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Im Zuge meiner Veröffentlichung des Artikels Medium in Delirium hat mich mein wohlhochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand beauftragt, dem Leser ein von ihm höchstpersönlich verfasstes Sendeschreiben an diese Litfaßsäule anzuschlagen, damit der Leser weiß, daß auch Ew. Wohlhochgeboren ganz auf der Seite derjenigen ist, die obgenannter Schrift innerlichst zustimmen, eine moralische Rückendeckung darob aber noch leidlich vermissen. Dazu folgen nun also die geistreichen Worte von Ihro Wohlhochgeboren Urbald Freiherr von Oberhand, als dessen Hofskribent ich mich über die Welterereignisse außerhalb unserer Mauern auch immer artig zu schreiben einstmals verpflichtet habe.


Genügsamer Leser!

Wohl selten hat der Leser im Laufe seines Lebens Nachrichtenwerke gefunden, die ihm zu einem wortreichen, sinnreichen und hilfreichen Lebensbegleiter wurden. Während er schon bei seiner ewigen Wanderung über den derzeitigen Büchermarkt seinen Weg der Suche nach schöngeistiger Dichtung und Literatur zu verlieren droht, findet er über die Zeitungen noch viel weniger Geistvolles vor.

Auch wenn es solche Zeitungen durchaus noch gibt, so ist doch allein das Ausmaß dieser sich täglich selbst erneuernden Nachichtenmagazine und Tageszeitungen zu einem unerträglichen Haufen geworden, wo im alltäglichen Eilverfahren das Eine beständig übertrieben, das Andere untertrieben und alles Geistreiche ausgetrieben wird, so letzteres nämlich beim Leser, der eben weniger ins Reich der Kenntnis geführt wird, als vielmehr in ein Labyrinth des intellektuell hochwertig anmutenden Schwachsinns, aus dem er nie wieder mehr herausfindet, da sein Geist hierbei zwischen den Zeilen zu der irrtümlichen Meinung geführt wurde, er werde sich aus dem Labyrinth wieder befreien können, je mehr er sich von dem gedruckten Gebrabbel zu Gemüte führt.

Auch werden ihm all die täglichen Journalienen nicht als Brücken oder Gehilfen dienen, die ihn wieder dorthin zurückführen könnten, wo sein lesender Geist sich auf gesunde Weise bilden ließe – wie er es allenfalls davon noch kannte, wenn er die Nase zwischen zwei Buchdeckuln steckte, wenigstens von solchen Büchern, wie es sie zu meiner Zeit, als vor etwan 300 und mehr Jahren, noch gegeben hatte.

Der Literatur zwischen den Buchdeckuln wohnte doch stets ein schlummernder, aber lebendiger Geist inne, der dem des Lesers jeweils auf magische Weise entsprechen konnte, so daß er im Laufe seines Lebens stets diejenigen (wenigen) Werke konnte wiederentdecken, die ihm zu einem wortreichen, sinnreichen und hilfreichen Lebensbegleiter wurden. Doch selbst hier begegnet er heutzutage entweder einer mit Luft und Duft aufgepumpten Schnörkelschrift oder einer Vielzahl intellektuell beredsamer und an- bis zumutender Abhandlungen, die derart spezifiziert und verknüpftköpfig umspinntisiert daherkümmen, daß jedes vergnügte Lesegemüt an den Rand des Unerträglichen gedrängt wird, wo ein solches Gemüt dann zwar von einigem Specialwissen heimgesucht wurde, mit dem der Befallene aber letztlich nur in einer Höhle unnützigen Intellekts hocken blieb, ohne daß er eine tatsächliche gesunde Nährung seines Geistes erfahren hätte, die ihm oder der Allgemeinheit jemals dienlich gewesen wäre.

So ist doch vor allem die Sprache, über die so manche Journaille die neueste Zeitung bezüglich des Weltgeschehens überbringen möchte, dem lesenden Geist insgesamt zu geistlos geworden. Auch dort, wo der Ingehalt* nicht gering ist, scheint mir der geistige Wert, der den Leser im Innern bewegen sollte, so gut wie gar nicht mehr vorhanden zu sein. Von diesem Haufen sich täglich selbst erneuernder Nachichtenmagazine und Tageszeitungen wird der Leser eine geistreiche Lebens-Begleitung hin zur Lebens-Bejahung niemals geboten bekommen, da die behandelten Themen erstens kaum etwas mit ihm selbsten zu tun haben und diesen zweitens kein lebendiger Geist innewohnt.

(Anmerkung von J.F.l. Camp: Ehrw. Herr & Brötchengeber Urbald Freiherr von Oberhand meint hier den Informationsgehalt. So sehr er hier auch versucht, in der Sprache a la mode zu schreiben, was er von mir selber stets verlangt, rückt ihm doch gelegentlich ein Wort in alter Schreibeart noch heraus; ein Ungeschick, für das er mich allerdings auch immer rügt, wenn ich einmal zuviel darvon auftrage.)

Lieber begibt er sich dazufort in den größten Worthaufen aller Zeiten, ins unendliche Internetarium, wo er schnell ein paar halboffizielle und privatpersönliche Periodika, Tagebüchlein, Magazine und Denkschriften vorfindet, die ihn zeitgerecht mit der nötigen geistreichen Lektüre versorgen möchten. Daß mir dies allemal lieber ist, als das Fortbestehen des derzeitigen umtriebigen Verhaltens anderer Medien, weiß der freigeistige Leser auch ohne meine Bekräftigung. Doch bitte ich ihn auch, sich wieder den Büchern hinzugeben, denn auch hier finden sich noch zwei bis drei unter Etlichtausenden, die zu lesen es sich lohnt.

Die Bücher und Lesewerke, die uns wirklich weiterbringen, sind noch vorhanden, doch ein Großteil davon ist der Wissensgesellschaft in neuer Druckform noch nicht wieder zugeführt worden. Es gibt dannenhero auch in der neuen Zeit noch viel zu lesen und fürderhin auch zu schreibeln.

In diesem Sinne,

ein dem Volksgeist stets ergebener

Urbald Freiherr von Oberhand