Nicht nur in religiösen, politischen und gesellschaftlichen Belangen spricht man von Schuld und Strafe, hegt Erwartungen, stellt Bedingungen, sondern besonders im privaten Bereich. In allen Fällen hat man keine Ahnung, was eigentlich Liebe ist. Und Liebe ist der Ausdruck von Gott, aber auch von Menschlichkeit – insbesondere beklagen die Menschen, die in irgendeiner Form an einen Gott glauben, eine mangelnde Einsicht in diese Erkenntnis. Auch fühlen sich viele von Gott entfernt oder gar getrennt, ob sie nun an ihn glauben oder nicht. Wer aber wirklich mit jemanden durch Liebe in Verbindung steht, ist nie von ihm/ihr getrennt.

Daher neigen zum Beispiel vertraglich miteinander gebundene Menschen zu einem Schwur, mit dem sie sich vor möglichen negativen Tendenzen absichern, während sie den positiven Wert darin nicht erkennen, „beziehungsweise“ diesen unterbinden. Es verbirgt sich dahinter eine Form von Angst, wenn auch zunächst eine recht kuschelige.

Oftmals wird von Liebe gesprochen, wo man sich selbst am meisten in einem anderen liebt, und zur Bestätigung einen Gegenüber benötigt, dessen mögliche Entwicklung zu einer viel weiter reichenden Liebesfähigkeit man ebenso unterbinden kann, wie die eigene.

Solange dies im beiderseitigen Einvernehmen geschieht, ist es wohl keine Schande, doch mit Liebe hat es nichts zu tun, beziehungsweise hält sie sich in diesem Kreis nicht lange auf. Aktuelle Erhebungen über Scheidungsfälle bestätigen dies. Entscheidend für solche Scheidungen ist oftmals, daß man weniger eine positive Beziehung zu dem geliebten Menschen hatte, als eine ichbezogene Bindung. Eine ichbezogene Bindung ist da anzunehmen, wo man (und auch woman) sich mit seinem Gegenüber identifiziert und zwar insoweit, daß man ihn (besonders zu Lebzeiten) nicht loslassen kann, bzw. will. Denn man könnte schon, wenn man den Willen hätte. Noch mehr unzureichende Liebesfähigkeit offenbart sich, wenn der Klammernde mehr leidet, als derjenige, der (aufatmend) aus der Liebesbeziehung ausgetreten ist. Eine Weile darf man vielleicht leiden, denn es fällt immer schwer, etwas Schönes herzugeben. Doch wo die Liebe hinfällt zeigt sich auch dort, wo einer es nicht erträgt, den Geliebten leiden zu sehen. Und wenn der Geliebte aus freien Stücken von Dannen zieht und man ach so unerträglich darunter leidet (daß er nun bald wieder glücklicher ist), dann hat man offenbar sich selbst am meisten geliebt – jedoch nur in den Aspekten, die einem gefallen; die einem nicht gefallen, kann man dem anderen dann umso mehr vorwerfen.

Die wahre Liebe nicht gefunden zu haben, ergibt in der Regel eine Trennung. Wollt ihr euch gegenseitig schmeicheln und etwas vorwerfen, bis daß der Tod euch scheidet? Dann ergibt sich zu Lebzeiten der einzig wirklich positive Wert in Sachen Liebe erst durch die Vertragsauflösung, oder eben durch die Scheidung. Erst hier entfaltet sich die Liebe, denn sie gibt einem die Möglichkeit zu erkennen, wen oder was man wirklich liebt, und welchem Aspekt man verfluchend, beleidigt oder hinterhertrauernd nicht loslassen kann. Man konnte es im anderen finden und nun ist es weg. Dabei ist es gar nicht weg. Man hats nur noch nie bei sich selbst gefunden. Daher gestaltet sich eine Scheidung derart kompliziert, weil schon von Beginn vieles ziemlich verdreht war. So lebt man sich von vornherein auseinander, also jeweils beide sich selbst; schon vor der gemeinsamen Trennung.

Wer aber wirklich mit jemanden durch Liebe in Verbindung steht, ist nie von ihm/ihr getrennt.


→ Ähnliche Verhaftungen: Eheschließungen und andere Stilllegungen

Werbeanzeigen