Schlagwörter

Entwurf vom 29. März 2009

„Entschuldigung junger Mann, aber während Sie einfach nicht aufwachen wollen, droht mir da hinten bald der Arm abzufallen. Das wollte ich Ihnen nur sagen, für heute hat es sich nämlich ausgeläutet. Sie können von mir aus weiterschlafen, ich jedenfalls gehe jetzt wieder zurück und werde erstmal ausgiebig frühstücken. Es ist ja wohl spät genug.“

 Sofort fuhr ich aus dem Schlaf, schleuderte die Decke vom Bett, stürzte ans Fenster und konnte gerade noch sehen, wie das Weckmännchen auf der anderen Straßenseite in einem kleinen Wecker verschwand und kopfschüttelnd die Tür hinter sich zu zog.-

Dann wurde ich noch mal wach. Und zwar mit dem Wecker in meiner Hand. Es war eine halbe Stunde nach Weckzeit. Den Termin zum Vorstellungsgespräch konnte ich wohl vergessen, wenn ich nicht unpünktlich und abgehetzt erscheinen wollte. Ich bin nämlich nicht so gerne unpünktlich und gehetzt.

 Dieser Traum liegt nun einige Zeit zurück, ich weiß gar nicht mal mehr, wie lange genau.

Seither stehe ich meistens ohne Hilfe des Weckmännchens auf, sondern von Selbst.

Einen Wecker habe ich zwar noch, wenn auch einen anderen als seinerzeit, aber ich lasse ihn kaum mehr klingeln. Das Weckmännchen hat dadurch eine ruhigere Zeit und uns verbindet seither eine Freundschaft, oder besser gesagt, so eine Art telepathische Verbindung. Für das Weckmännchen bedeutet das, dass es nicht mehr zu der Stunde aufstehen und für mich die Glocke läuten muß, zu der ich es ihm befohlen habe. Für mich bedeutet es, dass ich aufstehen kann, wann ich will. Will ich um fünf Uhr aufstehen, dann kann ich das auch ohne Wecker. Muß ich allerdings um fünf Uhr aufstehen, dann könnte ich selbst mit Wecker verschlafen. Heutzutage hat sich das alles ganz harmonisch eingependelt. Statt dem Weckmännchen abends Befehle zu erteilen, für deren pflichterfüllendes Folgeleisten ich ihn am nächsten Morgen verfluche, lasse ich ihm alle Freiheiten. Seither läuft es so, dass ich, sobald das Weckmännchen wach wird, ich automatisch mit aufstehe und wir brauchen das Geklingel nicht mehr. Wie genau das funktioniert, weiß ich gar nicht mal, aber es funktioniert so gut wie immer. Auch wenn ich zu einer festgelegten Zeit aufstehen muß oder aus irgendeinem Grund nicht verschlafen dürfte – vielleicht weil man meint, irgendwo pünktlich erscheinen zu müssen oder sonst irgend etwas gerade wichtiger sein soll, als der Schlaf mit all seinen Träumen – auch dann klappt das meistens ganz gut.

 Oft genug möchte ich auch zu einer ganz bestimmten Zeit in aller Frühe wach sein, ohne irgendwo hin zu müssen und das geht ebenfalls, ohne mich dafür wachklingeln lassen zu müssen. Wichtig ist hierbei nur, bereits am Vorabend gedanklich mit dem Weckmännchen die vorgestellte Zeit auszumachen und sich gemeinsam auf eine bestimmte Uhrzeit festzulegen. Vereinbart man auf diese Weise zum Beispiel fünf Uhr früh, dann wird man auch fast auf die Minute genau wie von selbst wach, ohne dass man den Wecker gestellt hatte. Wenn man das ein wenig trainiert, kann man die Weckzeiten auch nach Lust und Laune variieren. Beste Voraussetzung ist dazu jedoch eine klare Luft und ein unverschmutzter, unbeeinflußter Äther, dann funktioniert das mit der Telepathie und Telesympathie nämlich besser.

Und man muß eine freundschaftliche Beziehung zu seinem Weckmännchen aufbauen, was anfangs nicht immer einfach ist, insbesondere weil das Weckmännchen sich emotional nicht so schnell umstellen kann. Was aus Sicht des Weckmännchens auch irgendwie verständlich ist. Schließlich mußte es sich bisher ja jeden Abend befehlen lassen, was es um wieviel Uhr zu tun hat, um letztlich zum gegebenen Zeitpunkt nur eins aufs Dach zu kriegen oder im schlimmsten Fall samt Häuschen gegen die nächste Wand geschleudert zu werden.

Hat man ihn aber ersteinmal davon überzeugt, dass eine telepathische Freundschaft auch zu seinen Gunsten viel mehr Freiheiten ergibt, dann willigt es doch sehr zügig und kompromislos ein und es funktioniert wunderbar, das mit dem von Selbst aufwachen. Insbesondere aber funktioniert die Kommunikation viel besser und das sogar, oder gerade auch, im Schlaf. So dass auch den Träumen des Anderen genügend Entfaltungsfreiheit gegeben ist und jeder kann machen, was er will.

 Was ich hier schreibe ist natürlich nichts neues – für dich schon gar nicht, – und manche würden diese Vorgehensweise als einen Umgang mit der eigenen inneren Uhr beschreiben.

Und das ist es ja auch. Man kann die äußere Uhr nach Innen verlegen. Noch besser ist es allerdings, wenn man die innere Uhr in die äußeren Abläufe überträgt, was umso besser gelingt, je mehr man in gewisser Weise universell eingestellt ist.

So käme man mit der inneren Uhr auch im Äußeren viel besser und leichter zurecht; und das umso mehr, je mehr Leute ebenfalls auf ihre innere Uhr hören. Da, wo sie sich noch von den äußeren Uhren und anderen Zwängen leiten lassen, kommt man jedoch arg durcheinander, wenn man nicht gar auf Widerstand stößt. Oder man wird ständig korrigiert und justiert, da man ja nicht so funktioniert, wie es erwartet wird. Eben wie ein Wecker außerhalb aller Träume, der gefälligst so funktionieren soll, wie man eben meint, dass dies und das so und so funktionieren soll.

 Doch eigentlich wollte ich dir nur von meinen Traum erzählen, weil ich ihn immer noch so lustig finde, wie vor ein paar Jahren. Und weil mein Weckmännchen sich manchmal noch dafür bedankt, dass ich ihm die Freiheit geschenkt habe. Dabei können wir sie uns ja nur gegenseitig geschenkt haben.

Es ist auch gar nichts Neues, wie gesagt. Viele machen das schon so, das mit der inneren Uhr und so weiter, manche kennen es vielleicht bereits, andere noch nicht oder umgekehrt.

Wie zum Beispiel der Kollege, der sich 20 oder 30 Jahre lang jeden Morgen um 4 Uhr früh hat aus dem Schlaf reißen lassen müssen, um dann mit dem Auto ans Fließband zu fahren, um jeden Tag pünktlich seinen Ehevertrag mit der Firma einzuhalten. Und als er dann von heute auf morgen arbeitslos wurde, fehlte natürlich etwas, aber das ist ein neues Thema. Jedenfalls wird er weiterhin jeden Morgen gegen 4 Uhr wach und zwar auch ohne Wecker. Meistens meint er dann zum Klo gehen zu müssen, eher aber zum Bäcker oder zur Tankstelle, falls es im Umfeld irgendeine bemitleidenswerte Sau gibt, die um die Zeit schon arbeiten muß.

So wie ja eben auch das Weckmännchen seinerzeit. Und jetzt ist das Weckmännchen ebenso arbeitlos und der Kollege wird trotzdem wach. Zumindest das Weckmännchen hat also Jahrzehnte lang unsinnige Arbeit verrichtet.

Ab und zu braucht er das Weckmännchen zwar noch, zum Beispiel wenn er zum Amt muß, aber das erfült das Weckmännchen nicht wirklich, denn wozu soll das gut sein? Oft schläft der Kollege auch bis zehn oder zwölf durch und das Weckmännchen kriegt Depressionen. Weil es ja eigentlich gerne seinen Job macht, solange es dabei seiner Bestimmung nachkommt. Und irgendwann, nämlich dann wenn der Kollege einen ganz wichtigen Termin zu haben glaubt, sagen wir mal um 8.oo, dann wird das Weckmännchen mit letzter Kraft aus dem Wecker steigen, vielleicht so gegen 8.30, dem Kollegen am Ohr ziehen und sagen:

„Entschuldigung junger Mann, aber während Sie einfach nicht aufwachen wollen, droht mir da hinten bald der Arm abzufallen. Das wollte ich Ihnen nur sagen, für heute hat es sich nämlich ausgeläutet. Sie können von mir aus weiterschlafen, ich jedenfalls gehe jetzt wieder zurück und werde erstmal ausgiebig frühstücken. Es ist ja wohl spät genug.“