Kapiertel soundsoviel der Abhandlung ‘Wer ist in meinem Fall schon ich’

Entwurf vom 25. Dez 2012

Geht dir das mit den derzeit geltenden literarischen Anforderungen ein bißchen am Hut vorbei und du spürst trotzdem ständig die edle Tinte in dir wallen, so schreibst du vielleicht ausfluchtsweise Briefe an Freunde oder Blogeinträge in alle Welt, und befindest dich allenfalls auf einem literarisch anmutendem Wandelweg zur Selbsterkenntnis, also auf einem spirituellen Pfad, den man zwar nicht schreibend gehen, aber durchaus schreibend begleiten kann.

Doch sollte ich es von nun lieber nicht mehr Briefe oder Blogeinträge nennen, sondern Feldpost oder Kriegsberichterstattungen. Der literarische Anspruch und Nährwert ist schließlich längst dem Rosinenbomberhagel meiner spirituellen Selbstsuche zum Opfer gefallen, derweil der Verstand aufgrund der vielen seelischen Tretminen traumatisiert ist und sich lieber nicht mehr zu weit nach vorne wagt. Er begrübelt und zerdenkt immer noch alles, doch er kriegt das Herz nicht in den Griff.
Aber das Herz erkennt diese Tretminen als das, was sie sind: als duftende Blumen. Und es fragt mich immerzu, was um alles in der Welt ich am Schreibtisch zu suchen habe, die richtigen Blumen wachsen doch da draußen auf den buntgrünen Wiesen, fern des Schreibtisches, dort findest du sie.
Daher duften aus dem Grunde meines Dichterherzens auch nicht die Blumen, sondern eher die Sehnsucht danach und die Sehnsucht, sie duftet so fein, daran könnte man sich als Erdenmensch immer laben.

Natürlich-, ich könnte jetzt rausgehen und die Blumen wenigstens giessen, statt nur die Sehnsucht, aber das muß jetzt warten. Ich benötige umgehend, dir einen Brief zu schreiben, befinde mich schließlich nicht in Frieden mit mir selbst, sondern augenblicklich in einem Schützengraben in Stalingrad und schreibe von dort aus Briefe ins zerbombte Dresden, Hamburg und Berlin, an alle meine Vertrauten, während ich noch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt noch leben.
Deswegen kann ich dich auch nicht anrufen, schließlich sind während des Krieges die Telefonleitungen kaputt oder man benötigt sie anderweitig. Die Verbindung oder die innere Verbundenheit zu ihnen und allem, die besteht sicherlich immer noch, sie vibriert in unseren Herzen, doch alles, was mir einst so nah war, ist mir jetzt so fern, eine tiefe Sehnsucht nach meiner Heimat erfüllt mich, nein, sie zerreist mich, wie die Granaten, die mir hier ständig um die Ohren fliegen..

.. ach, das ist hier ein so elendes Schlachtfeld, ich sehne mich nach einem Spaziergang durch unseren Park, wo wir im Sommer einst so promenadisch unter den Papplen wandelten, so idyllisch beisammen im Cafe Sorglos auf der Terrasse saßen, die Vöglein so lustig von einem Kekskrümmel zum andern hüpften, ach wie luftig und leicht wehte uns damals der Wind ins Sommerhemd und streichelte zärtlich unser Gemüth!

Könnten wir das alles doch im Augenblick nur einmal wieder erleben, aber ich kann nicht, einzig und allein bleibt mir nur, dir diese Zeilen zu schreiben, die Feder wiegt so schwer in meiner Hand, immerzu muß ich hier meinem eigenen Vergehen ins Auge sehen… . Doch aus der Tinte glanzt noch ein Hoffnungsschimmer – ich hoffe du erkennst ihn!

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