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Was heißt hier ‚ohne Unkraut‘?

Die kürzeste Antwort auf diese Frage lautet: Kraut ist Kraut. Oder: Auch Unkraut ist Kraut und demnach gibt es im Grunde kein Unkraut. Ebensowenig wie es ein Unwetter gibt, denn auch das Unwetter ist ein Wetter, jedoch ein ganz intensives. Ein Unwetter nenne ich nur solche Wetter-Erscheinungen, die nicht auf natürliche Weise, also von der Natur, verursacht oder auch durch nicht natürliche Vorgänge beeinflusst wurden. Ganz ähnlich verhält es sich beim Kraut oder allem, was aus der Natur gewachsen ist. Daher ist ‚ohne Unkraut‘ so zu verstehen, daß es an diesem fehlt, weil es kein solches gibt, und somit alles Vorhandene Kraut genannt wird.

Dies alles bedeutet aber nicht zugleich (gleich-sam), daß auf dieser Findelwiese auch jedes Kraut wachsen dürfte, womit ich der kurzen Antwort noch eine ausführlichere, recht lyrische Erläuterung folgen lasse:

Lyrische Erläuterung

Zunächst ist die Bezeichnung „Findelgarten ohne Unkraut“ eine von den sprachlichen Hinterlassenschaften meines gnädigen und immer noch sehr vermissten Herrn und Brötchengebers Wohlhochgebohren Urbald Freiherr Oberhand, Begründer und oberster Federführer des voreinst glorreichen Lust- und Leseschlosses UFO, das ich laut Wohlhochgeborens Meinung

„in diesen zerrüttenden Zeiten nicht vor dem Verfall werden bewahren können, ist es doch, im Gegensatz zu einem natürlichen Garten, ein Construkt erbaut aus solchen Materialien und angefüllt mit solchen Objekten, die allesamt alsbald vermodern, verrotten, zerbröseln und zerfallen, damit beginnend, dass die Tapezereyen von den Wänden welken, deren Motive noch gestern im allgemeinen Schwange waren, jedoch schon morgen wieder zu des neugierigen publico Befriedung mit etwas Neuem müßten überzogen werden.“

Diese Er-Läuterung vermittelte er mir im dritten Kapitel seiner vielleicht hauptsächlich an mich gerichteten General SchreiberOdinance, die auch ein Teil des Gartens sein soll und worin er wiefolgt fortfuhr:

„Während wir aber dem lesenden publikum, als eben der Öffentlichkeit, auf diese Weise die neusten Erkenntnisse in Aussicht stellen, greifen wir unter Vermeinung und Veräußerung, wir hätten Kenntnis von der Wahrheit, immer aufs neuste zur Feder, um der schlaftrunknen Welt durch Bepinselung unserer Tapeten zur heylsamen Erwachung zu verhelfen, allein dadurch, daß sie es lesen. Und je mehr es denn lesen, desto mehr gelangen wir zu der irrigen Überzeugung, unsere Texttapeten verströmten eine balsamische Wirkung, vermittelt durch unsere ‚Wachheit‘, derer man sich auch Jahre später noch vergewissern könnte. (Von dergleichen Einbildungen sind ja viele Aufklärer befallen) Und wenn wir hin und wieder vielleicht nur eine Lüge überklebt haben, so sei dies ganz ‚bewußt‘ geschehen, es schimmerte dortheraus doch die ewig währende Wahrheit.
Doch was da schimmert, rührt von der Rückseite der Tapete her und dahinter ist nichts als eine nackte Wand; über die Jahre vollgekleistert mit weisen Sprüchen und erhabenen Motiven, eine beständige Maculatur seit der allerersten Übertünchung der kalten, nackten Bloßheit; eine Schrifttapete von ansehnlicher Struktur, vornedrauf Tinte, hintendrauf Kleister, und aus diesem Gemisch schimmert die Wahrheit nach vorne, doch schimmelt sie wieder von Hinten, der Kleister, die Absicht etwas darzustellen, läßt nach vorn die Motive verblassen und zöhen wir sie ab, erforderte es einen neuen Klatsch Kleister, der immerhin in die Wände würkte, bis endlich der Wandputz an zu bröckeln fünge, die Mauer zerbröselte und das gesamte Konstrukt bald aus den Fugen geriet; so daß wir die Wand auch hätten können gleich durchschlagen, statt sie mit unseren Vorstellungen, von was denn wohl dahinter läge, beständig zu bekleistern und die Besucher hinter unsere Mauern zu locken.“

Mit diesem Gleichnis fuhr er noch ein Weilchen weiter fort und daher gebe ich um der hier erforderlichen Kürze Willen nur noch den Kernaussage hinsichtlich des Gartens wieder:

„Damit, mein günstiger Scribent, fordere ich Sie auf, von hinter diesen ja selbst errichten Schlossmauern nunmehro durch dieselben zu blicken, um zu erkennen, was dahinter liegt; und frage Sie: ist es nicht unser Schlossgarten, hinter dessen Ausläufen die Sümpfe liegen, in welchselbige Sie sich kürzlich verirrten und sicherlich nahezu bis zur Nase abgesunken? Sie halten, jetzt wo Sie diese meine Worte in der Rückwirkung lesen, für rätselhaft befremdlich, da jedes Wort so sehr bedeutsamlich zutrifft? Bedenken Sie, daß ich um Ihre beständigen Fluchtversuche wußte und mir ebenso herleiten könnte, daß Sie entweder im Sumpf jämmerlich versunken oder sich wahrhaftig freigeschaufelt hätten, um an diesen Ort zurück zu kehren und dieser meiner (nicht allein) an Sie gerichteten Schrift angesichtig wurden, welche Ihnen ja entgangen wäre, hätten Sie im Sumpf das Weltliche mit dem Zeitlichen erwechselt und worin ich also dergestalt fortfahre, wiederholt zu sagen: Was vermuten Sie da hinter den Mauern? Ist es nicht etwan unser einst liebreizender Schlossgarten? Und ist er über die Jahre des schriftstellerischen Aufbegehrens nicht leidlich vernachlässigt worden? Was gedenken Sie im Angesicht des halb verkommenen Gartens wohl zu tun, jetzt wo Sie nach Ihrem innigen Sumpfbad die Kräfte der Natur am eigenen Leibe so deutlich zu spüren bekamen? Ich weiß schon, welche Antwort von Ihnen zu erwarten stünde:
Nichts. Nichts gedächten Sie zu tun. Denn mit der Gartenschere zu hantieren und dabei noch das eine Kraut vom andern vernunftig unter zu scheiden, das sei ja ihre Wissenschaft nicht und ohne einige Wissenschaft (als eine Kunde von den Dingen) erfolge auch kein gutes Handwerk. Ja, dem pflüchte ich bei, mein zutiefst vorgeneigter Schribent. Das ist nicht Ihr Handwerk, allenfalls wirds zu einer Beschäftigung in Alterstagen, jetzunder aber benötigen Sie noch ein Weilchen weiter zu schreiben. Und da eben die Schreiberei ursächlich in Ihrer Einbildung beginnt – schließlich können Sie nicht ohne Kopf schreiben, selbst wenn das Erschriebene von Ihrem Herzen her rührte – und Sie in ebensolchem Dilemma solange verfangen sind, wie Sie sich als mein Hofscribent zu wirken berufen fühlen, ja nichts anderes können, als schreiben, nehmen Sie doch den Garten als ein Sinnbild, kümmern sich darin um längst verblichene Schriften, so in unserer Bibliothek zahlreich vorhanden, diese neu erblühen zu lassen, im Centrum vielleicht mit einer kleinen Findelwiese ohne Unkraut, damit vorzugsweise zunächst die sensiblen Pflänzlein erwachsen können, bis sie blüte tragen, gleichwohl auch das vermeintliche Unkraut nicht zu verachten, das durchaus am Rande ranken dürfte.

Da ich nun seit Wohlhochgeborens Verschwinden alleine auf dem Schlosse solange zu verharren verdammet bin, wie es in seinen Grundfesten als „nackichte Mauern“ unter eingestürzten Dächern noch bestehen möge, ist mir nicht nur beschieden, als Obwalter des ganzen vergänglichen Konstrukts zu dienen, sondern auch noch diesen Garten auszugestalten.
Dass dieses mir aber nicht leicht von der Hand gehen würde, war meinem bis dahin von mir sehr bedientem Herrn „ohnweigerlich“ klar und so hinterlies er mir eine ganze Menge testamtentarischen Zeugs, worinnen er festgeschrieben und verordnet, zu welchen Pflichten ich mich „fürohin“ berufen fühlen soll, wozu auch gehöre, eine Wiese zu hegen und darauf ein früchtebringenden „Garteau“ daraus zu machen.

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