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Mark Twain: „Eine deutsche Tageszeitung bringt keinen nennenswerten Nutzen hervor“, 23.12.2010

Hinweis zur Güte: Im Gegensatz zum „Bummel durch Europa“ ist Twains Büchlein „The awful german language“ ein Stücklein, das man links liegen lassen kann. Seine Spitzfindigkeit verbunden mit freundlichem Witz ist da am Gegenstand gescheitert, den er nicht ausreichend kennengelernt hat oder aus andern Gründen verschmäht. Es sind ein paar zutreffende Dinge darin, allerdings zeigt er eher an, daß er die deutsche Sprache nicht verstanden hat.  Doch das ist eine Ausnahme. Sehr gut gelungen ist daher das nachfolgende Werk, Bummel durch Europa, und die hier entnommene Abteilung könnte man auch gern „the awful german newspaper“ genannt haben.


Was sagte nochmal Mark Twain in seinem Buch Bummel durch Europa? Ach ja genau:

„Ich glaube, eine deutsche Tageszeitung bringt keinen nennenswerten Nutzen hervor, gleichzeitig richtet sie auch keinerlei Schaden an.“

Das schrieb er im Jahre 1880.

Und da diese Feststellung, zumindest was den „Nutzen“ betrifft, immer noch brandaktuell anmutet, möchte ich dem Leser aus oben genanntem Buch noch eine Passage näher vorstellen, damit er erkennt, in wieweit sich die deutsche Journalistik seither weiterentwickelt hat, denn mittlerweile richtet sie auch „Schaden“ an.

Ich nehme vorweg: Mark Twain bemüht am Ende seines Berichtes einen Artikel über einen Kindsmord in München, den er zu jener Zeit einer deutschen Zeitung entnahm. Die detailierte Schilderung dieses Kindsmordes und das gleichzeitige Ausbleiben anderer wichtiger Themen, läßt vermuten, daß die Presse schon damals darauf aus war, für die Abstumpfung deutscher Zeitungsleser zu sorgen, in dem sie das eine übermäßig gewichtete, während sie über anderes wenig oder gar nicht schrieb.

Daher wünsche ich nun allen interessierten Lesern viel Spaß beim Bummel durch Europa im Jahre 1880, unter der geistreichen Federführung von Mark Twain:

„Die Tageszeitungen von Hamburg, Frankfurt, Baden, München und Augsburg sind alle nach ein und demselben Schema aufgebaut. Ich spreche von diesen, weil ich sie besser kenne als andere deutsche Zeitungen.

Die deutsche Tageszeitung ist die schwerfälligste, traurigste und langweiligste Erfindung des Menschen. Unsere eigenen Tageszeitungen bringen den Leser ziemlich oft in Zorn; die deutsche Tageszeitung stumpft ihn bloß ab. Einmal in der Woche lockert die führende deutsche Tageszeitung ihre gewichtigen Spalten auf – das heißt, sie glaubt, sie aufzulockern – mit einer tiefgründigen, einer abgründigen Buchkritik; einer Kritik, die einen tief, tief hinabführt in die wissenschaftlichen Eingeweide des Themas – denn der deutsche Kritiker ist zuallererst wissenschaftlich -, und wenn man endlich auftaucht und wieder die frische Luft spürt und das Tageslicht erblickt, entscheidet man einstimmig, dass eine Buchkritik der falsche Weg ist, eine deutsche Tageszeitung aufzulockern.

Manchmal setzt einem die führende deutsche Tageszeitung an der Stelle der Kritik etwas vor, das sie für einen heiteren, flotten Essay hält – über altgriechische Bestattungsbräuche oder die altägyptische Methode, eine Mumie zu teeren, oder die Gründe, die zu der Annahme führen, daß einige vorsintflutliche Völker von Katzen nichts gehalten hätten. Das sind keine unerfreulichen Themen; es sind keine uninteressanten Themen; es sind sogar aufregende Themen – bis einer dieser massiven Wissenschaftler sie zu packen kriegt. Er überzeugt einen bald davon, daß sich sogar diese Stoffe so behandeln lassen, daß der Leser den Kopf hängen läßt. …

Wie ich gesagt habe, besteht die durchschnittliche deutsche Tageszeitung ausschließlich aus Korrespondenz – ein bißchen davon telegraphische übermittelt, der Rest durch Briefpost. Jeder Absatz trägt den Untertitel „London“, „Wien“, oder den Namen einer anderen Stadt und ein Datum. Und immer steht vor dem Namen der Stadt ein Buchstabe oder ein Zeichen, das angibt, wer der Korrespondent ist, damit ihn die Behörden finden, wenn sie ihn hängen wollen.

Einige weniger wichtige Tageszeitungen verabreichen täglich einen Eßlöffel Fortsetzungsroman; er wird auf französische Art unten quer über das Blatt gespannt. Ich schätze, wenn ein Mann die Zeitung auf fünf Jahre abonnierte, könnte es ihm gelingen, so ziemlich die ganze Geschichte mitzukriegen.

Als nächstes haben wir die Überschrift „Tagesneuigkeiten“, unter der folgende Nachrichten aufgeführt werden: Prinz Leopold aus Wien wird einen Besuch abstatten, sechs Zeilen; Prinz Arnulf kehrt aus Rußland zurück, zwei Zeilen; der Landtag wird um zehn Uhr vormittags zusammentreten und über ein Wahlgesetz beraten, drei Zeilen und ein Wort; eine Stadtverwaltungsnotiz, fünfeinhalb Zeilen; Eintrittspreise zu dem geplanten großen Wohltätigkeitsball, dreiundzwanzig Zeilen – denn diese Notiz füllt fast ein Viertel der ganzen ersten Seite; in Frankfurt am Main soll ein wundervolles Wagnerkonzert mit einem Orchester von hundertundacht Musikern stattfinden, siebeneinhalb Zeilen; damit schließt die erste Seite.

Genau die Hälfte der zweiten Seite wird von einer Opernkritik eingenommen, dreiundfünfzig Zeilen (drei davon Überschriften), und von Todesanzeigen, zehn Zeilen. Die andere Hälfte der zweiten Seite besteht aus zwei Abschnitten unter der Überschrift „Verschiedenes“. Einer dieser Abschnitte berichtet über einen Streit zwischen dem Zaren von Rußland und seinem ältesten Sohn, einundzwanzigeinhalb Zeilen; und der andere berichtet über die grauenhafte Ermordung eines Bauernkindes durch seine Eltern, vierzig Zeilen oder ein fünftel des gesamten Lesestoffes, der in der Zeitung enthalten ist. …

Richtig. Die Ermordung eines Kindes durch seine Eltern. Wahrlich nichts Neues damals, bzw. heute. Um den Leser damit nicht weiter auf der Spanne zu foltern, folgt hier nun also der Artikel über jenen Kindsmord, aus einer Münchner Tageszeitung um 1880, wiedergegeben von Mark Twain in Bummel durch Europa:

„In Rametuach, einem Dorf bei Eppenschlag, wohnte ein junges Ehepaar mit zwei Kindern, von denen eines, ein fünfjähriger Junge, drei Jahre vor der Eheschließung geboren war. Aus diesem Grunde und auch, weil ein Verwandter in Iggensbach dem Jungen vierhundert Mark (hundert Dollar) hinterlassen hatte, war er dem herzlosen Vater im Wege; also beschlossen die unnatürlichen Eltern, ihn auf die grausamste nur mögliche Weise zu opfern. Sie gingen daran, ihn langsam verhungern zu lassen, wobei sie ihn unterdessen entsetzlich mißhandelten – wie die Dorfbewohner jetzt wissen lassen, da es zu spät ist. Der Junge war in ein Loch eingesperrt, und wenn Leute vorüberkamen, weinte er und flehte sie an, ihm Brot zu geben. Die anhaltenden Mißhandlungen und Entbehrungen führten schließlich am 3. Januar zu seinem Tod. Der plötzliche (sic!) Tod des Kindes erregte Verdacht, um so mehr, als die Leiche sofort bekleidet und auf die Bahre gelegt wurde. Deshalb erstattete der Leichenbestatter Meldung, und am 6. wurde eine gerichtliche Leichenschau abgehalten. Welch ein jammervoller Anblick war da enthüllt! Der Körper war ein bloßes Gerippe. Magen und Därme waren völlig leer – sie enthielten überhaupt nichts. Das Fleisch auf der Leiche war nicht so stark wie eine Messerrücken, und Einschnitte brachten keine Tropfen Blut hervor. Es gab an dem ganzen Körper nicht ein heiles Stück Haut von der Größe eines Dollars; Wunden, Narben, Prellungen, Blutergüsse überall – sogar auf den Fußsohlen waren Wunden. Die grausamen Eltern gaben an, der Junge sei so bösartig gewesen, daß sie gezwungen gewesen seien, strenge Strafen anzuwenden, und daß er schließlich über eine Bank gefallen sei und sich das Genick gebrochen habe. Sie wurden jedoch zwei Wochen nach der Leichenschau verhaftet und in das Degendorfer Gefängnis eingeliefert. – Ja, sie wurden ‚zwei Wochen nach der Leichenschau verhaftet‘. Wie heimatlich das klingt. Diese Art Fixigkeit der Polizei erinnert mich mehr an mein Heimatland als die deutsche Journalistik.“

ENDE

Der Artikel „Eine deutsche Tageszeitung bringt keinen nennenswerten Nutzen hervor“ war ursprünglich Teil des Pamphlets Schopftintling im Medienwald


Zitate von Mark Twain:

„Ich glaube, eine deutsche Tageszeitung bringt keinen nennenswerten Nutzen hervor, gleichzeitig richtet sie auch keinerlei Schaden an.“

„Der Ruf eines Schriftstellers ist sein Leben; er kann es sich leisten, kein Geld zu haben, aber nicht, keinen Charakter zu besitzen.“

„Ein Bankier ist ein Mensch, der seinen Schirm verleiht, wenn die Sonne scheint, und ihn sofort zurückhaben will, wenn es zu regnen beginnt.“

„Die Entdeckung Amerikas war eine wundervolle Sache; noch wundervoller wäre es gewesen, hätte man Amerika nie entdeckt.“

„Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist.“

„Für mich gibt es wichtigeres im Leben als die Schule.“

„Erziehung ist organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“

„Verschiebe nicht auf morgen, was genausogut auf übermorgen verschoben werden kann.“

„Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.“

„Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.“

„Tatsachen muß man kennen, bevor man sie verdrehen kann.“

„Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.“

„Es gibt nur ein Problem, das schwieriger ist als Freunde zu gewinnen. Sie wieder loszuwerden.“

„Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir haben. Gehen wir sparsam damit um!“

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“


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