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Schwein gehabt

(erstellt in den Zeiten von BSE)

Ich bin überzeugt, dass der Mensch, dem es je einmal ein Anliegen war, seine höheren oder poetischen Anlagen auf ihrer höchsten Stufe zu halten, sehr geneigt war, sich animalischer Kost und vieler Nahrung irgendwelcher Art überhaupt zu enthalten.

-Walden, H.D. Thoreau, um 1854-

Man kann immer nur Bruchstücke zusammensetzen, wenn man kein Bild eines Ganzen vor Augen hat. Hat man aber ein ganzes Bild vor Augen, dann kann man Bruchstücke herausnehmen und einzeln betrachten.

So sind zum Beispiel die im Jahre X (und alle Jubeljahre) ausufernden Tierseuchen nicht der Grund für das Dahinschwinden privater landwirtschaftlicher Betriebe, die es schon immer mit Tierseuchen zu tun hatten, sondern sind sie die Folge von Massentierhaltungen, dem die Inkaufnahme eines Rückgangs privater landwirtschaftlicher Betriebe vorausging, da eine solche vernichtende Entwicklung vom Markt durchaus so gewünscht ist. Anders gesagt: Der Rückgang einer einst weit verbreiteten privaten Landwirtschaftskultur ist eine Folge von einer bewilligten, vom Markt erwünschten zügellosen Massenproduktion, der alle Jubeljahre eine Tierseuche im großen Stil in Kauf nimmt, wenn es ihm nicht sogar eher gut tut, als daß es ihm schadet.

Und während sich die heimeligen Bauernhöfe so nach und nach vom Acker machen, lebt in regelmäßigen Abständen beim modernen Stadtmenschen die Erinnerung an die Vorzüge ökologischer Landwirtschaft wieder auf. Dieser wird sodann nach und nach instrumentalisiert, die Produkte daraus bald in Massen hergestellt und im harmonischen Einklang mit Bildern von päusbäckig grinsenden Bauern im Fernsehen umworben. Das freilaufende Huhn darf jetzt massenweise Eier für die Supermarktketten legen, das Rindfleisch wird seuchenfrei jeden Tag neu ausgelegt an hunderttausend Fleischtheken im Ländle.

Gleichzeitig aber loderte im menschlichen Geist eine alte Erkenntnis wieder auf, die besagte, daß zuviel Fleischkonsum nicht unbedingt gesund ist, beziehungsweise eine fortschreitende Verringerung der Fleischproduktion niemandem tatsächlich schaden würde. Außer vielleicht denen, die es im großen Stil zu verkaufen gedachten.

Auch merkte man im Zuge des Auflebens spiritueller Ansichten, daß der Mensch nicht allein aus Fleisch besteht und sein Geist sich mit Vorliebe in jene himmlischen Gefilde wieder begeben möchte, wo ihm der Sinn nicht unbedingt nach Leberwurst steht, noch nicht einmal nach Tee-Wurst.

Man fing also an, sich heilende Gedanken zu machen. Dann kam die Seuche und es wurde gekeult was das Zeug hält.

Eine Tierseuche, die eines der viel geliebten und gleichzeitig immer wieder mit leichten Zweifeln besehenen Nahrungsprodukte vom Markt zu vertreiben droht, es wirklich zunächst aus den Regalen vertreibt, sichert letztlich eben den Verkauf dieses Produktes. Denn wenn der Trend dahin geht, auf Fleisch gelegentlich zu verzichten, statt es in Massen zu verschlingen, dann muß der Markt einen Taschenspielertrick anwenden. Bestätige zunächst die Meinung des sich besinnenden Volkes darin, daß andauernder Fleischkonsum nicht so richtig gesund ist und im Übermaß den Geist verdirbt. Dies führt zu einer Debatte, bei der ein Teil der Menschen sich bestätigt sieht und der andere Teil, nämlich der größere, den neuen Trend mitmacht, da es die Schlagzeilen in den Zeitungen von ihm verlangen. Er kauft zunächst kein Fleisch mehr, denn zuviel davon ist ungesund, es besteht Seuchengefahr und gegen Massentierhaltung war man sowieso schon immer.

Somit werden die nötigen Maßnahmen zur Beseitigung der Seuche hingenommen und Massenschlachtungen als eine gute Tat verkauft. Die Seuche wurde eingedämmt, der Markt bereinigt, die Anzahl privater Landwirtschaftsbetriebe auf der einen Seite verringert und auf der anderen Seite deren Existenzberechtigung in Frage gestellt, denn Bauernhöfe sind natürlich viel unhygienischer als sterile Großfabriken. Desweiteren sind die Menschen nach Eindämmung der Seuche wieder beruhigt und mit einhergehender Umwerbung des wieder seuchenfreien Fleisches wurde die neue Volksbesinnung, daß der Konsum selbst von gesundem Tierfleisch nicht unbedingt gesund für den menschlichen Geist ist, erfolgreich im Ansatz eingedämmt. So läuft das.

Es bestand eben Handlungsbedarf, dessen Abartigkeit aber offenbar nur wenigen Menschen auf den Magen geschlagen ist. Oder ist es nicht abartig, daß zur Eindämmung der Seuche innerhalb weniger Tage 400.000 Rinder gekeult werden mußten? Da fragt man sich, wie kann ein Volksgewissen dazu gebracht werden, eine solche Massentötung gutzuheißen? Wenn sie wüßten, daß es keine unbedingte Notwendigkeit war, eigentlich gar nicht. Sie dachten aber, es wäre unbedingt notwendig.

Schließlich bestand ja auch die Gefahr, daß auch die Schafe und selbst die Schweine Rinderwahn kriegen können und da wir besonders den Schafen sehr nahe stehen, können auch wir Rinderwahn bekommen, daher gibt es von nun die Meldung zum Frühstück, ein Mensch habe sich versehentlich beim Schaf angesteckt.

Das erregt die Gemüter, vor allen Dingen, wenn es nicht nur in der BILD steht, sondern auch bei ARD und ZDF davor gewarnt wird. Gibt es noch Zweifler, dann frage er sich, ob er auch das Hinsiechen von Schweinen und Schafen ertragen könnte. Und so verlassen uns 400000 Rinder auf einen Schlag. Doch nicht allein wegen der Seuche, oder für den Markt, sondern vor allen Dingen, weil das europäische Volk gerade in Begriff war, die Reinigung seines Geistes anzugehen.

Massenproduktion von Fleisch (Schweineproduktion, Rinderproduktion, Geflügelproduktion, Schafproduktion) erfordert Massentierhaltung. Massentierhaltung (Lagerung) fordert Opfer. Das System lebt von Opfern und die Träger des Systems, das Volk, muß Massentierhaltungen und Massenschlachtungen für sich rechtfertigen können, doch wenn es diese in Frage stellt, muß es auf zwingende Maßnahmen und bereits beschlossene Entscheidungen vorbereitet werden und am besten in soweit beeinflußt werden, diese Maßnahmen auch noch gut zu heißen.

Wenn zum Beispiel in den Zeitungen steht, die Steuern sollen um 4 % erhöht werden, so wird es verständlicherweise keine Zustimmung seitens der Steuerzahler geben. Es gibt Beunruhigungen und möglicherweise schwindende Wählerstimmen und nach vielen Debatten einigt man sich auf eine Erhöhung von, na sagen wir mal 2.8 Prozent. Die Politik ist zufrieden und das Volk erkennt murrend die Notwendigkeit dieser Maßnahme an. Ist das Ziel aber eine Erhöhung von, sagen wir mal 2.8 Prozent, statt 4 Prozent, so wird offiziell eine Erhöhung von 4 Prozent angekündigt, damit das Murren frühzeitig einsetzt. Nach einigen öffentlichen Debatten „einigt“ sich die Politik auf nur 2.8 Prozent und das Volk ist froh, nicht 4 Prozent abdrücken zu müssen, und es ist sogar dankbar, somit 1.2 Prozent gespart zu haben!

Ist das Ziel Verzicht auf Urlaubsgeld, dann kündige Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld an und einige dich auf den Verzicht von Urlaubsgeld.

Ist das Ziel die Absetzung der allgemeinen Menschenrechte, so peile zunächst insgeheim die Aushöhlung der Grundgesetze und nationalen Verfassungen an und einige dich häppchenweise auf harmlos erscheinende Anpassungen einzelner Paragrafen des Grundgesetzes, aufgrund vorübergehender Zustände und Notwendigkeiten.

Ist das Ziel die Absetzung eines Ministers, kündige den Sturz der Regierung an und einige dich mit ihr auf die Absetzung eines Ministers, wäre auch mal eine Alternative.

Das nur zur Politik, nun zurück zu den anderen Seuchen. Das Töten der 400000 Rinder war beschlossene Sache und wirtschaftlich notwendig, doch in erster Linie ging es darum, die andere Herde, die Menschen, ins Gehege des Systems einzusperren, bevor sie beschließt, einzelnen schwarzen Schafen zu folgen.

(Zusatzstoff 2015: Ich wollte damit nur sagen, ich glaube es gab keine Seuche. Bzw. keine solche Seuche. Die 400000 Rinder waren gesund. Na gut, 200 vielleicht nicht.)

Doch das ist nur eine Vermutung, vielleicht liegen die Dinge ja auch ganz anders. Vielleicht hat sich nur eine Seuche unerwartet schnell und umfassend verbreitet, daß tatsächlich nicht schnell genug reagiert werden konnte. Vielleicht würden die Verantwortlichen sogar zugeben, sie hätten nicht rechtzeitig reagieren können und so kam es zu einem aus der Kontrolle geratenen Ernstfall. Keiner hätte eine Erklärung hierfür parat, niemandem fiel eine Lösung ein, niemand wußte, wie es soweit kommen konnte. Vielleicht geschehen Dinge, die wir nicht mehr steuern können und keine der entscheidungsbefugten Instanzen wußte mehr, wie man sich darauf einzustellen hatte.

War es mutwillig von unbekannten Mächten herbeigeführt? War es nur eine Verkettung ungünstiger Ereignisse? War es beides zusammen?

War es ein Wink des Himmels? Ein Weckruf nach Westen?

Ein Versuch das menschliche Bewusstsein wach zu rütteln?

War es eine Chance zu vergeben? Oder eine vergebene Chance?


→ Schwein gehabt ist ein Kapitel aus dem Büchlein Wir sind das Phi


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