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Veröffentlicht am 14. Mai 2011


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Hallo Volksauge!

Wollte nur mal eben kurz bescheid sagen, daß, satirisch gesehen, weiterhin die Möglichkeit besteht, Deutschland in eine Diktatur umzuwandeln! Wäre das nicht der Hammer? Ich freu mich jedenfalls schon darauf.

Diktatur, das ist doch mal was anderes, als immer nur diese langweilige Demokratie, wo sich sowieso nie was Nennenswertes ereignet. Und wenn, dann vollziehen sich alle Vorgänge so schleichend langsam, daß man gar nicht mitbekommt, wenn etwas plötzlich irgendwie anders geworden ist.

Aber nun scheint sich in unserem Land endlich wieder was zu bewegen und nicht nur in unserem Land soll das so sein; nein, in ganz Europa duftet es wieder nach Unfreiheit. Sogar in Griechenland, wo es bisher nur nach Oregano geduftet hat. Man munkelt, daß selbst Polen völlig gleichberechtigt mit einbezogen wird. Ist das nicht der absolute Hammer?

Na gut, -Diktatur- das kann man nicht einfach so sagen, auch wenn es im engsten Sinne durchaus um solche Sachen geht. Was da aber kommt, ist vielleicht nur so eine Art von Diktatur. Dieser Begriff ist in der westlichen Welt ohnehin etwas aus der Mode gekommen. Lediglich ein dicker Bart unterm Turban hinter einem Schreibtisch mit Kanonen drauf mutet heutzutage eher vorsintflutlich an. Und daß immer nur einer alleine die Macht hat, glaubt die Masse sowieso nicht mehr. Schon alleine deswegen kann man mit dem Wort Diktatur niemanden mehr von der Notwendigkeit einer solchen Errichtung überzeugen. Selbst dann nicht, wenn man dem Volk ein System vorstellen will, das sich von einer Diktatur kaum unterscheiden soll. Die würden das doch sofort merken.

Besser ist, Begriffe anzuwenden, die etwas anderes vermitteln, als sie meinen. Du kannst den Leuten ja auch nicht mit Leibeigenschaft und Lehnswesen kommen, wenn du zum Beispiel eine neue Art von Feudalismus einführen willst. Nein, solche Worte hauen niemanden mehr vom Hocker. Das hatten wir ja alles schon längst. Genau wie Demokratie, das Wort ist doch schon lange abgegriffen.

Wie auch immer wir es dann nennen, wir können getrost davon ausgehen, daß es sich letztlich um eine Mischung aus Drückdatur und Freudichalismus handeln wird. Nur eben viel moderner, was den offensiven Gebrauch diktatorischer Prinzipien anbelangt. Die Gesellschaft ist ja viel moderner geworden und die Technik könnte noch viel effizienter eingesetzt werden; ich meine, wozu sollte der ganze Überwachungsapparat denn bisher überhaupt gut gewesen sein? Außerdem haben wir den ja alle auch bezahlt. (→ Fortschreibung 2013: Und auch unsere Stimmen dafür abgegeben)

Daher sollte man das Konstrukt dann vielleicht Überwachungsstaatsdemokratie nennen, oder Totale Eurokratie mit innerster Sicherheit nach Außen, oder, um das Zusammenrücken aller unterschiedlichsten Kulturen liebevoll hervorzuheben: Freiheitlich mit warmer Luft aufgepumpte und höchstbequeme Eurogarnitur.

Ist ja auch egal, wie man es nennt und wie genau das funktioniert, ich wollte halt nur noch mal bescheid sagen, falls der ein oder andere vielleicht noch nix davon mitbekommen hat. Die 12 ewigen goldenen Sterne am blauen Firmament stehen dafür auf jeden Fall günstig.

Andererseits wiederum will ich auch bei niemandem jetzt allzuviel Vorfreude erwecken. Irgendwas kommt ja immer dazwischen. Vor ein paar Jahren ist mir das nämlich schonmal passiert: Erst die frohe Botschaft herausposaunt und dann kam: Nix. – Diktatur Fehlanzeige. Da mußte ich alle Feierlichkeiten wieder absagen und die Leute waren enttäuscht, beziehungsweise richtiggehend sauer auf mich. „Erst machst du so’n Aufstand und was ist nun? Ist ja immer noch Demokratie, du Utopist“, sagten sie.

„Jaja nun“, habe ich geantwortet, „das geht offenbar nicht so schnell, wie ich gehofft habe. Kommt doch nächstes Jahr nochmal wieder. Selber Ort, gleiche Zeit, dann ist bestimmt schon etwas mehr ein Hauch von Diktatur in der Luft!“

Aber klar; die meisten blieben diesmal lieber zu Hause und die drei, die dann doch noch vorbeigeschaut haben, kuckten nur gelangweilt in der Gegend herum. Der eine sagte: „Also, ich seh nichts“, der andere sagte: „Und ich hör nichts“, und der dritte sagte gar nichts, weil er sich mit beiden Händen den Mund zu hielt.

So ist es eben. Du kannst die Leute heutzutage nicht mehr so einfach überraschen – die müssen sich schleichend an das Neue gewöhnen. Und wenn sie sich daran gewöhnt haben, sind sie am Tage der offiziellen Bekanntmachung nicht mehr überrascht – tja.

Doch mitmachen werden wir dann alle. Und es ist sogar egal wo – das heißt, auch im Urlaub geht das dann. Ist doch genial oder? Ich meine, so eine gute Kunde kann ich schlecht für mich behalten. Feierabend, hoch die Tassen, Demokratie in Europa bald vorbei. So wie es bisher gelaufen ist, wird es bestimmt daraufhin auslaufen. Äh, ich meine, so wie es bisher gelaufen ist, wird es bestimmt darauf hinauslaufen.

Das Gerüst steht ja schon, aber man muß auch warnen: Noch ist es zu früh, allzu euphobisch zu werden. Wir müssen uns noch etwas gedulden, bis alle Stellschrauben des Konstruktes justiert sind. Das mit dem Justieren ist nämlich nicht so einfach, das sieht man ja schon alleine daran, wie krumm Justicia in der letzten Zeit die Waage hält.

Desweiteren können natürlich die Schrauben und Muttern des alten Gerüsts zum Teil wiederverwendet werden, während das neue Gerüst aufgebaut und das der Demokratie abgebaut wird. Woran man eben sieht, daß es durchaus auch eine Kunst sein kann, eine Diktatur zu errichten. Auch kann man die Dinge, die man später in der Diktatur zum Einsatz bringen möchte, gerade während einer Demokratie besonders gut vorbereiten, jedenfalls solange nicht ausgerechnet die dazwischen reden, die das nichts angeht. Da müssen wir ganz unseren Vordenkern vertrauen und ihnen die nötige Zeit geben. Bloß nicht jetzt schon jubelnd auf die Straße laufen.

In Zurückhaltung üben, mehr brauchen wir gar nicht zu tun. Ehrlich, wir können bis dahin einfach so weiter machen, wie bisher. Wer arbeiten geht, kann weiter arbeiten gehen, wer nicht arbeiten geht, kann zu Hause bleiben, alles ganz je nach Belieben, es kommt sowieso auf das Gleiche hinaus. Und auch unser Freizeitverhalten müssen wir nicht ändern bis dahin. Also Fernsehen & Shoppen wie bisher, Sonntags ein wenig Trimm dich und – schwuppdiwupp – schon ist die Diktatur da.

Sämtliche Feste und Feierlichkeiten bleiben uns selbstverständlich erhalten, allen voran natürlich der sogenannte Eurovision Song Komplex, bei dem sich ja dieser Tage mal wieder alle Herrenländer des vereinten europäischen Großreiches ihre unterschiedlichen Mentalitäten vortanzen dürfen.

Bei diesem Grand Prix, der sich nach den Lahmarschigkeiten der letzten Jahrzehnte doch mittlerweile zu einem wahren Feuertanz entwickelt hat, bleibt übrigens kein Land von der Teilnahme ausgeschlossen, auch nicht, wenn es außerhalb von Europa liegt. Die einzige Teilnahmebedingung ist nämlich, Mitglied der sogenannten ‚Europäischen Rundfunkunion‘ zu sein, weswegen zum Beispiel sogar Marokko schon einmal mitgemacht hat, die halbe Sowjetunion seit ihrem Zusammenbruch dabei sein darf, das Fürstentum Lichtenstein sich für die Teilnahme 2012 bewirbt und Israel standesgemäß sowieso immer überall da mitmischt, wo ein wenig Land in Sicht ist.

Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien und Libanon haben wiederum noch nie an dem Wettbewerb teilgenommen, obwohl sie es durchaus dürften, da sie komischerweise ebenfalls Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion sind. Nun ja, die haben größtenteils auch andere Sorgen.

Unbekannten Quellen zufolge, wollte diesmal übrigens auch die USA beim Grand Prix de Oversea mitmischen, indem sie versuchten, Howard Carpendale durch unser heimliches Hintertürchen in Deutschland einzuschleusen, um ihn für sich zurück zu gewinnen. Da der sich aber derzeit auf seiner dritten Abschiedstournee in Folge befindet, wurde als Ersatz stattdessen der grundverschiedene, doch namentlich zum Verwechseln ähnliche Sänger Coward Harpendale dazu verpflichtet, ein deutsches Volkslied mit dem aussagekräftigen Titel „Mut zur Feigheit“ zu singen.

Und so bleibt zuletzt die Frage, welches Land in Europa hätte es diesmal verdient zu gewinnen? Vielleicht mal wieder Griechenland? Oder etwa irgendsoein Land aus Jugoslawien? Oder noch einmal Deutschland, in Person von Lena („Ich stehe auf Horror„). Ihr Lied „Taken bei a Stranger“ klingt schließlich vielversprechend, und ich hoffe, sie kann für uns den Titel gewinnen, heim ins Reich holen will ich nicht sagen.

Ich denke, mit Taken by a stranger haben wir recht gute Chancen. Nicht zuletzt hat Deutschland in der Ära des Eurovision Song Komplex ja schon so manchen Erfolg gehabt, das beweist auch die ewige Rangliste. In der entsprechenden Tabelle bei Wikipedia ist Deutschland zwar bis zum Jahr 1987 noch als Bundesrepublik Deutschland verzeichnet und in den Jahren danach nur noch als Deutschland – doch was macht das schon für einen Unterschied, es hat wahrscheinlich eh noch keiner bemerkt. Aber was sollen wir weiter darüber nachzudenken, man soll die Feste feiern, wie sie gerade fallen: Grand Prix, WM, Olympia und bald ist die Diktatur dann da.

Allerdings muß ich zugeben, manchmal frage selbst ich mich, ob das überhaupt nochmal was wird. „Oh nein“, denke ich dann immer, „jetzt kriegen die das mit der Diktatur schon wieder nicht hin!“ Und wenn sie es doch noch hinbekommen, hält sie sowieso wieder nur für ein paar Jahre, daß man sich den ganzen Aufwand eigentlich auch hätte sparen können. Egal. Dann bleibt uns eben wieder nur die Demokratie.

Das muß ja nicht für immer so bleiben.


Anmerkung:

Der ursprüngliche Text Euphobie wurde nach der ersten Fassung von Juni 2010 im Zuge des Euro-Visions-Komplex um die entsprechenden Zeilen erweitert.


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