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Wer ist in meinem Fall schon ich – eine Abhandlung (Abschlußreigen Tl 2)
Entwurf vom 25. August 2012
Zusammenstellung nach der Erstfassung von 2011-2012
strukturell komplett umgestellt Anfang 2013
gesamte Aktion frustriert beendet Ende 2013


Inhaltsangabe
fette Texte könnten einmal zusätzlich als einzelne Artikel erscheinen, manche sind es bereits. Manche nicht. Einige somit schon, andere demnach nicht. Folglich je weniger schon, desto mehr noch nicht und je mehr schon, desto weniger nicht mehr.

  1. – Einleitung: Hinausgewollt
  2. – Lieber Name entfernt
  3. – Bruch der Verbindung
  4. Ich für meinen Teil (für wessen Teil auch sonst?)
  5. Das kognitive Blaue
  6. Das Gesamtwerk eines Autors: Ein Prozent Essenz, 99 Prozent Beiwerk
  7. – Angestossen
  8. – Preisgabe
  9.  – Das kannst du wohl abschreiben
  10. Die Entfernung des Ich (Literaturpsychologie)
  11. – Merkmale der Literatur
  12. Ein schriftliches Ab-kommen
  13. Wahrheitsverschreibung
  14. Briefe ins zerbombte Dresden
  15. – Selbstbestätigung
  16. – Zurück zum höheren Selbst
  17. – Hilfegesuch hinter vorgehaltener Schrift
  18. Man selbst
  19. – Bestandsaufnahme anhand symbolträchtiger Fallbeispiele (BasF)
  20. Die Entfernung der Chemiefabrik
  21. – Himmel Herz und heimatboden
  22. – Heim ins Reich
  23. – Unsere gemeinsame Person hat Sodbrennen

Im Anhang: WERKSABTEILUNG – ZUTRITT AUF EIGENE GEFAHR, Randnotizen 2011 (gelöscht)


Wer ist in meine Fall schon ich – eine Abhandlung in vielen Kapierteln

allen schreibenden Personen
sowohl aus den kopfsteinbepflasterten Bereichen des bürgerlichen Proletariats
als auch
der auf Marmor und Granit wandelnden Intellektuellenkaste

und
selbstredend meinem eigenen manipulierten Hirn höchstselbst

in etlichen Teilen mutig vor die Kammer gelegt


Einleitung:
Hinausgewollt

… du erinnerst dich vielleicht noch, wie müßig es schon damals für uns beide war, wenn uns in der Schule die folgende Frage gestellt wurde:
„Welche Intention verfolgt der Autor mit seinem Werk?“
Diese Frage konnten wir ja noch nie so richtig leiden. Wir wußten zwar, worauf sie ungefähr damit hinaus wollten und schrieben auch irgendwas hin, nur haben wir nie verstanden, warum man uns überhaupt solche Fragen stellte. Daß wir obendrein auch noch unter Androhung von Strafen zu Antworten gezwungen wurden, das empfanden wir als vollkommen ungerecht, schließlich hatte sich jemand anders die Frage ausgedacht – soll er sich doch selbst um die Beantwortung kümmern!
Du hattest dich bei der ganzen Thematik ohnehin meistens in der Nase bohrend zum Fenster hinaus geträumt, während ich mich zwar um Antworten bemühte, doch beleidigte schon allein die ganze Vorgehensweise meine Intelligenz.
Manchmal hätte ich am liebsten mit der folgenden Gegenfrage geantwortet:
Welche Intention verfolgt eigentlich die Schule, daß sie mir all diese Fragen stellt?
Warum fragt die Schule mich nicht was Sinnvolles?
Zum Beispiel: Welche Fragen sind es, die dich derzeit am meisten bewegen?
Ich meine, das wäre doch mal eine Grundlage gewesen, auf die man hätte aufbauen können! Dann wäre eine konstruktive Zusammenarbeit mit mir auch durchaus möglich gewesen. Jedenfalls so drei bis vier Jahre lang, denn ehrlich gesagt, ist mir bis heute nicht klar, was mir die gesamte nachfolgende Indoktrinationszeit eigentlich gebracht haben soll.
Wie dem auch sei: Welche Intention verfolgt der Autor denn nun mit seinem Werk?
Es dürfte doch klar sein, wie die Antwort lautet:
Der Autor verfolgt mit seinem Werk die Intention, gelesen zu werden.
Sonst hätte er es wohl nicht veröffentlicht.


VORWORTe

„In den meisten Büchern wird die erste Person, das Ich, umschrieben; hier wird sie beibehalten. Das ist, was den Egoismus anbelangt, der Hauptunterscheid. Wir erinnern uns gewöhnlich nicht daran, daß im Grunde genommen ja doch nur die erste Person spricht.“
H.D.Thoreau, Walden, 1891

„Ich würde nicht soviel über mich reden, wenn ich irgend jemand anderes ebenso gut kennte. Leider bin ich durch die Beschränktheit meiner Erfahrung auf dieses Thema angewiesen. Auch verlange ich von jedem Schriftsteller, zu Anfang oder am Ende, einen einfachen, aufrichtigen Bericht über sein eigenes Leben, und nicht einen solchen über das Leben anderer Leute; einen Bericht, wie er ihn wohl aus fernem Lande seinen Verwandten zukommen ließe; denn wenn er aufrichtig gelebt hat, so muß das fern von hier gewesen sein.“
H.D.Thoreau, Walden, 1891


Lieber Name entfernt

Lieber – (Name entfernt), ich hoffe, es geht dir gut. Obschon ich gleich hinzufügen möchte, daß mir diese Wortwahl nicht so gut gefällt, schließlich sollte es in erster Linie darum gehen, wie es dir geht und nicht darum, was ich mir erhoffe.
Noch unpassender, als zu hoffen, es ginge dir gut, erschiene mir allerdings die Formulierung Wie geht es dir, denn wollte ich das wirklich wissen, dann würde ich dich jetzt einfach anrufen.
Jedoch verhält es sich mit uns ja so, daß wir noch nie sonderlich gerne telefoniert haben; Dieser Art der Kommunikationsform standen wir allerdings nicht erst seit Erfindung oder Einführung des Mobilfunktelefons widerspensig gegenüber, sondern schon zeitlebens nicht. Schließlich liegt der Reiz des Menschendaseins, obschon wir zum Großteil im Geiste exisitieren (weiß der Geier wo das nu wieder sein soll), mitunter auch in der körperlich sinnlichen Gewahrwerdung eines konkreten Gegenübers. Zwar waren wir beiderseits auch diesem sinnlichen Begehren (nach der körperlichen Anwesenheit eines Anderen) kaum noch unterlegen und es drängte uns nur selten danach, doch wenn es uns einmal heimsuchte, so verspürten wir zur ersten Kontaktaufnahme alles andere als den Drang, zur Wiederaufnahme, Aufrechterhaltung oder bloßen Gewahrwerdung unserer ohnehin stets aktiven innigen Verbindung, zunächst einen Telefonapparat zu benutzen.
So ließen wir das Telefonieren folglich bald so gut wie ganz bleiben, und da wir uns zu vielen anderen Personen noch viel weniger jemals verbunden fühlten, während uns all die anderen nachfolgenden Kommunikationsmethoden wie Skype, Chat, Twitter oder Mail ebenso wenig zusagen wollten, hielten wir den Beitritt in ein soziales Netzwerk natürlich für vollkommen abwegig. (wegig, nicht wie manch einer schreibuliert „wägig“, während er aber den Weg meinte und nicht die Waage)

Für uns war dieses ganze Informations- und Kommunikationskonstrukt ohnehin nur so eine Art vorübergehendes weltumspannendes Konglomerat von kybernetischen Übermittlungsanstalten, das wir allenfalls zum Austausch gemeinschaftsdienlicher Informationen nutzen wollten, nicht aber zum Zwecke gegenseitiger Zuwendungsbekundungen und schon gar nicht zur allgemeinen Bekanntmachung vertrauenswürdiger Privatangelegenheiten – welcher Sache sollte damit auch insgesamt gedient sein, außer vielleicht der fortwährenden Befriedigung zwanghafter Mitteilungsbedürfnisse bei gleichzeitigem Ausbau diverser Ego-zentren?

Manch einer mag sich durch die Beförderung seiner Person in derartige virtuelle Netzwerkgemeinden vielleicht einer seligmachenden Verknüpfung mit anderen Knüpfegeistern erfreut haben, wir aber fühlten uns hierbei nie so recht wirklich mit jemanden verbunden, zumindest doch nicht in der Art und Weise, wie wir es noch in der alten Zeit voneinander im besonderen Maße erfahren durften. Die Telefonkommunikation, insbesondere mit der (von Anfang an absehbaren) Folge, bald per Handy auf das zunehmend allgegenwärtige Internet zugeifen zu können, hätte somit für unsere Zwecke gar nicht erfunden werden müssen.

Demgegenüber haben wir die Vorteile, die durch Anbeteiligung des Einzelnen auch für die Gemeinschaft aus dem Internet erwachsen könnten, durchaus erkannt, und lernten das Internet als solches bald sogar als eine lobenswerte Erfindung zu schätzen.
So glaubten auch wir daran, daß ein derartiges weltumspannendes Kommunikationsnetz die Menschheit dazu befähigen könnte, sich Kraft aller individuellen Fähigkeiten über die virtuelle Gemeinschaft bis herüber in der erfahrbare Wirklichkeit zu befördern, woraus sich bald eine sehr verständige Vernetzung auch im alltäglichen Leben wie von selbst hätte ergeben können, wo jeder fortan kreativ an allem mitgewirkt haben könnte, was sowohl dem Einzelnen, als auch der Gemeinschaft von Nutzen gewesen wäre.

Irgendwann aber hatte sich eben jenes soziale Netzwerk ins Internet eingenistet, das sich bald als das Machwerk eines Spinnenmonsters sondergleichen entpuppte und dessen klebrige Spinnenfäden mittlerweile die ganze Welt umspannen – was nur geschieht, um das eigentlich längst vorhandene Netzwerk (nämlich das Internet an sich) nach und nach strukturell umzugestalten und letztlich dergestalt zu übernehmen, daß künftig jeder, der doch längst ein Mitglied einer nonkonformen weltumspannenden Netzgemeinschaft war, sich in diese künftig nur noch einbringen kann, wenn er sich zuvor eine Zugangsberechtigung via facebook (oder googleplus minus amazon slash microsoft punkt com) verschafft hat.

Zwar mag es durchaus nur ein Hirngespinst meinerseits sein, daß dieses Netzwerk eigens ins Leben gerufen wurde, um die (virtuelle) Kommunikationsplattform der Menschheit, das Internet, zu untergraben und ihr das erste oder letzte Mittel, das ihr zur verbesserten Einsicht hätte dienen können, schon wieder abspenstig zu machen, bevor es sich überhaupt recht entwickelt hatte.
Doch selbst wenn dies bloß ein Hirngespinst meinerseits ist, so ist es doch ein tatsächlich vorhandenes Gespinst, und zwar eines mit äußerst klebrigen Fäden, in dessen widrigen Zusammenhängen ich mich wundere, wie es denn sein kann, daß sich mehrere Millionen halbwegs sozialisierte Menschen fortwährend dazu angetrieben fühlen, ihre doch bereits längst existierenden sozialen Umfelde zusätzlich noch in dieses Konstrukt einzuflechten – ja, das ist mir vollkommen unverständlich.
Derweil müßte sich doch wenigstens die Diplompädagogik einmal gefragt haben, ob man ein Netzwerk nicht erst dann ein soziales nennen kann, wenn innerhalb dieser Struktur ein hilfsbereites, gemeinnütziges und wohltätiges Beieinander tatsächlich und beständig gepflegt wird – das sind schließlich die eigentlichen Bedeutungen dieses gruseligen Wortes sozial. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte könnte man sodann vermuten, ein sozial engagierter Mensch wäre jemand, der im Zuge seiner hilfsbereiten und wohltätigen Handlungen in erster Linie dem Gemeinwohl diente, wonach also auch einer Netzwerk-Gemeinschaft erst dann gedient sein dürfte, wenn sich ein Großteil der Benutzer hilfsbereit, gemeinnützig (bzw. nützlich) und wohltätig einbrächte oder wohlbringend betätigte – statt bloß ihr Ego jeweils dort entlang spazieren zu führen.

Verachte hierzu auch die notwendige hochanalytische Schimpftirade darüber was facebuk wirklich ist und wem oder was es tatsächlich dient → DAS ist ein soziales Netzwerk

Sicherlich haben sich einige der dort ansässigen Zellbewohner nur deswegen da eingefunden, weil sie im real existierenden Leben Opfer einer noch viel asozialeren, das heißt, noch weniger hilfsbereiten oder wohltätigen Gesellschaft geworden sind, so daß es ihnen nur gegönnt sein soll, zu erfahren, wie es sich anfühlt, durch ein beständiges Daumen hoch von allen Seiten bekräftigt zu werden oder wenigstens in irgendeiner Form als vorhandene Wesenheit überhaupt wahrgenommen zu werden.
Ich will ihnen diese Art eines vorübergehenden Fluchtersuches vor der völligen Vereinsamung auch gar nicht verleiden, doch sollte sich jeder hierbei einmal fragen, was ihm wohl hypothetisch übrig bliebe, wenn das Internet irgendwann einmal den Geist aufgeben sollte oder wenigstens facebook einmal vor die Hunde geht. Wie wären die etlichen 387 Freundschaften hernach wohl zu pflegen, wie könnte man sich ihnen sonst noch so zuwenden? Würde man sie alle denn regelmäßig besuchen gehen oder ihnen, falls sie zu weit entfernt wohnen, etwa Briefe schreiben, wenigstens Postkarten?

Dies ist schließlich das, um was es hier geht, um das Briefeschreiben, den kommunikativen Austausch per geschriebenem Wort, um den Kontakt mit einem anderen – Geist?.
Doch zum Schreiben an alle diese Freunde wird die Tinte ebensowenig reichen wie das Reisebudget zum Besuchenfahren aller fernverstreuten Freunde. Daher frage ich mich vor allen Dingen eins: Warum in aller schönen neuen Welt trägt man trotzdem seine vollständige Adresse ins Facebook ein, wenn man sich ja doch nie besuchen fahren geht, wenn man sich ja doch nie Briefe an diese Adresse sendet; zumal die wenigen, die tatsächlich enge Freunde, Bekannte und Verwandte sind, längst die Adresse doch wissen! Warum trägt man diese dann aber ins facebook ein?
Wenn man sich einmal fragt, wem meiner Netzwerkfreunde würde ich Briefe schreiben, wen würde ich besuchen fahren, so würde die Zahl wohl auf zwei bis drei Leute abfallen, während alle anderen im Rückblick nur noch als das betrachtet werden dürften, was sie von vornherein waren: Als Anhängsel.

Bleibt mir also fern damit, ich habe kein facebook o.ä, -Konto, denn ich möchte ein solches Anhängsel nicht sein; auch dann nicht, wenn ich vorher ein Freund gewesen bin.

Bruch der Verbindung

Fern dieses ausbaufähigen Vergnügungsparks, dieses neuen Tummelplatzes für Trittbrettfahrer aller Art, lernten aber selbst wir das Internet mit der Zeit zu schätzen, und hofften darin so eine Art vorübergehendes Überbrückungskabel zu erkennen, über das die Menschheit sich wieder neu entdeckte und zu verstehen lernte.
Allein durch vernunftige Bedienung des Internets hätte sich jeder an der notwendigen Informationsverbreitung beteiligen können, womit auch dem, was Kommunikation im eigentlichen Sinne bedeutet, gedient gewesen wäre. Darauf hätte man dann aufbauen können, wenn desweiteren verstanden worden wäre, was mit gezielter Information und bewußter Kommunikation alles möglich ist. Kommunikation ist lt. wikipedia zunächst:

„… der Austausch oder die Übertragung von Informationen.
‚Information‘ ist in diesem Zusammenhang eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnis oder Erfahrung. Mit ‚Austausch‘ ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint. ‚Übertragung‘ ist die Beschreibung dafür, dass dabei Distanzen überwunden werden können, oder es ist eine Vorstellung gemeint, dass Gedanken, Vorstellungen, Meinungen und anderes ein Individuum ‚verlassen‘ und in ein anderes ‚hinein gelangen‘.

[Wichtig:] Dies ist eine bestimmte Sichtweise und metaphorische Beschreibung für den Alltag. Bei genaueren Beschreibungen des Phänomens Kommunikation wird die Anwendung dieser Metapher (allerdings, Anm. Jermain) zunehmend schwieriger.“

“Zunehmend schwieriger”, so so. Zunehmend schwieriger wird die Anwendung dieser Metapher allerdings eben dann, wenn einer meint, er müsse jetzt unbedingt dazwischen quatschen, wo es für alle anderen gerade anfing, interessant zu werden.
In ganz ähnlich dazwischen quatschender Weise wurde nämlich vermittelst des Mobilfunks plötzlich die Zukunft eingeläutet. Als die Menschen gerade anfingen, sich der Macht und des Potenzials des Internets bewußt zu werden, kam es ausgerechnet zu Beginn des lang ersehnten Zeitenwechsels zur Mobilmachung der Kommunkationstechnik; eben mit der Folge einer regelrecht epidemischen Verbreitung des Mobiltelefons, von denen das sogenannte Smartphone wohl mit die häßlichste aller abscheulichen Fratzen aufträgt, mit welchen jene teuflische Hydra derzeit unsere natürliche und geistige Umwelt aus allen erdenklichen Richtungen bespuckt und verhöhnt.
Und während sich ein Großteil der Menschen zusehends darin verlieren wollte, konnten wir an dieser neuen Technik weder eine Weiterentwicklung menschlicher Geschicke erkennen, noch durch den Umgang mit derselben einen Ausdruck globalen Erwachens entdecken. Vielmehr erspähten wir hinter dem Horizont dieses neu angelegten und aufblühenden Kommunikationsfeldes eine Gefahr für die Freiheit des Geistes aufziehen, der sich nicht mehr als ein großes Ganzes selbst erfassen, sondern milliardenfach aufgespaltet in ebensoviele Zellen gesteckt werden sollte, von wo aus die meisten dieser Zellphone-Insassen glaubten, sie würden nun frei(händyg) kommunizieren, (engl. heißt es cellphone, nicht: „handy“) sich in Wirklichkeit aber nur wie die eingesperrten Affen im Zoo von einem Mobilfunkmast zum nächsten schwangen, statt sich hinter dem Dampf einer gemütlichen Tasse Tee auf die Zeit zurück zu besinnen, als man sich noch ohne technische Hilfsmittel zutiefst miteinander verbunden fühlte und den guten Draht zueinander auf gänzlich andere Art und Weise verspüren konnte.

Spätestens im Zuge der weltweiten Verbreitung der handlichen, schnurlosen Funkmobiltelefone und dieser Art der Mobilmachung von seiten der Kommunikationsindustrie gegen den ursprünglich unermeßlich empfangsbereiten und sendungsbewußten Geist, sollte auch diese urwüchsige Verbindung, oder der gute Draht, über den wir uns von Anbeginn der Zeit miteinander verbunden fühlten, bald in weitere Ferne gerückt werden; und zwar, indem man jenes hier nun schon mehrfach kritisierte Konstruktum künstlicher Kommunikationskanäle dazwischen gesetzt hatte, über das wir alle in die Irre geleitet werden sollten.
Diese Entwicklung machte uns beide manchmal recht einsam – allerdings orientierungslos verloren einsam, nicht innigst zuiefst im All-Ein-Sein einsam – waren die innigsten Verbindungen doch nunmehr so dermaßen irritiert, daß man glauben konnte (oder sollte), sie seien gar nicht mehr aktiv.

So, seither im drahtlosen Innern nach dem alten Drahte hilflos suchend, blieben wir ganz uns selbst überlassen alleine zurück und konnten am Telefonieren umso weniger Gefallen finden, je fortschrittlicher die Technik wurde.

Hiervon uns aber zunehmend bewußt abwendend, haben wir bald unsere ewige Verbundenheit zueinander aufs neue zu spüren gelernt und uns auch ohne den Zuspruch einer virtuellen Lach und Spieß Netzwerkgesellschaft stets recht wohl befunden. Ohne Benutzung eines technischen Kommunikationsgeräts brachten wir unsere Verbundenheit zueinander erneut zum Ausdruck, indem wir uns wieder der altertümlichen Methode des klassischen Briefwechsels bedienten, was uns als hinreichender Brückenschlag räumlicher und anderer Distanzen vollends genügte.

Betrüblicherweise verhält es sich aber mittlerweile so, daß auch unser altbewährte Schriftwechsel seit geraumer Zeit zum Erliegen gekommen ist.

Seither weiß ich weder, wie du dich befindest, noch wüßte ich genau, wo überhaupt du dich derzeit befindest – ich vermute aber, du bist immer noch dort, wo du schon immer warst – lediglich scheinen dich meine Worte nicht mehr zu erreichen.

Auf eine unerklärliche Weise bist du mir von der Seite gewichen; ja du scheinst sogar weiter von mir entrückt zu sein, als die Sonne in der Nacht von der Erde entfernt zu sein – scheint (derweil sie ja tatsächlich trotzdem scheint), und das leider ausgerechnet in diesen wirren Zeiten; es sind die Jahre des Aufbegehrens gegen äußere Umstände, die Jahre der politischen Aktivität und auch die Jahre der spirituellen Offensive, die ebenfalls aktiviert wurde, sich jedoch weniger aktionistisch veräußert, sondern eher passiv, ja passiv reaktionär, während sich jede individuelle Entwicklung zunehmend kraftvoller kohärent zum universellen Vollbewußtsein offenbart – dies gar umso gewaltiger, je länger ihre geistige Grundlage die nötigen Kräfte sammelnd in untergründigen Bewußtseinskammern zugebracht hatte … verstärkt drängen nun von dort aus die Quälgeister nach oben und drücken die Quellgeister einstweilen nach unten, die nun aber umso tiefer auf dem Grund des Seins die längst vergessensten Schätze zu finden unterwegens sind –
Ach, wenn sie doch nur samt aller hellsten Erkenntisse ganz froh und frei bald wieder aus den Urtiefen auftauchen mögen!

Ich für meinen Teil (für wessen Teil auch sonst?)

Du merkst, ich gebe mir redliche Mühe mit meinen Worten, versuche mit aufgesetzter Poesie dich noch oder wieder irgendwie zu erreichen … ich weiß genau, was ich zu schreiben habe, weiß sogar gut bescheid über alles, was ich schreibe, doch heißt dies noch lange nicht , ich hätte auch erfahren, worüber ich zu schreiben weiß … . Derweil wußtest du von diesen Dingen schon immer mehr als ich, schon seit jeher trägst du die Gewissheit von der Wahrheit in dir, derweil ich von allem allenfalls erst dann etwas weiß, bzw. zu wissen glaube, sobald ich das für mich hierzu verständigste Wort entdeckt und an die richtige Stelle gesetzt habe.

So halte ich mich an die äußeren Umstände, insbesondere für die Zeit, die ich deiner Anwesenheit entbehre … erforsche die Welt der äußeren Umstände und je umständlicher sie sind, umso verworrener erkenne ich mich in sie hineinverwickelt – derweil allein der uns allen zugrundeliegende unermäßliche Wortschatz ganz besonders mir als Mittel dient, mich aus denselben Umständen herausschreibend entwickeln zu können.
Ich weiß dann von den Begebenheiten sehr viel zu sagen, denn ich habe sie erforscht, gedanklich wohlgemerkt, das heißt verzögert, doch umso gründlicher, aber per Wort, und nicht etwa intuitiv, so wie du die Dinge eben unmittelbar erkennst – und ich nehme sodann Anstoss an jedem Wort, das nach meinem Ermessen oftmals bloß an der falschen Stelle sitzt – und verliere mich dabei wieder und wieder in auf dem Tummelplatz der äußeren Geschehnisse; leider auch wieder in diesem Brief an dich.

Wenigstens in diesem Brief hätte ich dir doch viel lieber von ganz anderen Sachen geschrieben – immer schon im Grunde habe ich das gewollt; doch nur selten ist es mir gelungen. Und während ich dir übewiegend meine Ansichten zumutete, vergaß ich wohl, auf die deinigen einzugehen, woraufhin du dich zusehends immer weiter fort von mir entferntest.

Vermutlich hattest du bald erkannt, was ich mir lange Zeit nicht eingestehen wollte, nämlich daß es in meinen Briefen an dich stets weniger um dich ging, als vielmehr größtenteils um mich.
Ich denke, man kann das sogar verallgemeinern:
Im geschriebenen Wort geht es nur selten um den Leser, sondern hauptsächlich um denjenigen, der es gerade schreibt.

Bei den meisten Schriftwerken handelt es sich oftmals nur um die inneren Angelegenheiten eines Schreibers, der zwar höchst erfinderisch Bezug auf die verschiedensten Begebenheiten nimmt, doch ist dies im Grunde nur der Subkontext, den er nutzt, um sich über die Betrachtung des beschriebenen Gegenstandes seiner inneren Komplikationen selbstreflektierend anzunähern. Einerlei ob es sich dabei um Briefe, Gedichte, Erzählungen, Romane, Dramen, Bühnenhandlungen oder (man möchte es kaum wahrhaben) um das journalistische Schreiben handelt; worüber auch immer ein Autor schreibt – ob er sich nun um die Darstellung konkreter Sachverhalte bemüht oder sich in literarische Abstraktionen verliert – er ist ja doch nur fortwährend mit sich selbst beschäftigt; lediglich will manch einer eben nicht gern in Betracht ziehen, daß alles, was ihm unter die Feder kümmt, im weitesten Sinne auch etwas mit ihm selbst zu tun haben dörfte.
Ich für meinen Teil (für wessen Teil auch sonst?) wüßte außerhalb des Schreibens allerdings kaum einen anderen Weg, über den ich mich wieder mit dir verbinden könnte – und das ist eben das Dilemma; schließlich hat nicht etwa das Ausbleiben deiner Worte, sondern ein Übermaß der meinigen zum Bruch unserer Verbindung geführt. Dies zumindest steht zu befürchten, denn so sehr ich dich während des Schreiben auch stets in meiner Nähe wähnte, letztlich sorgte ich hierbei für eine immer größere Distanz zwischen uns, ohne zu merken, daß du mir unlängst von der Seite gewichen bist und dich seither lieber woanders rumtreibst, als hier in meinem linksliteralen Sprachzentrum.

Hierbei verhält es sich nun desweiteren so: Du fehlst mir als ein mich ergänzender Teil, während ich dir als ein dich ergänzender Teil fehle, woraus sich ergibt, daß wir uns aufgrund unserer Trennung beide nicht in einem optimalen Zustand befinden.
Das klingt nun wie eine reuevolle Einsicht, der allem Anstand nach eine Bitte um Verzeihung nachfolgen müßte… doch es ist bloß eine nüchterne Feststellung, den momentanen Zustand beschreibend. Dieser Zustand ist dergestalt zu verstehen, daß du mir seither fehlst, gleichwohl ich nicht behaupten kann, ich würde dich vermissen. Vermissen, und dergleichen sentimentalen Zustände, das fällt schließlich in deinen Aufgabenbereich, an mir liegt es nur, die Dinge so festzustellen wie sie sich augenblicklich darstellen.
So wenigstens verstehe ich es derzeit; es zu beschreiben, das ist schließlich meine Aufgabe, du derweil bist zuständig für das Empfinden. Oder nannte man es Fühlen? Ich weiß es nicht. Vielleicht nennen wir es Wissen, doch das beinhaltete ja die ungeheuerliche Möglichkeit, daß du schon vorher immer mehr wüsstest, als ich dachte, was zu der weiteren Schlussfolgerung führen würde, daß ich dich mitsamt eben dem, was ich zu sein glaubte, allein durch meine Beschreibungen von mir fort geschrieben habe.

Ja, mein lieber Name entfernt; nun habe ich doch sehr weit ausgeholt und bin mit den verschiedensten Themen ins Gericht gegangen ohne mich im persönlichen Wort wirklich an dir und deinem Befinden interessiert gezeigt zu haben.

Ob ich dir momentan schreibe oder nicht dürfte für dich augenblicklich aber auch kaum eine Rolle spielen. So wäre es einigermaßen zwecklos gewesen, mich nach deinem momentanen Befinden zu erkundigen, denn eine augenblickliche Antwort wäre von dir über diesen Weg ja nicht zu erwarten, daher hielt es anfänglich für angebrachter, bloß zu hoffen, es ginge dir gut, andernfalls hätte man wohl vermuten können, daß ich mir die Frage Wie geht es Dir im Grunde (meines Schreibens) eigentlich nur selber gestellt hätte.

Dies ist für viele Schreiber schließlich eine der Hauptursachen dafür, daß sie überhaupt zur Feder greifen, (bei den Kriminalisten unter uns handelt es sich hierbei vermutlich sogar um eine Triebfeder) einerlei ob sie dem Zustand, oder gar der Ursache ihres Befindens bewußt oder unbewußt auf den Grund gehen.
Ich bin mir jedenfalls darüber im Klaren, daß das Grundmotiv meines Schreibens nur die Erforschung meines eigenen Befindens sein kann, egal worüber ich letztlich schriebe; selbst wenn ich kein Wort über mich Selbst dabei verlöre, in der längst so vielseitig beschriebenen Welt stecke irgendwo auch ich drin verborgen, ich bin der heimliche Leitgedanke meines Schreibens, womit letztlich zwar auch kein großer Blumentopf konnte gewonnen werden, doch die Welt dient mir als eine Quelle der Schöpfung, aus der ich Metaphern und Allegorien zur Erschaffung eines Kunstwerkes ableite, in welchem ich mich bis auf Weiteres verborgen halten kann.  Was für die Kunst gilt, gilt hier auch für die Wissenschaft. Statt literarischer Werke können es auch Psycho-Analysen sein, hinter denen man seinen eigene Macke artig verbergen kann, aber dazu unten weiter mehr.

Das kognitive Blaue

Da ich also nicht weiß, ob dieser Brief dich überhaupt noch erreichen wird, schreibe ich ihn jetzt, sagen wir mal, kognitiv ins Blaue hinein;
Insbesondere bei Briefen wäre diese Vorgehensweise hilfreich. An wen man den Brief schreibt, das ist wie gesagt vollkommen egal. Am besten an jemanden, der so fern ist, daß man seine Adresse nicht weiß und der einem zugleich so nahe ist, daß man es aufgrund der darin behandelten vertraulichen Angelegenheiten niemals (anderweitig) veröffentlichen würde.
Solche Briefe können jedoch ziemlich heimtückische Angelegenheiten sein. Denn je näher du dir darin wahrheitsgemäß kommst, desto mehr entfernst du dich von demjenigen, dem du augenscheinlich geschrieben hast – auf dem Papier jedenfalls.
Dort könntest du nämlich merken, daß der, dem du schreibst, am Ende nur der gewesen ist, dem du glaubtest geschrieben zu haben – während du in Wirklichkeit nur dir selber geschrieben hast. (Wenn ich hier übrigens immerzu das Wort du benutze, so meine ich natürlich nicht dich, sondern auch auch wieder nur mich – selbstredend)
Wichtig ist nicht, an wen man schreibt, sondern aus welcher Perspektive man schreibt, um dann zu erkennen, wer es überhaupt ist, aus dessen Perspektive man nämlich schreibt. Besonders für diesen Text trifft es zu.

Meiner kläglichen Erkenntnisfähigkeit nach zu urteilen, geht wohl kein einziger Brief einem Großteil des Inhaltes nach an denjenigen, den man oben im Briefkopf anspricht. Man schickt ihn nur dahin. Am ehesten verschickt man ihn an seine Nächsten. Am ehesten versteht das Geschriebene derjenige, der genauso ist wie du. Am ehesten genauso wie du, bist du. Und falls nicht, brauchst du einen Nächsten.
Doch warum in die Ferne schweifen, der Nächstliegendste von allen Nächsten ist man selbst. Und wenn man als Schreiber davon noch ganz weit entfernt ist, gibt es möglicherweise viel mehr zu schreiben, als man anfangs dachte.

Daher frage ich nicht dich, mein lieber Leser, sondern nur mich, und davon nur den Schreiber, wer bist du im Grunde deines Herzens, wem schreibst du im Grunde deines Herzens, deiner Seele? Nur da ist man sich selbst der Nächste und wenn nicht, so könnte man versuchen, sich daran zu erinnern, wer man eigentlich nochmal vorher war. Das kann man schreibend tun, ahnend, daß man nur sich selber schreibt, egal wohin man das Geschriebene dann hinschickt.

Das Gesamtwerk eines Autors: Ein Prozent Essenz, 99 Prozent Beiwerk

Während du also eigentlich dir schreibst, bist natürlich auch in erster Linie du es, der dich selber liest. Max Frisch hat das einfacher ausgedrückt: Schreiben heißt sich selber lesen.
So ein Satz ist dann die Essenz. Du kannst 100 Romane schreiben, 2000 Briefe und 50000 Artikel, doch von wirklich erkenntnisreichen Sätzen finden sich in deinem Gesamtwerk nur wenige. Aber es gibt sie. Vielleicht mußt du auch erst 100 Romane, 2000 Briefe und 50000 Artikel geschrieben haben, um überhaupt auf solche Sätze zu kommen. Ich nenne sie Plopp-Sätze. Schreiben heißt sich selber lesen ist ein solcher Plopp-Satz. Den hat sich Max Frisch bestimmt nicht vorher ausgedacht, er ist ihm gewiss einfach so passiert. Es ist eine plötzliche Erkenntnis, eine maximale sozusagen und eine erfrischende obendrein.
Sie behandeln einfache Grundwahrheiten und können nicht besser formuliert worden sein. Man überlegt sich solche Sätze nicht, sie passieren einfach. Sie kommen daher wie ein Passant, der plötzlich am Schreibtisch vorbeiläuft und den Hut zum Gruße lüftet. Sie passieren den Geist des Schreibenden und dann schreibt er es en passant schnell hin. Wenn er es nicht hinschreibt, tut es halt irgendwann ein anderer. Im besten Fall passieren dir pro Brief einer bis zwei solcher Sätze und pro Roman vielleicht zehn, der Rest drumherum ist Beiwerk, geistige Ablenkung und Unterhaltung. Und wer es schafft, sich mit dieser Form der Unterhaltung seine eigene Lebensunterhaltung zu verdienen, da er sich nach allen Regeln der Kunst mit sich selber zu unterhalten versteht, der darf sich dann einen renommierten Autor nennen. (renommiert: anerkannt, namhaft, profiliert)

Der Begriff „Unterhaltung“ deutet übrigens nicht darauf hin, daß der Unterhaltende unten gehalten wird, wie viele immer verkünden, sondern verweist es zunächst auf das Vorhandensein einer Einrichtung unterhalb eines Grund und Bodens, die einen festen Halt auf jenem Boden bietet. Dieser dargebotene Unter-Halt führt dann zu einer entsprechenden Haltung des Unterhalteten, und ist ihm darin nicht wohl, sollte er eben diesen Teil des Bodens verlassen, denn daß ihm diese Form der Unterhaltung auf künstlichem Boden eher zum Schaden gereicht, als zu etwas tatsächlich Erbaulichem, das ist gleichwohl zu erkennen, daher will ich den kritischen Umgang mit der sog. Unterhaltung auch nicht allzu abgemildert haben, hält sie den Unterhalteten ja letztlich durchaus unten.

Angestossen

Nicht daß du mich falsch verstehst: Im Grunde meines Tintenfasses habe ich überhaupt nichts gegen das Briefeschreiben, ich bin sogar einer der größten Befürworter des Briefschreibens. Wäre ich zum Beispiel der oberbefehlshabende Schulmeister Deutschlands, würde ich jedem die Hausaufgabe erteilen, sich umgehend auf seine vier Buchstaben zu setzen und sieben Tage lang an einem Brief zu schreiben – zumindest jeden Erwachsenen würde ich das empfehlen, die Kinder bekämen nach der ganzen Schulzwangsgehirnwäscherei erstmal Ferien ohne Ende und sollen nicht schreiben, sondern auf den buntgrünen Wiesen toben.

Jedenfalls, ob man die Briefe dann irgendwohin schickt oder nicht, das ist übrigens vollkommen egal, es müßte lediglich das folgende nochmal verdeutlicht werden:
Wo immer sich ein Schreiber an einen Leser wendet, da wendet er sich über den Leser an sich selbst.

So ist es nicht etwa der Schreiber, der sich dem Leser zuwendet, sondern ist es der Leser, der sich dem Schreiber zuwendet, beziehungsweise dem, was der Schreiber, sich selber lesend, von sich gibt.

In der allgemeinen Literatur ist der Fall ein klein wenig komplizierter. In gewisser Weise (oder auch in ungewisser Weise) tritt der Schreiber während des Schreibens zwar aus sich heraus und so verhält es sich auch mit dem Leser während des Lesens – doch begibt sich letzterer wieder nicht in seine eigene Welt, sondern in die des jeweiligen Schreibers. Darüber dürften sich die meisten Schreiber sogar im Klaren sein.
Zumindest in dem, was man heutzutage Romanliteratur nennt, scheinen mir viele von ihnen nur noch so eine Art Unterhaltungskünstler zu sein, die darum bemüht sind, die Leser in den Bann ihrer Handlungsstränge zu ziehen, indem sie ihre Kniffe immer genau an den Stellen anwenden, an denen wiederum die Leser sie insgeheim natürlich auch erwarten. Hierzu besieht der Schreiber seine eigenen Worte schon während des Schreibens durch das Auge des vorgestellten Lesers, während ihm gleichzeitig so eine Art innerer Lektor über die Schulter schaut, der beständig auf das Einhalten einer gewissen Methodik achtet, die unter anderem auch darauf abzielt, daß sich der Leser dem Handlungsablauf nicht schon frühzeitig entzieht. So schreibt er zwar durchaus aus sich heraus, geht er aber in die Korrektur, und das ist gerade bei Romanen hundertfach notwendig, versucht er das Geschriebene auch durch die Augen des Lesers zu betrachten. Daher wiederhole ich gern: Wo immer sich ein Schreiber an einen Leser wendet, da wendet er sich über den Leser an sich selbst.
Der Leser wird bei der Lektüre des ihm vorliegenden (oder vorlügenden?) Schreibens entweder den einen oder anderen Aspekt für sich nachempfinden (beziehungsweise nur nachvollziehen) oder die Dinge mehr oder weniger voyeuristisch betrachten, da entweder sein eigenes Buch des Lebens augenblicklich nichts Vergleichbares zu bieten hat oder, falls doch, um bei der Suche nach sich selbst ein paar inspirative Denkanstösse vermittelt zu bekommen.

Preisgabe

Nicht selten gibt der Schreiber, bei allem was er so von sich gibt, aber auch einiges von sich preis, nämlich ein gut Teil seines Innenlebens und wenn es ihm gelingt, ein paar Aspekte davon einfallsreich zu verdichten oder irgendsonst wortgewandt zu verkleiden, dann hat er ein belletristisches/literarisches Kunstwerk geschaffen. Ein Kunstwerk verlangt nun wiederum nach einem Betrachter, der jedoch muß erstmal auf das Werk aufmerksam gemacht werden und wo im Allgemeinen läßt es sich am besten um Aufmerksamkeit ringen, wenn nicht auf einem Markte?
In diesem Fall dem Büchermarkt. Gegen diesen ist im Grunde nichts einzuwenden, wäre er doch nur nicht in diesen ungeheuerlichen Ausbeutermarkt eingebunden, der unsere Freiheiten bekanntermaßen über das derzeitige Finanzsystem stranguliert, vor welch letzterem schon im Buch der Bücher, nämlich in der Bibel, als ein Werk des Teufels gewarnt wurde!
Ja, mit solcherlei waghalsigen Gedankensprüngen hätte ich nun selber nicht gerechnet, aber womit sonst, wenn nicht mit derart provokanten Andeutungen, könnte man als Schreiber heutzutage noch auf sich aufmerksam machen?

Und was wäre mit dem Werk desweiteren anzustellen? Wie soll jemand, der das Zeug dazu hätte, von der Schriftstellerei leben zu können, sich zugleich diesem Markte verweigern? Wenn er Kraft seiner Arbeit überwiegend der Geistesfreiheit diente, wäre es dann nur das kleinere Übel, wenn hierbei ein System mitprofitiert, welches das viel größere und ureigentliche Übel ist? Sollte ein Schreiber, dem etwas an der Freiheit der Menschheit liegt, etwa sein schriftlich veräußertes Gedanken- und Empfindungsgut diesem Markte übergeben, im Glauben, er bekämpfe damit die allgemeine Abhängigkeit zum Finanzsystem, dem teuflischen?
Was soll er tun, wenn plötzlich der Mammon gegen seine Tür hämmert, um ihm die Publikation seiner Werke im großen Stile schmackhaft zu machen? Ihm die Tür vor der Nase zuknallen? Nun warum nicht? Wenn man ahnt, in einer Fabrik leckt der Ölhahn, dann bewirbt man sich für eine solche Firma nicht als wandelndes Werbeplakat, sondern erzählt man es draußen herum, um den Druck zu erhöhen, also nicht des Ölhahns, sondern den Druck gegen diejenigen, die nun in der Pflicht stehen, die Sauerei abzustellen.

Also weiter gefragt: Könnte er es denn wagen, innerhalb seines eigenen Werkes das Werk des Teufels beim Namen zu nennen, ohne gleich darauf von ihm heimgesucht zu werden? Wäre die Veröffentlichung seines Werkes im größeren Stile nicht von vornherein ausgeschlossen, sobald er darin auch nur einen Deut seiner kruden Gedanken verbreitet? Muß er den Kern seiner Aussage letztlich wieder nur verdichten und verklären, so daß der eine sie so herum und der andere sie so herum auslegen könnte?
Oder stellt sich diese Frage überhaupt nicht? Es profitiert vom ernsthaften Schreiben ja doch keiner so richtig. Weder die Verlage, noch der restliche Markt, noch der Leser und der Schreiber sowieso nicht, außer vielleicht sein Ego. Geld aber erntet er nicht gerade zuhauf. Also laß ihn doch schreiben; zu was anderem ist er sowieso nicht fähig.

Ohnehin ist der Verdienst von Schreibern (biste Schreiber, verdienste nix) schon seit Ewigkeiten auf dem Niveau eines Hungerlohns angesiedelt, warum sollen nicht auch sie mal auf Kosten anderer, zu Lasten vieler und zur Bereicherung weniger eine müde Mark verdienen. Das macht doch jeder so.

Zuletzt muß ich daher sagen: seid lieber froh, liebe Schriftsteller, daß euch die Anerkennung eurer Arbeit nur in Form von umgerechnet drei Kupfermünzen pro Monat entgegenrollt. Denn während wir glauben, wir dienten der Aufklärung, förderten ein schöngeistiges Sinnieren oder stünden mit unserem Wort für den Erhalt der geistigen Freiheit ein, sorgen wir, wenn wir unsere Bücher über die Finanzwege dieses Marktes vertreiben, mit für die Vertreibung der menschlichen Werte, indem wir nämlich den Unter-halt eines System mitversorgen, dessen Ziel nicht die geistige Freiheit der Menschen ist, sondern die Abhängigkeit der ganzen Menschheit vom Gesamtwerk des Teufels, bzw. des Widersachers der Schöpfung. Reines Wasser in verdreckte Leitungen einflößen, das mag gut für die Leitungen sein, aber das Röhrensystem ist weit verzweigt und ewig lang, da bleibt kein Wasser lange rein.
Und so ist der Markt insgesamt zu einem ziemlichen Dreckstall verkommen; er ist an vielen Stellen derart versaut worden, daß die Fräkalsprache sogar Einzug in die Bücherwelt gewonnen hat, auch in der Literatur gilt es heute als chique, wenn man sich hin und wieder einer perversen Ausdrucksweise bedient – ist ja auch klar, der Markt bestimmt den Trend und wer den Markt bedienen möchte, der muß dem Trend entsprechen – selbst in der sogenannten gehobenen Literatur (der abgehobenen also) muß daher so manche unschuldige Romanfigur mindestens alle 50 Seiten die undenkbarsten Grausamkeiten erfahren und falls sie im weiteren Handlungsverlauf keine Rolle mehr spielen soll, stirbt sie nicht einfach im mystischen Rosengarten schlummernd dahin – nein, erstmal muß sie noch vor den Augen des Lesers ausführlich geschändet und nach allen Regeln der Kunst geschlachtet und ausgeweidet werden.
Für mein Dagegenhalten ist es daher so; wer sein Werk über dieses System verkauft, bedient auch das Werk des Teufels, um nicht zu sagen: er überschreibt es ihm, woraufhin dieser dann ein Wörtchen mitzureden hat und was dabei herauskommt, sehen wir ja: Mord und Totschlag.

Vielleicht verhält es sich aber auch so daß die Literatur nur den momentanen geistigen Zustand der Menschheit wiederspiegelt; es fließt Blut und der Leser ist ebenso wie die Welt im Mark erschüttert. Ach ja, die schöne Mark-erschütterung… wie wäre es mal mit einer Markt-Erschütterung, liebe Mords- Pop- Sex- und Crime Schriftsteller?

Entzieht euch doch mal eurem Marktwert, schreibt etwas Schöngeistiges hin und schenkt es den Lesern, vielleicht erklären sie sich ja bereit, dem Werk die nötige Aufmerksamkeit einfach nur zu spenden, das heißt, dem Schreiber in Form einer Spende die verdiente Anerkennung zukommen zu lassen. Das wäre zwar weiterhin die Fortsetzung der ewigen Durstrecke aller gewissenhaften Schreiber, sowie auch Buchhändler und Verleger, die sich gerade jetzt mit ihrem kleinen Stand möglichst weit vom vorherrschenden Markte positionieren sollten – doch dies vielleicht, um dann irgendwann gemeinsam eine neue kulturelle Landschaft erblühen zu lassen, dem ewigen Geist zum Wohlgefallen, in Schönheit, Anmut, Dankbarkeit und Ewigkeit.

Das kannst du wohl abschreiben

.. Je einsichtiger das literarische Ego des Schreibers, desto weniger schreibt er, um ein bestimmtes Ich auf dem Papier zu errichten, sondern um ein bestimmtes Ich zerfliessen zu lassen wie Tinte, oder es (also das Ich) wenigstens erstmal wörtlich auseinanderzunehmen.
Somit schreibt man nicht nur an sich selbst, sondern schreibt man sich auch selbst ab. Und wenn ich mich selbst abschreiben will, so frage ich nicht Was machst du denn, was machst du denn? – sondern schau ich erstmal in den Duden.
Da steht unter Abschreiben dann folgendes:

Abstriche machen, fallen lassen, aufgeben, verloren geben, sich abtrennen, entsagen, absagen, versagen, zurücktreten, Abstand nehmen, sich etwas aus dem Kopf schlagen, etwas zu Grabe tragen, an den Nagel hängen, in den Mond, in den Schornstein, in den Wind schreiben…

In den Mond, in den Schornstein, in den Wind schreiben. Das klingt in meinem Zusammenhang erstmal ziemlich destruktiv, doch geht es ums Ego-Ich, so ist es nur gut. Schreibe dich selbst in den Wind. Denn als Schreiber gilt es wohl diesem Ich, diesem unfaßbaren Wort Ich, erstmal schreibend zu begegnen, sowohl der Nähe wegen, als auch der Entfernung wegen.
Von welcher naheliegenden Sache entferne ich mich, wenn ich mich in der Funktion eines Schreibers mir entfernten Dingen zuwende? Entferne dich heimlich von dir selbst, dann kommst du dir unheimlich näher.

Die Entfernung des Ich (Literaturpsychologie)

Bei der Entfernung des Ich geht es um den Austausch des Identifikationsmodells Ich gegen das eigentliche wahre Selbst, das durch den ständigen Ausbau des Identifikationsmodells Ich in immer weitere Entfernung gerückt wurde.

Das ist ein allgemeiner Problemfall und jetzt wird bekannt: Auch von Schreibern ist er erlitten worden.
Um also von mir zu sprechen: Die Entfernung zu meinem Selbst verlangt nach der Entfernung des Ich, damit ich meinem in der Entfernung liegenden Selbst endlich wieder etwas näher kümme.

Schaue ich mich ein bißchen woanders um, so entdecke ich, daß manche Leute dieses in der Entfernung befindliche Selbst das höhere Selbst nennen, das wiederum vermutlich näher ist, als man allgemeinhin denkt. Solange man aber eben nur denkt, solange bleibt das Erfahrbare in der Ferne liegen, was intellektuell betrachtet auch wieder ein ziemliches Problem darstellt.

Ob sich dieses spirituelle Problem literarisch lösen läßt, ist sehr fraglich, dennoch werde ich beim Schreiben gelegentlich spirituelle Erkenntnisse streifen, die ich allein durch die theoretische Behandlung im Grunde nur schriftlich entwerte, wenn nicht gar zu Boden niederringe, zumindest solange ich meine Schriftwerkstatt nicht verlasse und ein paar der spirituellen Erkenntnisse nicht auch mal im praktischen Leben anwende.

So ist dieses Schreiben allenfalls eine aus meinem selbstproduzierten Geistesnebel herausflunkernde Selbstoffenbarung, die von keinen unehrlichen Absichten getragen ist – es sei denn, ich entschließe mich dazu, es zu veröffentlichen. Auch mit dieser Frage werde ich schließlich zu ringen haben: Warum eigentlich möchte ich mein Geschriebenes zum Lesen bereitstellen und welcher Teil meines Ich ist es wohl, der diesen Wunsch am meisten hegen könnte?
Die Antwort liegt auf der Hand, beziehungsweise eigentlich im Kopf: Hier befinde ich mich schließlich immer wenn ich schreibe, im Ich-Kopf. Von diesem Ich-Kopf wenigstens bereits wissend, stellt mein Schreiben höchstenfalls den Versuch dar, das Ich zu überwinden und das höhere Selbst zu ermitteln. Man fragt sich ernsthaft wie das gehen soll.

Doch es sind nur Gedanken darüber – bestenfalls ausgedrückte Gefühle in Form von Gedanken, ausgedrückt wie gerauchte Zigaretten, der Aschenbecher quillt über und wir haben mit dem Rauchen längst nicht aufgehört.
Beim Schreiben aber geht es um den Kopf. Da kann einer noch so empfindsam sein, das bloße oder reine Empfinden findet hier nicht statt, es sind alles nur Worte und wenn sie so klingen, als kämen sie direkt aus dem Herzen, sind sie doch im Kopf nachhaltig zurechtgeschmiedet worden, für den schönen Lese-Geist lackiert, für den abzuschreckenden Lese-Geist geteert und gefedert.

Wir nehmen hier nur die regelmäßige Entleerung eines sich hin- und herwindenden Gehirns vor, manche tun dies ganz nüchtern, manche werden polemisch dabei, manche wissen es in wissenschaftliche Theorien einzubinden, manche können sogar Gedichte daraus verlyriken, vielleicht weil sie in gewisser Weise musikalisch sind.
Dies findet also nicht nur während meiner Briefe statt oder im schriftlichen Austausch mit anderen (lesenden Schreibern), sondern auch, wenn ich es über literarische Stilmittel auszudrücken versuche, also prosaisch, erzählerisch, poetisch oder lyrisch werde.
Hierbei sieht sich der Schreiber dann einer Vielzahl literarischer Gattungen gegenüber, in die sein Werk umso eindeutiger eingeordnet werden kann, je mehr er deren Gattungsansprüchen gerecht wird oder deren Gattungserwartungen erfüllt. Diese Umstände bringen zum einen mit sich, daß er seine eigene Persönlichkeit zurücknehmen wird, zum anderen werden ihm darüber aber auch neue Möglichkeiten eröffnet, einige Aspekte seiner Persönlichkeit oder gar seines wirklichen Wesens bewußt oder unbewußt in das jeweilige konstruierte Geschehen einzuflechten.

In diesem Zusammenhang gibt die sogenannte Literaturpsychologie das folgende zu bedenken:

Die Literaturpsychologie befaßt sich mit den bewußt oder unbewußt in ein Literaturwerk aufgenommenen seelischen Vorgängen und Zuständen eines Autors (oder der von ihm dargestellten Personen). …
Sigmund Freud hat die Literatur als Quelle von Erkenntnissen, die in der klinischen Psychologie gelten, intensiv herangezogen. Zu unterscheiden davon ist die Psychologie der Dichter, die allerdings oft das Verständnis bestimmter Werke erleichtert.
Quelle: ..utb

Die Literaturpsychologie ist nun ein Fachausdruck aus der Literaturwissenschaft, bei dessen bloßer Erwähnung wahrscheinlich mancher Schreiber umgehend zusammenzuckt, was ich aber gut verstehen kann; schließlich dürfte es nur in den seltensten Fällen die Intention eines Autors sein, irgendwelche literarisch geschulten Freizeitpsychologen auf den Plan zu rufen, damit sie einen Befund darüber erstellen, welche Aspekte seines Seelenlebens er in welchen Teilen seines Kunstwerkes derart im Verse verschlüsselt beschrieben hat, daß sie nur von Literaturpsychologen entdeckt werden können…

Auch möchte er gewiss nicht aus zweiter Hand erfahren, welche psychisch bedingten Störungen unter Umständen dort herauszulesen wären und was er tun kann, diese auf höchstem literarischen Niveau verdrängten Erlebnisse mithilfe der Psychologen als „Störursachen“ zu erkennen.
Wünschenswert wäre jedoch, daß er diese Störursachen nicht beseitigt, denn sonst würde es der Literaturpsychologie ja an existentiellen Grundlagen fehlen, die sie benötigt, um ihre Arbeit fortsetzen zu können.

Aber gut, sicherlich trifft es zu, daß aus jedem literarischen Werk gewisse seelische Vorgänge und Zustände des jeweiligen Autors herauszulesen sind; das dürfte schließlich einer der Gründe sein, warum er überhaupt schreibt. Inwieweit er sich welcher Sache allerdings bewußt ist oder nicht, daß bleibt seine Angelegenheit und wenn es überhaupt zu Resonanzen führen soll, dann bleibt dieses Feld dem empfindsamen Leser vorbehalten, der nämlich ebenfalls nichts mit dem unerträglichen Geschwafel hochgeschulter Analytiker anfangen kann, die literarische oder andere Kunstwerke intellektuell auseinanderpflücken und am Künstler psychologisch herumdeuteln, ohne sich selbst einmal gefragt zu haben, welcher unbewußte Antrieb es eigentlich bei ihnen ist, der sie dazu antreibt, das Seelenleben anderer unter das Hoheitsgebiet ihres allmächtigens Intellekts zu stellen. Damit nämlich unterstützen sie letztlich genau die Hierarchie, die unsere Weltenseele in den Abgrund führen will – also wenn man das alles mal, apokalyptisch gesehen, vernünftig zu Ende denkt.

Wenigstens wird im obigen Zitat aber zwischen der „Psychologie der Dichter“ und der anderer Autoren deutlich unterschieden. Dies liegt vermutlich darin begründet, daß man nämlich immer dann von Dichtung sprechen kann, wenn es dem Dichter gelingt, seelische Vorgänge und Zustände so deutlich und naturgetreu zu besingen, daß sie eher die Seele eines empfindsamen Lesers oder Zuhörers erreichen, als eben den Intellekt eines Analytikers auf der Basis der Psychologie (also seiner Psychologen-Psychologie).
Nicht zuletzt obwegen dieses rätselhaften Umstandes hegt der Dichter auch eine entfernte Verwandtschaft zu den Musikern, deren Kunst wiederum mit der Mathematik verwandt ist, woraus man letztlich zwar schließen kann, daß sich selbst die Seele rationell erklären ließe, doch wirklich erspüren läßt sich das Seelenleben mit all diesen Methoden eben nicht. Es wäre daher wünschenswert, der Dichter bliebe von den Übergriffen der Rationalisten verschont, deren Erkenntnisse kaum einen Wert haben, solange sie neben ihrer ausführlichen Selbstdefinition nicht auch eine ausführliche Selbstinfragestellung betreiben und das gilt selbstverständlich für alle Wissenschaftszweige.
Außer für den Literaturpsychologen hat somit die Anwendung der Literaturpsychologie meiner Ansicht nach keinen besonderen geistigen Nährwert, zumindest da nicht, wo jemand sie auf bereits verfasste literarische Werke anwendet, an deren Entstehung er nicht selbst beteiligt war. Kurz gesagt: Lies was immer du lesen willst und schreib, was immer du schreiben willst und statt daraufhin ein Forum daraus zu machen, frag dich in beiden Fällen einfach nur, was das alles mit dir zu tun haben könnte.

Wie weiter oben schon gesagt: Was für die Kunst gilt, gilt hier auch für die Wissenschaft. Statt literarischer Werke können es auch Psycho-Analysen sein, hinter denen man seinen eigene Macke artig verbergen kann. Es gilt für alle Arten von Schriften

Bei den meisten Schriftwerken handelt es sich oftmals nur um die inneren Angelegenheiten eines Schreibers, die er gerade für sich zu klären hat; ein Zufall wenn’s einen Leser findet, der auch an diesem Punkt des Entwicklungsprozesses sich befindet; ein Graus für ihn, wenn der Leser diesbezüglich schon viel weiter ist als der Schreiber.

Merkmale der Literatur

Die Literatur ist ein weites Feld, sagte einst Günter Grass. Ich stimme zu. Beschrieben ist es vielseitig worden. Umgepflügt nur selten.

Welche Ansprüche die werte Literatur überhaupt an sich stellen soll, darüber möchten bitte die Intellektuellen verhandeln, möglicherweise sind sie mit allem, worüber man spätestens seit Beginn dieses Jahres (2012) so einiges hätte schreiben können, immer noch ein bißchen überfordert.
Daher erscheint mir (trotz meiner vorherigen Abstrafung) das allgemeine Geblogge in Hinblick auf die aktuellen Umwandlungsprozesse umso wichtiger und nötiger zu sein, während ich die gehobenen Literaten bitten möchte, sich weiterhin für den Erhalt gedruckter Bücher einzusetzen, sich ansonsten aber völlig neue Ziele zu setzen, bzw. sich an ihre eigentliche Bestimmung zu erinnern.
Schließlich hatte die edle Literatur einstmals die Aufgabe, den ewigen Traum, die Vision und die Erinnerung an eine bessere Welt am Leben zu halten, was heutzutage nur durch wenige Bücher wirklich vermittelt wird. Es scheint auch nur wenige Schriftsteller zu geben, die solche Ansprüche hegen – doch an welchen Merkmalen sollte Literatur eigentlich sonst erkennbar sein?
Erfahrene Leser zumindest berichten, daß es sich bei dem ganzen Schriftzeug so gut wie immer um eine Reihe von bereits bekannten Buchstaben handelt, lediglich ihre Zusammensetzung fällt jedesmal ein bißchen anders aus.

Ein schriftliches Ab-kommen

Nun bin ich aber weit vom Thema abgekommen. Könnte man denken.
Wenn du schreibst, geht es um dich. Wenn ich schreibe, geht es um mich. Und ständig steht man sich dabei selber im Weg, besonders während der Suche nach dem höheren Selbst, bzw. dem eigentlichen, grundliegenden, wesentlichen Höchstselbst. Daher ist, wie oben schon ausführlich angedroht, das insgeheime Thema dieses Schreibens die Ich-Entfernung.
Geht es während des Schreibens noch nicht darum, dieses Ich zu entfernen, so steht erstmal das Erkennen bevor, gefolgt vom Definieren, was aber leider mit zunehmender Geschwindigkeit bald in ein Drumherum-Reden, Thematisieren und Intellektualisieren über alles Mögliche ausufern kann. Dem üblichen, verstandesorientierten Intellekt kann man allerdings nicht immer trauen, besonders nicht, wenn man auch mal ein bißchen über die „seelischen Aspekte“ seines Ich schreibeln wollte.
Ist dies dein Antrieb, Stichwort seelischer Aspekt, so gehe, wenn’s dir liegt, erstmal zur freien Dichtung über. Möchtest du hierbei aber irgendwelchen literarischen Ansprüchen gerecht werden, so kann ein Literaturstudium wohl nicht schaden, doch vielleicht willst du ja nur, ganz wie ein singender Wanderbursch, deiner inneren Stimme etwas Gehör verleihen; dann tu es einfach. Und wenn es mehrere Stimmen sind, umso besser, ich zum Beispiel wechsle immer gern zwischen Bariton und Heldentenor – und manchmal, wenn ich mich ganz besonders alleine fühle, tendiere ich zum Mezzomix-Schizzosopran.

So kannst auch du singen und schreiben, wie es dir gerade in den Sinn kommt, und wenn du nur schimpfst wie ein Rohrspatz oder schreibst wie ein Berserker, laß doch erstmal die Pferde mit dir durchgehen:

Im Ton:
Schreibe doch so ungezwungen, als wärst du auf ein Pferd gesprungen,
dann sitz im Sattel ganz salopp, oder tu nur so als ob –
und prescht es fort im Eilgalopp, dann steig ein bißchen in die Bügel,
doch zieh nicht immerzu am Zügel, vielleicht wachsen ihm ja Flügel –
denn das Pferd ist dein Gemüt, und die Seele dein Gestüt,
so bleib im Sattel bis zum Schluß, vielleicht heißt es ja Pegasus?

Wer also gern freiheraus dichtet, der sollte sich nicht gleich entmutigen lassen, nur weil er keinen Verlag findet, der seine geschmiedeten Verse veredeln, veröffentlichen und verkaufen würde. Denn meist ist die Zahl derjenigen, die gerne in Reimen sprechen, größer als man allgemeinhin denkt und zweitens immer in gleichgroßer Relation zu der Zahl derjenigen, die hin und wieder gerne was Zusammengereimtes lesen würden. So ist fernab der offiziellen Leinenbändchenlyrik, also besonders im Internet, eine Art reflexives völkisches Dichtertum entstanden, das sich mehr und mehr zu recht vergnüglichen Dichterparaden versammelt und seit geraumer Zeit einen regen Austausch betreibt.
Neben Reimelaut und Versekunst gibt es aber noch andere Macharten der Schreiberei, die vom einfachen Volk mehr und mehr betrieben werden; auch hier wieder außerhalb der intellektuellen Kastenkrämerei – im allzeit publikationsbereiten Internet.
Dort reimst du dann mal ein Gedicht auf die Schnelle, schreibst hier mal ne Prosa und dort ne Novelle,
oder beläßt es am Ende beim bloßen Versuch und eröffnest stattdessen
dein Tagebuch.
Und so weiter.

Was ich damit sagen will: Falls nicht genügend seligmachende Dichtung aus dir herausgeschrieben kommt und dir die Monotonie deiner Tagebücher schon längst selber auf den Geist geht, schmeiß doch alles einfach in einen Topf und verfertige daraus stereotypische Erzählungen, dein unverkennbarer Stil wird darunter schon nicht leiden, außerdem gibt es zu jedem Schema mittlerweile auch die passenden Blog- Layouts. Wenn du beharrlich weiterschreibst, kannst du dir über den facebook-button sogar eine kleine Fangemeinde aufbauen oder dir im unendlichen Gefilde eines ausgesuchten Literatur-Forums deinen Verkanntheitsgrad immer wieder aufs Neue bestätigen lassen.

Hegst du also keine besonders literarischen Ambitionen und hast trotzdem eine Menge zu schreiben oder mitzuteilen, dann sei froh, daß auch du im Zeitalter des Internets lebst, denn hier ist Platz genug für jeden vorhanden, es treffen überall Aussteiger auf Insider und Einsteiger und Outsider und jeder darf sein Stäpelchen Papier irgendwo ablegen.
Immer beliebter werden zum Beispiel irgendwo reingebloggte ausufernde Lebenserfahrungen; die können durchaus faszinierend sein, doch Vorsicht, es sollten ihnen die gleichen ausufernden Lebenserfahrungen auch wirklichkeitsgetreu in etwa zu Grunde liegen, sonst merkt der Leser das sofort.
Allerdings hat nicht jeder, der viel erlebt hat, unbedingt das Bedürfnis, andauernd davon schreiben zu müssen, derweil viele, die gerne schreiben, oftmals glauben, sie hätten nicht so viel erlebt, als daß sie etwas Lesenswertes zu berichten hätten.
Nun, wieso willst du auch großartig was erleben? Sei doch froh, daß du nach all deinen vielen Leben, die du hier schon auf der Erde zubrachtest, zum ersten mal nix besonderes erlebst. Denn jetzt hast du endlich mal die Zeit, alles aufzuschreiben, was du in den ganzen vorherigen Leben bereits erlebt zu haben dir einbilden könntest oder tatsächlich sogar hast – du mußt dich nur daran erinnern; wenigstens bis zurück ins aktuelle vorherige Leben – und davon dann die Kleinkindphase...
Wundere dich aber nicht, wenn du über die verschlungenen Pfade dieser geistigen (eher seelischen) Rückführung in die entlegensten Bereiche vordringst, die du im derzeitigen Leben nicht mehr unbedingt betreten würdest. Und glaube nicht, sämtliche Figuren, die dort wie aus dem Nichts plötzlich deine Wege kreuzen, hätten mit dir oder deinen Persönlichkeitsaspekten nichts zu tun.
Aber vielleicht gelingt es dir ja trotzdem, daraus eine fiktive Geschichte zu verfertigen. Schließlich verhält es sich meistens für den Schreiber so, daß, wenn er zum Beispiel schreibt: Paul saß gelangweilt in seinem grau tapezierten Spielzimmer und war ein bißchen bedrückt, es meistens auch irgendwas mit dem Schreiber selbst zu tun hat. Es könnte sich bei der dort hingeschmierten bedrückten Person um einen Aspekt seiner Persönlichkeit handeln, den man vorsichtshalber ersteinmal Paul genannt hat, während das grau tapezierte Spielzimmer weiß Gott was symbolisiert. Warum jener dort so ausführlich Hingeschmierte sich langweilt und wovon er bedrückt ist, das muß der Schreiber dann während des Schreibens selbst herausfinden. Ich rate allerdings dazu, sich hierbei nicht nur der Deutungshoheit der Literaturpsychologie zu unterwerfen, sondern ruhig einmal ein paar spirituelle Interpretationsversuche zu wagen, das erweitert ein bißchen die Perspektiven.
Wenn du dir dieser Sachen dann einigermaßen bewußt bist, kannst du es ja immer noch bei bookrix oder tribooks einstellen und dich wenigstens für die Zeit deiner Selbstfindung wie ein richtiger Romanerzähler, Schriftsteller und „Buchautor“ fühlen.
Lasse dich hier aber nicht von den diversen Gefällt-Mir-Kritik blenden, denn meistens entspricht die Anzahl der Clicks nicht etwa der Anzahl der Bücher, die du verkauft hättest, sondern dem Teil der Auflage, die der Verlag hätte verramschen müssen – wenn er das Buch überhaupt gedruckt hätte.

Das alles klingt nun zwar so, als hätte ich keine Achtung vor der Hobbyschriftstellerei, doch dem ist nicht so; im Gegenteil. Ich finde es eine sehr notwendige Gegenbewegung zur etablierten Literatur, vielleicht sogar eine Strömung, die dafür sorgt, daß sich dort auch mal wieder etwas Neues regt. Schließlich habe ich nicht gesagt, ich hielte den gehobenen Literaturmarkt für das edlere Gefilde, im Gegenteil, da ist das Irren ja noch viel größer.
Im Grunde spielt es auch gar keine Rolle, wo du was veröffentlichst, leben wirst davon sowieso nicht können, es sei denn du achtest darauf, daß in deinen Romanen immer ordentlich Blut fließt und überall Organe herumliegen, denn damit stellst du die Götter zufrieden und sie entlohnen dich reichlich, vielleicht wird es sogar verfilmt, viele Leute haben schließlich nicht soviel Fantasie, als daß sie sich das ganze Foltern, Zerstückeln, Abschlachten und Obduzieren allein vor dem geistigen Auge vorstellen könnten, da kannst du es ihnen noch so gnadenlos vor Augen geführt haben, du Kriminalromanschreiber.
Aber vielleicht könntest du deinen detektivischen Blick fürs Detail, deine kriminalistische Spürnase und dein allgemeines Interesse an der Unmenschlichkeit auch zum Schreiben von Reportagen nutzen, um Enthüllungen über tatsächliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzustreben, schließlich ist es ja nicht so, als ob es all diese Mordsfälle, Politthriller und Verschwörungen nicht auch in Wirklichkeit gäbe. Zwar muß jeder selber wissen, ob er namentlich lieber auf einer Bestsellerliste oder lieber auf einer Abschussliste aufgeführt werden will, doch ein mutiges Ausleuchten tatsächlicher Hintergründe ist mindestens erstrebenswert. Ich meine, wenn man schon in die Richtung rescherschiert, wo es etwas aufzuklären gibt, warum muß man das Entdeckte wieder verklären? Wozu dann überhaupt recherschieren? Oder schiert man sich vielleicht nicht wirklich darum?

Um das Erforschen von Hintergründen geht es auch den Schreibern und Blogbetreibern, die im Dienste der Wissenschaft unterwegs sind, da gelangt man sogar von einem Hintergrund zum nächsten, es folgt Hintergrund auf Hintergrund, das kann selbst bis zum Urknall führen und dann geht alles wieder vorne los – was aber auch impliziert, daß auch du wieder ganz vorne anfangen mußt – wieder zur Schule gehen, dann zur Uni Scheine machen und dann ins Forschungsinstitut Eindruck machen. Das allerdings ist ein ewiger Kreislauf durch die immergleichen Dimensionen ohne nennenswerte Weiterentwicklung, während der allgemeine Mensch schon längst alternative Pfade der Erkenntnis entdeckt und erkundet hat.

Deswegen solltest du nach allem Examinieren, Magistrieren und Diplomisieren auch nicht gedünken, du könntest zu der allgemeinen Leserschaft von einem Podest heruntersprechen. Vielmehr betrachtet sie nämlich dich von oben, während sie deine lehrreichen Schriften liest; schwere Bücher liest man schließlich selten auf dem Rücken liegend. Diese Stellung eignet sich eher zum Sonnenbaden oder Meditieren und das Buch könnte man solange als Ablage für den ebenso schweren Kopf benutzen, so kommt man nachher auch wieder leichter hoch.
Vergessen sollte man auch nicht: Wissen ist für alle da und die jeweilige Erkenntnisfolge muß sich dann jeder zu einer eigenen Perlenkette selber zusammenknüpfen. Als Leser geht man damit eine Weile im Lichterschein herumflanieren, doch immer sind neue funkelnde Kügelchen aufzulesen und bald ist die Perlenschnur auch wieder zu kurz. Aber so ist das immer.
Nur wenn der tiefseetauchende Schreiber meint, er sei der einzige, der den Dingen auf den Grund geht, glaubt er sicherlich auch, die Leser stünden am Ufer und erwarteten ihn hoffnungsvoll bangend aus den Untiefen seines Geheimwissens emporsteigen, damit er ihnen die herausgefischten Perlen vor die Füße wirft. Was sie aber bedeuten oder im Grunde ihres Daseins einst bedeuteten, das ist gar nicht so wichtig, wichtiger ist, daß im Zuge der landläufigen Offenbarung sein Name mit einhergeht, vor allem immer dann, wenn sich einmal etwas ereignet, worauf er schon vor Jahren in einem Artikel lääängst hingewiesen hatte.

Ach ja… der mit allen Wassern gewaschene findige Schreiber, was hat er nicht schon alles vorher gewußt! Er ist so sehr von seinem Schreibauftrag eingenommen, daß er gar nicht die Zeit findet, sich zu fragen, ob die Leser das dort Beschriebene nicht vielleicht ebenfalls schon längst bemerkt hätten – offenbar hatten sie lediglich nie das Bedürfnis, darüber erstens zu schreiben und zweitens als diejenigen dastehen zu wollen, die es zu allererst geahnt, gewußt oder prophezeit haben.

Ein gewissenhafter Tiefseetaucher hätte, wenn er doch die Geheimnisse der ewigen Gewässer so gut kennt, die flunkernden Perlen auf ihrem Grund belassen und den interessierten Leuten nur Tauchkurse angeboten, auf die Gefahren mancher Meeresströmungen hingewiesen, ein paar lebenswichtige Atemübungen aufgezeigt, und sie dann ermutigt, selber mal ins kühle Naß zu springen – wer dann welche Perlen entdeckt und was sie ihm bedeuten, das hängt von jedem selber ab.
Ist der Schreiber ein solcher Lehrmeister nicht, so kann er allenfalls die interessierten Leser zum Schreiben ermutigen, gleichfalls von den Untiefen des Schreibens berichten, vielleicht noch darauf hinweisen, daß die vielen Luftblasen, die einem ständig vorm Gesicht rumblubbern, demselben meistens nur aus der eigenen Nase entwichen sind.

Wahrheitsverschreibung

Das Lebendige in einem Text liegt, wenn es solches überhaupt gibt, immer zwischen den Zeilen. Es kann vielleicht mithilfe von Metaphern und klingenden Worten umschrieben werden, wonach den Leser eine Ahnung von dem Lebendigen beschleicht, das im Text weiterhin verborgen liegt. wird aber darauf verzichtet, so bleibt nichts über, denn es ist dahinter nichts, das mit Worten beschrieben werden könnte. Das Lebendige kann allenfalls umschrieben werden, bleibt aber selbst gänzlich ungeschrieben, ebenso verhält es sich mit dem Wahren. Wer also meint, er hätte die Wahrheit geschrieben, der täuscht sich.
Allenfalls hat er einen Versuch unternommen, ihr näher zu kommen, nicht aber um selber zum Lebendigen und Wahren zu werden, sondern der jeweiligen Strahlkraft aus sicherer Entfernung zu gewahren. Es ist damit seine eigene Entfernung aus dem Leben und der Wahrheit, welcher er sich im jeweiligen Moment seines schriftstellerischen Tuns insgeheim verschreibt.

Briefe ins zerbombte Dresden

Geht dir das mit den derzeit geltenden literarischen Anforderungen ein bißchen am Hut vorbei und du spürst trotzdem ständig die edle Tinte in dir wallen, so schreibst du vielleicht ausfluchtsweise Briefe an Freunde oder Blogeinträge in alle Welt, und befindest dich allenfalls auf einem literarisch anmutendem Wandelweg zur Selbsterkenntnis, also auf einem spirituellen Pfad, den man zwar nicht schreibend gehen, aber durchaus schreibend begleiten kann.

Doch sollte ich es von nun lieber nicht mehr Briefe oder Blogeinträge nennen, sondern Feldpost oder Kriegsberichterstattungen. Der literarische Anspruch und Nährwert ist schließlich längst dem Rosinenbomberhagel meiner spirituellen Selbstsuche zum Opfer gefallen, derweil der Verstand aufgrund der vielen seelischen Tretminen traumatisiert ist und sich lieber nicht mehr zu weit nach vorne wagt. Er begrübelt und zerdenkt immer noch alles, doch er kriegt das Herz nicht in den Griff.
Aber das Herz erkennt diese Tretminen als das, was sie sind: als duftende Blumen. Und es fragt mich immerzu, was um alles in der Welt ich am Schreibtisch zu suchen habe, die richtigen Blumen wachsen doch da draußen auf den buntgrünen Wiesen, fern des Schreibtisches, dort findest du sie.
Daher duften aus dem Grunde meines Dichterherzens auch nicht die Blumen, sondern eher die Sehnsucht danach und die Sehnsucht, sie duftet so fein, daran könnte man sich als Erdenmensch immer laben.

Natürlich-, ich könnte jetzt rausgehen und die Blumen wenigstens giessen, statt nur die Sehnsucht, aber das muß jetzt warten. Ich benötige umgehend, dir einen Brief zu schreiben, befinde mich schließlich nicht in Frieden mit mir selbst, sondern augenblicklich in einem Schützengraben in Stalingrad und schreibe von dort aus Briefe ins zerbombte Dresden, Hamburg und Berlin, an alle meine Vertrauten, während ich noch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt noch leben.
Deswegen kann ich dich auch nicht anrufen, schließlich sind während des Krieges die Telefonleitungen kaputt oder man benötigt sie anderweitig. Die Verbindung oder die innere Verbundenheit zu ihnen und allem, die besteht sicherlich immer noch, sie vibriert in unseren Herzen, doch alles, was mir einst so nah war, ist mir jetzt so fern, eine tiefe Sehnsucht nach meiner Heimat erfüllt mich, nein, sie zerreist mich, wie die Granaten, die mir hier ständig um die Ohren fliegen..

.. ach, das ist hier ein so elendes Schlachtfeld, ich sehne mich nach einem Spaziergang durch unseren Park, wo wir im Sommer einst so promenadisch unter den Papplen wandelten, so idyllisch beisammen im Cafe Sorglos auf der Terrasse saßen, die Vöglein so lustig von einem Kekskrümmel zum andern hüpften, ach wie luftig und leicht wehte uns damals der Wind ins Sommerhemd und streichelte zärtlich unser Gemüth!

Könnten wir das alles doch im Augenblick nur einmal wieder erleben, aber ich kann nicht, einzig und allein bleibt mir nur, dir diese Zeilen zu schreiben, die Feder wiegt so schwer in meiner Hand, immerzu muß ich hier meinem eigenen Vergehen ins Auge sehen… . Doch aus der Tinte glanzt noch ein Hoffnungsschimmer – ich hoffe du erkennst ihn!

Selbstbestätigung

Meine zwischenzeitliche Befürchtung hat sich nun endgültig bestätigt. Dieses Schreiben kann man schon länger keinen Brief mehr nennen. Vielleicht ginge er noch so gerade als einer durch, wenn ich mich spätestens jetzt dir zuwenden würde. Oder kann das warten? Das kann schließlich noch dauern, bis ich hier fertig bin.

Von Anfang an stimmt in diesem Brief an dich sowieso irgendwas nicht.

Allein schon die häufige Verwendung des Wortes Ich kommt mir äußerst verdächtig vor. Es scheint hier tatsächlich überwiegend um mich zu gehen.
Daher verstehe ich auch nicht so recht, warum Briefe an andere nicht soviel mit dem Wörtlein Ich zugestopft sein dürfen. Man soll sich zurücknehmen, sich wenigstens alle drei Absätze auch mal an den Briefleser wenden, nicht zuviel des Wörtchens Ich verwenden, sich dem Leser mehr zuwenden. Was für eine Heuchelei.

Schließlich bin Ich es, der dir da zu schreiben gedenkt. Ich bin es, der dir schreiben möchte, ich möchte dir gegenüber ganz offen sein, ich habe gewisse Dinge bereits schon länger im Kopf, oder plötzlich im Gemüt, im Geist, auf dem Herzen – die ich dir schon immer mal schreiben wollte, ja, ich, ich, ich, da fragt man sich, was hat das mit dir zu tun, du ferner Leser, du nächstliegendster Adressat, du hochgelobtester Brieffreund, du engster Vertrauter, du?!
Ich schreibe mir, wieso steht im Empfängerfeld deine Adresse, wieso im Briefkopf dein Name? Mein verehrter Briefkopf! Wie geht es dir? Nicht gut? Nun, vermutlich gehörst du zu meinen literarischen Brieffreundschaften. Sozusagen zu meinen ausgelesenen Lesern. Aber Vorsicht, dieser Brief an dich kommt von einem Schreiber. Was auch immer er dir mitzuteilen hat, er redet bei allem insgeheim immer nur von sich. Er nutzt dich nur als seinen Leser. Und der ist für ihn im besten Fall korrespondenzbereit.

Vielleicht sollte ich lieber deinen Namen oben aus dem Briefkopf entfernen, verzeih mir das, aber ich meine, wieso sollte ich auch lügen? Schließlich geht es bei demjenigen der schreibt, immer um denjenigen der schreibt, selbst wenn er nur über Politik schreibt, das sind eben Problemverlagerungen nach Außen, aber augenblicklich interessiert Politik mich nicht, in meinem Fall geht es um mich. Und wer ist in meinem Fall schon ich?
Etwa ich?
Ich neige fast dazu, dies zu vermuten. Wovon sonst wende ich mich wohl ab, wenn ich mich schreibend allem Möglichen zuwende und wer ist ich, der sich da ab und zu wendet, und wieso wendet er sich nicht ab und zu mal mir zu, der in diesem Fall ja auch schon wieder Ich wäre?!
Ja, sage ich, wer schreibt, schreibt von sich, denn er schreibt ja von sich aus und von mir aus kann er auch über alles Mögliche schreiben, über jedweden Umstand meinetwegen, doch schreibt er eben nur unter Umständen über diese Umstände. In Wirklichkeit schreibt er eher ziemlich umständlich über sich selbst, in dem er äußere Umstände dazu benützt.
Die schreibenden Psychologen tun dies in psychologischer Form, die schreibenden Philosophen auf philosophische Weise, die politisch oder sonstwie ambitionierten Schreiber aus politischen oder sonstwelchen Ambitionen, die Literaten selbstredend auf sehr literarische Art, die Poeten allerhöchstens in poetischen Weisen und die wirklich Weisen schreiben vermutlich so gut wie gar nicht. Allenfalls schreiben sie vielleicht irgendwann ein zwei Bücher und dann hat sich die Sache im Grunde auch schon wieder erledigt.

Zurück zum höheren Selbst

Um was es sich bei dem höheren Selbst handelt, das ist bereits von einigen spirituellen Lehrmeistern umfassend beschrieben worden, gleichzeitig darf man aber nicht übersehen, daß die spirituelle Selbstsuche oftmals noch über einen langen Zeitraum vom alteingesessenen Ich, also dem Ego, begleitet wird. Von mancher Seite wird den Menschen, die nach der Erkenntnis ihres höheren Selbstes streben, oftmals angeraten, daß sie sich ihres Egos restlos zu entledigen hätten, was meiner Ansicht nach jedoch einem Aufruf zum Selbstmord gleichkommt, vielmehr sollte es vielleicht darum gehen, die Vormachstellung des Egos in Frage zu stellen und dessen Herrschaft zu überwinden. Schließlich verfügt jeder Mensch über ein Ego, nur wird eben nicht jeder Mensch vollständig von seinem Ego verfügt.
Im klassischen Sinne handelt es sich hierbei auch lediglich um das alltägliche Ich-Bewußtsein eines Menschen, das sich darüber bewußt ist, augenblicklich in dieser Welt vorhanden zu sein. Besonders hilfreich, da besonders naheligend, ist ihm hierbei das Materielle, das Faßbare, das Greifbare und so infizieren äh identifzieren sich viele Menschen auch größtenteils nur mit der materiellen Welt. Ist darin etwas nicht greifbar, so heißt es nicht, daß es verstandesgemäß nicht trotzdem begreifbar wäre und hier hilft der Intellekt, der dazu mißbraucht wird, immer alles wenigstens begrifflich zu begreifen und nach vorneweg ausformulieren zu können, alle intuitiven, höchst empfindsamen, lediglich weniger sprachbegabten Individuen, noch bevor sie an zu leuchten fangen, in Grund und Broden zu reden, ja da muß man schnell sein im Begriffszentrum, sonst ist Holland in Not.

Aber was muß man denn immer alles begreifen? Hin und wieder gibt es äußere Erscheinungen, sowie innere Phänomene, die sind erstmal nicht zu begreifen und da sagt der intellektuelle Verstand zunächst: Na, das ist ja nicht zu fassen. Doch irgendeine Erklärung wird mein Verstand schon finden, die läßt sich schließlich immer für alles finden. Je unerklärlicher ein Phänomen erscheint, desto besser läßt es sich gar vom Intellekt erklären und je mehr liebeskräftige, lebensbejahende, spirituell bis göttliche Energie dem verzwickten Phänomenum innewohnt, desto wortgewandter läßt es sich auseinanderpflücken und auf die Hirn- Ebene runterbrechen. Für diese rational erklärbare Welt wurde ein Ich herausgebildet, daß sich mit jedem Erfolg der vollkommenen Zerdenkung und wortgewandter Zerredung zunehmend davon überzeugt ist, ein intelligentes Ich zu sein, lediglich entweicht es hier der Einsicht, daß Intellekt nicht das gleiche ist wie Intelligenz.
Da es Verstand hat, weiß es zwar sehr bald, daß es selbst nicht der Mittelpunkt ist, um den sich immer alles dreht, doch es beherrscht die hohe Kunst des Denkens, was dem jeweiligen Ich-Bewußtsein immer dort besonders zu Gute kommt, wo es sich im Austausch mit anderen (meist links-) intellektuellen Ichs befindet, die sich jeweils um sich selbst drehend auf vorgegebenen Bahnen bewegen und alle gemeinsam fortwährend das Hohe Intellekt umkreisen, so wie sich eben auch die Planeten sowohl um die eigene Achse als auch um die Sonne drehen.

Betrachtet man allerdings nicht den Intellekt als den Mittelpunkt des Geschehens, so erscheinen sie mir nur wie Kometen, die während ihrer Irrfahrt durchs All zwar einen eindrucksvoll leuchtenden Schwanz hinter sich herziehen, rationell betrachtet aber eigentlich nur verglühende Absonderungen eines einstmals hell leuchtenden Himmelskörpers sind.

Andere Menschen wiederum trauen nicht immer ihrem Verstand, und viele stossen gewiss auch mit ihrem Verstand an die Grenzen desselben. Andere, deren Verstand nicht eng begrenzt ist, wissen wiederum um die Gefahr, die für den Verstand besteht, wenn er die Grenzen des Verstandes mithilfe des Intellekts übertreten möchte; oder besser gesagt, je mehr es jemandem gelingt, desto mehr droht er laut Meinung der anderen Leute den Verstand jedenfalls zu verlieren.

Hilfegesuch hinter vorgehaltener Schrift

Zumindest dürfte wohl jedem, der neben mir diese Zeilen liest, unvermittelt klar sein, daß jegliche Form meiner Schreiberei nur eine Art Fluchtversuch darstellen wird, über den zu vermeiden versuche, konkret von mir selbst zu sprechen.
Dabei sollte ich als der schreibende Teil mich doch immerzu fragen, was dies alles mit mir zu tun hat und warum ich mich mit welcher Thematik auseinandersetze, wodurch wiederum eine ganz entscheidende Überlegung automatisch mit einhergeht; nämlich stellt sich die immer lauter werdende Frage, warum ich einen solchen Selbstbeschreibungsversuch samt aller rhetorisch ausgearbeiteten Fluchtwege überhaupt zum Lesen bereit stellen sollte.

Wie weiter oben schon gesagt: Was für die Kunst gilt, gilt hier auch für die Wissenschaft. Statt literarischer Werke können es auch Psycho-Analysen sein, hinter denen man seinen eigene Macke artig verbergen kann. Es gilt für alle Arten von Schriften

Einer Veröffentlichung jedweder Schrift liegt immer auch der Wunsch zugrunde, gelesen zu werden – und da muß man sich natürlich fragen, warum? Oder wozu?
Für einen Schreiber sind dies höchst brisante Fragen, mit möglicherweise folgenschweren Antworten, doch ich kann mich, als der schreibende Teil einer solchen Auseinandersetzung nur dieser Sache stellen, während dem vermeintlich lesende Teil kaum etwas davon interessieren dürfte. Allenfalls könnte er an den Absätzen gefallen finden, in denen ich mich von meiner Selbstbehandlung wieder abwende, oder mich über weiß Gott welche Dinge auslasse und sie so darstelle, als hätten sie mit mir überhaupt nichts zu tun..

Das alltagsego ist vielseitig interessiert und es kann im Grunde an allen Themengebieten Gefallen finden. Es läßt sich von sämtlichen Attraktionen gerne begeistern, egal ob man es in den Supermarkt vor eine Fleischtheke stellt oder in die Buchhandlung vor ein Bücherregal, besonders attraktiv für das einsichtige Ego ist die Esoterikabteilung.

Je nachdem wie und womit es geprägt wurde, kann es aber Gefahr laufen, einem noch heimtückischerem Egoismus zu verfallen, also diverse Egoismen in spiritualis auszuprägen; der Ich-Sucht, der Geltungssucht, dem Eigennutz durch die Anhäufung esoterischen Wissens nun in gottzugewandter Manier zu fröhnen und von einem Esoteriker eher zu einem Ego-teriker zu werden. Denn gerade die esoterische Literatur ist oftmals nichts anderes als die pure Egoterik, so sehr spirituell verlockend sie auch dort in den bunten Ecken duftet und jeden betört, der heute mal in die Stadt gefahren ist, um sich ein Buch über sein höheres Selbst zu kaufen.
Dort liest er dann, daß der spirituelle Weg zwar manchmal beschwerlich sein kann, doch meistenteils wird er sich so fühlen, als liefe er mit zwei zwischen die Zehen gesteckten Flipflops entlang der Strandpromenaden dem Sonnenaufgang seiner Selbsterkenntnis entgegen. Dort angekommen glaubt er nun, er sei erleuchtet worden, ist tatsächlich aber nur geblendet worden und mit solchen Augen betrachtet er dann fürderhin auch die Welt. Und da am Ende des Tages die Sonne auch wieder untergeht, wird für ihn zur Überdauerung des Dunkels eine ganze Menge Firlefanz vonnöten sein, womit er auch in den finsteren Stunden sein spirituelles, fast Gottgleiches Dasein ausfluchtsweise zelebrieren kann.
Statt sich wie früher zum Trost einen fetten Teig für zuckerleckeren Marmorkuchen anzurühren, rührt er nun eifrig mit dem Klöppel in der Klangschale herum, wickelt sich unter Umständen noch die Beine um den Hals und verharrt in dieser Stellung, bis alle verfügbaren Organe gemeinsam ein ausgedehntes Resonanzbecken für den Widerhall der klingenden Klangschalenklänge bilden, wodurch bald der Mikrokosmos seines Körpers in gleicher Frequenz schwingt wie die Sphärenmusik im allumfassenden Makrokosmos, was ja zugleich der Ort ist, wo in etwa sein höheres Selbst sich unter Umständen befinden müßte, das zu erreichen er momentan ganz feste gewillt ist!

Sogestalt über vielerlei theoretische und praxisbezogene Spiritualität mit sich selbst beschäftigt, verliert man zwar einstweilen den Bezug zur vermeintlichen Realität und durchschaut somit endlich die ganze Illusion oder erkennt die Wahrheiten dahinter und das ebenfalls aus illusorischen Vorstellungen bestehende alteingesessene Ego-Ich droht sogar zunächst die Kontrolle zu verlieren – doch so schlau und wendig es ist, erkennt es gewiss, daß es nach einiger Zeit des Entbehrens bald wieder sehr gefragt sein dürfte …, schließlich ist ihm nicht entgangen, daß dieser leidige spirituelle Weg dorthin führen könnte, wo man nicht nur irgendein weltfremdes höheres Ich wiederfindet, sondern in jene Gefilde, wo man lernt, sich selbst wie Gott zu fühlen oder selber wie jener Gott Höchstselbst zu sein – und wenn man es geschickt genug anstellt, wird man vielleicht sogar angebetet, auf jeden Fall aber mit einer ziemlichen Ehrfurcht angesehen. Der spirituelle Weg ist für das Ego also durchaus verlockend, vielleicht könnte man es auch ein spirituelles Weiterbildungsverfahren in währender Suche nach dem höheren Selbst nennen.

Die Wortwahl „das höhere Selbst“ klingt allerdings schon so, als befände es sich nicht unbedingt in Griffnähe, obschon man doch annehmen dürfte, daß es als ein Teil von uns näher ist, als man allgemeinhin denkt. Die nach dem höheren Selbst strebende Person hat sich lediglich mit der Zeit mit einem Ich identifiziert, welches aufgrund vieler Umstände zunehmend komplexer wurde. verwickelt, verflochten, verzweigt, zusammengesetzt, beziehungsreich
Manche Ichs sind sogar derart komplex ausgestattet, daß man sagen könnte, sie bestehen aus einem einzigen riesigen Komplex. Man merkt es ihnen nicht an, denn wir alle sind mehr oder weniger verwickelt, verschachtelt und vertrackt in einem Systemkomplex, das von unseren Komplexen lebt, was wiederum daher rührt, daß wir hier nur bestimmte Rollen verkörpern, die uns zugedacht, anerzogen, auferlegt und ausgebildet wurden oder sogar mit viel Zuspruch von uns selbst erarbeitet und vollständig eingebildet worden sind.
Unser wahres Wesen ist derweil so weit von uns entfernt wie der HerrGott Höchstselbst, während die von uns verkörperte Rolle samt aller Rollenverhalten mit uns Selbst eigentlich überhaupt nichts zu tun hat.
Nur manchmal schaut man zum Fenster hinaus und sieht in der Entfernung etwas Undeutliches vorbeihuschen oder man sehnt sich nach einem unbestimmten Land mit grünen Wiesen oder weissen Stränden, das irgendwo dort hinter den Mauern der Stadt liegt. Doch das ist nur eine ungewisse Ahnung, in Worte fassen läßt es sich nicht und außerdem werden wir bei derartigen flüchtigen Blicken nach etwas Ersehntem immer wieder ziemlich abrupt in die alltägliche Norm zurückgezwängt – und schon befindet sich unser definiertes Ich wieder im zelebrativen Austausch mit einem anderen definierten Ich – besonders beliebt ist die Frage, was man denn so arbeitet, ob man schon verheiratet ist oder ob man Kinder hat und falls das meiste davon nicht zutrifft, wird einem mit bemitleidenswertem Blicke auch noch die Frage vorgeworfen, ja aber wieso denn nicht?.
In diesen Fällen können Sie mir glauben … ach nein, das ist ja wieder mal ein Brief an einen Vertrauten, in solchen Fällen kannst du mir glauben, mein Lieber, daß ich auf solche Fragen nicht mehr antworte oder hierzu widersinnige Angaben mache, denn für mich ist allein schon der Grund, solche Fragen zu stellen, mit einer Absicht verbunden, die ich zweifelhaft finde. Ich sage dann einfach, ich wäre Vorwandsvorsitzender bei einer großen Firma, hätte 5 Kinder und wenn er will, könne er zwei davon abhaben.

Dieses ständige Abfragen von Angaben zu Person bezweckt doch nur die Erhebung von Vergleichswerten, um sich über solche „Werte“ die Genugtuung zu verschaffen, daß sich auch die anderen Personen mit ihrem Dasein als Sklave abgefunden haben und so dient auch die Kontaktpflege zu ihnen nur der Vergewisserung, ob auch die anderen sich noch im Zustand des erforderlichen Unterwürfnisses befinden.

Man selbst

Einstweilen geht es hier also erstmal nur um mich und um die leidige Frage, warum ich überhaupt gedenke, schreiben zu müssen, hier an meinem Schreibtisch hockend, innerhalb der Stadtmauern meines von meinem Selbst entfernten Ich, das einem Teil der Struktur zugehörig ist, die das gesamte illusorische Gebilde zum Schaden aller aufrecht erhält.
Da gibt es vermutlich nur wenige, die längst dort sind, wo wir alle im Grunde unseres Seins zwar sind (doch viele sind sich eben darüber nicht bewußt geworden), doch diese wenigen anderen bleiben auch hier außen vor. Über sie schreibe ich nicht, denn über ihren Zustand kann man kaum schreiben, in dieser Abhandlung werden sie kaum eine Rolle spielen, denn das ist, was sie tun; sie spielen keine Rolle mehr.

Um aber nun von mir zu reden, beziehungs-waise, über das, was meine Person betrifft, so hält sie sich ja bekanntermaßen für eine Art Schreiber. Und hierbei verhält sich natürlich so, daß man, sobald man schreibt, stets von sich selbst schreibt, da gibt es kein Entkommen. Worüber man schreibt und an wen man schreibt, ist vollkommen egal. Man muß nur wissen sich nur mal fragen, worum es bei allem, worüber man so schreibt, eigentlich geht. Selbst wenn man nie ein Wort über sich selbst verliert, auch in Vermeidung des Ich schreibt man nur über sich, besonders dann, wenn Ich immerzu man sagt –
Man jedenfalls ist auch wieder so ein Wort, das auf die Dauer genauso verstörend wirkt, wie wenn man andauernd ich sagt.
Manche sagen ja, man soll nicht immer man sagen und das ist wohl ein guter weiser Rat. Doch nur weil man nicht stets man sagen möchte, muß man nicht stattdessen auch noch frau sagen, statt man, – vor allem nicht, wenn man als Frauenrechtler sagen will, was man als Frau oder Frauenrechtverfechter sagen will. Denn wer frau sagt, statt man, der will meinen, das eine wäre das begriffliche Gegenteil vom anderen, dabei ist das Wort man doch lediglich auf das Wort men zurückzuführen, also Mensch. Wo man also man sagt, meint man man und woman zugleich (→ kuckikucki neuer Text), egal wo man herkommt, aus dem männlichen Teil des Geschlechterzerwürfnisses oder aus dem weiblichen. Die Verallgemeinerung man ist zwar ein bißchen ein Von-sich-weisen, während das Ich völlig ichbezogen ist, doch eine gute Mischung aus beidem wird den Esel schon auf den richtigen Weg bringen.

Bestandsaufnahme anhand symbolträchtiger Fallbeispiele (BasF)

Was bleibt am Ende über nach dem ganzen Ich & Du und Müllers Kuh?
Nach allem Geschreibe bestehe ich offenbar immer noch aus Seele, Geist und Körper, wer hätte das gedacht.
In dieser Zusammensetzung bin ich somit, wie alle anderen auch, so eine Art natürliches Wunder. Dieses Wunder bestand – natürlich – von Anfang an – nur mit der Zeit nahm das Unheil seinen Lauf. Der Körper wuchs, der Geist wurde per Schultüte eingetütet und die Seele mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke gestellt, denn wenn eine Seele glaubt, sie dürfte in diesem Kopf und Schropf-* Gesellschaftssystem aufmucken, hat sie sich erstmal was zu schämen. *(Schröpfen: Ausnutzen, Abmelken, Ausbeuten, arm machen, um Hab und Gut bringen)

Früher, da war man aber als ein seelisches Wunder noch ganz besonders mit allem im Einklang. Ringsherum und ringsumher standen und bewegten sich ebenfalls alles Wunder, es war alles ganz wundervoll. Doch irgendwann merkte ich, manches ist hier aber auch recht wunderlich und tief im Innern wunderte ich mich, daß fast überall, wo ich meine wundersame Gestalt ein wenig entfalten wollte, es irgendwie nicht ging.
Dabei hatte ich doch gerade erst damit angefangen, so als Kind.
Zwar war ich als kindlicher Jüngling auch noch eine zeitlang lustig mit dabei, Wunder zu erleben, doch schien das alles bald gar nicht mehr so wunderbar zu sein, wie ich anfangs geglaubt hatte. Der wilde Garten hinter dem Haus der Nachbarn war ja gar kein Zaubergarten und der Wald hinter dem Spielplatz war ja gar kein Zauberwald. Zumindest endete beides plötzlich an einer hohen Mauer, was der Phantasie zwar noch keinen Abbruch tat, aber dahinter war eine Autobahn und noch dahinter eine stinkende Chemiefabrik. Das hatte mir bis dato nur keiner gesagt.
Das habe ich erst entdeckt, als ich einmal oben im Baumwipfel spähender Indianer spielte. Vielleicht kam die Straße mir auch damals nur so breit vor, wie das mit Kinderaugen so ist, aber es macht keinen Unterschied, denn mittlerweile ist sie bestimmt so breit geworden, wie sie mir damals schon vorkam. Es war in jedem Fall eine monströse Straße, wir nannten sie die Todesbahn, und dahinter eine noch monströsere Chemiefabrik. Erst dahinter fing der Zauberwald erst wieder an.
Na gut, dachte ich, dann haben sich inmitten deiner Traumlandschaft jetzt zwei große Monster niedergelassen, meine Phantasie ist immer noch groß genug, um mit euch fertig zu werden. Jetzt ist dahinter eben die Todesbahn und dahinter die Wohnstätt des monströsen Monsters, offenbar ist es Zeit für neue Abenteuer.
So ermittelte ich folglich, daß der Schatz jetzt auch nicht mehr in meinem Zauberwäldchen vor Ort vergraben lag, den kannte ich ohnehin schon längst auswendig, sondern von nun an in dem fernen Zauberwäldchen hinter der Wohnstätt des dampfenden Monsters. Dort in den andern Teil dieses einstmals ganzheitlichen Waldes mußte ich also hin – und zuvor galt es natürlich auch noch die Waldfee aus den Fängen des Monsters zu befreien. Sie war, so jedenfalls meinte mein Freund, bestimmt an einen der großen Schornsteine festgebunden.

Mit meinem Schwert der Marke Playbig machte ich mich also direkten Weges durch meinen Zauberwald und kletterte über die Mauer, das heißt, ich kletterte sie auf der einen Seite hoch, robbte mit Bein, Brust und Brustbein über die Schwelle und fiel auf der anderen Seite rückwärts wieder runter – landete aber noch auf den Füßen, machte dann gleich wie im Film mehrere lange Kungfu-Bewegungen in alle Richtungen und stand plötzlich mitten auf der Autobahn. Die war damals noch nicht so vielbefahren wie heute und so ist mir gottseidank nichts passiert, außerdem waren alle meine Engel ja auch noch dabei. Wahrscheinlich haben die mich gleich auf die andere Seite der Todesbahn geschubst, wo ich mich gleich ein bißchen in die Büsche schlug, um dann doch wieder vor einem hohen Zaun zu stehen. Daran hingen Schilder mit Blitzen, Totenschädeln und tropfenden Giftampullen. Ein untrügliches Zeichen – dahinter konnte wirklich nur ein Monster wohnen.
Der Zaun war jetzt nochmal doppelt so hoch wie ich und wie lange man auch an dem blöden Zaun entlang ging, der blöde Zaun nahm nie ein Ende. Das war so öde, daß ich mich immer einsamer fühlte und auf einmal fehlte mir auch ein bißchen mein mutiger Freund, der hatte heute nämlich fünf Stunden Stubenarrest. Das ist ein altes Wort, heute bedeutet das so etwas wie drei Stunden Handyverbot. Besuch hätte er empfangen dürfen, aber ich habe nicht zugesagt und jetzt, allein hier draußen in der Dunkelwelt, dachte ich: Hätte ich doch lieber zugesagt, aber ich konnte auch alleine mutig sein und außerdem wollte ich jetzt nicht an Erdbeerkuchen mit Sahne denken, soll er den doch alleine futtern und sein blödes Telespiel spielen, wo man gar keinen Mut für braucht. Außerdem hatte er sowieso wahrscheinlich nicht recht, vielleicht war die Fee nämlich gar nicht an dem großen Schornstein festgebunden. Vielleicht war sie der Wohnstätt des Monsters entflohen und sang nun zu ihm aus dem Walde:
Liebes Monster stinkestark, dampf doch nicht vor Wut so arg, bei dir ist es mir allzu schaurig, mit deinen Säften säurelaugig und deinen Dünsten duseldumm, mit Grünspan, Chlor und Toxikum, dampfst du zwar immerzu ganz tüchtig und ich verweile derweil flüchtig, doch geh ich vor dir niemals stiften, sondern helf dir beim Entgiften – laß du nur deine Gifte fliessen, ich sorg derweil fürs Blumenspriessen.
So sang die Fee jetzt ganz liebevoll, aber ich wußte trotzdem nicht weiter, setzte mich auf einen Baumstumpf und rammte das Schwert in den Boden, der war aber so hart, daß es verbog und auf einmal war mir noch elender zumute. Mein kaputtes Schwert auf dem Boden, mein Freund irgendwo in Erdbeersahnekuchen versunken, ich allein in der Monsterzone, hinter mir der Zaun, dahinter ein stinkender Giftbach, bald dahinter noch ein Eisengatter und vor mir dröhnte die Todesbahn.
Niemals würde ich mich das trauen, allein die Todesbahn zu überqueren, sagte mein Freund jetzt, jedenfalls meinte ich, er würde das jetzt so sagen, aus seinem Fenster rufend. Und außerdem: wenn dir dann was passiert, meinte auch seine Mutter, also laß es besser.
Und wenn nicht, hab ich dann gesagt und recht behalten, weil mir ist ja nichts passiert. Ok, über die Todesbahn bistu noch drübergekommen, aber du warst nicht auf dem Fabrikgelände, weil, das hast du dich nicht getraut, hat mein Freund dann später gesagt, als ich ihn nachher beim Stubenarrest besucht hatte und wir zusammen Erdbeerkuchen mit Sahne futterten. Der war wirklich lecker, den hat seine Mutter immer gemacht, sobald der Vater arbeiten war, in der Fabrik, Batterien und Kassetten bauen. Vorm Krieg oder danach, ich weiß nicht, da haben die allerdings Farben gemacht oder Gift, ich weiß nicht. Und jetzt machen die immer noch Gift, das steht ja auf dem Schildern und wer nicht aufpasst, der geht tot.
Aber vielleicht hat sich das Monster auch nur so eingezäunt, weil es was verstecken will, sagte ich später zu ihm, als der Stubenarrest aufgehoben war und wir nochmal nur zum Drüberkucken die Mauer hochgeklettert waren. Der Schatz, der ist vielleicht gar nicht im Wald, sagte ich, sondern bestimmt hockt das Monster genau drauf, vor lauter Angst, daß ihm einer den Schatz wegnimmt. Genau, meinte mein Freund, und strullert deswegen vor lauter Angst andauernd seine Giftfarben in den Bach, der Pisser!
Da mußten wir dann beide drüber lachen.

Die Entfernung der Chemiefabrik

Entschuldige meinen Ausrutscher; statt dir hier (etwas über) Romane zu erzählen, hatte ich ja eigentlich vorgehabt, dir einen Brief zu schreiben und bin stark vom Thema abgekommen.
So scheint es zumindest. Denn auch die Entfernung der Chemiefabrik ist nur ein Vergleich, der mir zur Ablenkung dient. Ganz unbewußt ist es mir nämlich geschehen, daß ich nicht etwa von etwas Äußerem schrieb, sondern von etwas Innerem. Es scheint mir hier wohl um den Wunsch nach Entgiftung zu gehen. Entgiftung meines eigenen Geistes.
Natürlich, im gleichen Atemzug die Chemiefabrik auch noch wegzuschreiben, das wäre der guten Absicht geschuldet, und diente der Wiederherstellung des Waldes oder wenigstens einer Wiese. Das ist stets eine der (nebensächlichen) Absichten, die man mit Schreiben verfolgen kann. Doch was ist mit meinen inneren Giften? Anfangs hatte man doch keine inneren Gifte und wollte nur Frieden und Harmonie und Schönheit und Freude und Leben. Nur wie gelangt man dahin, wenn vieles im Unfrieden ist, vieles disharmonisch, vieles – ich will nicht sagen häßlich – vielleicht ungestalt, verformt, auch abgenutzt, ungepflegt, gar verkümmert ist, da vergiftet?
Wie gelangt man dahin, zum friedlichen Selbst, zum harmonischen, zum schönen, vielleicht zum reinen, zum heilen Selbst? In dem man darüber schreibt?

Wahrscheinlich nicht – aber immerhin gelangt man während des Schreibens zu der Frage, warum will man überhaupt dahin? Man möchte es doch so gern, jeder möchte Frieden, Schönheit, Harmonie oder im Einklang mit allem sein, mit allem in nächster Umgebung, mit der Natur und von dort immer weiter bis ins All hinaus; und passen wir jetzt nicht auf, so klingt das sehr esoterisch, aber wieso ist dir diese Angelegenheit überhaupt so fremd? Warum überhaupt in die Ferne schweifen?
Was sehe ich, wenn ich mich umschaue? Wenig Frieden, wenig harmonischen Einklang, wenig Schönheit? Was sehe ich, wenn ich mich umschaue und wer ist ich, der sich da umschaut, wieso schaut er nicht bei sich selbst, der in diesem Fall schon wieder ich wäre?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, ach nein, das ist ja immer noch ein Brief an dich, also, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin jedenfalls fortwährend mit mir selbst beschäftigt.
Wenn man sich nur nicht ständig ablenken ließe.

Himmel Herz und heimatboden

Nun könnte ich mich natürlich fragen, wieso schreibe ich andauernd von anderen Dingen, wenn ich doch eigentlich nur über mich selbst hatte schreiben wollen.
Aber so ist das wahrscheinlich: man verlegt die innere Problematik ins Äußere.
Besonders beim Schreiben ist das so. Ich könnte mich zum Bleispiel auch fürchterlich über die Chemtrails aufregen und fortan meine Beiträge der Chemtrailproblematik widmen, auf daß wir bald wieder unseren blauen Himmel zurückbekommen. Tatsächlich erscheint mir derzeit keine Arbeit sinnvoller zu sein – wirklich, denn wenn man sich schon politisch betätigt und sich zum Wohle der Menschheit um etwas kümmern möchte, dann bitte darum.
Als ein schreibender Aktivist wüßte ich allerdings auch, daß es mir im gleichen Maße nach einem freien Geist verlangt, der aber möglicherweise von künstlichen Wolken und Schleiern noch bedeckt ist und manchmal kümmt es mir so vor, als ob es in meinem Geiste oder meinem Bewußtsein genauso ausschaut, wie oben im Himmel.
Doch gewiss bin ich nicht der einzige, dem es so ergeht, niemand könnte diesen verschleierten Himmel leugnen, jeder der Augen hat, müßte es eigentlich erkennen: da ist etwas völlig Widernatürliches im Gange, da wird versucht den Himmel zuzuschmieren, das Licht zu verdunkeln, etwas Lebendiges zu kontrollieren, denke doch nur mal über die unsägliche CO2-Steuer nach und den heuchlerischen Emissionshandel, da stinkt gewaltig etwas zum Himmel!

Wird dort etwa versucht, das aufstrebende Bewußtsein der Menschen niedrig zu halten? Oder ist umgekehrt das, was am Himmel zu sehen ist, eben der Ausdruck dieses betrüblichen Geisteszustands der Menschheit? Oder ist beides der Fall? Was soll ich dann tun, gemeinsam mit allen anderen, wenn mich der verschmierte Himmel stört und ich ihn geklärt haben möchte? Wahrscheinlich zunächst einmal selber hinsehen und dann ganz im Sinne der Aufklärung des Himmels eine Aufklärung des Geistes betreiben.
Wer also auf politischer Ebene wirkt und wirklich etwas tun will, der sollte sich dieser Thematik zuwenden, sich für den sauberen Himmel einsetzen, die Verschleierung und Vergiftung stoppen. Und wer, so wie ich, eher zu den passiven Aktivisten gehört, also nur schreibt, aber nichts tut, der kann immer mal wieder wenigstens davon schreiben, was ihn wirklich im Inneren bewegt und sich dann fragen, warum es ihn bewegt.
Auch wenn es nach Außen hin erstmal nichts bewirkt, so erweitert es doch den Horizont im Innern. Das kann man schreibend tun. … schließlich bin ich es, der schreibt, meine geistigen Auswüchse ragen in alle möglichen (denkbaren) Richtungen. Wovon auch immer meine geistigen Auswüchse handeln, sie haben alle etwas mit mir zu tun und führen hinab in mein verwurzeltes Selbst, das da drunten hockt in den Untiefen meines ausschlaggebenden Herzens Heimatboden.

Heim ins Reich

Ich habe nun die lange Zeit deiner Abwesenheit damit zugebracht, den Stellenwert unserer gemeinsamen Verbindung herauszuarbeiten und jetzt rate mal, zu welchem Ergebnis ich gekommen bin: Es läuft alles darauf hinaus, daß wir im Grunde gar nicht ohne einander können.
Ist das nicht verblüffend?
Daher ist mir derzeit nichts wichtiger, als dich wieder heim ins Reich zu bringen, wie man so schön sagt, auch wenn man das in unserem Reich vermutlich gar nicht so sagen darf. Doch geht es hier diesmal nicht um das Ausleuchten fehlgeleiteter Politik oder das Aufdecken von Verschwörungen, nein, in diesem Schreiben geht es alleine um uns. Was nicht heißt, daß es nicht zu ebenso brisanten Erkenntnissen führen könnte.
Weißt du zum Beispiel noch, anfangs, als wir beide sehr eng miteinander verbunden waren, das war eine gute Zeit, denn wir befanden uns in einem guten Austausch. So gefühlvoll wie du dich jeder Sache zuwenden konntest, so verständnisvoll wußte ich damit umzugehen; was immer uns begegnete, im gemeinsamen Austausch darüber handelten wir stets richtig oder wir lernten wenigstens daraus, um es das nächste mal besser zu machen.
Dann aber hast du dich nach und nach von mir zurückgezogen. Die Gründe dafür hast du mir nie gut darlegen können, verständlicher Weise, denn gewiss ist es so, wie du verlauten ließest: Rationell läßt sich deine Vorgehensweise nicht erklären.
Deine Beweggründe waren ja schon immer irrational. Es liegt schließlich in deiner Natur, dich hinaus über ungewisse Grenzen zu wagen, was mir wiederum unmöglich war, denn selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte dir nicht folgen können. Eine solche Grenzüberschreitung war undenkbar, es hätte mein Begriffsvermögen überstiegen und ich wäre mit ziemlicher Sicherheit dabei verloren gegangen.
Nach deiner Grenzüberwindung tauschten wir uns noch eine Weile aus – unsere Verbindung, der Austausch, war weiter vorhanden, du versuchtest mir deine neuen Eindrücke mitzuteilen und ich wußte daran Teil zu nehmen, indem ich sie vernünftig einordnete, um später, bei ersten Verdacht des Aufkommens von ähnlichen Situationen, als entsprechende Erfahrungswerte jeweils darauf zurückgreifen zu können. Gewiss war es dir auch ein guter Zuspruch meinerseits, wenn ich dir immer mal wieder mit ein paar verständigen Gedanken zur Seite zu stand.
Gleichzeitig hast du mir oftmals bewiesen, daß hinter mancher Sache mehr war, als ich anfangs dachte. Viele Dinge hast du schon gewußt, bevor sie überhaupt erkennbar gewesen wären und es ist mir bis heute nicht klar, wie du das gemacht hast. Du signalisiertest mir, daß ich mich mit den näheren Umständen gar nicht erst weiter befassen müsse und weitestgehend war dies auch in Ordnung für mich. (Insgeheim tat ich es natürlich trotzdem, nur um ganz sicher zu gehen)
So bist du zu einer Vielzahl von grundlegend neuen Erkenntnissen gekommen, die Erfahrungen aber, die dir zu den Erkenntnissen verholfen haben, diese hättest du vielleicht gar nicht allesamt durchleben müssen, wenigstens nicht bis ins letzte Glied, und schon gar nicht unbedingt noch ein zweites oder gar ein drittes Mal.
Wannimmer du dann Gefahr liefst, dich schon wieder zu verlieren, erstellte ich neue Richtlinien und Vorgaben, die du einzuhalten hattest, allein um undurchsichtige Verstrickungen von vornherein zu vermeiden. Ich denke, dies war nicht zu unserem Schaden, daher frage ich mich manchmal: Ist es dir heute wirklich möglich, sowohl ohne meine Einwände als auch ohne meine Zusprüche auszukommen? Tanzt du wirklich durch die Welt voller Erlebnisse oder hockst du vielleicht irgendwo verängstigt in einer Ecke, vielleicht gar eingeschüchtert von meinen eigentlich doch gut gemeinten, grundvernünftigen Ratschlägen, die unendliche Gefühlswelt, in der du dich doch am liebsten völlig frei bewegt hättest, durch meine Kontrollfunktion verbarrikadierend.
Schließlich muß ich mittlerweile feststellen, daß es seit deiner Abwesenheit hier insgesamt ziemlich trostlos zugeht. Es war gar nicht einmal ereignislos, ganz im Gegenteil, Ereignisse finden schließlich überall statt, doch es fehlte mir etwas Lebendiges darin oder besser gesagt, es war mir, als hättest du die besonderen Merkmale (anhand derer ich die Werthaftigkeit des Lebens nachträglich ablesen und ermessen konnte) samt und sonders alle mit dir genommen.
Alles, was sich seither ringsumher ereignet, ist so leblos geworden, oder wie kann ich das nennen?, so gefühllos? Die Pegel in der Gemütsabteilung zur Ermessung der Gefühlsspanne stehen jedenfalls alle still und die Leuchtioden in der Abteilung für Hochgeistiges zeigen gar nichts mehr an. Gleichsam folgt ein Ereignis dem anderen, man kommt kaum noch zum Luftholen, doch ich weiß letztlich mit Allem vernünftig umzugehen – ohne dich fühle ich mich meiner Sache sogar bisweilen sicherer – doch eben die genannten fehlenden Werte zur Ermessung unseres Ist-Zustandes, führen mich zu der Überlegung, ob wir, über den biologischen Aspekt hinaus, überhaupt noch am leben sind, was ja ein Zustand wäre, der auf Dauer auch dem Umfeld und damit letztlich der Allgemeinheit nicht dienlich wäre. Die Allgemeinheit das ist die Gesellschaft, das sind die Personen um uns herum. Sie befinden sich vermutlich mehr oder weniger in einer ganz ähnlichen Problematik. Schließlich ist innerhalb der Personengesellschaft kein vernünftiger Fortschritt für die Menschheit erkennbar. Im Sinne dessen was für jede dieser Personen Menschsein bedeutet, scheint sich eher vieles rückläufig zu entwickeln. Die Werte sind verloren gegangen oder besser gesagt, die Menschen sind entwertet worden. Allein Kraft des Verstandes wäre das zu erkennen. Wie du dich hierbei fühlst, das wage ich gar nicht zu vermuten.
Ich kann ja schließlich auch gar nichts wirklich fühlen. Um aber, seit Deiner Entweichung, annähernd herauszufinden, wie das so ist, mit dem Herumschwimmen in irgendwelchen Tiefbecken der wahren Gefühlswelt und wie es demnach um dich stehen könnte, habe ich mir bald einige Methoden angeeignet, von denen ich glaubte, daß sie mich in Welten führen, die deinem Bereich nahestehen und dem dort Erlebbaren in gewisser Weise entsprechen. Hierzu habe ich damit begonnen, mich mancher Sekundärinformationen zu bedienen, zum Beispiel begann ich verstärkt in Büchern zu lesen, (am besten empfindsame Literatur) die den jeweiligen Sachverhalt recht zutreffend behandelten, jedenfalls weiß ich immer genau, wovon dort gesprochen wird, denn dies ist dem ähnlich, was du uns damals an Erlebniswerten beschertest. Seit du aber nicht mehr in meiner Nähe bist, kommt es mir vor, als sei diesen Schriften plötzlich etwas Bedeutsames entfleucht. Doch versuchte ich dem ganzen Umstand weiterhin etwas näher zu kommen, in dem ich zum Beispiel Theatervorführungen beobachten ging. Und wenn ich sage ich, dann meine ich natürlich stets die jeweils anvisierten Sinne gemeinsam mit mir, das hatte ich bislang vergessen zu erwähnen: diese Sinne stehen mir natürlich weiterhin zur Verfügung. Das bezeichne ich als ein Vorteil, denn ohne sie wäre ich in dieser Welt vermutlich vollkommen orientierungslos. Im Gegensatz zu dir gehe ich hiermit jedoch relativ kaltsinnig vor; weiß aber aufgrund langjährig gesammelter Erfahrungswerte durchaus zwischen einem gesunden und einem kranken Aspekt zu unterscheiden, und wo nicht, da mach ich halt einen Bogen drum.
Um nun während deiner Abwesenheit zu erfahren, wie du dich so fühlst, suchte ich also verstärkt solche Erfahrungsfelder auf, in denen mir der jeweilige Stoff zur Ansicht vorgestellt wurde, insbesondere auf den Brettern die die Welt bedeuten (Theater) oder auch den Brettern, die den Leuten vor die Köpfe gehalten werden (Fernsehen).
Ich muß sagen, oftmals wurden diese Dinge sogar mit viel Inbrunst und Leidenschaft präsentiert und wenn ich dann dort unterwegs war, hatte ich manchmal den Eindruck, als wärest du mir wieder ganz nahe. Es wurden mir schließlich Kraft großen Aufwandes ganz ähnliche Sachen vermittelt, die mich an die Erfahrungswelt erinnerten, in der du dich bekanntermaßen am liebsten herumtreibst – doch allein diesen Eindruck zu haben, das gehörte natürlich zur Absicht derjenigen, die solche Inszenierungen jeweils veranstalteten, gar nichtmal verschweigend, daß dies nicht die Realität ist, allenfalls ist es eine Abstraktion davon, mal eine tragische, mal eine komische, mal eine tragisch-komische. Was demgegenüber aber die wahre Realtität ist, das verrieten sie widerum nicht und so ist dies alles in Wirklichkeit nur eine trügerische Gaukelei, ein Schauspiel von Sinneseindrücken, von Schauspielern vorgetragen (auf die werde ich später noch zu sprechen kommen)
Dennoch gibt es eine Vielzahl von Bereichen, in denen die jeweiligen Sachverhalte außerordentlich zutreffend behandelt werden, und die auf den ersten Blick sogar mit den bereits von mir gesicherten Informationen deckungsgleich sind. Es mögen darunter also Gefühlsregungen vermittelt werden, die den deinigen vielleicht ganz ähnlich sind – doch letztlich kamen die wesentlichen Erfahrungswerte eben nicht aus erster Hand.
Wozu also soll ich mich weiterhin damit befassen? Selbst wenn wir uns mit der von dem Schauspieler dargestellten Person vollständig identifizieren würden, der wesentliche Kern der ganzen Angelegenheit müßte doch vielmehr in unserer gemeinsamen Person aufzufinden sein. Und dies ist letztlich worum sich eigentlich alles dreht – um unsere gemeinsame Person.

Unsere gemeinsame Person hat Sodbrennen

Unsere gemeinsame Person… du erinnerst dich vielleicht noch an sie? Du würdest sie heute nicht wieder erkennen. Nach deinem Auszug hat sie sich verändert und mittlerweile zieht sie es vor, weitestgehend total unpersönlich zu sein. Mir selbst macht das nicht viel aus, aber wie du dich dabei fühlen würdest, das kann ich mir mittlerweile denken.
Es liegt daher auf der Hand, daß unsere gemeinsame Person das fälschliche Bild, das sie von sich selbst hat, tunlichst wieder von sich entfernen muß, um von der unpersönlichen Person wieder zu einer etwas natürlicheren zu werden. Hierbei die Dinge klar auseinander zu halten, dafür bin weitestgehend ich zuständig, derweil deine Hauptaufgabe darin liegt, Kraft deiner intuitiven Fähigkeiten schon mal auszuspähen, wer unsere gemeinsame Person sonst noch so alles sein könnte. Dem Menschsein würde sie sich jedenfalls erst wieder mit deiner Anbeteiligung annähern können. Um nur noch einmal zu verdeutlichen, um welche Entscheidungsmöglichkeiten es hier geht: Auf der einen Seite steht der wahre Mensch und auf der anderen Seite steht die Ware Mensch.
Zunächst stellt sich aber die Frage, wie es eigentlich zu unserer Trennung gekommen ist und warum ich es seither bin, der hier ständig das Wort führt. Das nämlich war nicht immer so. Anfangs ließ unsere gemeinsame Person immer erst dir den Vortritt, was bei positiven Erfahrungen in Ordnung war, doch weil sie zunehmend auch negative Erfahrungen zu erleiden hatte, wurde ich bald auf den Plan gerufen und verstärkt dazu angehalten, frühzeitig zu intervenieren, um derartige potentiell gefahrvolle Erfahrungen von vornherein zu umgehen.
Weiterhin hattest du zwar ein gleichwertiges Mitspracherecht, doch es kam hierdurch zu endlosen Diskursen, die letztlich nur für allgemeine Verwirrung sorgten. Wenn du ja sagtest, sagte ich nein und da dein ewiges Ja! stets mit unvorhersehbaren Folgewirkungen verbunden war, ging unsere gemeinsame Person letztlich auf Nummer Sicher und die Nummer Sicher, das bin nunmal ich.
So entschied dann bald ich allein (d.h. ohne Rücksprache mit dir), wie mit den jeweiligen Umständen desweiteren umzugehen sei. So wußte unsere gemeinsame Person sich wenigstens auf einen von uns zu verlassen, woraufhin du dich mehr und mehr zurückzogst, was verständlich ist, schließlich wurde dir damit im Prinzip das Vertrauen entzogen.
Das wiederum war ein großer Fehler. Denn vor diesem ganzen Umstand war unsere gemeinsame Person in erster Linie ein Mensch und zu dessen Weiterentwicklung hättest du den Großteil beigetragen. Von deinem Hang zu rigorosen Albernheiten einmal abgesehen, war es insbesondere deine verträumte, unbefangene Art, mit der du grenzenlose Räume und zeitlose Sphären öffnetest, das heißt, nicht nur oben genannte Gefühswelten, sondern auch abstrakte, kalaidoskopische Gegenden, also unbekannte Geistesbereiche, die noch bis hinter die genannten Gefühle wirken und uns eben viel wirksamer erfüllen. (Nur womit? Vielleicht mit Licht? Ich weiß es nit, ich meine nicht) Sphären also, die zunächst aus meiner Sicht sehr risikobehaftet erschienen, doch letztlich könnte es von dort aus möglich sein, eine Art hyperintellektuelle Kommunikation zu betreiben, die durchaus nach verständigen und vernünftig durchdachten Regeln funktionieren könnte, womit eine Art höhersinnliches Denken getätigt werden könnte, bei dem auch meine Fähigkeiten wieder gefragt sein würden, zum Beispiel Form und Struktur zu ermitteln, damit wir uns in einem solchen Hyperbrei auch einigermaßen vernünftig bewegen können.
Man hätte also deine Impulse nicht stets so frühzeitig unterbinden dürfen, hätte dich weiterhin zu Rate ziehen sollen. Denn plötzlich schien sich das Leben nur noch im Kreise zu drehen, zumindest ich drehte mich nur noch um mich selbst, was ich immer dann bemerke, wenn es keine neuen Erfahrungswerte aus deiner Welt zu verzeichnen gibt, die ich doch brauche, allein schon um unsere gemeinsame Person beiseite stehen zu können, wenn sie z.B. einer anderen Person begegnet und diese ihr dann plötzlich Gefühlsdinge erzählt, von denen ich bislang noch überhaupt nix gehört habe.
Dabei soll unsere gemeinsame Person doch auch anhand solcher Erfahrungen zunächst wachsen und reifen können, sonst wirds auch mit den genannten hochsphärischen Aspekten nichts, beziehungsweise wäre man für solche Erkundungsfahrten noch überhaupt nicht klar genug im Kopf, wenn im demselben noch stets die Duft oder Stinkewolken aus nicht überwundenen Gefühlswelten hochsteigen. Unsere gemeinsame Person braucht uns demnach beide im gleichem Maße, denn, vorausgesetzt sie hätte darüberhinaus eine unvergängliche Seele – und davon können wir gemäß neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse (bzw. vorübergehende Schätzungen) wohl ausgehen – möchte auch sie sich im ständigen Wachstum befinden, allein schon um nicht fortwährend in den niederen Bereichen herumdümpeln zu müssen.
Je niederer der Bereich, desto dunkler ist es dort vermutlich und wer immer nur im Dunkeln dümpelt der wird bald selber ganz finster, vom inneren Wesen her, meine ich. Denn wenn es um das Wesen Mensch geht, um was soll es uns im Wesentlichen sonst gehen?
Jedenfalls, ohne deine Anwesenheit glich das Leben unserer gemeinsamen Person bald einer dieser altmodischen runden Keksdosen, in deren Blech die heimatlichsten Motive oder vergnüglichsten Jahrmarktsszenen farbenfroh eingraviert sind, an denen der Betrachter sich rundherum ergötzt, doch während er sie zwar begeistert hin und her dreht, mampft er nur einen spröden Keks nach dem anderen und wenn es ihm dann irgendwann reicht, steckt er den Deckel drauf, trommelt sich noch ein bißchen was auf der Blechdose vor, pfeifft sich ein Lied und streichelt sich den Bauch, als wäre er persönlich auf dem Jahrmarkt dagewesen.
Nun, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen!, wie man so schön in Preußen sagt (auch wenn dort vermutlich niemand mehr diesen Spruch kennt) – hiermit kündige ich nun an: Verehrte Krümmelmonster, die Keksdose ist leergefuttert – wenden wir uns wieder dem Leben zu! Genug der spröden Gedanken, genug des müßigen Zermalmens ungesunder Sachverhalte, genug des Versprühens all dieser Gedanken-Kekskrümmel, genug des hinter unseren Lippen klebenden Kekskrümmel-Gedankenschleims, laßt uns den ganzen Mist erstmal in Ruhe verdauen und nach einem universellen Sodbrennen wird es uns dann schon wieder besser gehen.

Seit einiger Zeit gefällt es unser gemeinsamen Person übrigens nicht mehr so gut, daß wir sie eine Person nennen. Sie hat nämlich gehört (u.a. von den Personen A. Clauss, A. Wagandt, A. Popp, usw.), daß wir als Personen einen menschenunwürdigen System dienen, indem wir, allein mit unserem Einverständnis, daß wir Personen sind, den Systemkonstrukteuren die Erlaubnis erteilen, uns nicht wie Menschen behandeln zu müssen, derweil uns das Recht abgesprochen wird, über die Wesensgebiete unseres Menschendaseins zu verfügen, dieser zwar aufgezwungenen Unmündigkeit allerdings durch unser idiotisches Verhalten zustimmend, nichtmal hinterfragend, wodurch und wann genau der Zeitpunkt unserer Systemüberführung einsetzte, da wir ja selber von dem System mitprofitieren.
Was es im Ganzen damit auf sich hat und wir wir aus dem Dilemma wieder herauskommen, das wird derzeit (ich sage mal im Untergrund, siehe oben) sic! heiß diskutiert und nach und nach an die Oberfläche geraten. Diese ganze höchst brisante Thematik ist jedoch nicht auf meinem eigenen Komposthaufen gewachsen und daher weise ich gerne darauf hin, daß man sich bitte an anderer Stelle im Netz (lol) damit befassen möchte.

Für die größten Persönlichkeiten zahlen wir sogar Eintritt. Was für eine Abwertung gegen sich selbst. Warum zahlen wir eigentlich keinen Eintritt, jedesmal wenn wir ins Badezimmer gehen, um uns im Spiegel anzusehen? Natürlich geht es auch da eher um Inhalte, als um die Person. Und wenn jeder den anderen Einblicke in seine Inhalte und Zutritt in sein Wesen gewährt, so entfällt die Sache mit den Eintrittgeldern und wir brauchen keine Kassenhäuschen mehr.
Daher ist es doch intersessant, wie wieviele Leute noch meinen, das Theaterstück beginne erst, wenn der Vorhang sich öffnet. Komische Oper! Eigentlich beginnt das Theaterstück doch schon vor dem eigenen Spiegel! Dort machen sich die Theatergäste genauso zurecht, wie die Dame im Kassenhäuschen und an der Garderobe, um sich dann eine Stunde vor Theaterbeginn gegenseitig die Rollen vorzuspielen.
Dann kommen die Schauspieler und vollführen Kunststücke und die anderen Schauspieler in den Rängen klatschen, als ginge es um ihr Leben…
Tosender Beifall, alle verkörperten Rollen befinden sich nun erfolgreich im Austausch, tosender Beifall, alle zu erwartenden Verhaltensmuster greifen von Anfang bis Finale erfolgreich ineinander über, tosender Beifall, alle Egos sind zufrieden, bis zum nächsten Mal in diesem erfolgreichen Theater. Was aber ist nun wirklich erfolgt? Nichts, wirklich.
Immerhin treffen hier Menschen aufeinander. Das ist gut, so sehr manche Menschen auch darunter leiden, wenn diese besondere Gelegenheit stets ungenutzt bleibt und die Energie tatsächlich sogar von anderen Wesenheiten abgeschöpft wird. Sie rufen uns über das Ego und konstruierte Emotionen. Die wahre Kraft der Begegnung und die wahre Kraft der Kunst wird mißbraucht und keiner merkt es, aber alle fühlen sich toll. Was für ein Tollhaus. Toll, traurig und teilweise unaustehlich ist das Geklatsche und Gejubele dann für manche, vor allem wohl für dich, der du nur authentisches empfindest. Wo dieses fehlt, fehlst du, wo dieses nachgeahnt oder fälschlich ersetzt wird, da wird dir vielleicht übel, im Grunde aber spürst du nichts und wirst leer und ausgelaugt; es erschöpft dich, entzieht dir die gottgleiche Kraft, die Energie. Es herrscht dort auf den Bühnen die pure Begeisterung und Begeisterung, das hat übrigens Fernando Pessoa gesagt, Begeisterung ist geschmacklos.
Was bedeutet geschmacklos? Zweierlei: Ekelig bis pervers oder fad bis leblos. Demnach insgesamt verwesend bis tot.

Es steht wohl für jeden Menschen außer Frage, daß das Wesentliche im Menschen letztendlich wichtiger ist, als das Persönliche. Nur wo ist das Wesen? Wo im Leben, wo im Schreiben? Es gibt sowohl da als auch dort dunkle und helle Wesenheiten, doch bleibe immer beim Wesentlichen und du kannst mit ihnen umgehen, sie sind alle ein Teil von dir – im Gegensatz zu den Masken, die man aufsetzt, um die Rollen in der größten Inszenierung aller Zeiten zu spielen. Film im Film, Kino im Kino, Theater im Theater, Mensch in Illusion, man ist die Täuschung in Person, über die man im Austausch mit anderen Personen sich gegenseitig was vorspielt.
Hockt denn nicht in jeder dieser unpersönliches Personen auch ein wesentliches Wesen? Und wofür ist es da, was ist seine Aufgabe auf Irden?

Um zumindest von mir zu reden, beziehungsweise, über das, was meine Person betrifft, so hält sie sich ja bekanntermaßen für eine Art Schreiber. Seltsam, daß ich hierbei so oft zum Unpersönlichen neige; und ich frage mich, wer ist diese Unperson, die da schreibt?
Mit einem Bein steh ich in der Schrift und mit dem anderen hänge ich irgendwo fest, wie ein in den Himmel Gehängter, aufgeknüpft an der Fußfessel; kopfüber häng ich Richtung Erde, Tinte tropft mir aus dem Mundwinkel, aus der sich unten eine Pfütze bildet – wenn es irgendwann ein See ist, kappe ich das Seil, falle tief, tauche ab und geselle mich zu den Tintenfischen.

ENDE


 


Vergleichsentwurf
unveränderte Urfassung