gerne in Reimen sprechen, größer als man allgemeinhin denkt und zweitens immer in gleichgroßer Relation zu der Zahl derjenigen, die hin und wieder gerne was Zusammengereimtes lesen würden. So ist fernab der offiziellen Leinenbändchenlyrik, also besonders im Internet, eine Art reflexives völkisches Dichtertum entstanden, das sich mehr und mehr zu recht vergnüglichen Dichterparaden versammelt und seit geraumer Zeit einen regen Austausch betreibt.
Neben Reimelaut und Versekunst gibt es aber noch andere Macharten der Schreiberei, die vom einfachen Volk mehr und mehr betrieben werden; auch hier wieder außerhalb der intellektuellen Kastenkrämerei – im allzeit publikationsbereiten Internet. Dort reimst du dann mal ein Gedicht auf die Schnelle, schreibst hier mal ne Prosa und dort ne Novelle, oder beläßt es am Ende beim bloßen Versuch und eröffnest stattdessen dein Tagebuch. Und so weiter.
Was ich damit sagen will: Falls nicht genügend seligmachende Dichtung aus dir herausgeschrieben kommt und dir die Monotonie deiner Tagebücher schon längst selber auf den Geist geht, schmeiß doch alles einfach in einen Topf und verfertige daraus stereotypische Erzählungen, dein unverkennbarer Stil wird darunter schon nicht leiden, außerdem gibt es zu jedem Schema mittlerweile auch die passenden Blog- Layouts. Wenn du beharrlich weiterschreibst, kannst du dir über den facebook-button sogar eine kleine Fangemeinde aufbauen oder dir im unendlichen Gefilde eines ausgesuchten Literatur-Forums deinen Verkanntheitsgrad immer wieder aufs Neue bestätigen lassen.

Hegst du also keine besonders literarischen Ambitionen und hast trotzdem eine Menge zu schreiben oder mitzuteilen, dann sei froh, daß auch du im Zeitalter des Internets lebst, denn hier ist Platz genug für jeden vorhanden, es treffen überall Aussteiger auf Insider und Einsteiger und Outsider und jeder darf sein Stäpelchen Papier irgendwo ablegen.
Immer beliebter werden zum Beispiel irgendwo reingebloggte ausufernde Lebenserfahrungen; die können durchaus faszinierend sein, doch Vorsicht, es sollten ihnen die gleichen ausufernden Lebenserfahrungen auch wirklichkeitsgetreu in etwa zu Grunde liegen, sonst merkt der Leser das sofort.
Allerdings hat nicht jeder, der viel erlebt hat, unbedingt das Bedürfnis, andauernd davon schreiben zu müssen, derweil viele, die gerne schreiben, oftmals glauben, sie hätten nicht so viel erlebt, als daß sie etwas Lesenswertes zu berichten hätten.
Nun, wieso willst du auch großartig was erleben? Sei doch froh, daß du nach all deinen vielen Leben, die du hier schon auf der Erde zubrachtest, zum ersten mal nix besonderes erlebst. Denn jetzt hast du endlich mal die Zeit, alles aufzuschreiben, was du in den ganzen vorherigen Leben bereits erlebt zu haben dir einbilden könntest oder tatsächlich sogar hast – du mußt dich nur daran erinnern; wenigstens bis zurück ins aktuelle vorherige Leben und davon dann die Kleinkindphase.
Wundere dich aber nicht, wenn du über die verschlungenen Pfade dieser geistigen (eher seelischen) Rückführung in die entlegensten Bereiche vordringst, die du im derzeitigen Leben nicht mehr unbedingt betreten würdest. Und glaube nicht, sämtliche Figuren, die dort wie aus dem Nichts plötzlich deine Wege kreuzen, hätten mit dir oder deinen Persönlichkeitsaspekten nichts zu tun.
Aber vielleicht gelingt es dir ja trotzdem, daraus eine fiktive Geschichte zu verfertigen. Schließlich verhält es sich meistens für den Schreiber so, daß, wenn er zum Beispiel schreibt: Paul saß gelangweilt in seinem grau tapezierten Spielzimmer und war ein bißchen bedrückt, es meistens auch irgendwas mit dem Schreiber selbst zu tun hat. Es könnte sich bei der dort hingeschmierten bedrückten Person um einen Aspekt seiner Persönlichkeit handeln, den man vorsichtshalber ersteinmal Paul genannt hat, während das grau tapezierte Spielzimmer weiß Gott was symbolisiert. Warum jener dort so ausführlich Hingeschmierte sich langweilt und wovon er bedrückt ist, das muß der Schreiber dann während des Schreibens selbst herausfinden. Ich rate allerdings dazu, sich hierbei nicht nur der Deutungshoheit der Literaturpsychologie zu unterwerfen, sondern ruhig einmal ein paar spirituelle Interpretationsversuche zu wagen, das erweitert ein bißchen die Perspektiven.
Wenn du dir dieser Sachen dann einigermaßen bewußt bist, kannst du es ja immer noch bei bookrix oder tribooks einstellen und dich wenigstens für die Zeit deiner Selbstfindung wie ein richtiger Romanerzähler, Schriftsteller und „Buchautor“ fühlen.
Lasse dich hier aber nicht von den diversen Gefällt-Mir-Kritik blenden, denn meistens entspricht die Anzahl der Clicks nicht etwa der Anzahl der Bücher, die du verkauft hättest, sondern dem Teil der Auflage, die der Verlag hätte verramschen müssen – wenn er das Buch überhaupt gedruckt hätte.

Das alles klingt nun zwar so, als hätte ich keine Achtung vor der Hobbyschriftstellerei, doch dem ist nicht so; im Gegenteil. Ich finde es eine sehr notwendige Gegenbewegung zur etablierten Literatur, vielleicht sogar eine Strömung, die dafür sorgt, daß sich dort auch mal wieder etwas Neues regt. Schließlich habe ich nicht gesagt, ich hielte den gehobenen Literaturmarkt für das edlere Gefilde, im Gegenteil, da ist das Irren ja noch viel größer.
Im Grunde spielt es auch gar keine Rolle, wo du was veröffentlichst, leben wirst davon sowieso nicht können, es sei denn du achtest darauf, daß in deinen Romanen immer ordentlich Blut fließt und überall Organe herumliegen, denn damit stellst du die Götter zufrieden und sie entlohnen dich reichlich, vielleicht wird es sogar verfilmt, viele Leute haben schließlich nicht soviel Fantasie, als daß sie sich das ganze Foltern, Zerstückeln, Abschlachten und Obduzieren allein vor dem geistigen Auge vorstellen könnten, da kannst du es ihnen noch so gnadenlos vor Augen geführt haben, du Kriminalromanschreiber.
Aber vielleicht könntest du deinen detektivischen Blick fürs Detail, deine kriminalistische Spürnase und dein allgemeines Interesse an der Unmenschlichkeit auch zum Schreiben von Reportagen nutzen, um Enthüllungen über tatsächliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzustreben, schließlich ist es ja nicht so, als ob es all diese Mordsfälle, Politthriller und Verschwörungen nicht auch in Wirklichkeit gäbe. Zwar muß jeder selber wissen, ob er namentlich lieber auf einer Bestsellerliste oder lieber auf einer Abschussliste aufgeführt werden will, doch ein mutiges Ausleuchten tatsächlicher Hintergründe ist mindestens erstrebenswert. Ich meine, wenn man schon in die Richtung rescherschiert, wo es etwas aufzuklären gibt, warum muß man das Entdeckte wieder verklären? Wozu dann überhaupt recherschieren? Oder schiert man sich vielleicht nicht wirklich darum?

Um das Erforschen von Hintergründen geht es auch den Schreibern und Blogbetreibern, die im Dienste der Wissenschaft unterwegs sind, da gelangt man sogar von einem Hintergrund zum nächsten, es folgt Hintergrund auf Hintergrund, das kann selbst bis zum Urknall führen und dann geht alles wieder vorne los – was aber auch impliziert, daß auch du wieder ganz vorne anfangen mußt – wieder zur Schule gehen, dann zur Uni Scheine machen und dann ins Forschungsinstitut Eindruck machen. Das allerdings ist ein ewiger Kreislauf durch die immergleichen Dimensionen ohne nennenswerte Weiterentwicklung, während der allgemeine Mensch schon längst alternative Pfade der Erkenntnis entdeckt und erkundet hat.

Deswegen solltest du nach allem Examinieren, Magistrieren und Diplomisieren auch nicht gedünken, du könntest zu der allgemeinen Leserschaft von einem Podest heruntersprechen. Vielmehr betrachtet sie nämlich dich von oben, während sie deine lehrreichen Schriften liest; schwere Bücher liest man schließlich selten auf dem Rücken liegend. Diese Stellung eignet sich eher zum Sonnenbaden oder Meditieren und das Buch könnte man solange als Ablage für den ebenso schweren Kopf benutzen, so kommt man nachher auch wieder leichter hoch.
Vergessen sollte man auch nicht: Wissen ist für alle da und die jeweilige Erkenntnisfolge muß sich dann jeder zu einer eigenen Perlenkette selber zusammenknüpfen. Als Leser geht man damit eine Weile im Lichterschein herumflanieren, doch immer sind neue funkelnde Kügelchen aufzulesen und bald ist die Perlenschnur auch wieder zu kurz. Aber so ist das immer.
Nur wenn der tiefseetauchende Schreiber meint, er sei der einzige, der den Dingen auf den Grund geht, glaubt er sicherlich auch, die Leser stünden am Ufer und erwarteten ihn hoffnungsvoll bangend aus den Untiefen seines Geheimwissens emporsteigen, damit er ihnen die herausgefischten Perlen vor die Füße wirft. Was sie aber bedeuten oder im Grunde ihres Daseins einst bedeuteten, das ist gar nicht so wichtig, wichtiger ist, daß im Zuge der landläufigen Offenbarung sein Name mit einhergeht, vor allem immer dann, wenn sich einmal etwas ereignet, worauf er schon vor Jahren in einem Artikel lääängst hingewiesen hatte.

Ach ja… der mit allen Wassern gewaschene findige Schreiber, was hat er nicht schon alles vorher gewußt! Er ist so sehr von seinem Schreibauftrag eingenommen, daß er gar nicht die Zeit findet, sich zu fragen, ob die Leser das dort Beschriebene nicht vielleicht ebenfalls schon längst bemerkt hätten – offenbar hatten sie lediglich nie das Bedürfnis, darüber erstens zu schreiben und zweitens als diejenigen dastehen zu wollen, die es zu allererst geahnt, gewußt oder prophezeit haben.

Ein gewissenhafter Tiefseetaucher hätte, wenn er doch die Geheimnisse der ewigen Gewässer so gut kennt, die flunkernden Perlen auf ihrem Grund belassen und den interessierten Leuten nur Tauchkurse angeboten, auf die Gefahren mancher Meeresströmungen hingewiesen, ein paar lebenswichtige Atemübungen aufgezeigt, und sie dann ermutigt, selber mal ins kühle Naß zu springen – wer dann welche Perlen entdeckt und was sie ihm bedeuten, das hängt von jedem selber ab.
Ist der Schreiber ein solcher Lehrmeister nicht, so kann er allenfalls die interessierten Leser zum Schreiben ermutigen, gleichfalls von den Untiefen des Schreibens berichten, vielleicht noch darauf hinweisen, daß die vielen Luftblasen, die einem ständig vorm Gesicht rumblubbern, demselben meistens nur aus der eigenen Nase entwichen sind.