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Veröffentlicht am 03.10.2009
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„Der Hausarzt, wie wir ihn früher kannten, ist heute eine veraltete Erscheinung. An seiner Stelle herrscht ein seltsames Triumvirat: der Diagnostiker, der Laboratoriumsarbeiter und der Apotheker. Dies ist die heilige Familie, welche die Wunderdrogen verteilt. Selbst für den Chirugen bleiben nur noch Abfälle übrig, allerdings sehr saftige, muß ich sagen, da es ihm immer noch sehr gut geht…“

-Henry Miller, Big Sur, 1957-

So. Die Zeit des Wählens ist endlich vorüber, wenden wir uns also wieder den Krisen zu, an denen wir uns so beteiligen; natürlich auch vor allem wieder der Schweinegrippe – den Dingen eben, die wie aus dem Nichts gelegentlich so über uns kommen. Halt diese überall lauernden Schreckgespenster. Diese Schreckgespenster, die uns andauernd durch die Hallen unserer leeren Seelenschlösser jagen, allein um des Jagens Willen.

Es sind ja doch alles Schreckgespenster, von denen wir uns ständig hin und hertreiben lassen. Egal ob man nun von irgendeiner Krise profitiert oder ob man ihr Opfer ist, egal ob man nun an der Schweinegrippe erkrankt oder doch eher an dem Impfstoff. Egal auf welcher Seite wir stehen, es sind ja doch alles schröckliche Schröckgespenster¹. Wie man sie nun nennt, wo sie herkommen und was sie mit uns tun, das ist aber unerheblich. Erheblich ist nur, wie Gespenster zu Gespenstern werden und bevor ich jetzt selbst wieder zum Gejagten werde, zitiere ich nun frei wie Wild eine Passage aus dem Buch „Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch“, geschrieben von Henry Miller im Jahr 1957:

(Aber Achtung: Der gespannte Leser von heute wird staunen, dass diese Worte bereits 1957 geschrieben wurden und sich dann wohl fragen, warum er sich eigentlich noch über irgendetwas wundert, außer über sich selbst)

„Iß nicht zuviel, trink nicht zuviel, rauch nicht zuviel, arbeite nicht zuviel, denk nicht zuviel, ärgere dich nicht, klage nicht, und vor allem reg dich nicht auf. Nimm kein Auto, wenn du dein Ziel zu Fuß erreichen kannst, geh nicht, wenn du laufen kannst, hör kein Radio und sieh dir keine Fernsehsendungen an, lies keine Zeitungen, Zeitschriften, Auszugshefte, Börsenberichte, Comics, Grusel- oder Kriminalgeschichten, nimm keine Schlaf- oder Aufwachpillen, geh nicht zum Wählen, kauf nicht auf Raten, spiel keine Karten, weder zur Erholung noch um Geld zu gewinnen, leg dein Geld nicht in Aktien an, nimm keine Hypothek auf dein Haus auf, LAß DICH NICHT IMPFEN, frevle nicht gegen Fischerei- und Jagdgesetze, reize deine Vorgesetzten nicht, sage nicht ja, wenn du nein meinst, gebrauche keine Schimpfwörter, sei nicht brutal zu deiner Frau oder deinen Kindern, erschrick nicht, wenn du Über- oder Untergewicht hast, schlaf nicht mehr als zehn Stunden hintereinander, kauf kein maschinengebackenes Brot, wenn du dein eigenes backen kannst, nimm keine Arbeit an, die dir zuwider ist, glaube nicht, die Welt geht unter, weil nicht der Richtige gewählt worden ist, glaube nicht du bist geisteskrank, wenn du dich in einem Irrenhaus befindest, tu nicht mehr, als man von dir verlangt, aber das tu gut, versuche nicht deinen Nachbarn zu helfen, ehe du gelernt hast, dir selbst zu helfen, und so weiter … Einfach was? Kurz, erschaffe keine Luftdinosaurier, um Feldmäuse zu erschrecken! – Amerika hat nur einen Feind, wie ich schon gesagt habe: die Mikrobe. Die Schwierigkeit besteht nur darin, daß sie eine Million verschiedener Namen hat. Wenn du meinst, du hast sie endlich erschlagen, taucht sie in einer neuen Verkleidung auf. Sie ist die personifizierte Pest.“

Oder um es anders zu sagen: Hälst du dich nicht an obige Lehren, bist du nur selber schuld, forderst diesen Zustand gar heraus und holst dir die Pest an den Hals, bis der Arzt kommt. Und was der bringt, wenn du es nicht bringst, wußte auch schon der geniale Henry Miller im Jahre 1957:

„Das Volk erzählt oft von sonderbaren Kuren, die von sonst längst vergessenen Männern und Frauen angeordnet wurden. Eine der auffallendsten dieser häretischen Beschäftigungen könnte man die Technik des Nichtanerkennens nennen. Wie Gandhi durch seine Lehre vom Nichtwiderstand so große Erfolge erzielte, so praktizierten diese „Abweicher“ die Nichtanerkennung. Nichtanerkennung von Sünden, Schuld, Furcht und Krankheit, ja sogar Nichtanerkennung des Todes.

Der Mediziner andererseits ist immer auf der Hut vor den kleinsten Anzeichen eines Unwohlseins und impft anderen seine Besessenheit von hydraköpfigen Krankheiten ein, und diese wachsen in dem Maße, wie er erfolgreich mit ihnen fertig wird. Wir zahlen einen hohen Preis für die zweifelhaften Wohltaten, mit denen uns unsere autorisierten „Heilkundigen“ überschütten. Für das Vorrecht, von einem Spezialisten wiederhergestellt zu werden, verlangt man den Lohn jahrelanger Arbeit von uns. Wer es sich nicht leisten kann, von einem fachmännischen Metzger in Stücke geschnitten zu werden, muß sterben oder sich selbst heilen. Das Sonderbare an diesen teuren Überholungen ist, daß man (nach dem Ereignis) keine Garantie bekommt, von nun an gegen andere, oft schlimmere, Leiden gefeit zu sein. Der Mechanismus scheint sogar umgekehrt zu laufen. Je mehr wir zusammengeflickt werden, desto brüchiger werden wir. Man existiert zwar noch weiter, aber nur als wandelnder Leichnam.“

Wohlgemerkt: Was Henry Miller hier, nebst dem Pharmawahnsinn, am Rande andeutet, ist die Fähigkeit zur Selbstheilung. Nicht allein durch Kräuter und Hausrezepte, sondern Kraft des Geistes, Kraft der Nichtanerkennung. Das sind wundersame Dinge, die unmittelbar über uns in der Luft hängen, wir müssen sie nur als Möglichkeit wählen. Das sind die Dinge, die wir in freier Entscheidung wählen können, nicht die Parteien und nicht die Programme und nicht die Karriere und nicht die Aktien und nicht die Angebote aller Art. Denn eine freie Wahl ist es nicht, zwischen dargereichten Angeboten auswählen zu dürfen, sondern die Angebote selbst zu bestimmen.

Doch das ist nicht Neues, und es war auch schon zu Zeiten Henry Millers der Zipfel einer Lehre alten Ursprungs. Es gibt sonst nichts Neues. Es gibt nur immer das, was wir noch nicht wieder erkannt haben und wir erkennen es nicht, weil dazwischen die tausend Angebote liegen, die uns eine freie Entscheidung vorgaukeln.

Fragen wir also noch mal den guten Henry Miller, was er meint, wo das Problem eigentlich liegt, daß wir nie das Richtige wählen;

„Wenn wir jemals eine neue Erde bekommen sollten, so darf Geld auf ihr keine Rolle mehr spielen, es muß vergessen und gänzlich wertlos sein.“

Aha. Na dann scheinen wir ja doch auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn wir uns danach nicht schon wieder vom nächsten Unfug täuschen lassen und irgendwelchen wildfremden Menschen und Programmen unsere Entscheidungsbefugnis überlassen.

 

Anmerkung¹:

Die Worte „schröcklich, Schröckgespenster“ u.ä. haben wir nicht bei Herrn Neun von radio-utopie abgeschaut, der diese ebenfalls hin und wieder mit Vorliebe benutzt – und den wir, nicht nur deswegen, in Schreiberkreisen sehr schätzen.  Auch er wird sie nicht bei uns abgeschaut haben, und wenn er doch  zufällig hier darauf aufmerksam geworden wäre, dann empfänden wir dies als eine schröcklich positive Wechselwirkung.


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