Schlagwörter

, , , , , , , , , , ,

Blindes Huhn
vom 29.05.2011

Manchmal, wenn ich mit leichter Betrübnis über den Zustand der Erde und ihrer Kinder zum Fenster hinaus blicke, ist meine Hoffnung diese:

Sobald von einem Stück Erde einmal der Beton entfernt worden ist, dauert es nicht lange, bis das erste Pflänzlein durch den Boden spitzt, um Richtung Licht zu wachsen. Eine Weile danach kommen weitere Pflanzen hinzu, Gräser, Büsche, vielleicht Kräuter und sogar ein junger Baum. Und was sehe ich da außerdem? Es wachsen dort auch ein paar Ähren von Roggen, Hafer und Gerste. Noch sind sie grün, doch dazwischen leuchten sie bereits goldfarben. Bald darauf schon könnten uns die Ähren nähren, das ist im Grunde goldwert.

Getreideähren wachsen sogar dort, wo nicht gleichzeitig Platz für einen Mähdrescher ist, zum Beispiel ganz dezent um eine Fußgängerampel herum oder auf einer Verkehrsinsel, zu der sich manch ein sehnsüchtiger Blick verflüchtigt, als wäre es ein wogendes Kornfeld und das Stopschild inmitten davon, das ist die Vogelscheuche.

Ebenfalls wachsen auf diesen und anderen Rettungsinseln der Natur Nesseln und Disteln, Büsche, Sträucher und anderes Gewächs. Hiervon ist bekanntlich nicht alles immer gleich als Unkraut anzusehen, lediglich weiß man oftmals nichts mehr über den Anwendungsbereich des jeweiligen „Unkrauts“. Brennessel zum Beispiel sind noch heute sehr verrufen, obwohl man sie immerhin schon hier und da im Tee wiederfindet. Desweiteren sollen sie aber auch vortrefflich munden, wenn man sie, in etwas Öl angebraten, mit Gewürz und geriebenem Ziegenkäs auf knusprig Brot verteilt. Was man sonst noch alles mit diesem „Tausendkraut“ anstellen kann und welche freisetzbaren Kräfte den verschiedensten Kräutern & Pflanzen innenwohnen, das läßt sich beispielsweise auf der Seite Kräuterverzeichnis.de sehr schön nachlesen.

Ist nun also der Beton oder Asphalt einmal entfernt, so wird die Erde wieder zur Erde und es wächst mit der Zeit ein neues Stück Natur heran. Dieses neue Stück Natur sieht in seinem Wildwuchs dann irgendwann so aus, wie es vor 1000 Jahren ausgesehen hätte. Oder eben wie es aussehen würde, wenn wir es nicht gerodet und mit Asphalt überzogen hätten.

Gerodet hatten wir es seinerzeit, um hier unser neues Häuslein zu beziehen, das genauso aussieht wie alle anderen – in dieser modernen, gut situierten Neubausiedlung. Recht schmucke Häuser sind dies, Häuser direkt am Waldesrand, denen ein Stück des Waldes genauso weichen mußte, wie unserem.

Man hätte sie natürlich auch auf einem Industriegebiet bauen können und ein paar der Fabrikhallen, Bürogebäude und Verwaltungstürme abreißen können. Doch ist es nicht schöner und viel gesünder, im Grünen zu wohnen, dort wo die Wälder und Wiesenfelder sind? Ach, die Natur ist so verlockend, am liebsten würde man sich immer weiter in sie hineinfräsen.

Von daher laßt uns doch außerhalb der Betonwelten weitere solcher unsäglichen Siedlungen über Feld, Wald und Wiese streuen, wo ein jungdynamisches Pärchen neben dem anderen ganz für sich allein ein privatimes Häuslein beziehen kann, um zum Befüllen dieses neu erworbenen Brutkastens weitere systemkonforme Karriereleiter-Sprößlinge zu züchten.

„An dieser Stelle errichten wir für Sie eine Familien- und umweltfreundliche Neubausiedlung“, steht dort auf dem großen Schild und fast hätte ich gelesen: „Hier, wo einst der Waldsaum war, errichten wir für Sie eine Neubausiedlung. Den familien- und umweltfreundlichen Wald finden Sie nun – um ein ganzes Stück reduziert – genau dahinter.“

Roden wir doch auch die letzten alten Apfelbaumwiesen noch weg und beziehen dort unsere naturnahen, rosa bis hellblau pastellfarbenen Siedlungen, um von dort aus mit unseren Familienkutschen und einem Kevin an Bord oder einer Leonie an Bord Ausflüge ins Grüne zu machen.

Nicht selten ist unter diesen Wagenführern nämlich ein ziemlicher

Danke für die heitere Impression an feisar.de

Aber, wollen wir nicht zynisch werden, hier geht es immerhin um Kinder und letztlich ist dies ein mitteilbares Glück. Halten wir ihre Namen also in Ehren.

Vor allem wenn sich manch ein Wagenlenker ganz besonders ährenvolle Namen für den Nachwuchs ausgedacht hat, die nicht etwa so kleinbürgerlich klingen, wie in der oben gezeigten Persiflage, sondern uns in hochwohlgeborener Manier zum Beispiel einen Lucas-Etienne-Dominique-Fynn, einen Johann-Kingston-Riley-Fyodor oder eine Chiara-Chastity-Anne-Claire als mitreisende Sprößlinge vorstellen, die bestimmt auch irgendwann mal groß werden.

Im Grunde aber ist jeder Name ein schöner Name (selbst Jermain muß einem nicht peinlich sein), und letztlich dient es ja dem Schutz der Kinder, wenn über diese deutlichen Aufkleber andere aufdringliche, leicht hirnverstörte, Autofahrer auf Abstand gehalten werden.

Schlimmer als eine solche nützlich-notwendige Zurschaustellung über personalisierte Warnschilder ist es wohl, wenn jemand das Vorhandensein seines Kindes auch noch unbedingt bei facebook herumzeigen muß. Schließlich haben wir ja festgestellt: Irgendwann werden die auch mal groß. Die automatische Gesichtserscannung wird ihnen dann gewiss hilfreich auf ihrem Weg der Selbstfindung sein, sowie die Profil- und Kontextbasierte Werbung mit Sicherheit der Entwicklung ihrer Persönlichkeit dienen wird.

In meinen Augen ist das ein Einbinden der Kinder ins eigene Facebook-Profil sowieso nur ein Ausdruck davon, daß die Eltern den Vorgang des Entbindens von ihren Kindern noch nicht vollständig abgeschlossen haben. Das Kind, das nun lange genug im Körper der Mutter und im Spannungsfeld geistiger und emotionaler Vorstellungskraft beider Eltern herumgeisterte, ist nun tatsächlich in der Wirklichkeit angekommen. Um diesen Realisationsprozess anzugehen, beppt man das Kind an eine Pinnwand, das sich seinerseits ebenfalls mit zunehmendem Alter von den Eltern loslösen wird (schließlich tut es dies schon, sobald es das Licht der Welt erblickt), so daß die Präsentation des Kindes vordergründig das stolze Elterndasein dokumentieren soll, während es hintergründig eine Methode ist, den Abnablungsprozess über diesen Umweg zu bewältigen.

Das Einbinden bei facebook ist desweiteren ein Versuch, der Suche nach dem eigenen inneren Kind zu entfliehen, bzw. diese ungelöste innere Angelegenheit, wie bei manchen schon bei der Geburt, nach außen zu verlegen, indem, statt einen Bezug zu dem inneren Kinde herzustellen, die äußeren Kinder bei facebook herumgezeigt werden. Wenn die sich dann mit einem eigenen Facebook-Profil von den Eltern abgenabelt haben oder ihnen gar aus unempfindlichen Gründen auf einmal die Freundschaft kündigen sollten, können sie von eben diesen Eltern über die Gesichtserscannungsfunktion jederzeit wieder aufgesucht werden.

So wird der letzte Rest des ohnehin schon verschütt gegangenen inneren Kindes mit dem Kinde entbunden, dem man dann die Dinge zur Last zu legen kann, die man bei sich selbst hätte ändern müssen, was wiederum nur gelungen wäre, hätte man sich längst vorher dem inneren Kinde zugewandt. In den Fällen, in denen dem Kind nichts zur Last gelegt wird und ihm keine Vorwürfe gemacht (oder gar tiefschürfende Wunden zugefügt) werden, wird oftmals ebenfalls nicht weiter auf sein inneres Wesen eingegangen, was wiederum der schlimmste Vorwurf von allen ist, da hiermit das Wesen des Kindes an sich abgelehnt wird – genauso eben, wie man es schon bei sich selbst in Form des inneren Kindes abgelehnt hatte.

Nun ist das Kind aber da, was soll’s, warum also lediglich mit einem Foto oder einer Profildarstellung auf dieses offenbar schwer zu realisierende Vorhandensein eines Kindes aufmerksam machen? Warum nicht gleich seine persönliche Steueridentifikationsnummer (Steuer-ID) bei facebook angeben? Das machen die Behörden schließlich auch so, mit den Kindern, wenn sie ihnen die Steuer-ID in die Wiege legen, die sie im Übrigen „bis zur Bahre begleiten wird“, wie es z.B. die tagesschau einst prosaisch umschrieb. Mit „bis zur Bahre“ ist allerdings nicht bis zum Tod gemeint, sondern unter Umständen bis über den Tod hinaus, da diese Daten, wie wir weiterhin erfahren, erst „spätestens 20 Jahre nach dem Tod des Steuerpflichtigen gelöscht“ werden.

Der Tod des Steuerpflichtigen. Schön schön.

Das ganze Leben lang ist Vater Staat also für uns da und auch der große Bruder ist stets an unserer Seite. Lediglich die Mutter scheint Vater Staat nicht ersetzen zu können. Oder vielleicht doch? Denn je mehr wir gezwungen sind, für die wirtschaftlichen Angelegenheiten von Vater Staat arbeiten zu gehen, ohne daß er uns mit wertschätzenden Gaben zurückentlohnt, desto mehr wähnen wir uns gezwungen, ihm auch einen Teil unserer Privatangelegenheiten anzuvertrauen – allein um noch irgendeine Art von Beziehung zu ihm aufrecht zu erhalten.

Und so überlassen manche Eltern ihr zweijähriges Kind vertrauenselig dem Einflußbereich einer Kindertages-Abgabestelle und überreichen es in der Folge an weitere mütterliche Fürsorgeanstalten von Vater Staat, natürlich nur nachdem sie es zum Probe-Japsen mehrmals erfolgreich in den mit bunten Gummibällchen angefüllten Tümpel von Ikea geworfen hatten.

Wenn es dann in den Kindergärten weitestgehend von der Mutter entfernt wurde, striegelt man dem Sproß das immer noch aufmüpfige Haar und übergibt es an eine Schule, wo es dann in die jeweilige weiterausführende Schule eingewiesen und je nach Klassenzugehörigkeit der Eltern 1 und Eltern 2 (EU-Deutsch für Vater und Mutter) Richtung Oberschicht oder Unterschicht sondiert wird.

So wird zwar alles „wirtschaftlich notwendige“ für den Sprößling getan, doch der Kern im inneren eines jeden Kindes wird nur selten beachtet und somit auch nur selten gefördert.

Dieser Kern, der mit allem verbunden ist und mit allem und jedem in Beziehung steht, dieser Kern ist es, der wie ein Sprößling wachsen möchte und mit wieviel Beton, Schutt und Plastik auch immer er überladen wurde, die Grundinformation bleibt stets vorhanden: Er könnte genauso gedeihen wie die Ähre, die aus der Fuge eines Bordsteins wächst, lediglich braucht er regelmäßig Wasser, natürlich Licht und einen grundlegenden Bezug zur Erde, zur Natur.

Auch dort also, in dem hellrosa leuchtenden Neubaughetto, mit den aneinander gereihten illuminierten Traumbildern im übersichtlichen Vorgartenformat, dort auf der Spielwiese zum Ausprobieren der allerneuesten Gartenmaschinen, dort, wo zur Freude aller empfindlichen Jungvögel im Getöse eines rückswärtsgepolten Staubsaugers das ein oder andere Laubblättchen umgehend von den Gehsteigen entfernt werden muß – auch dort dürften im Boden (vielleicht unterhalb der Kellersauna) noch Samen stecken, die wieder gedeihen würden, sobald die Erde um sie herum Luft genug zum Atmen hätte.

Doch nicht nur in diesen Siedlungen am Stadt- oder Waldrand, sondern auch

dort in unsren Großstadträumen,

wo Bäume nur die Straßen säumen,

und aus manchen Gehsteigfugen,

verzweifelt ein paar Ähren lugen,

gedeiht in mir ein großer Zorn,

denn wer nimmt hier wohl wen aufs Korn?

Schließlich ist dies doch nicht nur ein zufälliger Same, der da im Boden steckt, sondern eher ist es ein unsichtbarer immerwährender Kern, vielleicht so klein wie ein Atom; ein Wesen, das sich daran erinnert, was es war, was es ist und was es wieder sein wird, sobald ein Hauch von Luft, ein Tropfen Wasser und ein Schein von Licht es erreicht. Ein Kern, der wie die Stimme der Wahrheit in allen Menschen eingepflanzt ist.


Weitere schützenswerte Bäume fern unseres heimeligen Schlumpfhausens samt aktueller Urwaldrodungen mit angehängter Petition einzusehen unter: Safe-wildlife.com: Untergang eines Urwald-Hotspots für Palmöl


Dieser "Gefällt mir button" gefällt mir nicht Dieser "Gefällt mir nicht button" gefällt mir

TeilenDiesen Artikel auf facebook zu stellen wird hiermit eindrücklich verboten

Werbeanzeigen