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Aber, aber, es gibt ja kaum noch Münzsprechtelefone hier. Aber es wird sie immer geben. Aber zumindest dort, wo noch nicht jeder ein Handy hat. Aber aber das Verschwinden des Bargeldes ist keine schlechte Idee. Aber der Preis dafür sollte aber nicht den Verkauf der Seele bedeuten. Aber 1998 gab es das erste Handy mit Bildübertragung. Aber es kommt eine Zeit, da wird es wahrscheinlich gar keine Telefonzellen mehr geben. Aber die T. hat ihre neuen Modelle aufgestellt. Aber trotz T. gibt es keine Türen mehr daran. Aber wir telefonieren endlich so gut wie im Freien. Aber jede Telefonzelle hat einen Bildschirm. Aber was verbirgt sich hinter dem Bildschirm? Aber wir gehen auch immer häufiger an den Geldautomaten, statt an den Schalter. Aber bald werden wir positiv davon beeindruckt sein, wie schnell plötzlich die Geldausgabe erfolgt. Aber „Bitte haben Sie einen Moment Geduld, Geldausgabe erfolgt sofort!“, das steht dann aber auch nicht mehr auf dem blöden Display. Aber hochmoderne Geldautomaten sind viel langsamer als jeder olle Heim-PC. Aber beim Einkauf geht es schon schneller. Kundenkarte gern gesehen. Aber auch beim Tanken oder beim Arzt. Es geht aber auch wirklich schneller mit unserer Karte. Außerdem geht es ja auch nicht mehr ohne… aber, aber
meine Herren, die meisten tragen mindestens fünf solcher Karten mit sich herum, andere zehn bis fünfzehn und es erscheint immer lästiger, je mehr Karten wir mit uns tragen, obwohl sie doch eigentlich alles vereinfachen sollten.

Verfolgungswahntechnisch gesehen wäre jetzt nichts naheliegender, als ein System zu erschaffen, in dem man so wenig wie möglich Karten mit sich herumführen müsste, am besten nur eine, mit der man überall bezahlen kann. In Zeiten da man an der Tankstelle Geld abheben kann, macht das wohl Sinn. Vielleicht wird als Währung ja künftig Barrel angegeben.
Doch mittlerweile haben wir die Möglichkeit, alles auch übers Netz zu bezahlen und abzuwickeln. Wenn wir nicht hin und wieder den Drang dazu hätten, nach draußen, ins Freie zu gehen, könnten wir im Grunde alles von zu Hause aus bewältigen. Ja, dann bräuchten wir gar keine Karte mehr. Nur einen Zugangscode. Wir alle wären im Netz gefangen.

Doch so weit wird es nicht kommen, denn es ist nicht besonders weit gedacht.

Die Möglichkeiten und Gefahren des Internets sind uns sowieso schon allen bekannt und es ist kein Geheimnis mehr, daß unsere Daten nicht unbedingt sicher sind, sobald sie durch das Netz kusieren. Gefangen sind wir dadurch längst nicht. Und es wird schon nichts derartiges passieren. Nein, dieses Problem wird solange diskutiert werden, bis ein ganz anderes Ziel erreicht sein möchte. Eine Entwicklung, die sich praktisch hinter unseren Rücken zuträgt, während wir unentwegt auf den Bildschirm starren und uns im Netz austoben.

Dann, wenn wir uns nach jahrelangem Windbrettfahren durch das Internet schwungvoll aus dem Drehstuhl erheben, um mal endlich wieder an die frische Luft zu kommen, könnte sich vor unseren Augen ein erschreckendes Bild zeigen.
Zunächst einmal fällt uns auf, daß irgendetwas an dem Gesamtbild der Stadt nicht stimmt, denn es fehlen die Briefkästen. Gut, die haben wir sowieso nicht mehr gebraucht, denn Briefe heißen jetzt Mails oder SMS. Blöd nur, daß mit dem Verschwinden der Briefe auch das rechtlich anerkannte Briefgeheimnis weggefallen ist.
Nach einigen Jahren weiterer Surferei verlangt es uns nach einem Spaziergang unvirtueller Art und wir sind beruhigt, daß da immer noch Telefonzellen stehen. Wir erinnern uns plötzlich daran, daß manche Dinge, besonders die privaten, vor allem dann Spaß gemacht haben, wenn wir sie im Freien ausüben konnten. → Zusatzstoff 2009: Außer Rauchen, das hat drinnen mehr Spaß gemacht. Auch wegen der hitzigen regierungskritischen Debatten bei verqualmten Gruppensitzungen

Hier müssen wir Gott sei Dank nicht mehr lange nach einer Telefonkarte suchen, denn auch wir haben jetzt Die Karte. Die Zeiten, als wir noch fünf bis neun Karten mit uns führten, sind längst vorbei, eine Karte reicht aus. Wir geben sie der Empfangsdame und stecken sie in den Geldautomat, geben sie dem Tankwart und irgendwann durften wir sie sogar in unseren PC stecken, um Zugang zum Internet zu bekommen.

Nach weiteren Jahren gehen wir wieder einmal hinaus, um ein wenig Geld vom Konto abzuheben, denn über das Internet geht das irgendwie nicht. Blöd nur, daß der Automat unsere Karte plötzlich nicht mehr akzeptiert. Was heißt hier akzeptiert, er könnte sie gar nicht annehmen, da hier offensichtlich irgendeiner vergessen hat, den Kartenschlitz mit einzubauen. Stattdessen werden wir gebeten den Bildschirm zärtlich zu berühren. Wieder einmal scheinen wir, trotz aller Offenheit gegenüber der fortschrittlichen Technik, etwas verpasst zu haben. Also gehen wir wieder zurück nach Hause, wie jeder vernünftige Mensch und erkundigen uns im Netz über die neue Entwicklung.

Dort sehen wir dann im Vorbeigehen einen antiken Schreibtisch zum Schnäppchenpreis. Ganz klar, den klicken wir nicht gutgläubig in den Einkaufswagen, den müssen wir uns schon real ansehen. Zum Glück gibt es hier noch einen Ansprechpartner, der uns bereitwillig diesen Schreibtisch zeigt. Er sieht uns jedoch unwillig an, als wir ihm unsere Karte hinhalten. Er hätte lieber Bargeld, damit könne er besser umgehen. Als Antikhändler …

Blöd nur, daß wir gar kein Bargeld mit uns führen, denn in der Bank fehlte ja der Angestellte hinter dem Schalter und der Geldautomat hatte keinen Schlitz mehr. Da kriegen wir bald einen ziemlichen Hals und sind drauf und dran, Die Karte zu vernichten, doch ein Freund warnt uns davor; sie zu vernichten würde bedeuten, unsere Identität herzugeben und gleichzeitig unseren Zugang zur Gesellschaft zu versperren, denn schließlich gibt es ja noch die Krankenkassen und die Versicherungen, die diese Karte zur Datenerfassung in jedem Fall benötigen. Ja, antworten wir, aber was bringt mir das, wenn ich damit nicht mehr überall kaufen kann? Ich hatte doch bisher Zugang zu allem mit dieser einen Karte, das war doch der Sinn der Sache.

Der Freund antwortet, siehst du, das hast du davon, daß du so altmodisch bist, die neuesten Entwicklungen ziehen an dir vorüber. Wie meinst du das?, fragen wir und kommen uns mal wieder ziemlich blöd vor. Der Freund erklärt, aus Angst diese immens wichtige Karte zu verlieren¹, habe auch er auf den Rat eines guten Freundes gehört und sich zu einem kleinen harmlosen operativen Eingriff bereit erklärt. Du wirst sehen, sagt er, es ist anfangs etwas ungewohnt, wenn man zum Beispiel im Freien telefonieren möchte und das Datensichtgerät, durch bloße Berührung mit deinem Finger, dich mit vollständigem Namen anspricht und die von dir gewünschte Nummer auf dem Bildschirm anzeigt, die du dann, ebenfalls durch bloße Berührung, anwählen kannst.
Wie das? fragen wir.
Nun, er überträgt dein gespeichertes Telefonverzeichnis sichtbar auf den Bildschirm und du brauchst nur mit dem Finger den Gesprächspartner deiner Wahl zu berühren.
Du meinst, ich brauche nur meinen Finger in den Automaten zu halten und er liest die erforderlichen Daten davon ab?
Ja, funktioniert überall. Du kannst deinen begehbaren Datenschrank an jeder Stelle öffnen und wieder schließen.
Aber wie soll das gehen? Ich kann den Chip doch nicht jedes Mal entfernen lassen, wenn manche der Daten erneuert werden müssen.
Keine Angst. An diesem Problem wird bereits geforscht.
Das heißt auf deutsch, ich brauche nicht mehr allein zu Hause vor dem Bildschirm hocken, sondern kann damit wieder draußen alles Notwendige erledigen?
Ja, Mensch, natürlich, wir müssen doch auch mal vor die Tür kommen, sagte er und tippte gewitzt mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn: Versuchs doch auch mal mit dem Chip


→ ‚Wie im Wahn‘ ist ein Kapitel im dritten Teil des Büchleins Wir sind das Phi

→ Ähnlicher Beitrag: Wir sind das Vieh/Bis auf die Haut


Fortführung Juli 2014:

¹, ² → ELGA passé? Guten Morgen Österreich – Willkommen in Orwell 2.0



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