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„Das klingt mir zu spirituell“ … sagen manche. Und dann kriegen sie so einen komischen Blick. Als hätte man einen Fleck auf dem Hemd. Irgendwann gewöhnt man sich an diesen Blick und irgendwann kann man diesen Leuten auch in aller Friedfertigkeit begegnen. Anfangs können diese Blicke aber verunsichern, wenn nicht gar Angst machen. Sie blicken einen mit einem Ausdruck in den Augen an, fast wie jene Soldaten damals, die pflichtgemäß darauf achteten, daß die aussondierte Opfermasse der Reihe nach in die Waggons steigt. Ein Ausflug in den Buchenwald. Oder in die Birkenau.

Und so steige ich ein und für einen Augenblick bleibe ich stehen, auf dem Trittbrett – ja auf dem Trittbrett, schließlich bin ich ja noch immer nicht ganz vollständig eingestiegen, drehe mich aber schon um und frage den Soldaten: Was sollen wir eigentlich sonst sein, wenn nicht spirituelle Wesen? Politische wahrscheinlich. Politische Püppchen. Dann lieber spirituell. Was macht es schon aus?

Dann sitzt man also in so einem Waggon, zum Beispiel in der Straßenbahn, um ein wenig ziellos durch die Gegend zu tramperen und vor sich hin zu trahäumen, doch es dauert gar nicht lang und schon kommt wieder eins von diesen politischen Püppchen angepirscht, egal ob männlich oder weiblich, um wieder diese komischen Sachen zu fragen: Na, auch auf dem Weg zur Arbeit? Oder besser: Wo arbeitest du eigentlich? Oder noch besser: Was verdienst du eigentlich? Schließlich müssen wir alle ja unsere Rechnungen bezahlen. Oder bist du kein Zwangsarbeiter mehr?, höre ich ihn angstvoll befürchten.

In wessen Auftrag soll man eigentlich noch arbeiten und wirken, denkt sich der Ausgefragte dann früher oder später.

Innerhalb einer Gesellschaft – die mehr den materiellen Werten zugewandt ist, als der spirituellen, geistigen und seelischen Welt – kann man überhaupt gar nicht dem Wohl der Gesellschaft dienen, egal wie viel man arbeitet – zu diesem Schluß käme derjenige, der ehrlich zu sich ist, doch das kann er nicht, denn Ehrlichkeit ist in so einer Gesellschaft Fehl am Platz. Man könnte es besser ganz bleiben lassen und sich einfach davon verabschieden, denkt er sich.

Ein gut Teil der hier obliegenden Materie ist gewiss nur der Auswuchs der Gedanken der Menschen, während sie eigentlich der Ausdruck des heiligen Geistes sind, und während er einen Hürdenlauf durch den Garten aller echten und unechten Gegenstände vollbringen muß, erkennt er, was für ein Höllenfeuer die Gedanken der Menschen angerichtet haben. Was für einen Unsinn sie fabrizieren und mit welchem Unsinn sie sich den ganzen Tag über beschäftigen. Was für einen Schrott sie für wertvoll halten und welche Werte sie verschwenden und entweihen. Was haben sie nur für Gedanken gehabt? Wo kommen diese Gedanken her? Stehen die etwa alle unter irgendeinem Einfluß?

Irgendwann erkennt er gar, daß er innerhalb eines solchen Systems in letzter Konsequenz nur einem kriminellen Prinzip dient. Daß er im Grunde nur einem geisteskranken Monster zujubelt, dem sich die Menschen als Opfer darbieten, in dem sie dem Monster ihren spirituellen Kern und ihre lebendige Frucht und ihre heilige Haut hinhalten, damit das Monster sie aussaugen kann. Und es entlohnt seine Opfer mit Autos, Handys, Zucker, Pillen, Überraschungseiern und tausenden Begehrlichkeiten, die dafür sorgen, daß die Menschenopfer so werden, wie das Monster – das seine Opfer ganz nach seinem Ebenbild geschaffen hat –

Die Welt ist schön, sie ist voll von Menschen und sie sind die Energiepillen für das Monster. Denn es ist genauso eitel, feige und selbstbezogen wie seine Opfer, es spendet natürlich auch, das insgeheime Opfer, besonders das reiche und gesellschaftlich angesehene Opfer, es spendet für die Armen, geht auch in die Kirche, wählt auch die friedlichste Partei von allen, kauft nur noch die Aktien von Firmen, die sich „nichts zu Schulden kommen lassen“, ist auch immer ganz nett zu seinen Nächsten, sogar, wenn sie ihn anheucheln ist er nett und heuchelt zurück. Nett sein ist einfach.

Immerhin bleibt heutzutage wenigstens kaum mehr Zeit, der Gesellschaft noch gerecht zu werden. Denn man ist hierbei schon zwei Schritte im Hintertreffen, wenn man bedenkt, wie sehr man gezwungen ist, zunächst überhaupt der Gerechtigkeit gerecht werden zu können.

Auch als Schreiber ist man natürlich in solch einem heuchlerischen System gefangen. Besondere aktuelle Anläße nötigen den Schreiber umgehend zur Feder zu greifen, denn das ist seine Art, mit der Welt umzugehen. Hierbei leidet aber die Dichtkunst. Politische Themen und die verschiedensten verrutschten Weltbilder liegen ständig im Weg. Man glaubt, man müsse sie aus dem Weg räumen, bevor man sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens, bzw. des Schreibens, zuwenden kann. Doch sie rauben einem nur die Energie und bringen den Dichter von seinem Weg ab. Je mehr er auf die aktuelle Lage schriftlich reagieren muß, desto mehr leidet die Dichtung. Nur wenigen gelingt es, sowohl den aktuellen Entwicklungen rhetorisch gerecht zu werden, als auch sinnreiche Dichtung zu verfassen, die man auch Jahrzehnte danach noch lesen kann.

Bei einer Zeitung will man sowieso nicht unbedingt landen. Schon gar nicht, um sich von dort aus mit der Politik zu beschäftigen. Über die Politik zu schreiben macht sie auch nicht besser. Fängt man an politisch zu denken, macht man sich zwangsläufig Feinde oder zweckdienliche Freunde. Gleichgesinnte nennt man sie. Doch die Sinne mögen eigentlich keine Kompromisse.

Was soll man sich mit der Politik und mit der Wirtschaft, und so mit den Leuten, die sich den Richtwerten willig und wissentlich unterwerfen, überhaupt noch auseinander setzen? Oder muß man sich mit ihnen auseinandersetzen, indem man sich mit ihnen zusammen setzt? Lieber möchte man wohl Abstand nehmen, denn das ist klüger, um der Gesundheit willen.

Als Schreiber ist die (zeitweise) Abwendung sowieso notwendig, weil er allein den Abstand zum Nächsten braucht, um zu sich selbst wieder zurückzufinden und aus der Distanz heraus wieder zu erkennen, was eigentlich Nähe ist. Aber auch als ein Mensch mit einer Seele, einem gesunden Freiheitsdrang und spirituellen Sichtweisen kann man sich mit großen Teilen dieser Gesellschaft nicht mehr vereinen, wenn man Teil eines höheren, heiligeren Prinzips sein möchte und sein Wesen im Ganzen wiederfinden möchte, dem zu dienen man eigentlich verpflichtet ist. Man kann es vermutlich erst, wenn man es nicht mehr möchte, sondern bereits ist.

Doch zu viele selbstgenügsame selbstergebene Sklaven sind hier unterwegs, die ihr höheres Wesen verleugnen und eine auf sich selbst angewandte Diktatur in ihren Köpfen spazieren führen. Sie machen alles kaputt, was nach Freiheit riecht, weil sie selber zu feige sind, sich für sie einzusetzen. Ihre angeblichen Sicherheiten widern mich an. Egal ob Versicherungen, Rentenversicherungen, „Lebens“versicherungen, „Kranken“versicherungen (was für ein Hohn!), oder allein völlig überhöhte Krankenkassenbeiträge, dazu hirnlose Schulabschlüsse, Examen, Diplome, Doktortitel, Orden, Reputationen, Autos, Aktien, Zweck-Ehen oder … ja, sogar Kinder.

Kinder sind Menschen, Kinder sind Engel, deine Kinder sind nicht deine Kinder, du hast deinen Kindern nichts vorzugeben, gib ihnen Sicherheit, ja, und Vertrauen, ein Vertrauen darauf, daß sie auch gekommen sind, damit du ihnen zuhören kannst, denn oftmals ist es hier das inneres Kind, um das man sich nie hat kümmern wollen, und jetzt ist es da, ein Wesen für sich, doch auch ein abgespalten Teil derjenigen, die hierdurch noch einmal die Chance bekommen, genau dorthin wieder zurückzufinden, zum inneren Kind. Also sei deinem Kind dankbar, daß es, als vorrangig und über die Maßen eigenständiges Wesen zusätzlich das Vergnügen, die Aufgabe, die Last, auf sich nimmt, euer Kind zu sein, seid dem Kinde dankbar und es wird es leicht nehmen und so auch freien Schrittes seinen eigenen Weg weitergehen können – und trichtert ihm nicht von vornherein all das ein, was ihr an euch selbst nicht bearbeitet hast – ach was für ein freudscher Tippfehler, was soll auch die Hast, da habt du dich wohl vertippt!

Doch zurück zum Kind: Übergebt es doch bitte nicht schon mit drei Jahren der staatlichen Obhut, Herrgott – und sobald ihr es irgendwann hergebt, beachtet die staatliche Obhut mit Argusaugen und nicht das arme Kind, dem alles mögliche unter Androhung von Bestrafungen (Noten) zum Erlernen aufgezwungen wird.

Wem dienst du eigentlich? Dem Rektor? Dem Reaktor? Bist ja selbst nur ein Reaktor. Reagierst ja nur. Wem dienst du eigentlich? Man muß kein Beamter sein, um sich das mal zu fragen. Man muß kein Künstler sein, um diese Beobachtung zu machen: Jeder halbwegs menschliche Mensch würde sich, wenn er ehrlich zu sich ist, wenigstens ab und zu mal fragen, wem er eigentlich am meisten dient, für was er eigentlich lebt und arbeitet. Für die da Oben, für die da Unten, für das Ego da oben, für das Ego da unten, für seine Frau, für ihren Mann, für seinen Mann, für ihre Frau, für ihre Kinder, für seine Kinder, für wessen Kinder überhaupt?

Man könnte sich schon beschämt fühlen, als einer, der meint, ein Künstler in so einer Gesellschaft sein zu wollen. Wenn man zum Beispiel eine Skulptur baut, egal was für eine, eine, die von einem Ideal spricht und die Menschen um sich herum versammelt, vielleicht eine römische, eine griechische oder eine germanische, egal was für eine – und wenn man diese in einem Park aufstellt und dann jemand kommt, der sie mit einer Sprühdose bearbeitet und sie der öffentlichen Meinung nach verschandelt – welcher Künstler wäre da nicht empört, beleidigt, verletzt? Jaja.

Hätte er sie doch nur in einem Museum aufgestellt, wo niemand sie beschmieren kann, denn da wird sie bewacht, denn da kommt nur derjenige rein, der Geld bezahlt, da darf nur rein, wer sich benehmen kann, dort ist die Skulptur sicher vor Schändereien. Jaja.

Armer eitler Künstler. Erkennst du denn nicht, daß deine Skulptur die Wahrheit anzieht? Sie steht nun im Park und wird beschmiert, ja und? Erkennst du denn nicht, daß sie zwar im Park steht, längst aber nicht im Freien? Siehst du nicht, wie nur die Unfreien sich ihr zu Füßen werfen und sie als ein Ideal anbeten – um dann wieder den Park zu verlassen und guten Gewissens weiter daran arbeiten, unfrei zu bleiben?

Erkennst du nicht, daß deine Skulptur auch diejenigen anzieht, die merken, daß hier etwas nicht zusammenpasst? Daß sie deine Figur eben deswegen beschmieren oder bemalen, weil sie sie verstanden haben? Daß sie aus den gleichen Gründen zu der Sprühdose greifen, wie du einst zu Hammer und Meißel?

Ja, da steht sie nun, deine Freiheitsgöttin, so aufrecht und schön und sie hält gar die lichte Flamme gen Himmel – ja, wie schön ist sie dir gelungen – doch es ist kein Ideal mehr, hier, in den Städten und Molöchern. Hier ist sie ein Hohn für manche Menschen. Sie kommen im Dunkeln und beschmieren sie mit modernen Parolen.

Schön ist es nicht, diese Schmiererei, es ist sogar tatsächlich eine Schande, die Arbeit anderer ungefragt mit eigenen Werkzeugen zu bearbeiten und sei es nur ein Spray. Doch sind es alles Vandalen? Sollen wir sie etwa bestrafen und von Ordnungshütern und Parkwächtern suchen lassen; oder sollen wir sie selbst aufsuchen und sie lehren, mit der Sprühdose genauso gut umzugehen, wie mit Hammer und Meißel, Pinsel oder Feder. Denn die eigentliche Arbeit ist nicht getan, wenn wir nur Symbole aufstellen, oder Parolen an die Wand schmieren – was eben das gleiche ist.

Was hängen deine Bilder also noch im Museum oder in der Gallerie, nimm sie runter, hänge Spiegel dorthin und kleb einen Zettel an die Wand, mit der Meldung, die Schnitzeljagd habe nun begonnen, der Kunst-Konsument müsse eben auch seinen eigenen Teil dazu beitragen und aktiv werden.

Wieso stellen wir unsere Kunst in den Museen ab? Sie muß raus und den Kräften der Bewegung überlassen werden, sie muß weiter gehen und die Gesellschaft herausfordern, deren Seele unterentwickelt ist. Stellen wir die Werke geistiger Entfaltung doch irgendwo auf einem Berg ab, damit die Menschen merken, daß man schon etwas dafür tun muß, ihr näher zu kommen, daß man schon einiges hinter sich lassen muß, um das Wesen der Freiheitsgöttin zu verstehen, daß es nicht reicht, mal eben nach dem Shoppen in den Stadtpark oder in ein Hochsicherheitsmuseum zu gehen, das Werk für drei Minuten zu observieren und mit intellektuell höchst anspruchsvollem Hirngeschwafel solange zu zerreden, bis die Wirkungskraft des Kunstwerkes vollständig verpufft ist, um sich dann wieder aufgeplusterten Egos und erleichterten schlechten Gewissens zurück in die Sklaverei zu begeben, dort forterzählend, wie sehr man doch gestern die Kunst gewürdigt habe.

Welchen Werten ist denn sonst deine Kunst dienlich, wenn nicht den gleichen, denen sich deine begeisterten Zuschauer untergeordnet haben? Sie haben für ein paar Minuten deine Freiheitsskulptur im Kopf, aber der Kopf ist längst verdreht und richtet sich weitestgehend nach einem kriminellen Diktat. Sie haben das kriminelle System ja schon verinnerlicht.

Die Gesellschaft hängt an den Fäden dieser kriminellen Strukturen und so ist jeder ein Schänder der Freiheitsgöttin, er hat nur nicht den Mut, die Sprühdose zu zücken. Ich habe daher auch kaum mehr Lust zu schreiben und geh mir lieber die Bäume im Wald anschauen oder mich auf andere Weise meinem Bewußtsein zuwenden, egal ob es für manche irgendwie zu spirituell klingt. Was sollen wir sonst sein, wenn nicht spirituelle Wesen? Politische wahrscheinlich. Politische Püppchen. Dann lieber spirituell.