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Einigermaßen geschockt war ich, als ich erfuhr, daß sich jene befremdliche Firma namens Facebook neulich die Markenrechte¹ für das Wort Face erworben hatte. Ich hatte nämlich soeben mein lange gesuchtes „Gesichte-Büchlein“ endlich wiedergefunden und wollte es, just vor dem Moment, als die Meldung bei mir eintrudelte, hier auf meiner Internetseite einbinden.

Nun hatte facebook aber schon vor einiger Zeit die Betreiber der Seiten Lamebook oder Teachbook erfolgreich verklagt, (wenngleich dies mehr aus strategischen Gründen geschah, als aufgrund von Namensrechten) – doch als sie sich nun auch noch das Wörtlein face als unnachahmbare Marke sichern lassen wollten, dachte ich nur, das ist ja wohl eine Frechheit sondermaßen – man möchte glatt vermuten, daß die Verantwortlichen bei facebook ein klein wenig größenwahnsinnig geworden sind und sich dieser Zustand desweiteren auf einen ziemlich gewaltigen Minderwertigkeitskomplex im Vorfeld zurückführen ließe.

Natürlich kann man einsehen, daß mögliche Verwechslungen mit anderen ähnlich klingenden Marken vermieden werden sollten, doch wenn einem als Eigenname nichts Besseres einfällt als ein plumpes ‚facebook‘, dann soll man nicht meinen, man hätte die darin befindlichen Allgemeinbegriffe face und book gleich mitgepachtet.

Desweiteren dürfte facebook sich noch nicht einmal etwas auf diesen zusammengeklebten Allgemeinbegriff einbilden, schließlich wurde er längst von anderen erdacht, wie wikipedia zu berichten weiß: „Der Name Facebook bezieht sich auf die sogenannten Facebooks, die die Studenten an manchen amerikanischen Colleges zur Orientierung auf dem Campus erhalten…“

Da dieses Wort also längst an staatlichen Bildungseinrichtungen zur Orientierungshilfe der Studenten diente, hat sich facebook meines Verachtens durch die Übernahme des Namens facebook grob zweckentfremdend gegenüber Begrifflichkeiten aus staatlichen Institutionen verhalten und sollte zur Strafe einmal pro Woche auf dem Campus öffentlich ausgelacht werden.

Nun muß ich den Lesern aber gestehen, daß ich lange Zeit gar nicht wußte, mit welcher Art von Produkt oder Dienstleistung die Firma facebook am Markte positioniert ist und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich bis vorgestern früh noch nicht einmal den blassesten Schimmer, um was es sich bei facebook überhaupt handelt.

Der Name ließ vermuten, daß man überwiegend etwas mit Gesichtern zu tun hatte, vielleicht mit der Herstellung von Fotoalben oder vielleicht – wer weiß das schon heutzutage – vielleicht handelte es sich bei facebook ja auch um ein Produkt aus der Gesichtspflege oder gar um ein Parfum, denn die haben ja auch meistens Namen, die mindestens zur Hälfte das Thema verfehlen.

Mit dieser vagen Vorstellung machte ich mich also auf den Weg in den nächstbesten Drogeriemarkt, denn wo konnte man sonst sowohl fototechnische als auch kosmetische Artikel finden, wenn nicht in einem Drogeriemarkt?

Auf dem Weg dorthin parfümierte ich noch eine Passage, nein, ich wollte wohl sagen, passierte ich noch eine Parfümerie, wo hinter dem Tresen stehend die gute alte Frau Schröter mir zuwinkte, die mich eines längst vergangenen Tages mal zwecks re-vitalisierender Notbesprühung einer mir gerade zu entfliehen drohenden Liebschaft beraten hatte –

Doch besonders viel genutzt hatte es letztlich nicht – im Frühling flattern die Herzen und im Herbst werden sie schon wieder vom Winde verweht, da nützt auch das beste Parfüm nichts.

Jedenfalls, da ich mich noch nie sonderlich für Puder, Peeling oder Parfüm interessiert hatte, hielt ich es für ratsam, mich vor meinem Gang in den Drogeriemarkt erstmal bei der lieben Frau Schröter zu erkundigen, ob sie nicht vielleicht in den letzten Wochen einmal etwas von einem neuwertigen Duftwasser der Marke facebook gehört hatte. Nachdem sie dazu nur kurz mit dem Kopf geschüttelt hatte, kam es sodann zu folgendem Gespräch:

„Nein, Herr Foutre le Camp, weder ist mir ein Parfüm solchen Namens bekannt, noch ein Rasierwasser für den Herrn. Sind sie denn sicher, daß es ein Parfum ist? Oder könnte es auch eine Pflegeserie sein?“

-„Könnte auch sein.“

„Also, um ganz ehrlich zu sein, wenn dieses f…, wie hieß es nochmal?“

„Facebook.“

„Ahja, das hört sich ja auch schon ziemlich primitiv an. Also, wenn dieses face-look eine besondere Duftnote sein soll, dann hätte ich längst davon gehört. Es wird wahrscheinlich wieder nur irgendsoein Billigprodukt sein, eine schmierige Pflegecreme oder vielleicht auch eine Pickelcreme für die jungen Leute.“

„Ja das kann gut sein.“

„Bestimmt. Etwas qualitativ Hochwertiges nennt man einfach nicht face-hook.“

„Facebook.“

„Ja, so auch nicht. Parfüm ist eine Komposition aus Duftnoten; etwas Sinnliches, etwas hinter einem leichten Schleier Verborgenes. Um nicht zu sagen: Es hat kein Gesicht und ist längst kein offenes Buch. Nein facebook, das klingt viel zu plump, so daß es weder etwas Geheimnisvolles, noch überhaupt irgendetwas Originelles sein könnte.“

Komposition, sagen Sie, Frau Schröter… Sie meinen unverwechselbare, einzigartige Duftnoten, die wie im ätherischen Intervall die Herzen höher schlagen lassen, wannimmer sie über die Sinne ins Gemüt gelangen und dann im Hafen der ewigen Erinnerung Anker werfen.“

„Das haben Sie aber schön gesagt, Herr Foutre le Camp.“

„Ja, doch dort draußen habe ich mit solchen Formulierungen noch nie einen Blumentopf gewonnen.“

„Ach nun seien Sie doch nicht so. Wir werden schon das Passende finden. Was ist die Glückliche denn für ein Typ…?“

Und so verließ ich nach einer Weile mit sieben unterschiedlich duftenden Federn in der Hand die Parfümerie, um mich zunächst zum Drogeriemarkt zu begeben. Hier sprach ich dann ganz unverbindlich eine von den vielen umherspringenden Aushilfinnen an, ob sie nicht vielleicht schonmal etwas von einer Sache namens facebook gehört hätte. Tja, hatte sie wohl, doch zu meiner Verwunderung sagte sie zuerst nichts dazu, sondern sah mich nur von oben nach unten an, um mir dann spuckfrech zu entgegnen, na das könnte ich mir ja wohl gleich abschminken!

Ich wollte erst sagen, ja stimmt, facebook, das könnte natürlich auch eine Schminke sein, doch so unvermutet wie sie mich gerade angeraunzt hatte, entfloh sie auch schon wieder wehenden Kittels in Richtung ihrer drei bis fünf Mitschülerinnen, die sich vor jener riesigen hauseigenen Fotomaschine versammelt hatten und sich unter viel albernem Geschrei ihre Urlaubsfotos hin und herzeigten.

Mit dem Kinn zu mir herüberdeutend erzählte sie den anderen dann, was ihr gerade widerfahren war, so daß alle fünf plötzlich wie die Gören loskicherten und mir alle nacheinander in einvernehmender Haltung recht spöttelnde Blicke zuwarfen.

Nun lag mir aber einiges daran, diesen Drogeriemarkt auch künftig noch betreten zu können, ohne als ein Schwerenöter verwechselt zu werden und ging zu der versammelten Mannschaft hin, um das Mißverständnis zu klären:

„Ich weiß nicht, inwieweit Sie da etwas mißverstanden haben, doch hatte ich nur fragen wollen, ob Sie die Marke facebook kennen und ob das vielleicht eine Pflegeserie oder sowas in der Art ist.“

Statt mir aber Auskunft zu geben, verstummten sie alle zugleich, was wenigstens den Vorteil hatte, daß sich der alberne Tumult ringsherum legte, bis eine von ihnen endlich meinte:

„Facebook ist doch keine Pflegeserie! Wo kommen Sie denn her?“ – und schon ging ringsrum das Gekichere wieder los, daß ich erstmal nur verlegen mit den Federn wedeln kundte.

„Es ist also kein Pflegeprodukt?“

„Nein. Facebook ist ein Netzwerk.“

„Achso“, sagte ich, „Strümpfe.“

„Hallo?! Soziales Netzwerk. Internet. Wie Studifauzett, nur besser. Facebook eben. Mannomann.“

– Tja, und so klären sich die Dinge doch stets nach und nach auf: Ein soziales Netzwerk im Internet. Seltsam eigentlich, denn im Grunde ist ja das Internet an sich schon ein soziales Netzwerk. Facebook ist so gesehen nur eine Masche darin. Kein Wunder also, daß es mir bis dahin nicht bekannt war – denn es ist ein Nischenthema. Eben nur für bestimmte Gruppen gedacht, oder besser gesagt für Einzelne, die aufgrund ihres unerfüllten Wesens nach einer Gruppe von Gleichgesinnten suchen, die das gleiche individuelle Problem haben.

Bei näherer Untersuchung wurde mir dann auch endlich klar, warum man es facebook nannte, bzw. nur so nennen konnte. Man soll in den Gesichtern wie in einem offenen Buch lesen können, wobei es allerdings aufgrund von Platzmangel und zu vieler Vorgaben lediglich zu oberflächlichen Angaben gereicht, während die einzigartige Tiefenpersönlichkeit eines jeden Individuums hierbei auf der Strecke bleibt.

Für weitere Gruppenbildungen ist manches dort allerdings vorteilhaft ersonnen, muß man sagen, vor allem soll es schon Gruppen von über Hunderttausend Mann gelungen sein, sich zwecks eines spontanen Treffens in der Realität zu einem sogenannten Wishmob zu versammeln oder wie das heißt. Wenn sich hierdurch einmal die Erstürmung des Königspalastes ergeben sollte, in dem der Wishmob ordentlich Reine macht und den ganzen Unrat nach draußen fegt, dann war facebook vielleicht doch nicht völlig umsonst erdacht worden.

Nun ist facebook offenbar sehr weit oben auf dem Markte platziert und das ohne ein einziges Produkt anzubieten, während die Kundschaft sämtliche Angaben ihrer Person, einschließlich des Gesichtes, an mindestens 60 in facebook involvierte Firmen und Applikanten Preis gibt, was ja nichts anderes heißt, als daß sie einem Verkauf dieser Erhebungen zustimmen. Wenn sich überwiegend zu diesem Zweck monatlich mehrere Millionen Menschen dort einfinden, dann könnte man facebook schon als einen marktstrategischen Geniestreich bezeichnen, der sicherlich auch weitere Interessen weckt. Um nicht zu sagen, falls Google nicht demnächst das Google-Parfüm erfindet, dann wird es früher oder später facebook tun.

Sie werden es bestimmt Face nennen. Und das Handy zum Parfüm werden sie selbstverständlich Book nennen.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg und facebook muß sich anderweitig finanzieren. Wünschen wir ihnen also alles Gute dabei, mit den als Aushängeschildern dienenden Gesichtern von mehreren Millionen Menschen Handel zu treiben.


→ Der Text Buch verloren/ Gesicht gefunden ist nicht zu verwechseln mit dem Text Gesicht verloren – Buch gefunden

→ mehr oder weniger alle Artikuln in denen das Wort fäissbuk auftaucht



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