Kapiertel soundsoviel der Abhandlung ‘Wer ist in meinem Fall schon ich’

Entwurf vom 25. Dez 2012

Da ich also nicht weiß, ob dieser Brief dich überhaupt noch erreichen wird, schreibe ich ihn jetzt, sagen wir mal, kognitiv ins Blaue hinein;
Insbesondere bei Briefen wäre diese Vorgehensweise hilfreich. An wen man den Brief schreibt, das ist wie gesagt vollkommen egal. Am besten an jemanden, der so fern ist, daß man seine Adresse nicht weiß und der einem zugleich so nahe ist, daß man es aufgrund der darin behandelten vertraulichen Angelegenheiten niemals (anderweitig) veröffentlichen würde.
Solche Briefe können jedoch ziemlich heimtückische Angelegenheiten sein. Denn je näher du dir darin wahrheitsgemäß kommst, desto mehr entfernst du dich von demjenigen, dem du augenscheinlich geschrieben hast – auf dem Papier jedenfalls.
Dort könntest du nämlich merken, daß der, dem du schreibst, am Ende nur der gewesen ist, dem du glaubtest geschrieben zu haben – während du in Wirklichkeit nur dir selber geschrieben hast. (Wenn ich hier übrigens immerzu das Wort du benutze, so meine ich natürlich nicht dich, sondern auch auch wieder nur mich – selbstredend)
Wichtig ist nicht, an wen man schreibt, sondern aus welcher Perspektive man schreibt, um dann zu erkennen, wer es überhaupt ist, aus dessen Perspektive man nämlich schreibt. Besonders für diesen Text trifft es zu.

Meiner kläglichen Erkenntnisfähigkeit nach zu urteilen, geht wohl kein einziger Brief einem Großteil des Inhaltes nach an denjenigen, den man oben im Briefkopf anspricht. Man schickt ihn nur dahin. Am ehesten verschickt man ihn an seine Nächsten. Am ehesten versteht das Geschriebene derjenige, der genauso ist wie du. Am ehesten genauso wie du, bist du. Und falls nicht, brauchst du einen Nächsten.
Also warum in die Ferne schweifen, der Nächstliegendste von allen Nächsten ist man selbst. Und wenn man als Schreiber davon noch ganz weit entfernt ist, gibt es möglicherweise viel mehr zu schreiben, als man anfangs dachte.

Daher frage ich nicht dich, mein lieber Leser, sondern nur mich, und davon nur den Schreiber, wer bist du im Grunde deines Herzens, wem schreibst du im Grunde deines Herzens, deiner Seele? Nur da ist man sich selbst der Nächste und wenn nicht, so könnte man versuchen, sich daran zu erinnern, wer man eigentlich nochmal vorher war. Das kann man schreibend tun, ahnend, daß man nur sich selber schreibt, egal wohin man das Geschriebene dann hinschickt.