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Die Zeitung dient den meisten Lesern nur als Vorwand. Hier ist zwar oberflächlich alles mit äußerst interessantem Zeugs vollgeschrieben, doch was hinter der Vorwand wirklich passiert, interessiert nicht wirklich.

Außerdem pröttert im Hintergrund ja auch schon die Kaffeemaschine und am Frühstückstisch wird mal wieder die allmorgendliche Bürgerfamilienversammlung einberufen. Die neuesten News liegen auch schon wieder bereit, doch zunächst gilt es, gemeinam die ersten Eier des Tages standrechtlich zu köpfen. Nachdem dann ein wenig gepickt, geschmatzt, gegackert oder gekräht wurde, führt man sich noch das Update der Nachrichten zu, und dann zerstreut sich der ganze Hühnerhaufen auch schon wieder – flattert getrennter Wege hinaus, um weitere Eier für das System zu legen.

Übrigens meinen manche gewitzten Leute ja, daß jemand, der das Ei durch die Eierschale mit einer Messerklinge köpft, auch mit ähnlich gefühllosen Tendenzen seinem Mitmenschen begegnet, wenn er nicht gar im tiefsten Innern zu kaltblütiger Brutalität neigt… Und während diese Gewitzten uns von so einer Frühstücksei-Psychologie zu überzeugen versuchen, nehmen sie das Silberlöffelchen und schlagen dem Ei ganz behutsam mehrmals den Kopf ein. Das tun sie deswegen auf diese Weise, weil man dem Ei hiernach schön die Pelle samt Haut abziehen kann. Daraufhin hacken sie sich mit einem vorzugsweise stumpfen Löffel durch das Eiweiß und lösen das entblößte Haupt auf diese gefühlvolle Weise vom Restkörper ab. Wer also immer noch meint, es sei kaltblütiger, ein Ei per Schwerthieb zu köpfen, als ihm sanft lächelnd mehrmals den Kopf einzuschlagen, die Haut abzuziehen und das Gehirn durchzustoßen, der hat noch nicht mit mir zusammen gemütlich gefrühstückt.

Und ob man das Ei nun vor dem Zeitungslesen köpft oder die Zeitung erst nach der Hinrichtung liest, ist im Grunde genommen auch Wurst. Solange der Leser sich immer nur fragt, was es wieder Neues an Weltgeschehen gibt, nimmt er nicht wirklich Teil daran. Vielmehr sollte er sich fragen, was dieses Weltengeschehen in ihm auslöst oder anrichtet. Welche Information wird mir hier eigentlich mit verabreicht? Ist es Freude, Glück, Hoffnung, Trauer, Resignation oder Wut? Welches Gefühl macht sich in mir breit, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf den Bericht lenke? Was hat dieses Gefühl mit mir persönlich zu tun und wer überhaupt bin ich eigentlich persönlich? Welche Aspekte all dieser Empfindungen habe ich in meinem näheren Umfeld noch am Kochen? Welche persönlichen Dramen sind von mir noch nicht geklärt worden? Wo ist eigentlich der Teil in meinem Umfeld (geblieben), der mir immer soviel Freude bereitet (hat)? Sollte ich mich nicht umgehend darum kümmern? Das allgemeine Weltgeschehen geht mich wohl als Mitmensch etwas an, doch wo sind die Eimer und Pinsel zur Wiederherstellung oder Aufrechterhaltung für mein eigenes farbenfrohes Lokal-Kolorit? In wieweit ist das beschriebene Geschehen damit verbunden oder wieso lese ich all das überhaupt? Wo ist die Verbindung zu mir?

Ist keine solche Verbindung im Herzen zu spüren und der Geist schon längst stiften gegangen, so kann der Bericht getrost weggelegt werden.

Natürlich soll der Mensch nicht die Augen vor dem verschließen, was draußen geschieht – doch tut er dies schon häufig genug, nämlich immer dann, wenn er die Tageszeitungen in der Überzeugung liest, sie würden ihm die Augen öffnen. Das ist aber nicht so, vielmehr sorgt die Information, die er sich hierbei beständig zuführt, nur dafür, daß er sich offenen Auges von der Erkenntnis abwendet. Liest man vermeintlich aufklärerische Nachrichten nur um der News Willen, so wird von Seiten des Lesers die Innenschau beständig verweigert, begibt er sich hierdurch doch auf die Suche nach einer Information im Äußeren, ohne sein Inneres dafür ausgerichtet oder überhaupt entdeckt zu haben. Um sein Inneres aufzuspüren, benötigt er sehr zwar auch das Äußere, doch wenn er ersteinmal verstanden hat, um was es geht, wird er 95 Prozent der Nachrichten sowieso nicht mehr lesen.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, beim Zeitungslesen oder Nachrichtenschauen werde er über irgendetwas aufgeklärt. Tatsächlich wird hierdurch nur der Gang in die Welt der Erkenntnisse vermieden, und sich vom Geist ablenkt, wenn der Geist nicht sogar stark beschädigt wird, allein dadurch, daß man sich diesen Medien zuwendet. Zwar soll das Lesen von täglichen Informationen über Weltgeschehnisse nicht pauschal verurteilt werden, doch so wie es gegenwärtig darum steht, wird die Schändung dessen, was sowohl Geist als auch Information bedeutet, vollzogen und täglich gefördert.


→ Der intellektuelle Eierkopf ist der dritte Teil des sermonischen Pamphlets Medium in Delirium

Weitere faule Eier:

Biete Senf aus eigener Herstellung zur Verköstigung von Meldungen der Deutschen Presswurst Agentur

Kurtzes und Ordentliches Tractat, worinnen vom neumodischen Zeitungsschreiben gehandelt wird / was davon zu halten sey und Was die Lesung derselben vor einen Nutzen hat/ nebst weiterer närrischer Gedancken a propositum, so vorhero im Geiste flugs entworffen doch desto zögerlicher zu Pappier gebracht…



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