Schlagwörter

,

Erlaubnisgesuch zur Veröffentlichung des beiliegenden Manuskripts

‚Sehen wir überall denselben Mond?‘

vom 19. September anni domino 2011

Ehrwürdiger und wohlhochgeborener Urbald Freiherr von Oberhand

Mit diesem Schreiben bitte ich um Erlaubnis, Ihre gnädigste Beihilfe ersuchen zu dürfen, was mit dem beiliegenden Vorabdruck des Artikels Sehen wir überall denselben Mond? weiters zu geschehen hat. Denn obwegen eines mich arg bedrängenden Zwiespaltes bezüglich darin einiger angedeuteter Brisantessiments, vermag ich selbst nicht abzuschätzen, was davon ich zur Publikation freigeben dörfte und was davon besser zum Schutze der Allgemeinheit derselben vorzuenthalten wäre.

Ich bitte dahero um Vorabeinsicht Ihrerseits und berufe mich auf Ihre einstweilige mir anbefehligte Sonderanweisung, Ihro Durchlaucht immer dann einen Abdruck von meinen Artikuln zur Einsicht vorzulegen, sobald, wie Sie einst befahlen: „Zweifel zu kommen drohen, ob man das jeweils Beschriebene an die verständige intermediale Leserschaft unverfälscht weitersenden könne, oder ob es nicht klüger wäre, vorab noch einige Sententien darvon wegzustreichen“.

Mich der allbeschiedenen Weitsicht Ihrergnaden fügend und jegliche Form der Zensur oder Aktenhinterlegung zweckswegen kruder Gedankengänge untertänigst hinnehmend, übersende ich Ihnen hiermit ein solches Schriftstück und verbleibe Ihr allseits bereiter und stets untergebener Skribent

Jermain Foutre le Camp

Anbei der Vorabdruck des Artikels

Sehen wir überall denselben Mond?

Als den Fernsehzuschauern eines gemütlichen Abends mittels der ARD-Sendung „Wissen vor acht“ die Frage Sehen wir überall denselben Mond gestellt wurde, da ahnte mancher wohl, jetzt durfte die Menschheit wieder Hoffnung schöpfen, auf ihrer verzweifelten Suche nach neuen Erkenntnissen endlich einen bedeutsamen Schritt voran zu kommen.

Dank der Sendung „Wissen vor acht“, einem Ableger des bekannten Wissenschaftsmagazins Magerquark und Co, wurde nämlich endlich herausgefunden, daß man erstens: „je nachdem, wo man auf der Erde lebt, den Mond unterschiedlich sieht“ !

und daß sich zweitens sogar,

„je südlicher man reist, umso mehr die Mondsichel dreht.“ !

Wer es nicht glaubt, hierzu ein unbedingt empfehlenswerter Ausschnitt (nur 2 Minuten) aus besagter Fernsehsendung:

So lange waren die Menschen also schon der vollständigen Befreiung ihrer Wissensnot vergeblich hinterher gehinkt, so oft schon an der Vielzahl aller ungelösten Geheimnisse des Universums fast verzweifelt, doch nun ward ihnen vermittelst dieser Sendung endlich dazu verholfen, sich in Anbetracht dieses vielseitig begabten Mondes künftig wenigstens auf Irden einigermaßen zurechtzufinden.

Und da es die meisten Menschen vorziehen, ihren unzureichenden bis mangelhaft ausgebildeten Wissensstand mithilfe des führenden Leitmediums, dem Fernseher, entgegenzuwirken, statt sich anderweitig am allgemeinen bis fortgeschrittenen Erkenntiswettbewerb aktiv zu beteiligen, ist es nur logisch, daß sich der verständigste Teil der Wissenschaftler dazu entschlossen hat, der allgemeinen Volksverblödung mit eben solchen Sendungen entgegen zu wirken, und zwar am liebsten 15 Minuten vor der Tagesschau.

Gut, daß es heutzutage möglich ist, höchst aufschlußreiche Aufklärungsfilmchen an das Volk abzusenden, um es innerhalb von 145 Sekunden über die größten wissenschaftlichen Rätsel unserer Zeit aufzuklären.

Lediglich den Wissenschaftlern kann die bloße Feststellung, daß sich die Mondsichel am Himmel dieserorts anders präsentiert, als vom Standpunkt eines Betrachters andernorts, natürlich nicht vollends genügen. Ein richtiger Wissenschaftler muß sich selbstverständlich desweiteren fragen, warum das wohl so ist, was es mit diesem Phänomen auf sich hat, was es sonst so macht, wo es herkommt, wohin es überhaupt will und wann es wohl gedenkt, wieder abgeholt zu werden.

Wahrscheinlich bliebe die Menschheit völlig unwissend zurück, wenn es nicht Sendungen wie „Wissen vor acht“ gäbe und sie sollte dankbar sein, daß es dieses „etwas andere Wissensmagazin“ gibt, das sich nämlich, Zitat

„mit Fragen beschäftigt, die man nie so richtig beantwortet bekommt“

Womit man natürlich meint, daß man sich mit Fragen beschäftigt, die man SONST nie so richtig beantwortet bekommt – und nicht, wie einer vielleicht jetzt denken könnte, mit Fragen, die man auch da nicht so ganz richtig beantwortet bekommt.

Lediglich die Sendezeit ist etwas zu kurz geraten, um alle Rätsel umfassend aufzudecken und somit falsche Schlußfolgerungen seitens des Zuschauers zu vermeiden. Denn als mich der Moderator am Ende dieser knapp bemessenen Zeit verschmitzt lächelnd darauf hinwies, daß alles,

„wie so oft im Leben immer nur eine Frage der Perspektive ist“,

kamen mir recht unvorhergesehen ein paar abwegige Gedanken durchs Gehirn geschlichen, die ich mich ansonsten wohl nur dann zu denken gewagt hätte, wenn mein Zentrum der Meinungsbildung nicht bereits dem Staats- und Regierungsfernsehen gnädigst untergeordnet gewesen wäre.

Zum Beispiel hätte ich mich fast gefragt, ob nicht jede Schlußfolgerung allein durch die eingenommene Perspektive bereits vorab beeinflußt wurde und ob es nicht Meinungsbildner gibt, die eine gewünschte Sichtweise vorgeben, damit der Betrachter bloß nicht zu selbst ausgedachten Schlußfolgerungen gelangt.

Hierbei würde ich mich desweiteren fragen, ob eine vorgegebene Sichtweise auf das wahrzunehmende Objekt nicht vergleichbar mit einer herbeigeführten Sinnestäuschung wäre, wie das beispielsweise bei der Zauberei unternommen wird.

Denn auch beim Fernsehen kann man von Zauberei sprechen, wenn dort über die Vorgabe televisionärer Perspektiven ein bißchen Manipulation am Zuschauer betrieben wird. Hier finden oftmals zwar faszinierende Tricks und visuelle Realitätsverzerrungen statt, doch rufen sie letztlich nur nichtsnützige Illusionen hervor – wie zum Beispiel bei dem folgenden dünnbrettbohrigen Zaubertrick, der sogenannten incredible shade illusion:

Achja, die dort benutzte schwarz-weiß-karierte Fläche ist übrigens auch in der Studiokulisse der Sendung „Wissen vor acht“ zu bestaunen.

Wie zum Beispiel hier:


oder hier

oder hier

Wahrscheinlich handelt es sich nur um einen konstruierten Zufall, daß diese schwarz-weiß-karierte Fläche (neben anderen huldvollen Zeichen und Symbolen) auch immer wieder in zahlreichen Musikvideos, Kinofilmen und Film- und Fernsehproduktionen zu finden ist.

Ganz besonders häufig zum Beispiel in der Krimiserie ‚Tatort‘ – also sozusagenauf dem Boden der Tatsachen…

Doch das hat sicherlich nichts weiter zu bedeuten. Kehren wir lieber zurück zu unserer Mondbetrachtung und der von „Wissen vor acht“ entdeckten Vielzahl an diesbezüglich erhellenden Perspektiven.

Hierzu muß ich allerdings sagen, daß ich die Formulierung „Sehen wir überall denselben Mond?“ auf den ersten Blick verwirrend finde. Vielleicht hätte man besser fragen sollen: Sehen wir von überall denselben Mond in der gleichen Weise?

Wenigstens haben sie nicht gefragt Sehen wir überall den gleichen Mond?, denn dann hätte man wohl denken müßen, es gäbe in der Umlaufbahn unserer Erde mehr als nur einen Mond.

Das wäre wohl plötzlich ganz ein abstruser Gedanke gewesen, schließlich würde das bedeuten, wir hätten die ganze Zeit hinter’m Mond gelebt oder sind hinsichtlich aller perspektivischen Fragen gar hinter’s Licht geführt worden… Wer aber will schon die ganze Zeit hinter dem Mond gelebt haben oder hinter das Licht geführt worden sein, wenn wir doch wissen, daß es dort so fürchterlich dunkel sein soll … also dort, auf der Rückseite des Mondes?

Letztlich ist es natürlich richtig, zu fragen „Sehen wir überall denselben Mond“ (und eben nicht den gleichen), wenn wir damit lediglich herausfinden möchten, ob wir denselben Mond überall in der gleichen Weise sehen und nicht etwa mehrere sich gleichende Monde in derselben Weise.

Sofern es für uns nur den einen Mond gibt, können wir auch immer nur denselben Mond sehen, denn „derselbe“ heißt, daß der selbe „ebendieser“ ist, oder besser gesagt: Derselbe ist sich selbst der gleiche. Daher ist auch derselbe Mond ebendieser, beziehungsweise ebendieser Mond ist ein und derselbe Mond.

Nur wenn es zwei sich gleichende Monde von gleicher Gattung gäbe, wäre der eine Mond (zwar der gleiche wie der andere, doch eben) nicht mehr derselbe.

Wären diese beiden sich gleichenden Monde nun von unterschiedlicher Gattung, so wären es nicht die gleichen Monde, sondern jeder Mond wäre für sich ein und derselbe, selbst wenn sie gleich aussähen. Und wenn wir dann am Himmel immer nur einen der beiden Monde sehen würden, die von unterschiedlicher Gattung wären, so könnte man durchaus fragen, ob wir überall denselben Mond sehen, vorausgesetzt wir wüßten, daß es zwei Monde gibt, von denen sich aber immer nur einer zeigen darf. Schließlich wüßten wir ja, daß es nicht der gleiche Mond ist, wie der andere, während jeder Mond für sich natürlich weiterhin ein und derselbe ist.

Aber gut, was soll’s. Ob es nun zwei Monde gibt oder doch nur einen, die folgenden beiden Monde habe ich jedenfalls noch nie gesehen:

 

Artikel gemäß des „Erlaubnisgesuches“ meines Werkskammertintenmeisters und stets zu Diensten anbefohlenen Hof-Scribenten Jermain Foutre le Camp aufgrund zutreffender Beobachtungen bewilligt, doch nur unter dem Vorbehalt, daß sich alles in der Welt immer auch andersherum verhalten könnte, als man vermutet hätte.

gezeichnet: Urbald Freiherr von Oberhand