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Der Alptraum beginnt ja eigentlich schon beim Aufwachen.

Da beginnen wir schon morgens damit, uns wie ein Automat zu verhalten, wenn wir uns von einem Wecker wecken lassen (müssen) und somit mindestens einen bis drei Knöpfe (Wecker, Licht, Kaffeemaschine) drücken, bevor wir uns vor dem Spiegelbild begrüßend in die Nase kneifen.

Wir beschäftigen uns nach dem Aufstehen nicht in aller Innigkeit mit unserer Seele und das ist schon der erste Knüppel, den wir uns selbst zwischen die Beine werfen. Diejenigen, die unmittelbar nach dem Aufstehen Joggen gehen (oder ähnliche Tätigkeiten in Strampelanzügen), wissen, wie schön es ist, als erstes den eigenen Körper zu erleben. Wie fühlt es sich dann erst an, wenn wir uns unmittelbar nach der Rückkehr aus der Traumwelt mit unserer Seele beschäftigen würden?

Das wissen die wenigsten, denn spätestens vor dem Spiegel setzt ein Automatismus ein, der im Grunde bis zum Abend andauert und dann kommt was im Fernsehen. Nach der (zweifellos sinnvollen und bei dieser Luft täglich erforderlichen) Körperpflege folgt meist das Frühstück, jedenfalls bei denen, die sich dafür nicht die Zeit stehlen lassen. Hier lesen wir Zeitung oder hören Radio, →Zusatzstoff 2006: Internetradio kümmern uns also um das Weltgeschehen und das Wetter und um den möglichst staufreien Weg zur Arbeit. Wie drehen am Rädchen und wundern uns, warum es in manchen Bundesländern noch Smogwarnungen gibt, in anderen jedoch nicht, nämlich ausgerechnet in solchen nicht mehr, wo die meisten Fabriken stehen und die meisten Autos die Luft verpesten. Unmöglich so was, da machen wir lieber den Fernseher an, denn ausbleibende Meldungen, die obendrein auch noch widersprüchlich sind, können wir vor dem Frühstück überhaupt nicht vertragen.

Also leiben wir uns das Rundumpacket des Frühstückfernsehens ein. Dieses beginnt um sechs und endet um neun und bei einem Ratespiel darf man auch schon mitmachen. Um zwei Kaffeetassen aus Mainzelmännchenporzellan zu gewinnen.

Hierbei gilt es für den Konsumenten festzustellen, ob ein bestimmter Bericht den Tatsachen entspricht oder wie die Moderatorin verschmitzt sagt: „nicht vielleicht eine kleine Lügengeschichte darin verborgen sein könnte“. Wie lustig: Hier darf man das, was man sonst besser unterlassen sollte: Überlegen, ob der Bericht wahr oder unwahr ist, oder um eine entscheidende Unwahrheit verändert wurde.

Hinter dem Rücken der Moderatorin erkennt man schon, worum es bei diesem Spiel wirklich geht. „Richtig oder Falsch“ steht dort, während hinter „Falsch“ das Bild einer roten Ampel zu sehen ist, und hinter „Richtig“ nicht etwa folglich eine grüne Ampel, sondern ein Fernsehturm. Da ist Fantasie gefragt, die hier vermittelnden Werte und Regeln verständig aufzufassen.

Wie die Erziehungsmaßnahme seitens des deutschen Staatsfernsehens desweiteren vonstatten geht, zeigt dann der folgende „Richtig oder Falsch“-Kurzfilm, bei dem der kommende Ratekönig ganz genau hinsehen sollte. Um eine Tasse aus Mainzelmännchenporzellan zu gewinnen.

Man sieht eine sehr fröhliche Mutter, die ihrem putzmunteren 7-jährigen Sohn fürsorglich das Schulbrot schmiert und es zusammen mit einem riesigen überdimensionalen Peilsender (dabei gibt’s die auch in Smartiesgröße) behutsam in den Schultornister legt. Während der Vater wahrscheinlich außer Haus ist, und wahrscheinlich auf der Arbeit ist, auf jeden Fall wahrscheinlich besseres zu tun hat, sieht man den Jungen glücklich sein Frühstück verzehren, so daß die Mutter nun Zeit hat, auf kritische Fragen zu antworten:

Unsichtbarer Sprecher im Hintergrund: Welche Vorteile hat dieser Sender für Sie und für Ihr Kind?

Die Mutter (lächelnd wie der Sonnenschein): Es ist gut zu wissen, wann mein Sohn sich wo befindet, so kann ich, falls er nicht pünktlich nach Hause kommt, jederzeit wissen, wo er ist.

Sprecher: Ist er schon mal zu spät gekommen?

Mutter: Nein, aber man weiß ja nie, was alles passieren könnte.

Das Brotschmiermesser funkelt bedrohlich. Dann wird der Junge befragt:

Sprecher: Stört es dich nicht, so einen Sender bei dir zu tragen?

Junge: Nein, dann weiß Mami immer, wo ich bin.

Sprecher: Der Sender passt gerade in deinen Schultornister. Findest du ihn nicht zu groß?

Junge: Nein, denn er passt ja in meinen Schultornister. (?)

Danach sieht man Mutter und Kind sich voneinander verabschieden, das bewegte Bild wird zum Standbild und der Sprecher fasst gehorsamst zusammen:

„Der Peilsender für Kinder. Ein Stück Freiheit für Mutter und Kind.“

(Ehrlich so war’s)

Der Ratefilm ist beendet. Jetzt muß der Anrufer entscheiden, ob der Film der Wahrheit entspricht oder an welcher Stelle nicht. Wenn er richtig antwortet, hat er gewonnen. Richtig oder Falsch?, fragt die verschmitzte Moderatorin. Der Anrufer sagt, falsch, denn er vermutet, die Größe des Peilsenders sei übertrieben dargestellt. Außerdem gäbe es heutzutage Handys, man braucht keine Peilsender dafür, sagt er. Die Moderatorin freut sich für ihn, er hat zwei Tassen aus Mainzelmännchen Porzellan gewonnen! Der Anrufer bedankt sich und die Moderatorin freut sich immer noch.

Vielleicht sollte ich auch mal anrufen, und ihr sagen, ich hätte festgestellt, daß sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat?


Mit dem Zweiten sieht man nur die Hälfte ist Teil des Büchleins Wir sind das Phi