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Die erste Walpurgisnacht

von Johann Wolfgang von Goethe

Ein Druide

Es lacht der Mai!

Der Wald ist frei

Von Eis und Reifgehänge.

Der Schnee ist fort;

Am grünen Ort

Erschallen Lustgesänge.

Ein reiner Schnee

Liegt auf der Höh;

Doch eilen wir nach oben,

Begehn den alten heil’gen Brauch,

Allvater dort zu loben.

Die Flamme lodre durch den Rauch!

So wird das Herz erhoben.

Chor der Druiden

Die Flamme lodre durch den Rauch!

Begeht den alten heil’gen Brauch,

Allvater dort zu loben!

Hinauf! hinauf nach oben!

Eine alte Frau aus dem Volke

Könnt ihr so verwegen handeln?

Wollt ihr denn zum Tode wandeln?

Kennet ihr nicht die Gesetze

Unsrer harten Überwinder?

Rings gestellt sind ihre Netze

Auf die Heiden, auf die Sünder.

Ach, sie schlachten auf dem Walle

Unsre Weiber, unsre Kinder.

Und wir alle

Nahen uns gewissem Falle.

Chor der Weiber aus dem Volk

Auf des Lagers hohem Walle

Schlachten sie schon unsre Kinder.

Ach, die strengen Überwinder!

Und wir alle

Nahen uns gewissem Falle.

Der Druide

Wer Opfer heut

Zu bringen scheut,

Verdient erst seine Bande.

Der Wald ist frei!

Das Holz herbei,

Und schichtet es zum Bande!

Doch bleiben wir

Im Buschrevier

Am Tage noch im stillen,

Und Männer stellen wir zur Hut

Um eurer Sorge willen.

Dann aber laßt mit frischem Mut

Uns unsre Pflicht erfüllen.

Chor der Wächter der Druiden

Verteilt euch, wackre Männer, hier

Durch dieses ganze Waldrevier,

Und wachet hier im stillen,

Wenn sie die Pflicht erfüllen.

Ein Wächter der Druiden

Diese dumpfen Pfaffenchristen,

Laßt uns keck sie überlisten!

Mit dem Teufel, den sie fabeln,

Wollen wir sie selbst erschrecken.

Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln

Und mit Glut und Klapperstöcken

Lärmen wir bei nächt’ger Weile

Durch die engen Felsenstrecken.

Kauz und Eule

Heul in unser Rundgeheule!

Chor der Wächter der Druiden

Kommt mit Zacken und mit Gabeln

Wie der Teufel, den sie fabeln,

Und mit wilden Klapperstöcken

Durch die leeren Felsenstrecken!

Kauz und Eule

Heul in unser Rundgeheule!

Der Druide

So weit gebracht,

Daß wir bei Nacht

Allvater heimlich singen!

Doch ist es Tag,

Sobald man mag

Ein reines Herz dir bringen.

Du kannst zwar heut

Und manche Zeit

Dem Feinde viel erlauben.

Die Flamme reinigt sich vom Rauch:

So reinig unsern Glauben!

Und raubt man uns den alten Brauch:

Dein Licht, wer will es rauben!

Ein christlicher Wächter

Hilf, ach hilf mir, Kriegsgeselle!

Ach, es kommt die ganze Hölle!

Sieh, wie die verhexten Leiber

Durch und durch von Flamme glühen!

Menschenwölf und Drachenweiber,

Die im Flug vorüberziehen!

Welch entsetzliches Getöse!

Laßt uns, laßt uns alle fliehen!

Oben flammt und saust der Böse;

Aus dem Boden

Dampfet rings ein Höllenbroden.

Chor der christlichen Wächter

Schreckliche, verhexte Leiber,

Menschenwölf und Drachenweiber!

Welch entsetzliches Getöse!

Sieh, da flammt, da zieht der Böse!

Aus dem Boden

Dampfet rings ein Höllenbroden.

Der Druide und Chor der Druiden

Die Flamme reinigt sich vom Rauch:

So reinig unsern Glauben!

Und raubt man uns den alten Brauch:

→ Dein Licht, wer kann es rauben!