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Entwurf vom 04. Mai 2012
Letzte Bearbeitung 16. November 2016

Schreibblockade – Teil 834

(Zu Schreibblockade Teil 1 bis Teil 833 bin ich noch nicht so recht gekommen)

Szene 1

Neulich habe ich mich endlich mal aufrappeln können und bin ins nächste Dorf gefahren um bei meinen Provinzpsychologen Rat einzuholen, was man gegen eine Schreibblockade tun kann oder was er so meint, wo die vielleicht herkümmen könnte.

Aber wie ich schnell merkte, litt mein Provinzpsychologe mittlerweile selber am sogenannten Burnout. Ich würde das Wort gerne erklären, aber mein Fremdwörterduden ist aus dem Jahr 1983 und da gab es das Wort Burnout in Deutschland noch nicht. Gleich nach burlesk (possenhaft) und Burleske (Schwank/Posse) kommt schon der Begriff Burnus, und der Burnus das ist nämlich der Kapuzenmantel der Beduinen.

Jedenfalls schien der Herr Doktor tatsächlich etwas ausgebrannt zu sein, denn schon als ich reinkam, reckte er die Arme wie zur Abwehr gegen mich aus und rief: „Oh nein, hören Sie, ich sehe mich wirklich nicht mehr in der Lage, Ihnen noch helfen zu können!“ Lebenslustig wie ich aber bin, schritt ich munter weiter auf ihn zu und drehte ihn gleich mehrmals lustig in seinem Drehstuhl immer um die eigene Achse herum, folgenden Liedvers dazu anstimmend:

„Herr Doktor Herr Doktor, das wird schon wieder werden!
Herr Doktor, Herr Doktor, auch Sie werden noch seh’n –
Herr Doktor, Herr Doktor, wie all Ihre Beschwerden,
Herr Doktor, Herr Doktor, bald wie von selbst vergeh’n!“

Da aber der Doktor, statt gemeinsam mit mir zu lachen, nur immerzu rief: „Lassen Sie das! Lassen Sie los! Sie sind wohl irre geworden!“, merkte ich, daß manchmal selbst das heiterste Späßchen einen Niedergedrückten nicht gleich aus etwaigen Depressionen herauszuhelfen vermag. Also griff ich mit beiden Händen feste nach den Stuhllehnen, um dem heiteren Geschwurbel ein abruptes Ende zu setzen, wodurch sich aber, als ich ihm ein nachdrückliches ‚irre‘ würd‘ ich nicht sagen entgegnete, unser beider Nasenspitzen plötzlich so nahe aneinander befanden, daß mich sein noch immer recht gyroskopisch umherschwirrender Kreiselblick durchaus auch selber ganz schön wirre im Kopf machte.

Mag sein, daß der Herr Doktor gleich darauf nur deswegen zum Telefon greifen wollte, um nach der Arztgehilfin zu läuten, daß sie uns einen Kaffee kochen solle, doch kam es nicht dazu, weil ich mich im gleichen Momente schon quer über seinen Schreibtisch geflätzt hatte, um meinen Hemdsknöpfen hinterherzuhechten, die zu meiner Verwunderung inzwischen allesamt abgesprungen waren – und wie ich da quer über den Tisch aber schon lag, war ich dabei wohl gegen das Telefon gestossen, das dann hinten runterrasselte, worauf sich der Doktor wieder abrupt in den Stuhl fallen ließ und so, wie ihm dabei der Kopf in die Lehne plumpste, auf einmal recht erschöpft wirkte.

„Und was haben Sie jetzt vor?“, sagte er dann, immer noch wie eingestanzt in seinem Drehstuhl sitzend, derweil ich bereits entlang seines umfangreichen Bücherregals unterwegens war, unter anerkennendem Kopfnicken den einen oder anderen Buchrücken näher examinierend. Nun, erwiderte ich, das wüßte ich auch gerade nicht, aber wenn ihm heute nicht zum Reden zumute wäre, könne ich ja morgen nochmal wiederkommen, oder übermorgen oder, wenn er sonst keine Zeit findet, gerne auch außerhalb der Sprechstunden, bei ihm zu Hause, seine Adresse wüßte ich ja, nächste Woche zum Beispiel, da hätte ich Unmengen Zeit. „Meinen Sie, ich könnte mir bis dahin dieses Buch hier mal ausleihen“, fragte ich ihn dann, mit beiden Armen ein groß und wichtig ausschauend Buch in die Höh‘ streckend.

Dazu meinte er aber nur: „Ich glaube, Sie spinnen wohl.“

„Wieso?“

„Erstens ist das ist hier keine Bibliothek …“

„Ach so. Aber in der Bibliothek, da bekommt man dann sowas?“

„Den Psychrembel? Ja, vermutlich.“

Wie soll das Buch heißen?“

„Psychrembel! Steht doch drauf!“

„Das hört sich ja an wie Psycho-Gerümpel. Was da wohl so drinsteht? Ach du Schande, da sind ja ganze Leichen drin und halbe Beine und alles!“

„Ja auch. Es ist auch eher ein Nachschlagewerk für andere Fachbereiche.“

„Meine Güte. Da wird einem ja kotzübel bei. Das würde ich aber nicht so hier herumstehen lassen, Herr Doktor, am Ende kuckt da noch einer rein und dann haben Sie den Salat.“

„Herr Gott, Herr le Camp, was wollen Sie eigentlich von mir? Lassen Sie mich endlich in Ruhe! Gehen Sie, hocken sich an Ihren eigenen Schreibtisch und verfassen Sie meinetwegen Ihre altklugen semantischen Pamphlete!“

„Sermonischen.“

„Ja, ist mir doch egal!“

Damit sprang er plötzlich hochkant aus dem Stuhl, daß man dachte, er wolle sich selbst in die Lüfte erheben, fing jedoch stattdessen seltsamer Weise an, ein wenig fahrig die Büropflanzen auf der Fensterbank zu gießen.

„Ach die sind echt“, bemerkte ich. „Ich dachte immer das sind Gummibäume.“

Woraufhin er die Kanne wieder auf die Fensterbank abstellte, allerdings derart abrupt, daß einiges Wasser daraus überschwappte, worauf ich ihn auch hinwies. …

ENDE SZENE 1

Kurze Unterbrechung für einen wichtigen Hinweis aufgrund eines ungeheuerlichen Plagiat-Vorfalls:

Die nachfolgende Szene unserer Erzählung war offenbar so filmreif, daß sie inzwischen in irgendsoeinem amerikanischen Mafia-Film nachgeahmt worden ist! Selbst unseren Dialog hat man nahezu wortgetreu abgepaust, nur halt 1zu1 in englisch, was die ganze Sache natürlich total sinn entfremdet. Sonst zwar recht gut gespielt, aber doch reichlich überzogen, naja Italiener eben! Aber sei’s drum; wer möchte, kann sich jenes billige Hollywood-Plagiat zum Direktvergleich ja hier einmal vorab ansehen, oder als Nachprobe im Anschluss an unser Original (Szene 2)



Szene 2

 … Und wie er dann zurück an den Schreibtisch schlich und erneut zum Telefon griff, den Hörer aber mit hängenden Armen gleich wieder sinken ließ, dacht ich, er sei zur Zeit gewiss sehr überlastet.

„Kein Wunder“, bemerkte ich dazu, „Sie haben ja auch wieder zu viele Nudeln gegessen, das kann auf Dauer müde machen“, woraufhin ihm der Mund weit offen ging, ohne daß aber ein Wort herauskam.

„Sie müssen mir darauf nicht antworten, doch für Ihre Gesundheit sind Sie schon verantwortlich. Und was heißt Gesundheit wieder auf italienisch? Tja, da sollten Sie aber gerade deswegen eben nicht hingehen, ins Ristorante Santino di Carlo!“

„Was, was geht Sie das denn… sind Sie ja völlig…“

„Aaaa-aaah Herr Doktor, Sie haben da doch wieder in diesem Nudel-Nest rumgefingert, Barbini oder wie heißt das wirre Gericht da nochmal? Hab ich doch gesehen, glauben Sie, einen le Camp kann man für doof verkaufen?“

Da wurde er auf einmal blass und verlor sich in so wirre Reden, wie „ich schwöre bei meinen Kindern/ ich bitte Sie, beim heiligen Michael/ bitte tun Sie mir das nicht an“, etc. –
Also bat ich ihn, sich doch erst einmal zu setzen, langte auch mir einen Stuhl herbei, setzte mich daneben, schlug ein Bein übers andere und erklärte ihm nochmal ganz seelenruhig den Sachverhalt:

Barbini ist … bäh!
So auch
Tagliatelladas füllt nur ab.
Mehr noch: Grüne Macaroni.
… Dieses schlacksige Zeug! … cunio cunis cunimus! Heute hab ich mich mit diesem „Familienbetrieb“ nämlich nochmal näher auseinandergesetzt. Jetzt erzählen Sie mir nicht, Sie hätten da nicht einen Cent ausgegeben. Geben Sie’s doch einfach zu.“

Tja, und wie ich ihn dabei noch ein Weilchen prüfend von der Seite ansah, da beugte er sich auf einmal nach vorne, stützte die Arme auf die Knie und fing doch wahrhaftig an zu schluchzen und zu zittern.

„Trinken Sie doch mal was,“ sagte ich beruhigend, sah aber irgendwie kein Getränk in Sichtweite und tätschelte ihm tröstlich die Schultern:

„Ach kommen Sie, solch eine Angst brauchen nun auch wieder nicht zu haben, vor dem Zeugs bei Carlo. Na, kommen Sie schon! Ist ja nicht so, daß Ihre Frau deswegen jetzt zur Witwe würde!“

Da fing er vor lauter Erleichterung gänzlich an zu weinen, also plauderte ich etwas unverfänglicher daher, sagte, er solle sich besser von di Carlo, diesem „Familienbetrieb“, fernhalten und lieber mit seiner Frau doch mal finnish essen gehen, oder so.
Jedenfalls wäre es kein guter Plan, auch noch immerzu ins „Las Vegas“ zu gehen. Das aber ließ ihn wieder ganz panisch werden, also überreichte ihm noch ein paar Broschüren gegen die Spielsucht und schon gings ihm gleich besser.

„Sie müssen jetzt einfach nur zu ihren Lastern stehen. Verstehen Sie?
Nur machen Sie mir nichts vor, denn das beleidigt meine Intelligenz; und dann werd ich ganz schön sauer. …
Jetzt kommen Sie mal in die Puschen – was war es:
Tagliatella oder Barbini?“

„… – Barbini. – Es war Barbini.“

„Gut“, sagte ich, erhob mich und stellte den Stuhl wieder in die Ecke. „Sie sollten Ihre Frau gleich mal anrufen – und fliegen Sie mal mit ihr in den Urlaub. Vielleicht nicht unbedingt nach Las Vegas“, scherzte ich und da kam er dann auf mich zu, als wolle er mir danken oder um Vergebung bitten, doch das wehrte ich freundlich ab: „Gehen Sie lieber mal wieder ein bißchen raus an die Sonne.“

ENDE SZENE 2

 

Hier nochmal zum Vergleich das ungeheuerliche Plagiat aus Hollywood:


Szene 3

In der Folge einigten wir uns darauf, daß ich seiner Frau nichts von der Spielsucht erzählen würde, wenn er mich noch ein Stückchen weiter gesprächsweise behandelte, „klaro?„, sagte ich und erzählte ihm dann ohne Punkt und Komma in einem langen Strang von Worten, was es bedeutet, ein Schreiberdasein zu führen, und wie schlimm eine Schreibblockade vor allem für solche Schreiber wäre, die es mit Herz und Verstand und ihrem ganzen der Körperhülse innewohnenden und nach schwer begreifbaren Gesetzen zirkulierenden Tintenblut seien.

Als ich mit der Ausführung geendet hatte, von der ich niemalen gedacht hätte, sie jemals derart ausführlich darlegen zu können, kam eine Antwort, mit der ich ehrlicherweise noch viel weniger gerechnet hatte. Er sagte, gar nicht mal unfreundlich, das wisse er alles doch längst; aber niemand außer dem Schreiber selbst könnte sich aus einem solchem Gefängnis befreien. Zwar wüßte er eine Methode, mit der solchen Umständen begegnet werden könnte, aber auch auf diese müsse der Schreiber alleine kommen.

Daher könne er nicht helfen, zumal er sich in der Pathologie von Internetaktivisten nicht so gut auskenne. Das hat er wirklich gesagt: Internetaktivist. Dabei bin ich alles andere als ein Aktivist, wenn überhaupt ein passiver Aktivist, was er schon allein anhand meiner Vorliebe für das Schreiben hätte erkennen müssen. Davon, daß etwaige Schreibblockaden einen dann beizeiten in die totale Passivität kapitulieren können, ja davon wollte er dann nichts mehr hören. Soll ich doch Spaziergänge machen oder irgendwelche praktischen Übungen machen und am besten damit beginnen, sobald ich die Praxis verlassen habe, was ich aber obwegen des offenkundigen Widerspruchs nun gar nicht verstund. Nun dann doch keine Praxis? Ob er also theoretische Übungen meine?
Nein, meinte er offenbar nicht, jedenfalls schüttelte er von da an nur noch den Kopf hin und her, während er schon wieder das Rezept schrieb, das er mir dann mit der Bemerkung, ich solle es in der Apotheken gegen ein Medikament abgleichen lassen, wie einen Gehaltscheck über den Schreibtisch schoberte.

Und wie ich hiermit dann bald wieder guter Dinge aus dem Arztzimmer schritt, hätte ich beim Rausgehen glatt seine spitzohrige Assistentin umgehauen, wenn sie nicht so windig gewesen wäre, wie eben eine Maus.

Tja, da hat sie wohl an der Türe gelauscht! Und das sagte ich auch gleich: „Tja, da haben Sie wohl an der Tür gelauscht, was?“ Aber natürlich sagte ich das mit ganz viel Charme, so daß sie auch gleich an den Ohren etwas errötete und als ich dann weiterscherzend sagte: Dem Doktor gehts schon wieder besser, da mußte sie dann auch ein bißchen in sich reingrinsen.

So lehnte ich mich ganz leger gegen die Empfangstheke und plauderte noch ein wenig mit ihr weiter, während Sie nebenbei noch diesem und jenem Patienten am Telefon andauernd Rede und Antwort stehen mußte, wovon sie auch sichtlich genervt war, so viele wie da andauernd anriefen. Aber bald hatte ich ihr dann im Prinzip wegen der Schreibblockade auch inzwischen schon alles erzählt. Am Ende sagte sie dann, das kenne sie selber vom Tagebuchschreiben und schlug dann vor: Schreiben Sie doch Briefe. Das sei ein probates Mittel gegen Schreibblockaden.

Gerne, sagte ich, dann bräuchte ich nur noch Ihre Adresse.

Nein, mir doch nicht.

Ja wem denn sonst?

Haben sie keine Brieffreundschaften? Sie sind doch Schreiber.

Nein seither nicht mehr.

Seither sind sie kein Schreiber mehr oder seither haben Sie keine Brieffreundschaften mehr?

Ja das weiß ich auch nicht so genau, das ist ja auch wieder so ein Problem.

An wen haben Sie den zuletzt einen Brief geschrieben?

Na an die Obrigkeit, worin ich darum bat, wenigstens in der Öffentlichkeit nicht mehr schreiben zu müssen.

An welche Obrigkeit?

Na seine Vortrefflichkeit Urbald Freiherr von Oberhand, meinen gnädigen Brötchengeber, der auch meinte, etwas Erholung täte mir gut, zwar könne er es gegen meinen Willen von sich aus verbieten, doch gingen dergleichen Bitten vom untersten Untertan selber aus, so hätte man das erst noch bei der nächsten Instanz Ihro fürstliche Geschlaucht Großkotzpotentat Pullerheim von Pullerhausen müssen absegnen zu lassen, etc. Was gibt es denn da zu grinsen? Das ist mein voller Ernst.

Sie meinen, an diese Instanzen haben Sie sich wirklich gewendet?

Durchaus.

Aha, haben Sie dem Doktor auch schon von ihm erzählt?

Selbstverständlich nicht. Ich bin doch nicht verrückt.

Na gut, dann will ich Ihnen mal was sagen. Meiner Meinung nach haben Sie sozusagen die höhere Instanz befragt, die Sie sich in ihrem Kopf selbst erschafften.

Wie, Sie meinen eine solche Obrigkeit gäbe es gar nicht?

Doch die gibt es wohl in bestimmter Weise. Allerdings kümmert es sie kaum, ob jemand über sie schreibt oder nicht. Ich fürchte Sie nehmen sich nur selbst zu wichtig. Also wenn Sie gern schreiben, schreiben Sie alles was Ihnen einfällt, und so als ob Sie das an jemand anderen schrieben, ohne aber jemand anderen tatsächlich im Kopf zu haben. So bleiben Sie einerseits bei sich und werden dennoch deutlich und schildern es besser, auch für sich selbst.

Aha, sagte ich, verstehe, ein psychologischer Selbstaustricksungsversuch, na gut, das kann man ja mal ausprobieren.

Ja, versuchen Sie das mal.

Aber wer soll das dann lesen?

Geht es Ihnen ums Schreiben oder ums Gelesenwerden?

Tja, da hatte sie mich dann wohl fürs erste drangekriegt, meine spitzohrige Psychomaus.

Und so verließ ich die Praxis, setzte mich bald auf meine 19 Buchstaben und überlegte lang, wem und was man demnächst nicht alles so schreiben könnte.

ENDE SZENE 3

wird unter Umständen nicht fortgesetzt


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