… plötzlich ward der Himmel finster und man sah darunter wanken einen frommen Mann, der sich schuldig fühlte.

So rief er also in den Himmel:

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben!

Da schallte es aus dem Himmel zurück:

Ruft mich da ein Gläubiger?

Ja, Herr, ein zutiefst Gläubiger.

Welche Schuld soll ich dir denn vergeben, wenn du ein Gläubiger bist?

Wie meinen?

Nun, laut wikipedia ist ein Gläubiger jemand, der einen Schuldner hat, dem er glaubt, daß dieser ihm die Schuld erbringen wird. Hast du also einen Schuldner?

Wie wikipedia? Wieso denn wikipedia?

Ist doch egal. Alle Wege führen nach Rom. Also hast du jetzt einen Schuldner oder nicht?

Äh,ja, durchaus, gewiss, bestimmt habe ich irgendwo einen Schuldner.

Und? Hast du ihm vergeben?

N…noch nicht.

Dann brauchst du auch nicht zu rufen Vergib uns unsere Schuld blablabla.

Achso, ich verstehe. Also: Ich vergebe hiermit meinem Schuldiger. Umgehend.

Umgangen wird hier erstmal gar nichts.

Na gut, ich tu es sofort.

Sicher? Bedenke, daß du dann kein Gläubiger mehr bist.

Wie „kein Gläubiger mehr“?

Na, wenn ein Gläubiger seinem Schuldner die Schuld vergeben hat, ist er kein Gläubiger mehr, ist doch logisch.

Ja aber ich möchte gern ein Gläubiger bleiben, Herr, damit du mir meine Schuld vergeben kannst.

Du glaubst wohl an mich, was? Versuchst es zumindest, wie?

Ja, selbstverständlich.

Gut, dann vergib deinem Schuldner die Schuld und sei damit nicht mehr dessen Gläubiger.

Aber ist meine Schuld dann ebenfalls vergeben?

Das kommt drauf an.

Worauf?

Ob du wirklich glaubst, daß ich dir deine Schuld vergeben könnte, mein Gläubiger.

Ja, ich glaube schon.

So erhebst du mich hiermit zu deinem Gläubiger, mein Schuldiger?

Hä? Moment.

Was ist?

Das wird jetzt etwas verzwickt.

Wieso, ist doch ganz einfach: Deinem Schuldiger hast du die Schuld vergeben, somit bist du nicht mehr dessen Gläubiger und kannst nun ein Gläubiger in meine Richtung sein. Allerdings bist du auch mein Schuldiger und ich sozusagen dein Gläubiger. Und wenn ich dir die Schuld vergebe, bist du kein Gläubiger mehr. Ich könnte damit leben und würde sie dir vergeben. Noch irgendwelche Einwände deinerseits, dann bringe sie jetzt hervor.

Ja, lieber Gott, Einwände, also mir kommt es so vor, daß du hier klammheimlich den Begriffs des Gläubigers mit dem Begriff des Gläubigen in einen Topf wirfst und…

Wieso? Ein Gläubiger kann doch auch ein Gläubiger sein.

W… !

Außerdem war am Anfang das Wort, also kann ich, der ich von Anfang an dabei war, auch damit anstellen, was ich will.

Dann stimmt es wohl, was alle sagen: Eine feste Burg ist unser Gott…

Was willst du damit sagen?

Nichts, Herr, schon gut. Was steht denn da bei wikipedia sonst noch?

„Ein Gläubiger glaubt seinem Schuldner, dass dieser die Schuld – in Klammern geschuldete Leistung – erbringen wird“.

Und was heißt das in meinem Fall, als …Gläubiger, nein als Schuldner, äh, na..

Du meinst, als schuldiger Gläubiger.

Genau.

Nun. Daß du lediglich deiner Verpflichtung nachzukommen hast, die geschuldete Leistung mir gegenüber zu erbringen.

Herr, du kannst mir glauben, ich werde meine Schuld erbringen, wenn du sie mir vergibst.

Nun, das geht ja nicht. Wenn ich sie dir vergebe, kannst du sie ja nicht mehr erbringen. Denk doch mal nach Mensch.

Ja aber was soll ich denn dann machen?

Nichts, es geht nur ums Glauben. Du glaubst mir, daß ich dir die Schuld vergeben würde und ich glaube dir, daß du sie würdest erbringen können. Oder anders gesagt: Du als Schuldner glaubst, daß ich glaube, du würdest die Schuld erbringen können, selbst wenn du es niemals kannst.

Das klingt aber wie Teufels Küche. Kommt man da überhaupt wieder raus?

Nun als Schuldner nicht so schnell und als Gläubiger allenfalls mit einem schlechten Gewissen.

Was für dich, als mein oberster Gläubiger, natürlich nicht zutrifft, Herr.

Natürlich nicht. Wie sollte ich ein Gewissen haben? Ich bin ja euer Gewissen.

Natürlich bist du das.

Ironie ist hier unangebracht, mein Sohn.

Verzeihung. Äh, Entschuldigung. Beziehungsweise, Gott vergib mir.

Kein Problem, schon geschehen. Also weiter im Text: „Im Schuldrecht wird derjenige als Gläubiger bezeichnet, der von einem anderen, dem Schuldner, eine Leistung fordern kann, Paragraph 241, Absatz 1, Satz 1, Bürgerliches Gesetzbuch.“ … Achso, Moment mal, das seh ich ja jetzt erst: Leistung fordern. Ha! Das fällt mir ja jetzt erst auf. Fordern. Von Vergeben steht da ja überhaupt nichts!

Himmel hilf! Aber deswegen habe ich doch bei dir angerufen!

Ich weiß, ich weiß. Meinst du, ich fühl mich ganz wohl dabei?

War es das wenigstens oder kommt da noch mehr?

Da steht nur noch „Die Rechtsbeziehung zwischen Gläubiger und Schuldner wird als Schuldverhältnis bezeichnet.“

Um Himmels Willen! Wir hegen doch keine Rechtsbeziehung!

Nein eine Rechtsbeziehung wohl nicht. Aber ein Schuldverhältnis könnte man es schon nennen, finde ich.

Heiland schmeiß Geld herunter! Hätt ich mich mal lieber nicht darauf eingelassen!

Wieso eingelassen? Du hast mich doch deswegen angerufen, nicht ich dich.

Ja schon. Aber was machen wir jetzt?

Nichts, mein Sohn.

Nichts Herr?

Nichts.

Na gut, dann eben nichts, Herr.

Mußt du eigentlich immer das letzte Wort haben, mein Sohn?


→ Passender Nachtrag zum Thema Schuld am 11.10.2011: http://bewusst.tv/2011/10/tagesenergie-8/

→ Außerdem zum schuldigen Gläubiger, vom 22.12.2013: Popanz Stattsverschuldung – Wir sind nicht verschuldet