Veröffentlicht am: 25. Nov. 2001

Aus Mangel an Mut und Vertrauen sind die Menschen dahin gelangt, wo sie jetzt sind, sie kaufen und verkaufen und verbringen ihr Leben gleich Leibeigenen.
-Walden, H.D. Thoreau, um 1854-

Da gibt es in jeder Stadt doch einen Supermarkt, der den Konsumenten ganz gern etwas für dumm verkauft.

Dieses Unterfangen beginnt schon im windigen Eingangsbereich, in welchem sich der Konsument nicht lange aufhalten sollte, denn sonst würde er schnell bemerken, daß nicht er selbst es ist, der seinen Einkaufswagen durch die Gänge führen wird. Vielmehr ist er nämlich, von der Obsttheke angefangen, der Empfänger verschiedener manipulierender Sender, die der Reihe nach vorgehen, so daß der Einkäufer seinen Einkaufszettel der Anordnung der Waren angleichen muss und nicht etwa, wie er glaubt, selber bestimmt, was er da einkaufen wird.

Die Vorstellungen bezüglich seiner Warenauswahl werden von äußeren Einflüssen immer wieder zur Ergänzung in Frage gestellt. Den Zettel hat er geschrieben, um sich die Waren zu merken, die er braucht, und nicht etwa, um alle anderen Waren von vornherein auszuschließen. Und das Angebot ist atemberaubend.

Begonnen hat der Einkauf aber schon früher. Der manipulierende Sender hat schon Tage zuvor die Überlegungen des Einkäufers untergraben und um weitere Produkte ergänzt und zwar mittels vorheriger Signale, die durch die Bildschirme strahlten, um sich unter die unerfüllten Gehirnzellen zu mischen. Gehirnzellen, die der Mensch seit Jahrtausenden für allen möglichen Schwachsinn frei hält und die ihn allein deswegen glauben machen, die ganze Zeit etwas zu entbehren.

Diese auf solche Weise kurzzeitig erfüllten Gehirnzellen wandern mit ihrem Hüter dann durch die Gänge und sind offen für jede weitere Fernsteuerung. Nur absolute Konzentration würde einen bewussten Einkauf ermöglichen, doch eigenständiges Denken wird uns nicht zuletzt in den Einkaufshallen genommen.

Unsere Gehirnzellen funktionieren wie ein Zwischenlager für die Produzenten der Konsumgüter. Das innere Verlangen, sie zu erfüllen, wird von diesen Lieferanten gern ausgenutzt und so schleppen wir ihre Waren in unseren Köpfen spazieren, bis wir sie kaufen und nach Hause tragen, bis sie wieder aufgebracht sind und wir uns wieder unerfüllt fühlen, denn von Hunger kann wohl keine Rede sein.

Das ist, was uns in den Supermärkten zustößt, aber bleiben wir erst einmal vor dem windigen Eingangsbereich stehen.

Dort darf sich der Konsument endlich wieder wie ein Befreier fühlen und als Retter auftreten. Nämlich als Befreier angeketteter Einkaufswagen. Denn als Sklave seines Selbst in einem manipulierenden System, ist für den Konsumenten folgendes Rollenspiel fernab von zu Hause eine große abwechslungsreiche Lust:

Endlich darf er wieder einen Einkaufswagen aus den Fängen anderer Einkaufswagen befreien und das Schönste ist, die Lösegeldforderung ist gar nicht so hoch. Ein Euro, egal welcher Herkunft und selbst Plastikgeld wird geduldet.

Ja, das ist das Spiegelbild unserer Zeit, Freiheiten können nur noch erkauft werden. Für eine begrenzte Zeit, versteht sich.

Überflüssiger Weise möchte aber auf das Schild hingewiesen werden, welches in diesem Supermarkt über den aneinander geketteten Einkaufswagen angebracht ist:

Bitte entnehmen Sie vor dem Einkauf einen Einkaufswagen

Aber gerne. Danke für den Hinweis. Hiermit werden wir dann zielsicher und über viele Umwege an den Kassenbereich geführt, wo wir den Inhalt zwar aus dem Wagen packen müssen, um sie gleich wieder hineinzulegen; doch schnell muss es gehen und wir sind gezwungen, die Waren förmlich in den Wagen zu werfen, obwohl wir uns doch während des Einkaufens so große Mühe gegeben hatten, eine ordnungsbewusste und wohlüberlegte Anordnung der Waren innerhalb des Einkaufswagens zu gestalten.

Aber der Einkauf wurde erfolgreich getätigt, das Labyrinth überlistet und der Konsument steht kurz davor, sich innerlich befreit zu fühlen. Dieses Lebensgefühl, das sich erst zu Hause vollständig einstellen soll, darf er schon im Supermarkt auszuleben beginnen.

Einst noch als Befreier auftretend, darf er sich nun wie ein Ordnungshüter fühlen, der das freigelassene Objekt pflichtbewusst wieder ankettet. Schließlich war nun genug Zeit, sich auszutoben und nun muss aber auch wieder alles dahin, wo es hingehört. Aber bitte draußen vor der Türe. Das Schöne beim Anketten ist darüber hinaus: Das einst bereitwillig gezahlte Lösegeld für den Einkaufswagen wird komplett zurückerstattet.

So darf der entlassene Konsument wieder einer Anordnung eines über den Einkaufswagen angebrachten Schildes gehorsamst Folge leisten, die wahrhaftig wiefolgt lautet:

Bitte fügen Sie den Einkaufswagen, nach dem Einkauf, in die dafür vorgesehenen Einstellplätze


Exkurs in den Supermarkt ist ein Kapitel des Büchleins Wir sind das Phi