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Bevor die Lüge, das grauenhafte, menschenfressende Monster, zu Fall gebracht werden kann, wird es zunächst von der Wahrheit geblendet.

An diesem Punkt stehen wir seit einiger Zeit, das Lügengebilde ist angeschlagen, die Wahrheit ist der Lüge zu nahe getreten.

Was inzwischen passiert, ist ein Hauen und Stechen im aufgewirbelten Staub des Kampfes, ein Auf und Ab im stürmischen Wandelwind der Gezeiten, ein Verharren hinter den Nebelschleiern der Besorgnis, mit einer Ahnung von leuchtenden Lichtpunkten dahinter. Der Sieger ist aus der Sicht der Beteiligten nicht klar zu erkennen – nur von weit oben betrachtet weiß man schon: Die Wahrheit wird am Ende immer siegen.

Was im bildlichen Sinne noch während des Kampfes geschieht, können wir vielleicht der griechischen Sagenwelt entnehmen. Nehmen wir dazu einfach mal die Sage um Odysseus, der sich aus der Gefangenschaft eines einäugigen Monsters befreite, in dem er ihm kurzer Hand das eine Auge ausstach …

… Odysseus und seine Crew machen also während ihrer Irrfahrten Urlaub auf Sicilien und geraten alsbald in die Fänge eines einäugigen Kyklopen namens Polyphemos. Aus taktischen Gründen verschweigt Odysseus ihm seinen Namen, doch das interessiert Polyphemos sowieso nicht, stattdessen verspeist er von den zwölf Gefährten des Odysseus gleich die ersten sechs als hors-d’œuvre. Die übrigen sechs sperrt er für das nächste Dinner in die Vorratskammer und nur Odysseus darf sich frei bewegen, denn er muß als Boy die Höhle in Schuß halten.

Lebenslustig wie die Griechen so sind, holt Odysseus ein paar Flaschen Wein, um Polyphemos erstmal unter den Tisch zu saufen. Als das Monster dann bald anfängt zu schwanken, sticht Odysseus ihm mit einer gezielten Fackel frech das einzige Auge aus.

Das Ungeheuer ist geblendet, sieht nichts mehr und schlägt in großer Panik garstig um sich, daß man schon fast wieder Mitleid mit ihm bekommen könnte. Odysseus aber läßt sich nicht beirren und befreit sofort die sechs Kollegen aus der Vorratsdatenkammer Vorratskammer. Doch die Höhle ist noch von Innen versperrt und so verstecken sie sich erstmal inmitten der Schafherde, die Polyphemos sich hier als Snacks für zwischendurch hält. Blind und immer noch im Vollrausch treibt Polyphemos am nächsten Morgen die Schafe zum Mästen auf die Weide – die danken ihrem Herren natürlich, blöd wie sie alle miteinander sind – und Odysseus schleicht sich, in der Schafsherde verborgen, mitsamt seiner restlichen Kumpanen in die Freiheit und so segeln sie mit dem Schiff hinfort.

Erst hier bemerkt Polyphemos seinen Fehler und wütet wieder um sich, diesmal noch viel schlimmer als zuvor. Die sagenhaften Griechen paddeln wie die Irren Richtung Horizont, denn Polyphemos wirft ihnen noch einen ziemlichen Felsbrocken hinterher. Die Flüchtigen können zwar nicht getroffen werden, doch als der Fels ins Meer plumpst, schlagen so hohe Wellen gegen Heck und Bug, daß sie lange Zeit nicht wissen, wo vorne und hinten ist.

Doch statt in Panik zu geraten, wissen sie, was zu tun ist: Ruhe bewahren, den Horizont ermitteln, nach Vorne schauen, mutig sein, ausdauernd bleiben und das Gleichgewicht halten, bis das Meer wieder ruhiger geworden ist…

Dummerweise begeht Odysseus noch einen dummen Fehler, obwohl sie dem Monster längst entkommen sind: Im Siegestriumph ruft er dem Monster lautstark seinen Namen zu und feiert sich selbst. Feiert sich mehr als die gerade erlangte Freiheit.

Polyphemos ist zwar blind, aber nicht taub und stumm und sofort ruft er bei seinem Vater an, um sich bei ihm ausweinen, man hätte ihm das Auge ausgestochen und jetzt wisse er auch, wie der Typ heißt. Sein Vater aber ist der Meeresgott Poseidon und der glaubt seinen Ohren nicht zu trauen. Odysseus, das ist ja der Kerl, der sich hier andauernd selbst feiert und seinen Namen in alle Winde herumposaunt, während er mit seinen Gefährten in meinen Gewässern – herumsurft …

Der Kampf mitten im Meer dauert lang und am Ende erreicht Odysseus mit Müh und Not die Insel Aiaia, wo er dann auf die Zauberin Kirke trifft. Von ihr läßt er sich nicht allzu sehr becircen und erhält stattdessen wertvolle Tips von ihr, wie er mit seinen Gefährten an den nächsten Abgründen der Unterwelt möglichst schadlos vorbeischiffen kann.

Möge es ihnen gelingen.

(Sprachlich leicht verbesserte Neuveröffentlichung der Erstfassung vom 07.12.2009)



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