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Als ich heute morgen um sechs hinaus zum Fenster sahe und zwischen den von tausend kriechenden Autos überfüllten Straßen die wenigen Bäume klamm im Regen dazwischen stehend fand, da wußte ich bereits: Um dieses Land noch zu retten, ist es wahrscheinlich längst zu spät.

Dennoch zog ich die Jacke an und steckte die Handzettel ein, die heute zu verteilen waren, heute, kurz vor der letzten Möglichkeit, die Online-Petition gegen Elena zu unterzeichnen. Nicht daß ich dies häufig täte, Flugzettel verteilen, doch in der Nacht zuvor fand ich, es wäre notwendig wenigstens meiner Bürgerpflicht nachzukommen, der Errichtung eines Überwachungsstaates entgegen zu wirken.

Vielleicht ging ich mit den Flugblättern hinaus in den Regen, weil ich meinte, ich müßte es tun, weil es sonst keiner tut, und ich später von mir behaupten könnte, ich wenigstens hätte etwas getan. Vielleicht verlies ich das Haus auch nur, weil mir vor allen Dingen aufgefallen war, daß ich gar kein Tabak mehr im Haus hatte.

So ging ich also los und trudelte entlang der Hauptstraße, der tägliche Wahnsinn aus beiden Richtungen in massenhafter Erscheinung an mir vorüberfliessend – die Frühschicht hatte sich also schon auf dem Fließband eingefunden.

Die anderen saßen noch hinter beleuchteten Küchenfenstern und studierten die Tageszeitungen, von denen wir wissen, daß sie spätestens bis um sieben Uhr morgens verteilt zu sein haben – blätterten darin – statt sich ihrer Träume der nächtlichen Stunden zuvor bewußt zu werden – blätterten darin – und erfuhren noch einmal, was sie schon vor dem Schlafengehen im Fernsehen erfuhren – blätterten darin – und nahmen zur Kenntnis, daß die olympischen Brot und Spiele schon wieder vorbei waren – blätterten darin und blätterten darin und blätterten darin, wie auf der Suche nach einer Antwort auf die Fragen, an die sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern wollten.

Doch, ich will es zugeben, sie fanden in ihren Briefkästen wieder nur die Flugblätter, die ihnen etwas über Xynthia, das Sturmmonster, berichteten – die Flugblätter, die ihnen etwas über Elena, das Datenmonster, berichten wollten, die fanden sie nicht.

Im Wandelwind der Gezeiten war der Freiheitsbote nämlich von seinem Weg abgekommen. Er hat das Haus tatsächlich nur verlassen, um Tabak zu kaufen.

Möglicherweise hat er die Flugblätter in den Altpapiercontainer geworfen, nachdem er manche Gesichter sah, und manche Augen,  – nun, danach war er jedenfalls noch eben beim Duftbäcker und jetzt sitzt er hier, frühstückt gemütlich ein langes Brötchen und denkt sich, dieses Land ist wahrscheinlich eh nicht mehr zu retten. Aber vielleicht zieht ja nochmal ein richtiger Sturm auf.

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http://www.datenschreck-elena.de/