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Tatsächlich hat der arbeitende Mensch Tag für Tag keine Muße zu einer wahren Integrität; er kann die Zeit nicht aufbringen, die menschlichsten Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten; seine Arbeit würde auf dem Markte im Werte sinken, er hat keine Zeit etwas anderes zu sein als eine Maschine.

-Walden, H.D. Thoreau, um 1854-

Genau Herr Thoreau.

Man muß sich das einmal vorstellen:

Die Freiheit ist für den Menschen ein großer Wert. Und wer nach dem Volksmund sagen dürfte „ich habe frei„, der kann es sagen, weil er nicht arbeiten muß, doch kann er es nur sagen, weil er eigentlich eine Arbeit hat.

Wer aber arbeitslos ist, kann nicht sagen, er habe frei, und er gilt, obwohl er in diesem Sinne frei von Arbeit ist, in unserer Gesellschaft als unfrei. Dabei ist doch derjenige, der ab und zu frei haben darf, weil er eine Arbeit hat, mindestens ebenso unfrei.

Und da dies alles so ist, ist die ganze Gesellschaft nicht frei.

Du hast vielleicht einen Job, oder übst gar einen richtigen Beruf aus, du hast vielleicht Geld, kannst dir ein Auto leisten, das du brauchst, um zur Arbeit zu fahren, doch bist du genauso wenig frei, wie derjenige, der dies alles nicht mehr hat. Der unfreie Arbeitslose befindet sich lediglich in anderen Abhängigkeitsverhältnissen als derjenige, der sich gewisse Freiheiten erkaufen, erstreben oder erschleimen kann und hiermit genauso wenig unabhängig oder eigenständig ist. Er steht vielleicht auf eigenen Füßen, doch mit diesen Füßen steht er ebenfalls nur auf den Schultern anderer.

Er hat seine Abhängigkeiten nur verlagert und wenn er dann einmal pro Woche sagt „ich habe frei“, statt „ich bin frei“, so liegt das auch darin begründet, daß es in unserer Gesellschaftsform schließlich mehr ums Haben geht, als ums Sein.

Wo liegt also das Problem, wenn es anscheinend egal ist, ob du arbeitest oder ob du arbeitslos bist. Du bist sowieso nicht frei, da kannst du dich auf den Kopf stellen. Und wenn ohnehin schon alles auf den Kopf gestellt ist, kannst du auch wieder der These glauben schenken, daß Arbeit frei macht.

Ginge es aber mehr ums Sein, als ums Haben, so würde es noch viel besser stimmen, daß Arbeit frei macht. Die Arbeit am Sein ist Tagwerk und Nachtschicht zugleich, womit Werte erreicht werden, die über den einzelnen Arbeiter hinaus auch der Gesellschaft dienen. Der Begriff der Arbeit ist also weit gefasst und die Leute, die in dieser Zeit und in diesem unseren Land für eine Gesellschaft mit freiheitlichen Werten arbeiten, findet man kaum auf dem Arbeitsmarkt. Denn der ist weitestgehend nur etwas für die Unfreien.

Auch Freiheit ist ein weiter Begriff, der sich aber immer mehr verflüchtigt, je mehr man versucht, ihn zu definieren, denn allein eine Definition von Freiheit grenzt dieselbe bereits ein. Doch ein gewisses Maß an Freiheiten sollte jedem Einzelnen von Grund auf zugestanden sein, wodurch auch die Gesellschaft freier würde, in der er sich bewegt. Dies sollte der Zugang zu Werten sein dürfen, die er sich nicht erkaufen müssen sollte und er sollte dafür nicht vor anderen niederknien müssen.

Muß der Einzelne sich denn ein Leben lang für ein gesundes Maß an Wohlstand krummlegen, damit zur Folge die Gesellschaft freier wird? Oder muß die Gesellschaft erst auf andere Weise freier werden, damit sich der Einzelne nicht mehr dafür krumm legen muß? Leben wir im Augenblick in einer Gesellschaft, die für freiheitliche Werte eintritt oder nicht? Sollte sich die Gesellschaft, statt sich krumm zu legen, nicht momentan lieber auf die faule Haut legen? Wer ist überhaupt die Gesellschaft? Gehören die Arbeitslosen auch noch dazu?

Zum angeblichen Wohl der Gesellschaft knüppeln wir uns also krumm, um der gleichen Gesellschaft später zur Last fallen, weil diese dann keinen Platz mehr für uns hat, außer im Seniorenabstellheim oder als Endverbraucher der Pharmaindustrie, in einem Krankenbett mit Rädern untendran, für zum auf den Gang schieben. Die Wenigen, die das Glück haben, an den Folgekrankheiten der vorangegangenen jahrzehntelangen Ausbeutung geradeso noch einmal vorbeigerasselt zu sein, diese wenigen bekommen dann ein Rentchen, mit welchem sie ihre letzten Lebensjährchen lang ein Käffchen trinken gehen können, bis sie dann bald – ach Gottchen – ins Jenseits fahren. Und dies alles, nachdem sie nicht etwa die Hälfte ihres Gehalts für das Wohl der Gesellschaft abgegeben haben, sondern sich in Wirklichkeit zu Lasten der Gesellschaft doppelt* haben ausnutzen lassen! *mehr sogar: → Junge Zeit, September 2014: 81 Cent von jedem Euro nimmt der Staat – Karl rechnet nach: Von der eigenen Arbeit bis zur Tanksäule

Tagein, tagaus gehen wir schuften und striegeln hierbei das Monster, das uns knechtet, nur damit wir es striegeln. Diejenigen, die es nicht striegeln, werden von ihm gefressen und diejenigen, die ihm ganz besonders zartfühlend den Nacken kraulen, dürfen im Schnitt zweimal pro Jahr 14-21 Tage in den Urlaub fahren. Natürlich nehmen wir zur Dokumentation und nachträglichen Beweisführung unserer selbstbestimmten Lebensführung den Fotoapparat mit, damit die Leute mal sehen, was wir während der befristeten und gnädigst bewilligten freien Tage nicht alles aus bestmöglichst angepasster Distanz gesehen haben.

Schon allein die Fahrt über die Autobahn wirkt unheimlich befreiend auf Geist und Gemüt, wo noch schnell schätzungsweise 47tausend wiedererkennbare Abschiedsfotos pro Minute von uns geschossen werden, bevor wir am Flughafen ankommen. Und hier geraten wir bereits in eine richtige Urlaubstimmung, während wir freudigst zustimmend unserer Seele auf dem Durchleuchtungsbildschirm dabei zuschauen dürfen, wie unbefangen und gestochen scharf sie neben ein paar anderen Gegenständen unter unserer Kleidung schon jetzt hin und her baumelt.

„Einfach mal wieder für zwei Wochen die Seele baumeln lassen“, so sagt man doch als Tourist oder? Nur noch einchecken, abscannen und fertig, ab geht’s in Urlaub.

Im Ernst, ich fühle mich bei der ganzen Prozedur immer, als hätte ich eine Stunde Hofgang. Als müßte man die Seele über die Grenze schmuggeln, im fernen Urlaubsort abparken, um sie vielleicht im nächsten Jahr wieder besuchen zu gehen und mit ihr einen Cocktail zu schlürfen und dann muß man auch schon wieder abreisen.

Nebst Seele baumeln lassen sollen sich auch schon Menschen zugestanden haben, sie führen nicht nur in den Urlaub, um sich mal wieder so richtig zu erholen, das Leben mit allen Sinnen und in all seinen Freiheiten zu genießen, sondern nähmen sie hin und wieder sogar Strapazen auf sich, um mal wieder so richtig zu sich selbst zu finden.

Im Urlaub* tut man eben all das, was man sonst nicht so macht, im Leben. Sich selbst finden, das Leben genießen, möglichst viele Freiheiten im Schongang ausleben. Doch statt aus diesen Erfahrungsfeldern Erkenntnisse zu schöpfen, Bedeutungen abzuleiten, resultierende Werte ins heimische Umfeld zu transportieren, es daheim zu integrieren und hierüber Verantwortung zu übernehmen, bringen die meisten Reisenden nur Fotografien und andere Ego-Trophäen mit, veranworten sich wieder umgehend für das System, das ihnen abverlangt, einen Antrag auf befristeten Knasturlaub zu stellen, falls sie auch im nächsten Jahr wieder für zwei Wochen am Stück das Arbeitslager verlassen wollen.

Wenigstens braucht bei dem ganzen Spiel niemand ein schlechtes Gewissen zu bekommen, schließlich darf der eine raus, sobald der andere wieder aus dem Hafturlaub zurück ist. Die anderen, die währenddessen drin bleiben müssen, gönnen einem die Freiheiten natürlich und sie übernehmen auch gewissenhaft die Arbeiten, die dann so liegen bleiben. Das schweißt zusammen. Für genügend Wachstum ist gesorgt.

Was hierbei jedoch wirklich gefördert wird, ist das Wachstum eines Monsters, das in immer gewaltvolleren Schritten fortschreitet. Es ist so zügellos geworden, daß es vor dem Rand der Klippe nicht mehr zum Stehen kommt, sondern in sein eigenes Verderben stürzen und viele Abhängige mit sich in die Tiefe reißen wird.

Einzige Möglichkeit, diesem „Fortschritt“ zu entkommen, ist wohl, sich nicht auf den Schultern des (System)Monsters auszuruhen, nicht an seinen Lippen zu hängen, sich nicht von ihm tragen zu lassen, ihm nicht in den Ohren zu liegen, ihm nicht Honig um den Bart zu schmieren, sich nicht in seine Tasche stecken zu lassen, ihm nicht am Rockzipfel zu hängen. Es ist auch zu spät, ihm auf die Füße zu treten, sondern klüger, sich von ihm zu lösen oder abzuspringen, solange es noch geht.

Wenn nach diesem freien Fall genügend Leute heile unten (auf dem Boden der Tatsachen) angekommen sind, können wir ja gemeinsam ein Bäumchen pflanzen.

Was sollen wir sonst tun? Was verspüren wir, die wir für das System so hart arbeiten, während und nach der Ausübung unserer Berufe und Tätigkeiten? Glück? Zufriedenheit? Geistige oder körperliche Auslastung? Sicherheit? Trost? Erfüllung? Oder nur ein gewisses Maß von alledem, während wir gleichzeitig hochkonzentriert darum bemüht sind, die Erwartungen des Arbeitgebers nicht zu enttäuschen? Zielt diese abverlangte Wachsamkeit auf betriebliche Umstände denn zu gleichen Teilen in unser inneres Wesen? Haben wir unser inneres Wesen mit in den Beruf hineintragen können? Geht sowas überhaupt, haben wir das denn jemals kennengelernt, hätten wir dafür nicht erstmal viel mehr Zeit für uns haben müssen? Hat denn schon mal jemand auf der Arbeit sein Inneres nach Außen gekehrt, ohne bald gemobbt worden zu sein? Hält uns die Arbeit nicht davon ab, zu erwachen oder was ist sonst der Grund dafür, daß wir während der Arbeit so häufig auf die Uhr blicken?

Und was ist mit den anderen? Wir wissen doch längst alle, daß die Arbeitslosenzahlen hinten und vorne nicht stimmen, und daß allein der Begriff von Arbeitslosigkeit hinfällig ist, sobald verstanden wird, was Arbeit an sich im eigentlichen Sinne bedeutet: Arbeit an sich ist Arbeit an sich.

Sollten wir nicht zugeben, daß für unser derzeitig marodes und ungerechtes System eine Arbeitslosenzahl im Bereich von 10-20 Millionen erstmal die froheste Kunde aller Zeiten wäre? Könnte der kommende Durchleuchtungs-Zensus samt seiner Privatbesitz-Bestandsaufnahme (manche nennen es Volksszählung) nicht sogar andeuten, daß es Zeit wird, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen?


*Der Begriff des Urlaubs hat natürlich nichts mit uraltem Laub zu tun, sondern entstammt er der Zeit, als wir unsere Obrigkeit noch um Erlaubnis/Verlaub/Urlaub bitten mußten, dies oder das tun oder sagen zu dürfen. Demnach ist auch heutzutage unsere freie Zeit oder die Ferienzeit mit Urlaub gestattet worden, bzw. sprechen wir immer dann von Urlaub, wenn wir noch einer Obrigkeit gehörig unterworfen sind.


Arbeit macht frei ist ein Teil des Pamphlets Ein schöner Land, welches wiederum ein Kapitel des Büchleins Wir sind das Phi  ist.


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