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Entwurf vom 07. April 2007

… und manchmal verrutscht  mir auch der Blick. Alles Sichtbare scheint sich aufzulösen oder wabert nur so vor den Augen her. Es wirkt alles ziemlich unecht, worin man sich bewegt.  Manchmal kommt ein Auto von rechts und dann war da gar keins oder jemand geht in meinem Augenwinkel den Hausflur hoch, dabei war da gar keiner. Nur ein Schatten. Und wenn ich über die breiteste aller breiten Einkaufstraßen gehe dann eierere ich dort her, als balancierte ich entlang einer Bordsteinkannte. Und die wahrnehmbare Umwelt wackelt oder schwankt dabei.
Das sind Wahrnehmungsstörungen, die Psychologie weiß da Rat. Geschulter Rat ist aber doof und macht nur ratata. Vielleicht sind es ja auch Wahrnehmungsleistungen. Davon überzeugt zu sein ist allerdings noch gefährlicher. Ich zweifle jedoch wahrhaftig die Wirklichkeit an. Und in diesen Situationen muß ich meistens lachen. Lachen soll ja auch gesund sein. Allerdings bin ich jemand, der eher nach Innen lacht. Also werd ich nach Innen gesund. Dieses nach Außen Lachen, Gröhlen, Kreischen, Schallen, das ist mir ungesund wenn ich’s schon nur höre.
Jedenfalls, die Wahrnehmungsleistungen. Natürlich wird es mir gelingen, diese Wahrnehmungsleistungen rein literarisch zu nutzen, für Figuren anzuwenden, die sich in Büchern bewegen oder sonstwie zu den Geistern zu sprechen. Sie, meine Damen und Herren Doktoren, brauchen sich daher nicht anzumaßen, meinen Geisteszustand in Frage zu stellen, nur weil er im innern meiner Selbst derart belebt ist und hin und wieder die ein oder andere Gestalt nach außen entflüchtet, die eben von dort aus dann zu mir spricht. Und die Leute, die mit ihrem Hang zum Denunziantentum meine phantasievolle Welt miese machen wollen, sollen nicht denken, sie wären weniger von Geistern und Erscheinungen umgeben, die sie beeinflußen oder ließen sich weniger von ihren Einbildungen und selbstprojezierten Vorstellungen lenken, als es bei mir der Fall ist. Nein, auch sie sind die Opfer ihrer Einbildungskraft, umgeben sich ebenfalls mit den Produkten ihrer zweifelhaften Vorstellungen, lassen sich ebenfalls durch die Worte von Wesen, die ihnen fremd sind, beeinflußen und denken, es seien ihre eigenen Gedanken.
Auch ich glaube wohl, es seien alles meine eigenen Gedanken, aber im Grunde spielt es keine Rolle, ob es meine oder deine sind, da ich die Gedanken, die ich augenblicklich habe, lediglich niederschreibe, von wo aus du sie auflesen kannst, hin und wieder denkend, meine Gedanken seien deinen ganz ähnlich. Ob wir uns allerdings wirklich für die Gedanken des anderen interessieren, das steht auf einem anderen Blatt, gerade dann, wenn uns gar nicht gefällt, was dort geschrieben steht, geschweige denn im tatsächlichen Gegenüber augenblicklich gedacht wird.
Das ist möglicherweise gar besser so, denn was sollen uns schon gegenseitig unsere Gedanken interessieren, wichtiger wäre doch was wir empfinden, darüber könnten wir uns dann austauschen, bzw. (beziehungs-waise) es uns gegenseitig mitteilen.
Worüber sollen wir auch sonst reden? Worüber denn unterhalten. Überhaupt diese ganze Unterhaltung. Immer dieses Gerede, Entleerung des Gedankenspeichers, blablub, was haben wir nicht wieder für tolle Konversation betrieben, über dies und das, über diesen und jenen, und wie einig wir uns nicht sind, komm mich doch mal besuchen, bei Kaffee und Kuchen.

Aber (Vorsicht jetzt geht’s los) besser ihr schaltet alle eure Gedanken aus oder stellt sie in den Schuppen, sobald ich zu Besuch komme! Die sehe ich mitunter nämlich vorderhand, und dann werde ich euch nicht gerecht, weil ich euch dahinter möglicherweise nicht mehr sehe. Ich rede schließlich nicht mit euch, wenn wir uns unterhalten, sondern spreche ich mit der Luft oder dem Äther, wo sich das alles sowieso längst ereignet hat, und wenn „du“ mir erzählst, gestern hättest „du“ dir diesen neuen Mahagonitisch gekauft, ist er nicht wunderschön, dann bin ich zwar ganz bei dir, und teile deine Empfindung im Prinzip, zunächst, denn ich bin, wenns um die Strahlkraft von dergleichen kunstvollen Materialprodukte geht, gar nicht so unempfänglich, wie ich momentan ratlos dahinkuckend vielleicht auf dich wirke; wenn allerdings im gleichen Augenblick von der Blume dort draußen im Garten ein Blatt abfällt, dann ist sofort meine Aufmerksamkeit nur darauf gerichtet und etwas anderes gilt nicht mehr als bedeutend. Umgehend müßten wir sofort rausgehen und uns um das Blatt herum versammeln und genau darüber reden oder besser erstaunt schweigen und nicht über irgendetwas, das wir gerade meinten, so wichtig zu besprechen gewesen sein gehabt zu müssen – ach, was soll es schon! Ach komm, geh weg und ach lass es doch liegen. Ach Hier! Übrigens! Das ist übrigens über geblieben! Hier, nimm mein Hirn in dein Hirn und rede damit, was interessiert mich das, rede doch übrigens lieber mit dem Brett vor meinem Kopf, hier – da ist auch eines vor deinem Kopf und in der Mitte von uns beiden steht ein Tisch.

Toller Tisch! Ein weiteres Brett, das nur ein Tisch ist, ein Tisch, der nur Holz ist und der dich nur 2000 Euro gekostet hat, ein Schnäppchen, da hast du Glück gehabt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und Gottseidank die EC-Karte dabeigehabt, und während du dich so sehr über diesen neuen Besitz samt vier neuer Stühle freust, denn du planst innerhalb der nä. zwanzig Jahre eine Familie inkl. zweier Kinder zu gründen, interessiert mich im Augenblick nur die Befindlichkeit des Holzwurmes, der offensichtlich darin wohnt, was auch der eigentliche Grund meines empathischen Grinsens ist.
Na immerhin. Immerhin hast du für die Villa eines Holzwurmes 2000 Euro hingeblättert, nur nennst du es nicht Villa Holzwurm. Bei 10 Euro die Stunde – denn von den 20 Euro Stundenlohn drückst du ja die Hälfte an den Steuertisch ab* (Ergänzung 11 Jahre später, s.Kommentarbereich*) – also bei restlichen 10 Euro die Stunde hast du sagenhafte 200 Stunden dafür gearbeitet, dir einen Holzwurm zu kaufen, dessen Umgebung ein Tisch ist – und jetzt meinst du, du hättest ein Prestigeobjekt für etwaigen hohen Familienzuwachs, du Idiot.
200 Stunden! Soviel Zeit hättest du also bereits gehabt, mir all dein Leid zu singen, all deine Freude zu klagen, all deine Erlebnisse zu berichten, all deine Meinungen bestätigt zu finden, all deinen Austausch mit mir zu betreiben, doch du hast sie verplempert, diese Zeit. Ja , du hast dafür ehrliche Arbeit geleistet, andauernd und beständig, super, na t…toll! Doch dann rufst du an, sagst, heute hättest du mal frei, ja frei … Zeit, Freizeit, huch! ob wir uns nicht sehen sollen, du wolltest mit mir etwas besprechen, tätest auch kochen, mitbringen brauchst du nichts, sagst du. Außer: Zeit. Und vielleicht höchstens Kuchen. Klar, Kuchen könnte ein Eingeladener schon mitbringen, nach all der Zeit, nach all den 200 Stunden, die man sich nicht sehen konnte, um für diesen Tisch arbeiten zu gehen. Wofür geht man denn schließlich arbeiten.
Also Kuchen oder Kekse soll der zeitlose Dichter mit viel Zeit mitbringen dürfen. Und dann komme ich Idiot auch noch vorbei, bringe aber ohnegleichen Blumen mit, statt Kuhuchen. Vor allem das werde ich mir nie verzeihen können – daß ich Bluhumen mitgebracht habe, oh, Bluhumen statt Kuhuchen. Und dann auch noch Schnittblumen, oh, Schnihittblumen! Natürlich, aber nur damit sie unsere voneinander abhängigen Selbstbilder umduften. Ach das wär doch nicht nötig gewesen, höre ich, wie schöhön, ich stell sie dann mal gleich zu uns auf den Tihisch oder sollen wir uns mit ihnen nach draußen in den Gaharten setzen?
Aber gut, immerhin sind es Blumen, Blumen für die Blumenschnitter, vom Ober-Schnitter höchstpersönlich einfach mal ganz unverblümt auf euren teuren Magoni-Tihisch abgestellt.

Ähnlicher Leistungsnachweis:
Arbeit macht frei – Ausbruch aus der Gewissenhaft


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